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Johann Behrens: Theorie der Pflege und der Therapie

Cover Johann Behrens: Theorie der Pflege und der Therapie. Grundlagen für Pflege- und Therapieberufe. Hogrefe (Bern) 2019. 259 Seiten. ISBN 978-3-456-85916-3. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Peplau, Orem, Krohwinkel – von Pflegetheorien haben viele in der Ausbildung oder im Studium schon einmal gehört und sich über die Abstraktion von Modellen für die Pflege Gedanken gemacht. Behrens greift in diesem Buch das Thema auf und stellt (s)eine historisch-anthropologische Theorie gewaltreduzierter Pflege und Therapie vor.

Autoren

Prof. Dr. Johann Behrens ist ein 2014 emeritierter Professor für Pflege- und Gesundheitswissenschaft. Als Rettungssanitäter und Soziologe hat er die Pflegewissenschaft in Deutschland mitgeprägt und gilt als Nestor des Konzeptes Evidence-based Nursing in Deutschland.

Aufbau

Auf 259 Seiten finden sich sechs Kapitel:

  1. Historisch-anthropologische Theorie gewaltreduzierter Pflege und Therapie
  2. Drei theoretische Fast-Selbstverständlichkeiten
  3. Theorie der Selbstpflege und der Selbsttherapie
  4. Kann ich Erfahrungen anderer auf mich verallgemeinern?
  5. Professionspflege und Professionstherapie
  6. Die entscheidenden Beiträge von Pflege und Therapie zur Gesellschaftstheorie

Inhalt

Behrens gibt im ersten Kapitel einen Überblick über die Inhalte des Buches. Er arbeitet sich an den Begriffen Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Selbsttherapie und Berufspflege unter Hinzuziehung von Elias, Habermas, Luhmann und Foucault ab und setzt historische Bezüge.

Das zweite Kapitel stellt vom Autor so benannte Fast-Selbstverständlichkeiten in den Mittelpunkt: das Verständnis von Theorie, die Bedeutung zentraler Begriffe wie Selbstbestimmung und Teilhabe sowie Pflege und Therapie in offenen und geschlossenen Systemen. Theorien werden häufig nach dem Grad ihrer Abstraktion und Komplexität unterschieden – die Nützlichkeit dieser Einteilung wird von Behrens kritisch hinterfragt und könnten aus seiner Sicht auch als Reviermarkierungen verstanden werden. Ebenso geht er kritisch auf die Begriffe Inklusion und Teilhabe ein, bezieht sich auf die Klassifikation der ICF mit ihren drei Krank-Gesund-Kontinua und setzt Kontextgestaltung für die Pflege voraus.

Grundlegende These des dritten Kapitels ist die Differenz zwischen dem sozialen System der Pflege als Profession und dem in der Alltagssprache verortetem sozialem System alltäglicher Pflege. Ein Großteil pflegerischer Handlungen werden nicht beruflich ausgeübt, doch Pflege als Profession beinhaltet den Respekt vor der Autonomie der Lebenspraxis. Pflege ist eine zweckgerichtete Tätigkeit, sie muss gelernt werden und sie hat nach Behrens mit Krankheit direkt wenig zu tun. Pflege hat nach Behrens apollinische – vernünftige, mäßigende, saubere, hygienische und dionysische Anteile – irrational, tödlich, elementar und tödlich.

Kapitel vier wird durch die Frage eingeleitet, ob die Erfahrungen anderer verallgemeinerbar sind. Das Verhältnis von interner und externer Evidenz in der Entscheidungsfindung über Pflegeinterventionen oder Diagnoseverfahren im individuellen Arbeitsbündnis zwischen pflegebedürftiger Person und Pflegenden steht im Fokus. Behrens setzt hier die Bezüge in Forschungsmethodiken sowie Verfahren und Haltungen von Forschenden. Es ergibt sich für ihn die Notwendigkeit, Barrieren auf dem Weg zu einer indikationsbezogenen Auswahl für Untersuchungsverfahren auszumachen. Etablierte Konzepte in der Forschung wie Generalisierbarkeit und Goldstandard werden aus ungewohnter Perspektive betrachtet. Es wird die Frage gestellt, welche Kompetenzen Mitglieder der Professionspflege brauchen, um ihren Klienten beim Aufbau interner Evidenz zu unterstützen. Eine gute Kenntnis der externen Evidenz ist hierfür eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung, zur Unterstützung in der Selbstklärung. Der Wille der Klienten und der Teilhabewunsch zählen. Empathie garantiert keinen privilegierten Zugang zum Innersten des Anderen. Im (ergebnisoffenen) Gespräch – nicht zu verwechseln mit einer Informationsweitergabe – kann sich ein tatsächliches Arbeitsbündnis entwickeln. Behrens skizziert hierzu vier Weltbezüge: Ausdruck geben, in Beziehung treten, zeigen, dass es um etwas geht, worüber gehandelt wird und an andere appellieren, bei ihnen etwas auszulösen. Eingewandt werden kann, dass der Aufbau interner Evidenz ein Bewusstsein, das Erkennen des eigenen Hilfebedarfs und eine grundsätzliche Bereitschaft zur Mitwirkung voraussetzt und damit nur für einen Teil der Krankenhauspatienten zutrifft. Hier braucht es eine besondere Sensibilität und einen Verstehenswillen.

Kapitel fünf nimmt die Theorie und Ethik der Professionspflege und Professionstherapie in den Blick, im Beruf und als institutionell ausdifferenziertes System. Behrens setzt die gängigen Merkmale von Professionen in ein neues Licht und führt die berufsständischen Interessen aus. Das sechste Kapitel stellt prägnant den Beitrag von Pflege und Therapie zur Gesellschaftstheorie dar. Im Gesundheitswesen gilt in vielen Ländern normativ das Erbringungs- und Verteilungsprinzip: jeder zahlt nach Fähigkeiten ein, jedem wird gegeben, wessen er bedarf, unabhängig von der eigenen Beitragshöhe.

Diskussion

Dieses Buch ist ungeeignet, um es nebenher auf einer Bahnfahrt zu lesen – es bedarf intensiver Einarbeitung und Reflexion von Behrens Gedanken. Das Entdecken des roten Fadens braucht einige Beschäftigung mit dem Inhalt, dann aber finden sich spannende, da ungewohnte Gedanken. Theoretisch-abstrakte Bezüge wechseln sich mit Beispielen ab, aus dem eigenen Eltern-Erleben des Autors oder den gesellschaftlichen Werten, die sich in Redewendungen verbergen. Mit viel Kontextwissen um Systemtheorie und andere theoretische Ansätze sind die Ausführungen leichter nachvollziehbar. Ansonsten am besten mehrfach lesen und in einem Journal Club bearbeiten.

Fazit

Selbstbestimmung ist eine zentrale Dimension der Pflege: die Selbstbestimmung von Menschen zu fördern setzt ein selbstbestimmtes Handeln der Profession und der Person voraus. Behrens äußert den Wunsch, das Therapie- und Pflegewissenschaften nie wieder aus den Fakultäten verschwinden sollen, solange in Deutschland Universitäten stehen.


Rezensentin
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 12.07.2019 zu: Johann Behrens: Theorie der Pflege und der Therapie. Grundlagen für Pflege- und Therapieberufe. Hogrefe (Bern) 2019. ISBN 978-3-456-85916-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25617.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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