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Christine Naumann: Wohnumfeldverbesserungen für Menschen mit Demenz

Cover Christine Naumann: Wohnumfeldverbesserungen für Menschen mit Demenz. Bauliche Maßnahmen unter Berücksichtigung komplexer Gesundheitsprobleme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 149 Seiten. ISBN 978-3-658-24753-9. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Best of Pflege.
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Thema

Christine Neumann thematisiert die baulichen und einrichtungsspezifischen Änderungen der Wohnräume von Menschen mit Demenz. Demenzerkrankte werden überwiegend in der eigenen Häuslichkeit gepflegt und versorgt. Diese ist jedoch der Erkrankung nicht entsprechend angepasst, was den Alltag erschweren kann.

Autorin

Christine Naumann ist Diplom-Ingenieurin für Architektur und Innarchitektur sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Ostwestfalen/Lippe in Detmold. Sie spezialisierte sich im Masterstudium „Mulitprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen“ der Privatuniversität Witten/Herdecke [1] auf die Versorgung von Menschen mit Demenz.

Entstehungshintergrund

Trotz dem Wissen um die Zunahme von Menschen mit Demenz und deren Einschränkungen sind derzeit keine ausreichenden und umfassenden Handlungs- und Maßnahmenrichtlinien zur barrierearmen Gestaltung von Wohnungen für Menschen mit Demenz veröffentlicht. Erhältliche Broschüren enthalten Hinweise unterschiedlicher Qualität. Daher hat die Autorin mit der Struktur eines Maßnahmenkatalogs anhand der Richtlinien zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit konkrete Hinweise zu Gestaltung genannt. Dieser Maßnahmenkatalog soll die Beratung für Gutachter und Wohnberater vereinfachen.

Ziel der demenzspezifischen Anpassungen soll ein möglichst langer Verbleib in der eigenen Häuslichkeit, die Erleichterung der Pflege und eine möglichst selbstbestimmte Lebensführung unterstützen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in die nachfolgenden sieben nummerischen Kapitel mit stichpunktartig-sachlicher Überschriften:

  1. Ausgangssituation und Erkenntnisinteresse
  2. Theoretischer Bezugsrahmen
  3. Methodisches Vorgehen
  4. Ergebnis
  5. Exemplarische Katalogseite
  6. Diskussion
  7. Zusammenfassung und Ausblick

Abgerundet wird der Aufbau durch eine durchweg klare Strukturierung von Abbildungen, einem Inhaltsverzeichnis und Tablellenverzeichnis.

Inhalt

Kapitel eins beschäftigt sich inhaltlich mit der Wohnsituation und derzeitigen Gegebenheiten. Es werden die Fragen geklärt, was eine demenzgerechte Wohnungspassung sein kann und welche Probleme derzeit auftreten. So waren weder die Betroffenen, Angehörigen noch die Berater in den diversen Beratungseinrichtungen auf spezifische Anpassungsmaßnahmen oder gar auf die grundlegende Information über Kostenübernahme der Pflegekasse ausreichend informiert gewesen. Vorhandenes Praxiswissen sei nicht gebündelt und geeignetes Informationsmaterial sei nicht ausreichend vorhanden. Nachfolgend erfoglt eine Vorstellung eines Maßnahmenkatalogs mit bedarfsgerechten Verbesserungsmaßnahmen, bei dem die Anwender und Anwendungsbeispiele dieses Katalogs benannt werden.

Kapitel zwei zeigt theoretische Grundlagen auf und befasst sich mit den Gegebenheiten der Wohnungsanpassung entsprechend der Pflegeversicherung. Es werden Literaturquellen und Studien zur Thematik benannt. Weiter wird auf ein von der Autorin entwickeltes Analyseinstrument aus dem Jahr 2010 hingewiesen, ebenso auf andere Möglichkeiten die Symptome der Demenz in Verbindung mit Funktionsfähigkeit, Behinderung und Einschränkungen zu bewerten und entsprechend systematisch zu strukturieren. Dabei wird die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation“ als Modell erläutert.

Im dritten Kapitel wird nun vorgestellt, wie sich das methodische Vorgehen zur Entwicklung und Gestaltung des Maßnahmenkatalogs gestaltete. Wieder wird auf eine Studie der Autorin aus dem Jahr 2015 hingewiesen. Vorgestellt wird die Gliederung des Katalogs sowie verwendete Symbole zur erleichterten Orientierung innerhalb der Kapitel. So soll der Katolog in die Bereiche

  • Katalog
  • Klassifikation
  • Notation
  • Maßnahmen
  • Kontextfaktoren

eingeteilt werden, sowie in insgesamt drei Ebenen:

  1. Hauptgruppe,
  2. Untergruppe und
  3. Nebengruppe.

Eine weitere Unterteilung erfolgt in die Hauptgruppen entsprechend der Lebensbereiche der Sozialen Pflegeversicherung

  • Mobilität
  • Kogntiive und kommunikative Fähigkeiten
  • Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  • Selbstversorgung
  • Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderung und Belastungen und
  • Gestaltung des Alltaglebens und sozialer Kontakte sowie
  • Außerhäusliche Aktivitäten und
  • Haushaltsführung.

Beschrieben wird nun die Vorgehensweise zur Erstellung eines Core Sets Demenz-Wohnungsanpassung anhand der ICF-Klassifikation für „Geriatrie umfassend“ und Demenz sowie Assistiven Technologien für Menschen mit Demenz, da kein Core Set Demenz vorhanden war. 

Kapitel vier zeigt die Gliederung des Maßnahmenkatalogs in Form von Abschnitten, Kapiteleinteilung, Teilüberschriften, Einleitungen und Inhaltsverzeichnis. Aufgezeigt werden der schematische Aufbau einer Maßnahmenseiten am Beispiel „Kontrastierende Farbe zm Hintergrund für Stützhilfen, Haltegriffe, Geländer und Türgriffe“.

Im fünften Kapitel „Exemplarische Katalogseite“ werden Beispielseiten vorgestellt, mögliche Kapiteleinleitungen für den Bereich „Mobilität“, heruntergebrochen in „Treppensteigen“ bis hin zur Maßnahme „Treppenschutzgitter“ verwoben mit DIN-Normen und Handlungsgrundsätzen des Architektur- und Bauwesens. Weitere exemplarische Katalogseiten zu „Farbe und Kontrast“ oder „Mensch und Maß“ werden allgemein vorgestellt.

Im sechsten Kapitel „Diskussion“ beschreibt die Autorin selbst, dass die Wohnberatung den Kommunen als Aufgabe zuteilt wurde, die jedoch der Aufgabe uneinheitliche Aufmerksamkeit und Umsetzung widmen (entsprechend der Qualifikation und Profession der Beratungspersonen).

Der vorgestellte Katalog in all seiner Ausführlichkeit wäre in Papierform nur schwer händelbar aufgrund seines schlichten Umfangs von mehreren hundert Seiten, was die Anwendung unpraktikabel machen könne. Thematisiert werden Rahmenbedingungen, Normen oder Vorgaben, die aus speziellen Gründen nicht oder nur geringen Einfluss auf den Katalog hatten. Speziell für den Katalog wurde das ICF Code Set „Demenz-Wohnungsanpassung“ erstellt (bestmöglich unter den gegebenen Voraussetzungen), welches als Assessment-Instrument dienen kann. Eine digitale Version des Katalogs erscheint praktikabler als eine Papierform, da hiermit Suchfilter nutzen lassen.

Im siebten Kapitel „Zusammenfassung und Ausblick“ benennt Naumann die Möglichkeit zur Implementierung des Katalogs in die Praxis, zunächst als Feldversuch, als Grundlage für weitere wissenschaftliche Forschungen, sowie an die Leistungsträger Pflegekasse bzw. MDS zur Überprüfung der Bewilligung von Zuschüssen zu Anpassungsmaßnahmen.

Diskussion

Das Buch zeigt einerseits die Komplexität der Thematik auf (wenn man diese wie im Werk beschrieben, wissenschaftlich angeht), gibt zeitgleich aber auch einen handbuchartigen Vorschlag zur Systematisierung der Beratung vor. Die historische Entwicklung einer unsystematischen und qualitativ durchwachsenen Beratungskultur steht diesem gegenüber.

Die Wohnraumanpassung für körperlich beeinträchtigte Menschen wird noch nicht in vollem Rahmen als wichtigen Schritt zum Verbleib in der eigenen Häuslichkeit und Verbesserung der Pflege betrachtet. Die Akzeptanz zur Umsetzung von Maßnahmen ist trotz (guter) Beratung teilweise gering. Die Möglichkeiten zu Anpassungsmaßnahmen für Menschen mit Demenz sind den meisten Menschen noch weniger bekannt und deren Umsetzung ebenso.

Vorliegendes Werk beschäftigt sich überwiegend mit der Gestaltung eines Maßnahmenkatalogs und weniger mit dem eigentlichen Inhalt. Das mag grundsätzlich auch erstmal der Anfang sein, denn wie die Autorin eingangs festgestellt hat, wissen alle Beteiligten zu wenig über die Materie im Ganzen. Es erinnert an die Expertenstandards oder Qualitätsrichtlinien in der Pflege. Dies führt allerdings zu vielen Fragen: Wer soll federführend solch ein Werk herausbringen und aktualisieren? Wer hält sich daran? Wie ist die Qualität der Beratung zu erkennen? Muss die Einhaltung kontrolliert werden?

Die von der Autorin gewünschte Leserschaft der Gutachter und Berater sollte ergänzt werden durch Bauausführer (Maler bezogen auf Farbgebung; Küchenbauer, Fliesenleger auf Sicherheit, Farbgebung, Kontraste usw.), die sicherlich noch weiter entfernt von der Thematik Demenz sind als Pflegekräfte. Die Vernetzung von Beratern und anderen Experten (Architekten, Industrie und Öffentlichkeit) sollte ebenfalls gefördert werden und kann als eigenständige Thematik angesehen werden. Gerade im öffentlichen Raum sollten die Kommunen mit entsprechenden Anpassungen (Farbleitsysteme, Haltegriffe, gute Ausschilderung usw.) vorangehen.

Fazit

Wie die Autorin bereits in der Einleitung benannte, leitet sich die Thematik der speziellen Wohnraumanpassung für Menschen mit Demenz von der bereits eingetretenen Situation der vielen Betroffenen und in nächster Zukunft zu erwartenden, ab. Hauptproblem ist wohl die systematische und qualitative Beratung, sowie die Anerkennung von spezifischen Anpassungsmaßnahmen für Menschen mit Demenz. Es gibt also in diesem Bereich noch viel zu tun, wozu dieses Buch seinen wichtigen Beitrag in Form von „Thematik erkannt, erste Vorschläge gebracht“ geleistet hat.


[1] https://www.sueddeutsche.de/karriere/einzigartiger-studiengang-mehr-lebensqualitaet-fuer-demenzkranke-1.3238131, Zugriff am 16.06.2019


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 13.08.2019 zu: Christine Naumann: Wohnumfeldverbesserungen für Menschen mit Demenz. Bauliche Maßnahmen unter Berücksichtigung komplexer Gesundheitsprobleme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-24753-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25619.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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