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Hannah-Marie Heine: Tausendfühler Lars

Cover Hannah-Marie Heine: Tausendfühler Lars. Kinder mit Hochsensibilität. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2019. 40 Seiten. ISBN 978-3-86739-131-3. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR.

Reihe: kids in BALANCE; Illustrator: heribert Schulmeyer.
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Thema

„Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch“ – so titelt Luca Rohleder 2017 und legt damit nahe, dass Hochsensibilität für die Betroffenen mitunter ein Fluch sein kann, sich aber zumindest im Rahmen von Fremdbeurteilungen oftmals als Segen darstellt. Was für Menschen in vergangenen Jahrhunderten die Melancholie, das ist heute vielleicht die Hochsensibilität. Um die Spannung zwischen „Genialität und Zusammenbruch“ auszuloten und zu lernen, damit umzugehen, finden Betroffene eine Fülle von Ratgebern und – sehr viel spärlicher – differenzierter vorgehende Fachliteratur. Wie sich Hochsensibilität bei Kindern äußert, präsentieren unter anderen Rolf Sellin („Mein Kind ist hochsensibel“, 2015) und Melanie S. Vita („Hochsensibilität bei Kindern: Verstehen, begleiten und stärken“, 2017). Wie sich hochsensible Kinder vielleicht selbst wahrnehmen und wie man Kinder in ihrem Umfeld zu einem verständnisvollen Miteinander bewegen kann, das führt Hannah-Marie Heine in ihrem Bilderbuch vor.

Autorin

Hannah-Marie Heine ist Heilpädagogin mit Schwerpunkt Spieltherapie und Entwicklungsförderung. Sie arbeitet in einer Frühförderstelle und begleitet dort Kinder und Eltern […]. Seit ihrer Kindheit schreibt sie gerne Geschichten.“

Heribert Schulmeyer hat […] viele Kinderbücher illustriert und für die ‚Sendung mit der Maus‘ gearbeitet. Er lebt als freier Künstler in Köln.“ (Klappentext)

Entstehungshintergrund

„Tausendfühler Lars“ gehört zur Reihe „kids in BALANCE“ des BALANCE buch + medien-Verlags Köln. Hauptanliegen dieser Reihe ist es, schwierige Themen kindgerecht aufzubereiten, z.B. Mutismus („Selina Stummfisch“, siehe auch www.socialnet.de/rezensionen/25622.php), Krebs, bipolare Störungen, Depressionen, aber auch Flucht und Migration sowie Familienformen.

Inhalt

Lars möchte zwar, dass seine Mutter fröhlich ist. Dennoch kann er den Pullover, den sie ihm mitgebracht hat, nicht anziehen. Lieblingsfarbe hin oder her, das Teil kratzt ganz fürchterlich. Später am Tag besucht Lars seinen Opa, bei dem er sich rundum wohlfühlt. Mit ihm kann er sogar seine Angst vor der Geburtstagsfeier im Kindergarten wegpusten. Eigentlich freue er sich ja, meint Lars, vor allem, weil seine beste Freundin Klara feiere. Aber an Geburtstagen sei es im Kindergarten unerträglich laut. Am nächsten Tag kann er mit Klara fröhlich sein, ist aber überfordert, als alle anderen beginnen mit Fingerfarben zu malen. Für ihn ist alles viel zu wild und außerdem kann er den Geruch von Fingerfarben nicht ertragen. Obwohl er weinen muss, gelingt es ihm, eine Höhle aus Decken und Kissen zu bauen, in die er sich verkriecht. Dort bleibt er so lange, bis Klara und die Erzieherin Frau Fuchs ihn suchen. Diese erläutert ihm schließlich, dass er ein „Tausendfühlerkind“ sei. Nachdem Lars zuhause von seinen Erlebnissen und den Worten von Frau Fuchs berichtet hat, geht er wieder zu seinem Opa in den Schuppen. Mit ihm zusammen baut er aus Kastanien ein Sonnensystem.

Diskussion

Die Illustrationen in „Tausendfüßler Lars“ kommen in hellen und freundlichen Farben daher. Genauso hell und freundlich ist die Geschichte, in der die Hochsensibilität des Kindergartenkindes im Mittelpunkt steht. Der Autorin und dem Illustrator gelingt es, den Facettenreichtum des Themas auszuschöpfen und anhand verschiedener Situationen zu zeigen, wie ein Kind mit hypertropher Gefühlswelt seinen Alltag erlebt. Die Haut ist so dünn, dass ein kratzender Pullover als taktile Aggression erlebt wird – der grüne Pullover, so beweisen die Illustrationen, mutiert zum Monster. Im Kindergarten dominiert die akustische Aggression, dicht gefolgt von der olfaktorischen.

Ein nicht zu unterschätzender Vorzug des Bilderbuches ist es, dass Lars‘ Reaktionen und Verhaltensweisen an keiner Stelle pathologisiert werden. Damit folgt Hannah-Marie Heine einerseits der allgemein verbreiteten Einschätzung, dass Hochsensibilität kein Stigma, sondern eher eine Auszeichnung sei. Lars hat oftmals viele schöne „Gefühle im Bauch“. Er könnte hüpfen vor Begeisterung, wenn Klara ihn lange besucht oder der Opa sein Lieblingsessen kocht. Es gilt, so vermittelt Hannah-Marie Heine, diese überbordende Affektwelt wertzuschätzen, sich aber genauso davor zu hüten, Lars‘ Probleme zu minimieren. Es ist unabdingbar, die Gefühle ernst zu nehmen, sie zu akzeptieren und in einem nächsten Schritt zu versuchen, damit umzugehen. Die Akzeptanz und Modalitäten dieses Umgangs erfährt Lars nur bedingt bei seiner Mutter, dafür aber umso mehr bei seinem Opa, der sehr herzlich und zugewandt ist, außerdem bei Frau Fuchs, die feinfühlig und empathisch auf den „Tausendfühler“ eingehen kann. Der Vergleich mit dem Tausendfüßler wirkt dabei rundum freundlich, bar jeder abwertenden Nuance. Würde man an dieser Stelle mit der Art und Weise vergleichen, wie das Thema Mutismus in „Selina Stummfisch“ (www.socialnet.de/rezensionen/25622.php) bearbeitet wird, wäre der Verlierer klar zu benennen.

Die Erzieherin Frau Fuchs pflegt einen wohltuend ressourcenorientierten Umgang mit den Kindern, die ihr anvertraut sind. „Jedes Kind ist anders“, so sagt sie, und setzt damit auf den Faktor Individualität. Jedes sei besonders und das Besondere an Lars seien eben seine tausend Gefühle. Das, was Frau Fuchs im Kindergarten leistet, gelingt in noch stärkerem Maße dem Opa, der – so legen einige Textstellen nahe – ähnliche Reaktionsmuster hat wie sein Enkel. Er fördert Lars, nimmt seine Stärken und Interessen in den Blick und trägt somit dazu bei, dass der Junge Resilienz entwickelt. Nur mit dem Opa kann er über Fragen diskutieren, die für andere tendenziell abwegig sind, nur er bringt ihn in einen Flow der Kreativität, in dem weder lärmende Kinder noch kratzende Pullover eine Rolle spielen.

Das innige Verhältnis zu seinem Großvater wirkt so stärkend auf Lars, dass er sich bei dessen Abwesenheit selbst beruhigen kann. Er schafft es, den Schuppen seines Opas zu imitieren, indem er sich im Kindergarten eine Höhle baut. Dort hinein verkriecht er sich, bis Menschen, die ihm wohlgesinnt sind, ihn daraus hervorholen.

„Tausendfühler Lars“ bleibt rein phänomenologisch. Spekulationen zu den Ursachen der Hochsensibilität bleiben aus. Es wird lediglich nahegelegt, dass es eine genetische Disposition gibt. Der an die erwachsenen (Vor-)LeserInnen adressierte Text auf der letzten Doppelseite stellt ebenfalls Möglichkeiten des adäquaten Umgangs mit hochsensiblen Kindern in das Zentrum des Interesses. Die beiden Autorinnen des Nachworts, Hannah-Marie Heine und die Diplom-Psychologin Petra Tomschi, erklären knapp, wie Kinder mit Hochsensibilität Reize prozessieren und plädieren insgesamt für einen entspannten Umgang mit den Betroffenen. Nicht zuletzt geben sie Ratschläge für den Alltag, ohne dabei jedoch den aufdringlich-belehrenden Zeigefinger zu heben.

Fazit

Wer knappe und präzise Informationen über Kinder mit Hochsensibilität erhalten möchte, ist auch als Erwachsene/r sehr gut mit der Lektüre von „Lars Tausendfüßler“ beraten. Das Bilderbuch punktet mit der Darstellung eines sehr wertschätzenden Umgangs mit einem Kind, das mehr fühlt als andere. Ein Charakter, den man feiern sollte, ist der „coole“ Opa, der immer für Lars da ist, der nicht nur seine Sorgen und Ängste versteht, sondern ihm hilft, damit umzugehen und sie vielleicht sogar zu überwinden.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 15.07.2019 zu: Hannah-Marie Heine: Tausendfühler Lars. Kinder mit Hochsensibilität. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2019. ISBN 978-3-86739-131-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25623.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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