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Karen-Susan Fessel: Selina Stummfisch

Cover Karen-Susan Fessel: Selina Stummfisch. Wenn Kinder schweigen. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2019. 40 Seiten. ISBN 978-3-86739-177-1. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR.

Reihe: kids in BALANCE; Illustratorin: Rosa Linke.
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Thema

Das Syndrom des Mutismus, insbesondere des selektiven oder elektiven Mutismus, ist jeder pädagogischen Fachkraft bekannt. Manche Kinder sprechen in öffentlichen Kontexten, etwa in der Kindertageseinrichtung oder der Grundschule, überhaupt nicht, andere haben vielleicht ein oder zwei Vertraute, mit denen sie sich verbal austauschen. Auch heute ist es nicht ausgeschlossen, dass selektiver Mutismus entweder unter Autismus-Spektrum-Störungen rubriziert oder zu der weiten Palette an Sprachstörungen gezählt wird. Dass es hier um ein sehr komplexes Krankheitsbild geht, dessen Ursachen sehr unterschiedlich sein können, dringt – so scheint es – erst allmählich in das öffentliche Bewusstsein. Neben einer sehr guten Website zum Thema (www.mutismus.net) stehen inzwischen einige Praxisbücher zur Verfügung, unter anderen Reiner Bahr: „Wenn Kinder schweigen“ (2012) oder Sigrun Schmidt-Traub: „Selektiver Mutismus“ (2019). Ein Bilderbuch, das mit Onlinematerialien angereichert ist (www.balance-verlag.de/buecher/detail/book-detail/selina-stummfisch.html), das sich sowohl für zuhause als auch für Betreuungseinrichtungen und Schule eignet, stellt allemal eine sehr willkommene Erweiterung dar.

Autorin

Karen-Susan Fessel ist Schriftstellerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Seit 1994 sind mehr als dreißig Romane und Erzählungen für Kinder, Erwachsene und Jugendliche erschienen, die teils mehrfach ausgezeichnet und übersetzt wurden.

Rosa Linke ist in Weimar selbstständig als Grafikerin und Illustratorin für verschiedene Agenturen, Stiftungen und Verlage tätig“ (Klappentext).

Entstehungshintergrund

„Selina Stummfisch“ gehört zur Reihe „kids in BALANCE“ des BALANCE buch + medien-Verlags Köln. Hauptanliegen dieser Reihe ist es, schwierige Themen kindgerecht aufzubereiten, z.B. Hochsensibilität (vgl. „Tausendfühler Lars“, www.socialnet.de/rezensionen/25623.php), Krebs, bipolare Störungen, Depressionen, aber auch Flucht und Migration sowie die Diversität der Familienformen.

Inhalt

Selina, die ältere Schwester von Nellie, geht bereits zur Schule. Außerhalb ihres häuslichen Umfelds spricht sie überhaupt nicht, zuhause indessen kann sie unablässig reden und für Nellie Geschichten erfinden. Sie ist außerdem eine begeisterte Leserin. Als der Autor ihres Lieblingsbuchs eine Lesung in ihrer Schule hält, darf Nellie sie begleiten. Nellie ist es auch, die den Autor um ein Autogramm bittet. Selina hingegen ist noch nicht einmal in der Lage, ihren Namen zu nennen. „Stummfisch“ nennt sie ein Junge hinter ihr und sie habe wohl so große gelbe Zähne wie Wilbur, Hauptfigur der Buchreihe, so kommentiert der Schriftsteller. Zuhause erzählt Nellie, was geschehen ist, Selina kann nicht aufhören zu weinen. Die Eltern gehen mit ihr zum Arzt, der Selina zu einer Therapeutin überweist, mit der gemeinsam sie das Sprechen so übt, dass sie auch in öffentlichen Situationen, beim Einkauf im Supermarkt und schließlich beim Eis essen im Eiscafé, erste Wörter sagen kann.

Diskussion

Fiktionen einzusetzen, um Informationen zu vermitteln und Aufklärungsarbeit zu leisten, ist eine höchst ambivalente Angelegenheit, weil immer die Bedrohung zu spüren ist, dass die Geschichte nicht auch für sich selbst stehen kann, also wenig ästhetische Wertigkeit besitzt, sondern das Vehikel für eine Botschaft ist. Wenn jedoch, so wie in den Büchern der Reihe „kids in BALANCE“, das Anliegen expliziert wird, weiß man, worauf man sich einlässt. Es geht in erster Linie also um Information, das Ästhetische ist nachrangig.

Wenn man nun darüber hinaus annimmt, dass die Geschichte einigen RepräsentantInnen der Hauptadressatengruppe, Kindern ab 5 Jahren, Vorschulkindern und Grundschulkindern, vorgelesen wird, dann kann man vorläufig bilanzieren, dass die Geschichte ihren Zweck erfüllen wird. So etwa ist die Unterscheidung von „schüchtern“ und „stumm“ gut gelungen. Viele Kinder werden sich in der Beschreibung von „schüchtern“ wiederfinden (so ist Nellie manchmal, „sie wird dann rot und druckst herum“), manche ebenso in der Charakterisierung von Selinas Verhalten. Gegenüber ihrer Mutter sagt diese, dass sie immer Angst habe, mit anderen Menschen zu reden. Selinas Begeisterung ist zu spüren, als sie erfährt, dass in ihrer Schule die Lesung aus einem ihrer Lieblingsbücher über das Monster Wilbur stattfinden wird. Allerdings, und damit kommt man zum großen Manko des Buches: Die Empathie, die von den Familienmitgliedern zu spüren ist, kontrastiert mit der heftigen Ablehnung in der Öffentlichkeit. Einem Kind, das selbst an selektivem Mutismus leidet, hält dieses Buch einen Spiegel vor und verdeutlicht ihm, dass es mit seinen Hemmungen nicht allein ist. Einerseits. Andererseits kann es für eine/n betroffene/n LeserIn oder ZuhörerIn sehr verletzend sein, wenn Nellie, pfiffige kleine Schwester, an sich durchweg positive Figur, zu Selinas Sprachrohr wird. Sehr krass manifestiert sich das bereits in den Illustrationen auf der zweiten Seite, als Nellie Selina regelrecht reifiziert. Selina ist nicht nur stumm, sondern sie erstarrt und wandelt sich zu einer Säule, in der nur noch die Augen zu erkennen sind. Nellie lädt diese Säule auf ihre Schultern und schleppt sie mit sich fort. Für Kinder, die sich mit Selina identifizieren, mag die Reaktion des Autors auf Selinas Schweigen noch bitterer sein. Dass ein anderes Kind sie „Stummfisch“ nennt, dass das Buch diesen Titel trägt und dass zusätzlich der Vergleich „stumm wie ein Fisch“ bemüht wird, macht die Sache nicht besser. Hier befindet man sich auf dem Terrain des Etikettierens und Abstempelns.

Ein Highlight ist nichtsdestoweniger der Bezug zu Wilbur, dem Wusel. Die Liedzeile „Wa-wi wu. Zicke-zacke-hu!“ wirkt wie ein Mantra, das seine Kraft auf Selina überträgt und sie mit dazu motiviert, gegen ihren Mutismus zu kämpfen. Wilbur, den im Übrigen einige Kinder auch als den Kater der Hexe Winnie (Buchreihe von Valerie Thomas) identifizieren dürften, ist auf jedem Bild als eine Art Hoffnungsträger zu sehen. Nur der Vergleich mit den gelben Zähnen, die der Autor selbst vornimmt, hätte weggelassen werden können.

Über die Ursachen von Selinas selektivem Mutismus zu spekulieren, wäre in Anbetracht der üblichen Kürze eines Bilderbuchs und vor allem in Anbetracht der kindlichen Adressaten kein geschickter Schachzug. Dasselbe würde für die Unterscheidung von totalem und selektivem Mutismus gelten sowie für die Darstellung weiterer Charakteristika betroffener Personen. Was dem Buch trotzdem sehr gutgetan hätte, wäre eine simple Benennung des Verhaltens. Hätte man nicht einfach die Definition von „schüchtern“ der Definition von „mutistisch“ gegenüberstellen können?

Des Weiteren: warum muss Selina unbedingt so stark leiden, bevor ihre Eltern mit ihr einen Arzt aufsuchen? Warum werden ihre Stärken nicht nachdrücklicher fokussiert? Leider schiebt sich das Bild eines Mankos in den Mittelpunkt. Dem Mädchen fehlt etwas, ergo muss etwas therapiert werden. Ungeachtet dessen hätten die Fortschritte im Rahmen der Therapie durchaus ein bisschen ausführlicher thematisiert werden können. Wenn Selina im Eiscafé nicht mehr als „Ich auch! Bitte!“ sagen kann, verläuft ihre Kommunikation erneut komplementär zu der ihrer kleinen Schwester.

Fazit

„Selina Stummfisch“ hält eine gefällige Geschichte bereit, die Kinder ab ca. fünf Jahren darüber informiert, dass sie AltersgenossInnen haben, die in den meisten Situationen und gegenüber den meisten Personen, die mit ihnen kommunizieren möchten, stumm bleiben. Sie lernen, dass dieses Verhalten weit über Schüchternheit hinausgeht, obschon es mit ihr verglichen werden kann. Vieles in diesem Bilderbuch ist gut gelungen. Der Kontrast zwischen der Darstellung des privaten Raums auf der einen und der Öffentlichkeit auf der anderen Seite hätte jedoch zugunsten der privat gespendeten Empathie abgemildert werden können. Aber, so könnte man festhalten, gerade die Präsentation der sehr unterschiedlichen Reaktionen auf Selinas Mutismus ist realistisch. Für Kinder wie Selina ist sie genauso konfrontativ wie für alle, die sich ähnlich verhalten wie die ablehnenden Erwachsenen. Beide Gruppen könnten damit zu einem Reflexionsprozess angestoßen werden.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 15.07.2019 zu: Karen-Susan Fessel: Selina Stummfisch. Wenn Kinder schweigen. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2019. ISBN 978-3-86739-177-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25622.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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