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Olaf Dörner, Peter Loos u.a. (Hrsg.): Dokumentarische Methode

Cover Olaf Dörner, Peter Loos, Burkhard Schäffer, Anne-Christin Schondelmayer (Hrsg.): Dokumentarische Methode. Triangulation und blinde Flecken. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 154 Seiten. ISBN 978-3-8474-2074-3. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Beiträge des Centrums für qualitative Evaluations- und Sozialforschung (ces) zur dokumentarischen Methode - Band 1.
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Thema

Die Dokumentarische Methode, die seit Ende der 1980er Jahre von Ralf Bohnsack (anknüpfend an die wissenssoziologischen Überlegungen Karl Mannheims) erkenntnistheoretisch fundiert und methodologisch im Rahmen seines Ansatzes rekonstruktiver Sozialforschung ausgearbeitet wurde, zählt ohne Frage nicht nur zu den derzeit elaboriertesten Ansätzen einer rekonstruktiven Sozialforschung, sondern kann darüber hinaus auch für sich in Anspruch nehmen, über die Jahre systematisch und kontinuierlich weiterentwickelt und in ihren Anwendungsfeldern ausgeweitet worden zu sein. Hier ist zu denken an die Ausdehnung der Analyse auf bildliches Material (Bohnsack 2001) oder an die wesentlich von Nohl (2006) vorangetriebene Anwendung der Dokumentarischen Methode auf Datenmaterial, das aus qualitativen Interviews stammt (im Vergleich zu den lange dominierenden Gruppendiskussionen als materiale Grundlage der Analyse) oder die Etablierung als methodischer Zugang in der qualitativen Evaluationsforschung (Bohnsack/Nentwig-Gesemann 2010) oder in der Organisationsforschung (Amling/Vogd 2017). In dieses Bestreben einer beständigen Weiterentwicklung und Ausweitung der Dokumentarischen Methode passt sich der vorgelegte Sammelband ein, indem er Beiträge vereinigt, die sich mit grundlegenden Herausforderungen der Dokumentarischen Methode befassen und so einen Beitrag leisten zu wichtigen theoretisch-methodologischen und methodischen Debatten rund um die Weiterentwicklung der Dokumentarischen Methode und ihrer Forschungspraxis.

Autor*innen und Entstehungshintergrund

Die zu diesem Sammelband beitragenden Autor*innen können durchgehend als ausgewiesene Expert*innen der Dokumentarischen Methode gelten. Zu einem großen Teil stammen sie ursprünglich aus dem direkten Arbeitsumfeld Ralf Bohnsacks und haben zwischenzeitlich selbst wesentliche Beiträge zur Weiterentwicklung der Dokumentarischen Methode geleistet.

Die in dem Sammelband dokumentierte Anstrengung eines gemeinsamen Nach- und Weiterdenkens der methodologischen und methodischen Grundlagen der Dokumentarischen Methode findet ihren Ausgangspunkt in den Jahrestagungen 2014 und 2015 des Centrums für qualitative Evaluations- und Sozialforschung e.V. (ces e.V.), das seit seiner Gründung im Jahr 2005 ein Forum bietet für Diskussionen rund um die Herausforderungen einer sich rekonstruktiv verstehenden Sozialforschung, einer Sozialforschung also, deren Ziel darin besteht, das zum Teil implizite Handlungs- und Erfahrungswissen von Akteuren explizit zu machen.

Aufbau

Der mit rund 150 Seiten vom Umfang her überschaubare Sammelband gliedert sich in zwei Teile.

  1. Zum einen adressieren die Beiträge Fragen „nach Möglichkeiten und Grenzen der Dokumentarischen Methode für Triangulationen in grundlagen- und gegenstandstheoretischer, methodologischer und methodischer Hinsicht“ (S. 8). Dabei folgen die Herausgeber*innen einem sehr weiten (und dadurch unscharfen) Verständnis von Triangulation, das über den gemeinsamen Einsatz verschiedener Methoden weit hinausgeht und in das Zentrum triangulierenden Vorgehens die Fragen nach der Qualität des Forschungsprozesses und der auf dieser Basis gewonnenen Forschungsbefunde stellt.
  2. Zum anderen loten die Beiträge die Grenzen der Dokumentarischen Methode aus, indem sie nach den potentiellen Vereinseitigungen und Verengungen des Blicks (den blinden Flecken) fragen, mit denen sich die Dokumentarische Methode ihren Forschungsgegenständen zuwendet. Dabei wird zumindest in einigen Beiträgen punktuell ausgeleuchtet, wie diese Grenzen forschungspraktisch bearbeitet werden können. In einigen Beiträgen werden zudem auch mögliche Schnittstellen der Dokumentarischen Methode zu anderen Methodologien wie der Ethnographie, der Diskursanalyse und der Subjektivierungsanalyse in den Blick genommen.

Inhalt

Nach einer Einleitung durch die Herausgeber*innen, welche die Leser*innen mit wichtigen Hintergrundinformationen zum Entstehungshintergrund, zum Ziel und zum Aufbau des Bandes versorgt, bildet der Beitrag von Denise Klinge den Auftakt des ersten Teils zur Verhältnisbestimmung von Triangulation und Dokumentarischer Methode. Klinges Beitrag verdeutlicht, dass sich mit der Idee der Triangulation gerade eben nicht nur die Möglichkeit der Kombination verschiedener methodischer Zugänge in einem Forschungsprojekt verbindet, sondern – wie Denzin (1977) ausdrücklich vorschlägt – auch die Möglichkeit der Triangulation verschiedener theoretischer Perspektiven. Inhaltlich untersucht sie in ihrem Beitrag auf der Basis narrativer Interviews mit Eltern die Frage, wie sich das Zustandekommen von Bildungsentscheidungen genauer fassen und theoretisieren lässt. Hier stellt sie die zwei in diesem Forschungsfeld dominanten und einschlägigen theoretischen Erklärungsansätze gegenüber. Zum einen die mit dem Namen Boudon verbundene Erklärungstradition des Rational Choice, welche Bildungsentscheidungen als rationale Wahl im Sinne einer Bilanzierung der mit bestimmten Bildungswegen einhergehenden Kosten und Benefits fasst und zum anderen der von Bourdieu entwickelte habitustheoretische Erklärungsansatz, demzufolge sich die Akteure an grundlegenden Bildungsorientierungen ausrichten, die sozialisatorisch erworben werden und die in Teilen vorreflexiv bleiben. Klinge unternimmt den Versuch, diese beiden Grundlagentheorien zur Rolle der Familie am Zustandekommen von Bildungsungleichheit zu integrieren, indem sie jeweils deren Bezüge zur Schützschen Handlungstheorie herausarbeitet. So kann sie auf der Basis zweier Fallanalysen zeigen, dass mit dem Schützschen Konzept der „Um-zu“-Motive die Ebene der bewusstseinsfähigen rationalen Handlungswahl abgebildet werden kann, wohingegen in einem rekonstruktiven Zugriff wie der Dokumentarischen Methode angemessener die vorreflexiven Wissensbestände auf der Ebene der „Weil“-Motive adressierbar werden. In der Frage wie beide Wissensarten aufeinander bezogen sind, schlägt Klinge vor, „Weil“-Motive als habituelle Grundlage so zu verstehen, dass sie die Gewichtung strukturieren, mit der bestimmte Entscheidungs- und Handlungsoptionen überhaupt in der Reichweite der Akteur*innen liegen (S. 30).

Britta Schmitt-Howe wendet sich in ihrem Beitrag den Möglichkeiten zu, welche eine Triangulation von Dokumentarischer Methode und Grounded Theory (nach Strauß/Corbin) bietet. Als empirische Grundlage dient ihr dabei ein Projekt, das nach den gesundheits- und arbeitsschutzbezogenen Orientierungsmustern in Betrieben verschiedener Branchen und Größen fragt und auf Expert*inneninterviews und Gruppengesprächen als Datenmaterial basiert. Aufbauend auf den Erfahrungen in der Datenanalyse stellt Schmitt-Howe als besonderes Potenzial der gewählten Triangulation auf der Ebene der Auswertung heraus, dass initial mit der Dokumentarischen Methode implizite Wissensbestände rekonstruiert werden können, die dann im Anschluss in „reflektierende Codes“ überführt und durch Zugriff auf korrespondierende Codes im gesamten Material weiter dimensionalisiert werden können. Gleichzeitig – so ein weiteres Fazit – erleichtert die bereits vorgenommene Codierarbeit das Auffinden weiterer „dichter Passagen“, welche sequenzanalytisch im Sinne der Dokumentarischen Methode erschlossen werden können. Insgesamt konstatiert die Autorin ein kompensatorisches Verhältnis der beiden Analysestrategien, „wobei die GTM die Erfassung des Gegenstands in der Breite, die Dokumentarische Methode in der Tiefe ermöglichte“ (S. 49).

Wie sich das Verhältnis von Dokumentarischer Methode und Ethnographie genauer ausloten lässt, macht Sascha Neumann zur Ausgangsfrage seines Beitrags. Er ruft in Erinnerung, dass es Harold Garfinkel war, der im Rahmen seiner „Studies in Ethnomethodology“ (1967) (als eine wichtige Traditionslinie der Ethnographie) mit Bezug auf Mannheim und Schütz eine „documentary method of interpretation“ vorgeschlagen hat. Als zentralen gemeinsamen Bezugspunkt zwischen Dokumentarischer Methode und Ethnographie macht Neumann aus, dass es in beiden Methodologien um die Genese sozialer Wirklichkeit als Erkenntnisinteresse gehe, um die empirische Rekonstruktion also, „wie eine bestimmte Wirklichkeit als eine je besondere Wirklichkeit hervorgebracht wird“ (S. 53). Als eine weitere Parallele arbeitet er heraus, dass sowohl die Ethnographie (in der Gleichsetzung mit der Erhebungsmethode der teilnehmenden Beobachtung) als auch die Dokumentarische Methode (in der verkürzten Rezeption als Technik der Dateninterpretation) unzulässigen Reduktionen ausgesetzt waren. Auch bezogen auf das jeweilige Verhältnis von Theorie und Empirie ergeben sich weitere Kreuzungspunkte zwischen Dokumentarischer Methode und Ethnographie, die Neumann vor allem darin sieht, dass in beiden Methodologien ein intensives Nachdenken über die sozialtheoretischen Grundannahmen des Forschens und ihres Gegenstands verbunden wird mit der Reflexion darüber, wie das Soziale angemessen rekonstruiert werden kann. Dabei – so Neumann – sei eine wichtige Gemeinsamkeit, dass sie in ihrer Auseinandersetzung mit Empirie gegenstandstheoretische (Vor)Annahmen einem beständigen empirischen Zweifel unterzögen.

Burkhard Schäffer greift in seinem Beitrag die verstärkt zu beobachtende Entwicklung einer Zähl- und Messbarmachung des Sozialen auf und fragt zunächst (mit Rückgriff auf Bettina Heinz) danach, warum sich auf Zahlen und Messwerten basierende Kommunikation schneller und reibungsfreier vollzieht als auf Wörtern und Begriffen beruhende Austauschprozesse. Ausgehend von der zunehmenden „Quantizifierung des Humanen“ weist Schäffer die Zahlenabstinenz der Dokumentarischen Methode als einen (in seiner Wahrnehmung „zumindest problematischen“) blinden Fleck aus und fragt nach den (auch forschungsstrategischen) Folgen, die sich aus einer solchen „Selbstgenügsamkeit“ (S. 74) der qualitativen scientific community ergeben. Anknüpfend an seine Kritik einer in der Mixed-Methods-Literatur anzutreffenden vernebelnden Metaphorik, welche systematisch eine Auseinandersetzung mit den grundlegenden Problemen eines gemeinsamen Einsatzes von qualitativen und quantitativen verhindere, plädiert Schäffer für ein Verständnis von Triangulation, das die Relationierung von Gezähltem und Erzähltem systematisch in das Zentrum ihrer Reflexion und ihrer Forschungspraxis stellt. Mit Blick auf die Dokumentarische Methode könne so deutlich werden, dass klassisch gezogene Differenzlinien zwischen qualitativen und quantitativen Zugängen an Eindeutigkeit verlieren, wenn z.B. gesehen wird, dass die Dokumentarische Methode „ein hochgradig standardisiertes und gleichzeitig standardisierendes methodisches Vorgehen rechtfertigt“ (S. 82) und sie zudem auch als hypothesenprüfende Methode gesehen werden kann. Das ändere aber nichts daran – so Schäffer –, dass die Dokumentarische Methode als primäres Zugangsmedium auf Schriftlichkeit hin angelegt bleibt, wohingegen quantitative Methoden zwingend die Zähl- und Separierbarkeit des Sozialen zur Voraussetzung haben.

Wie öffentliche Diskurse auf der Basis einer dokumentarischen Interpretation erschlossen werden können, beschäftigt Arnd-Michael Nohl in seinem Beitrag. Der von ihm entwickelte Ansatz der dokumentarischen Interpretation öffentlicher Diskurse zielt darauf, „auch die implizite Struktur milieuübergreifender, öffentlicher Kommunikation zu rekonstruieren“ (S. 89) und damit auch dem kommunikativen (und nicht nur dem konjunktiven) Wissen zumindest in Teilen impliziten Charakter zuzuschreiben. Wie eine solche Analyse angelegt sein kann, verdeutlicht er anhand der Interpretation von vier Zeitungsartikeln (genauer: Kommentaren und Kolumnen) im Zusammenhang des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule. Hier zeigt er sehr ausführlich und genau den Schritt der reflektierenden Interpretation an zwei Zeitungsbeiträgen auf und nutzt dazu die verschiedenen formalstrukturellen Aspekte der Diskursorganisation (Proposition, Elaboration usw.), wie sie für die Analyse von Gruppendiskussionen entwickelt wurden. Der sich anschließende Fallvergleich zeigt, wie die Nutzung des jeweils anderen Beitrags als Vergleichshorizont analytisch erschließen lässt, was jeweils in den Beiträgen ausgeklammert bleibt bzw. ignoriert wird. Die nach einer erweiterten komparativen Analyse vorgelegte (von den fallspezifischen Besonderheiten absehende) Typenbildung legt schließlich die Diskurse frei, wobei hier – dieser grundlegende Unterschied dürfe nicht aus dem Blick geraten – die Analyse der Praktiken von Diskursen im Mittelpunkt steht und eben nicht konjunktive Erfahrungsräume und wie diese durch habituelle Praktiken konstituiert werden.

Alexander Geimer und Steffen Amling stellen mit ihrem Beitrag in Aussicht, die Dokumentarische Methode als einen rekonstruktiven Ansatz zu markieren, der in besonderer Weise geeignet ist, auf empirischem Wege Subjektivierungsprozesse analysierbar zu machen, indem die im Material aufscheinenden Bezugnahmen auf Identitätsnormen als Vorstellungen eines idealen Subjektentwurfs rekonstruiert werden. Sie rekurrieren dabei auf eine von Bohnsack (2017) vorgenommene Erweiterung des kommunikativen Wissens um eine imaginative und eine imaginäre Dimension. Anhand des Umgangs mit der Norm der Authentizität bei Künstler*innen und Politiker*innen (dem Imperativ also, dass die eigene Kunst authentisch zu sein habe bzw. eine Subjektfigur des authentischen Selbst in der Politik einzulösen) stünden mit dieser Erweiterung Kategorien zur Verfügung, „die es erlauben, über eine dokumentarische Interpretation die möglichen Relationen der Logik der Alltagspraxis […] zu normativen Ordnungen zu rekonstruieren“ (S. 125) Dabei dürfe jedoch nicht a priori bereits unterstellt werden, dass ein Spannungsverhältnis zwischen normativen Wissensordnungen und Alltagspraxis bestünde, da ansonsten implizite Passungsverhältnisse als mögliche Variante der Relationierung nicht angemessen zu untersuchen sind.

Für die Anwendung der Dokumentarischen Methode auf textlich verfasstes Material in Kombination mit dokumentarischen Interpretationen von Bildmaterial liegen zwischenzeitlich einige Untersuchungen vor, die von Tim Böder und Nicolle Pfaff in ihrem Beitrag zunächst in der Übersicht vorgestellt werden. Sie selbst interessieren sich für eine sehr spezifische Form der Verbindung von Bildlichkeit und Schriftlichkeit, wenn sie ihr Erkenntnisinteresse auf die Frage ausrichten, wie der jeweilige Text visuell repräsentiert ist und welche Bedeutungsgehalte in die typographischen Gestaltungsformen eingelagert sind. Als intermedial verfasste Analysebasis dienen ihnen die Titelcover serieller Printmedien aus verschiedenen Jugendszenen, die zunächst in der formalen Komposition ihrer Kopräsenz von Bild- und Textelementen analysiert werden. Um die Orientierungsgehalte des jeweiligen schriftbildlichen Gestaltungsprinzips zu erschließen, beziehen sie als Vergleichshorizonte diejenigen Verwendungszusammenhänge ein, in denen bestimmte typographische Ausdrucksformen typischerweise anzutreffen sind, also z.B. die Verwendung von Frakturschrift als Verweisung auf Traditionalität und Historizität. Insgesamt – so das Resümee der Autor*innen – wird ein erweiterter Zugriff auf konjunktive Sinngehalte möglich, die aber stets in ihrer Relationalität zu sprachlich vermittelten Orientierungsgehalten zu analysieren sind.

Diskussion

Die Mehrheit der Beiträge des Bandes sind insofern von einem Expansionsstreben bestimmt, als sie zum Ziel haben, die Grenzen der Dokumentarischen Methode systematisch weiter nach außen zu verlagern. Diese Ausweitungsbemühungen nehmen unterschiedliche Formen an. So geht es zum einen darum, die in Frage kommende materiale Grundlage der Dokumentarischen Analyse zu erweitern, z.B. wenn Nohl öffentliche Diskurse zur Grundlage der Dokumentarischen Methode macht oder Schäffer zumindest darüber nachdenkt, wie in numerischer Form vorliegendes Datenmaterial in seinem Sinngehalt dokumentarisch erschlossen werden könnte und welche Implikationen ein solcher „numeric turn“ (S. 73) für eine dokumentarische Interpretation birgt.

Diese Ausweitungen bzw. Ausweitungsüberlegungen könnten als Versuch gesehen werden, die Dokumentarische Methode zum einer „one-fits-all“- Methodologie zu entwickeln. An dieser Stelle ergeben sich zumindest zwei Herausforderungen: einerseits ist genau darüber nachzudenken, was so jeweils gewonnen – und genauso wichtig – was dadurch auch verloren wird, andererseits ist sorgfältig zu reflektieren, wie die Analyseeinstellung der Dokumentarischen Methode in Korrespondenz gebracht werden kann mit den Voraussetzungen und der besonderen Qualität derjenigen qualitativen Daten, die zur materialen Grundlage der Analyse herangezogen werden (siehe hier z.B. die enorme Begründungsarbeit, die Bohnsack im Zusammenhang der Entwicklung der Dokumentarischen Bildanalyse leistet).

Schäffer stellt in das Zentrum seiner Begründung die alle gesellschaftlichen Teilbereiche durchdringende Quantifizierung des Humanen. Vor diesem Hintergrund sei die Zahlenabstinenz der Dokumentarischen Methode und die sich darin ausdrückende „Selbstgenügsamkeit“ qualitativer Forscher*innen ein Problem. Ohne Frage stellt diese wachsende Tendenz allgegenwärtiger Vermessung ein für die Sozialwissenschaften hochspannendes Phänomen dar. Und ohne Frage sind in den vermeintlich objektiven Zahlen soziale Zuschreibungen und Hierarchisierungen aufgehoben. Aber reicht dies als Rechtfertigung für einen angedachten „numeric turn“ der Dokumentarischen Methode? Wäre dies nicht so, als würde jemand in Anbetracht stark steigender Flugzahlen fordern, Autobahnen für die Starts und Landungen von Flugzeugen zuzulassen? Was dieses Bild als Problem verdeutlichen soll: von ihrer Analyseeinstellung her (dies wird Bohnsack nicht müde zu betonen) zielt die Dokumentarische Methode auf in konjunktiven Erfahrungsräumen habitualisierte atheoretische Wissensbestände, welche die Praxis anleiten und ausrichten. Wie kann in Zahlen und Messwerten ein solcher impliziter Sinn aufgehoben sein, wenn doch zuvor (mit Bettina Heintz) gerade eine „numerische Differenz“ konstatiert wird, derzufolge numerische Kommunikation als explizierter und normierter gekennzeichnet und ihr ein geringeres Maß an Indexikalität und damit eine höhere „disembeddedness“ zugeschrieben wird? Wie also wäre hier die vom Autor konstatierte „grundlegende Differenz zwischen zahlenförmigem und sprachlich-schriftlichem Sinn“ (S. 76) zu veranschlagen?

Auch bei dem von Nohl vorgestellten Ansatz einer dokumentarischen Interpretation öffentlicher Diskurse stellt sich die Frage, wie sich die klassische Analyseeinstellung der Dokumentarischen Methode verschiebt, wenn hier Diskurse untersucht werden, die als öffentliche Diskurse die Grenzen einzelner Milieus überschreiten und insoweit kommunikativ-generalisierte Wissensbestände bilden. Wenn es ihm – wie der Autor schreibt – darum geht, „die implizite Struktur milieuübergreifender, öffentlicher Kommunikation zu rekonstruieren“ (S. 89), dann ist zu theoretisieren, worin das Implizite dann seine (soziale?) Grundlage finden soll. Oder noch grundlegender zu fragen, wie sich das Verhältnis von „implizit“ (im Sinne von vorreflexiv) und „strategisch“ neu justiert, wenn öffentliche Diskurse analysiert werden, die in wesentlichen Teilen ja auch eine Form der strategischen Kommunikation darstellen. Gegenstand der weiteren methodologischen Reflexion wird dann auch sicher sein, genauer zu bestimmen, was mehr und anderes erschlossen werden kann im Vergleich zu einer an Foucault orientierten Wissenssoziologischen Diskursanalyse.

Was die Dokumentarische Methode zu leisten imstande ist, kann auch deutlich werden, indem ihr Verhältnis zu anderen Methodologien näher bestimmt wird. Diesen Weg geht Neumann in seinem Beitrag, wenn er die Dokumentarische Methode und ihre Entwicklungsgeschichte ins Verhältnis setzt zu einigen Aspekten einer ethnographischen Forschungsstrategie. Er konzentriert seine Überlegungen auf Gemeinsamkeiten und arbeitet hier bezogen auf die Verschränkung von Theorie, Empirie und Methode einige Parallelen heraus. Als Kern einer solchen Verhältnisbestimmung müsste jedoch sehr viel stärker berücksichtigt und ausgearbeitet werden, was es für das Verhältnis bedeutet, dass Ethnographie ihren Fokus auf situativ gebundene und lokal verankerte Praktiken richtet und die dokumentarische Methode konjunktiv fundiertes Wissen in das Zentrum ihres Erkenntnisinteresse stellt. Gerade wenn sich die Dokumentarische Methode als „Praxeologische Wissenssoziologie“ (Bohnsack 2017) verortet, wäre es – auch vor dem Hintergrund des Potenzials triangulierender Zugänge – jede Anstrengung wert, den Praxisbegriff der Dokumentarischen Methode in seinem Verhältnis zum Stellenwert von Wissen in seinen verschiedenen Formen in der Ethnographie genauer auszuloten. Wie Helsper/Herwartz-Emden/Terhart (2001, S. 257) verdeutlichen, kann ein Ertrag von Triangulation im Sinne des Einsatzes verschiedener Methoden gerade darin liegen, sichtbarer werden zu lassen, wie durch eine Methodenkombination der Gegenstand als Forschungsgegenstand erst konstituiert wird und wie also die verschiedenen methodischen Zugriffe jeweils auf spezifische Weise diesen Gegenstand (bzw. was davon) zu fassen kriegen. Vor diesem Hintergrund überrascht es, wenn Neumann grundlegend von der Perspektive her argumentiert, dass „die Blindstellen einer Methode weniger mit der Methode selbst als mit ihrer praktischen Verwendung zu tun“ hätten (S. 63).

Als eine Blindstelle der Dokumentarischen Methode (und nicht lediglich ihrer praktischen Verwendung) weist der Beitrag Klinges aus, dass infolge der methodologischen Vorrangstellung impliziten Wissens „Abwägungsprozesse zwischen expliziten und impliziten Wissensformen teilweise verdeckt bzw. unberücksichtigt“ blieben (S. 30). Auf der Basis ihrer empirischen Analysen des bildungsbezogenen Entscheidungsverhaltens von Eltern resümiert sie, dass die Frage, wie Werte (als habituelle Grundlage der Wahl) und Erwartungen (als Aspekt rationalen Entscheidungsverhaltens) miteinander abgewogen werden, vor den verschiedenen habituellen Hintergründen durchaus rational sei. Mit der Verwendung des Begriffes der „Abwägung“ lasst die Autorin erkennen, dass sie im Grunde der gleichen Fehlinterpretation der Schützschen Handlungstheorie unterliegt, wie sie Srubar (1992, S. 163) für den von Esser unternommenen Versuch, Routinen und subjektive Relevanzstrukturen in den RC-Ansatz zu integrieren, herausgearbeitet hat. Diese würden zwar in ihrer Eigenlogik als „habits“ und „frames“ einbezogen, allerdings unter der Annahme, dass die Entscheidung zugunsten ihres Einbezugs im Modus eines rational choice erfolgte. Dabei, so Srubar, zeige Schütz, dass „daß die Erklärung für die Ausführung eines bestimmten Entwurfs bzw. für die Selektion einer Handlung im Alltag nicht immer in der abwägenden Tätigkeit von Subjekten zu liegen braucht, und typisch auch nicht liegt, sondern, daß sie vielmehr in der Selektivität der Typik- und Relevanzstruktur von Wissensvorrat und Handlungssituation vor jedem individuellen Entscheiden mitenthalten ist“ (Srubar 1992, S. 161). Hier wird einmal mehr deutlich, wie unverzichtbar eine sorgfältige Klärung solcher sozialtheoretischer Prämissen ist, um nicht vorschnell im Zuge einer (theoretischen) Triangulation eine Vermittelbarkeit zweier differenter theoretischer Perspektivierungen zu unterstellen.

Fazit

Der vorgelegte Band ist vor allem für diejenigen Leser*innen ein Gewinn, die mit den methodologischen und methodischen Grundlagen der Dokumentarischen Methode wohlvertraut sind und die gleichzeitig Interesse daran haben, (jenseits von konkreter methodischer Unterweisung) über grundlegende Fragen der erkenntnistheoretischen und methodologischen Fundierung der Dokumentarischen Methode nach- und weiterzudenken. Es ist in diesem Sinn ein hochproduktiver Sammelband, da er mit den darin enthaltenen Anregungen, Anwendungen und Ausweitungen seine Leser*innen dazu bringt, sich auf eine sehr grundlegende Art und Weise reflexiv zu vergewissern, was die eigene Forschungspraxis im Kern ausmacht und wie die jeweiligen Voraussetzungen der empirischen Analyse zu bestimmen sind. Die unterbreiteten Vorschläge leisten insofern einen wichtigen Beitrag, als die methodologische Begründung der Dokumentarischen Methode in ihren Grundprinzipien – wie Bohnsack (2017, S. 14) betont – „nicht aus (philosophisch-)erkenntnislogischen Reflexionen deduzierbar, sondern vor allem aus unserer eigenen wissenschaftlichen Praxis rekonstruierbar“ ist.

Literatur

Amling, Steffen/Vogd, Werner (Hrsg.) (2017): Dokumentarische Organisationsforschung Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich.

Bohnsack, Ralf (2001): Die dokumentarische Methode in der Bild- und Fotointerpretation. In: Bohnsack, Ralf/Nentwig-Gesemann, Iris/Nohl, Arnd-Michael (Hrsg.): Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Opladen: Leske und Budrich, S. 87–107.

Bohnsack, Ralf (2017): Praxeologische Wissenssoziologie. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich/utb.

Bohnsack, Ralf/Nentwig-Gesemann, Iris (Hrsg.) (2010): Dokumentarische Evaluationsforschung. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich

Denzin, Norman K. (1977): The research act. A theoretical introduction to sociological methods. New York: McGraw Hill.

Garfinkel, Harald (1967): Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall

Helsper, Werner/Herwartz-Emden, Leonie/Terhart, Ewald (2001): Qualität qualitativer Forschung in der Erziehungswissenschaft. Ein Tagungsbericht. In: Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 47, Heft 2, S. 251–269

Nohl, Arnd-Michael (2006): Interview und dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Srubar, Ilja (1992): Grenzen des „Rational Choice“-Ansatzes. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 21, Heft 3, S. 157–165


Rezensentin
Dr. Anna Brake
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Zitiervorschlag
Anna Brake. Rezension vom 10.10.2019 zu: Olaf Dörner, Peter Loos, Burkhard Schäffer, Anne-Christin Schondelmayer (Hrsg.): Dokumentarische Methode. Triangulation und blinde Flecken. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2074-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25618.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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