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Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns

Cover Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns. Ein Psychiater erzählt von inneren Stimmen, bizarren Botschaften und gefährlichen Doppelgängern. Verlag C.H. Beck (München) 2019. 254 Seiten. ISBN 978-3-406-72743-6. 19,95 EUR.
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Thema

Fallgeschichten haben eine jahrhundertealte Tradition, wie Bianca Sukrow in ihrer Dissertation „Der Fall des Falles“ [1] sehr detailliert und kenntnisreich ausführt. Zu verorten sind sie vorwiegend in Psychiatrie und Psychotherapie, aber auch in allen Bereichen der Sozialpädagogik und Pädagogik. Anliegen einer Fallgeschichte ist es dabei nicht allein, erkenntnisleitend Faktenwissen zu präsentieren, sondern dies so zu tun, dass die Texte narrative Qualitäten annehmen und nach dem Erstkontakt zur weiteren Lektüre verführen. Der Autor ist dabei nicht nur der Therapeut und Zeuge dessen, was ihm seine PatientInnen anvertrauen, sondern er erschafft darüber hinaus einen Erzähler, der innerhalb des literarischen Diskurses „eine Zeugen- und Teilhaberschaft“ (B. Sukrow) erfüllt. Herausragende Paradigmen für diese Erzählungen bilden Oliver Sacks‘ gleichermaßen literarischen, neuro- und populärwissenschaftlichen Ausführungen, so etwa in „Awakenings“oder „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ [2]. Achim Haugs „Reisen in die Welt des Wahns“ sind ebenfalls, zwar mit gewissen Vorbehalten, in dieser besonderen Gattung zu situieren.

Autor

Prof. Dr. Achim Haug ist Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie. Er war 15 Jahre als Chefarzt und ärztlicher Direktor in der Schweiz tätig. Er ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Genauere Informationen zu seinen vielfältigen Tätigkeiten und Publikationen sind unter www.psychologie.uzh.ch/de/bereiche/ehem/psydia/team/Haug-Achim.html zu finden.

Entstehungshintergrund

„Das kleine Buch von der Seele“ aus dem Jahre 2017 möchte Achim Haug als „Reiseführer durch unsere Psyche und ihre Erkrankungen“ verstanden wissen. Er informiert seine LeserInnen im Plauderton und reichert seinen Text mit vielen Beispielen an, deren Aufgabe es ist, die Informationen zu veranschaulichen, ihnen aber untergeordnet sind. Wenn Achim Haug zwei Jahre später „Reisen in die Welt des Wahns“ unternimmt und „von inneren Stimmen, bizarren Botschaften und gefährlichen Doppelgängern“ berichtet, dann wendet er sich von einer eher deduktiven Herangehensweise ab und einer induktiven zu. Nun setzen die Fallgeschichten den Auftakt zu einer theoretischen Unterfütterung der jeweils geschilderten Symptomatik.

Aufbau und Inhalt

„Reisen in die Welt des Wahns“besteht aus vier großen Kapiteln, die jeweils eine psychiatrische Fallgeschichte präsentieren. Jede sei – so Achim Haug – vollkommen authentisch. Alle Details habe er erlebt, die Biografien seiner PatientInnen jedoch so verändert, dass die realen Personen nicht mehr erkennbar seien.

Am Anfang steht Die traurige Geschichte der Tamara Grünfeld. Frau Grünfeld ist in der Ukraine aufgewachsen und hat dort Chemie studiert, bevor sie nach Berlin ausgewandert ist. Im „Goldenen Westen“, als alle notwendigen Vorkehrungen für ein neues Leben bereitet sind, beginnt sie, Stimmen zu hören – Stimmen, die miteinander sprechen, über sie lästern und ihr Befehle erteilen. Diese „Parasitenwesen“, so Frau Grünfeld, seien winzig klein. Sie bildeten eine „Mafia“, einen „großen Clan“, der nur in ihr leben könne und auf Trillionen von Kreaturen angewachsen sei. Obwohl diese Wesen sogar an ihren Organen fräßen, obwohl diese sie mitunter „zu arg“ drückten, würde sie nicht aufhören zu kämpfen. In dem Moment jedoch, als die Patientin befürchtet, dass die Parasiten in ihr auch andere Menschen anstecken könnten, nimmt sie sich das Leben.

Die Erzählung über Tamara Grünfeld und ihre schizophrene Erkrankung nimmt Achim Haug zum Anlass, über Wahrnehmungen, Überzeugungen und „alternative Fakten“ nachzudenken. Mit verschiedenen Kippfiguren führt er vor, dass die menschliche Wahrnehmung subjektiv und multistabil ist. Beide Figuren in einem Kippbild könne man jedoch nur dann wahrnehmen, so Haug, wenn Worte für beide zur Verfügung stünden. Grundsätzlich sei das, was primär registriert werde, immer von der jeweils individuellen Werdensgeschichte abhängig. Schwer auszuhalten sei die Dissonanz zwischen subjektiver Auffassung und objektiven Fakten. Den Druck, diese Spannung auflösen zu müssen, habe Tamara Grünfeld gespürt, als sie nach Deutschland gekommen sei. Gleichwohl sei dies nicht die Ursache für ihre schizophrene Erkrankung gewesen, denn deren Entstehung müsse vor dem Hintergrund des „Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modells“ erläutert werden, sei erst zu verstehen, wenn man das Zusammenspiel von genetischen Faktoren (Vulnerabilität), äußeren Einflüssen (Stressoren) und möglichen Bewältigungsstrategien (Coping) betrachte. Die persönliche Lebensgeschichte spiele für die Entstehung einer Schizophrenie nur eine sekundäre Rolle, die Symptome träfen jedoch einen Menschen immer in seiner gesamten Biografie. Diese sei mit dafür verantwortlich, wie die Erkrankung die Persönlichkeit verändern werde. Ein Kennzeichen von Menschen mit Schizophrenie sei es, dass sie Reize von außen in extremer Verstärkung wahrnähmen. Die Welt werde „zum bedeutungshaften Kaleidoskop“ (S. 44) und die inneren Stimmen könnten in extremis den Befehl zum Suizid erteilen. Wenn man mit Walter Pöldinger, den Achim Haug zitiert, die Dynamik der Suizidentwicklung in die Phasen der „Erwägung“, der „Ambivalenz“ und den „Entschluss“ auffächert, dann ist festzuhalten, dass Menschen in der Ambivalenz-Phase noch offen für Hilfsangebote sind. Die Abklärung von Suizidalität, für die Pöldinger einige feste Fragen vorschlägt, sei wesentlich für eine psychopathologische Anamnese. Tamara Grünfeld habe die Frage nach Suizidideen verneint.

Der Klimawanderer, so der Titel des zweiten und längsten Kapitels, fokussiert den Ingenieur Hans Taubert, nach dessen Meinung mindestens drei Welten parallel zueinander existieren. Am Gespräch mit seinem Therapeuten scheint er kaum emotional beteiligt zu sein, er wirkt kühl und distanziert. Er sei nach Ägypten gereist, so erzählt Herr Taubert, weil seine inneren Stimmen ihn in das Tal der Könige getrieben hätten. In einer großartigen Offenbarung habe er dort endgültig verstanden, dass es drei Welten gebe, über die er als König herrsche und in die er bei unterschiedlichen Wetterlagen reisen könne. Bei Hochdruck gelange er in die höhere Welt, bei Tiefdruck in die tiefere. Im Gegensatz zu Tamara Grünfeld kann Hans Taubert in einer ganzheitlichen stationären Therapie, mit Neuroleptika, Gesprächen und Ergotherapie, erfolgreich behandelt werden. Er gewinnt nach und nach Distanz zu seinem Wahn, er zweifelt an dem Nebeneinander der verschiedenen Welten – allein physikalisch sei das ja wohl unmöglich, so lautet sein Fazit.

In die Geschichte von Hans Taubert platziert Achim Haug Erklärungen rund um die Frage nach der Ontologie des Wahns. Nach der etymologischen Herleitung des Wortes aus dem alt- und mittelhochdeutschen wân legt er dar, dass noch viele definitorische Unklarheiten bestehen. So sei es beispielsweise nicht sicher, ob es „ein Kontinuum von falschen Vorstellungen bis hin zum Wahn“ gebe oder ob „zwischen den Irrtümern des Gesunden und dem Wahn des Kranken ein kategorialer Unterschied“ bestehe (S. 65). In seinem Buch werde man den Wahn vorwiegend als „inhaltliche Denkstörung“ (S. 66) kennenlernen. Die heute noch gültigen „Wahnkriterien“, so führt Haug weitergehend aus, beruhen auf der „Allgemeinen Psychopathologie“ von Karl Jaspers. Demnach geht es bei „Wahnideen“ um „alle verfälschten Urteile“, die insbesondere drei Merkmale haben, nämlich „1. Die außergewöhnliche Überzeugung […], die unvergleichliche subjektive Gewissheit“, mit der die Ideen vertreten werden. „2. Die Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrung und durch zwingende Schlüsse“ und „3. Die Unmöglichkeit des Inhalts“ (zit. nach S. 77). Ein „Wahnkranker“ habe eine „starre Wirklichkeitsauffassung“, er sei sich absolut sicher, dass seine Wirklichkeit die einzig richtige sei, er erlebe diese mit „apriorischer Evidenz“ und sei im Gegensatz zu Gesunden nicht zu einem „Überstieg“ in der Lage, könne sein Bezugssystem nicht wechseln (S. 79). Irrationales Denken sei lebensbestimmend, das Erleben bei Menschen mit Wahn sei, so schreibt Achim Haug in Anlehnung an Christian Scharfetter, „privativ“ (S. 92), was ein Leben in der Gemeinschaft mit anderen verunmögliche.

Im Umkreis der Bemerkungen zu seinem Patienten Hans Taubert unternimmt Achim Haug einen Exkurs hin zu Friedrich Nietzsche, dessen Wahnvorstellungen und Zusammenbruch im Jahre 1889 als Progressive Paralyse und damit als Spätfolge des „Primäraffekts“ der Syphilis bestimmt wurden. Darüber hinaus erläutert Haug genauer die Unterschiede zwischen formalen und inhaltlichen Denkstörungen (grob gesagt Störungen des Denkablaufs vs. Störungen, die sich auf die vielfältigen Prägungen unterliegenden Inhalte unseres Denkens beziehen), bevor er „aktuelle Theorien über die Natur von Denkprozessen bei Gesunden“ (S. 118) heranzieht, um auf dieser Grundlage zu verstehen, was an diesen Denkprozessen bei einem Wahn gestört ist. Die Hirnforschung habe zu dieser Problematik wichtige Beiträge geleistet, gleichzeitig sei sie aber in manchen Punkten reduktionistisch. Unsere Wirklichkeit könne nicht vereinfachend als Konstrukt unseres Gehirns und Resultat neuronaler Prozesse in bildgebenden Verfahren aufgezeichnet und gedeutet werden, sondern sie sei sehr viel differenzierter. Die Natur von Denkprozessen könne demzufolge nur interdisziplinär erforscht werden. Hirnforschung führe „zu einem Teilverständnis dessen, was vorgeht, wenn wir die Wirklichkeit wahrnehmen, wenn wir interpretieren, wenn wir unsere Schlussfolgerungen daraus ziehen und wenn wir uns entsprechend verhalten“ (S. 123).

Der Mann, der die Tochter des Teufels liebte (Kap. 3) behauptet gleichzeitig von sich, ein Heiliger zu sein. Tobias Ernst, 42 Jahre alt, hört Stimmen. Vor langer Zeit habe er sich in Susi, die Tochter des Teufels, verliebt. Ihr Vater habe ihn mit seinen Stimmen angesteckt bzw. die Tochter habe ihm die Stimmen des Vaters „angehext“. Dann sei es ihm aber gelungen, sich vom Teufel zu bekehren und dabei ein Heiliger zu werden. In gesunden Zeiten arbeitet Tobias Ernst in einem Reisebüro. Seit seinem 18. Lebensjahr wurde er fünf Mal wegen einer psychischen Krise stationär behandelt. Der Wahn kommt überfallartig in sein Leben. Es dauert dann ungefähr drei Wochen, bis der Wahn beginnt sich aufzulösen und weitere drei, bis er gänzlich verschwindet. Ein Antipsychotikum sowie Psychoedukation, in diesem Fall die Aufklärung über die Krankheit, und Psychotherapie bringen den gewünschten Erfolg. Sein wahnhaftes Erleben kann Tobias Ernst letztendlich als Krankheitsphase einordnen.

Bei Tobias Ernst, so diagnostiziert Achim Haug, liege ein „bizarrer“ bzw. „fantastischer“ Wahn vor, denn er entspreche „auf den ersten Blick einer privaten Wirklichkeitsauffassung“ (S. 137). Hier stoße man stärker als bei anderen Wahnformen auf logische Brüche, also Widersprüche zum Alltag und unverbunden nebeneinander stehende Fragmente des Erlebens. Wahnarbeit gehe nicht so intensiv vonstatten wie bei anderen Wahnformen, „Einzelteile des pathologischen Erlebens“ (S. 139) würden nur bedingt miteinander verknüpft werden. In einem erneuten Exkurs verdeutlicht Achim Haug, dass die Entwicklung eines Wahns so gut wie immer einem regelhaften Muster folgt. Auf die „Wahnstimmung“, Phase, in der Alltagserlebnisse pathologisch akzentuiert und interpretiert werden, folgen „Wahneinfall“ und „Wahnwahrnehmung“, die dann, wenn sie über einen längeren Zeitraum stabil bleiben, „Wahngedanken“ genannt werden. „Sie schaffen Klarheit und führen stabil über die Zwischenschritte des Wahneinfalls oder der Wahnwahrnehmung aus dem Zustand der unheilvollen Wahnstimmung heraus“ (S. 143). Diese Anstrengung des Denkens, der Versuch, Verknüpfungen herzustellen, wird auch als Wahnarbeit bezeichnet. Aus ihm wiederum geht das Wahnsystem bzw. ein Wahngebäude hervor, in dem alle Teile miteinander korrespondieren, alles für den Patienten Sinn ergibt, was den Stress, nach weiteren Erklärungen suchen zu müssen, mindert. Patienten mit Wahn würden insgesamt einem höheren Druck unterliegen, die Geschehnisse in ihrer Erfahrungswelt zu deuten. Den Unterschied im Bedürfnis, sich die Welt zu erklären, könne man empirisch mit dem „Perlen-Paradigma“ bzw. der „Pearl-beats-Aufgabe“ untersuchen. Das Experiment beweise, dass Menschen mit Wahn ohne Anlass Beziehungen setzten. Das Phänomen sei ebenfalls unter der „Jumping-to-Conclusions-Bias“ bekannt (vgl. S. 148), gleichzeitig wirke bei den Erkrankten ein erhöhtes Misstrauenslevel. Mehr als in Gesunden sei hier vom „Modell der Prediction Error Minimization“ auszugehen, der Verminderung von Vorhersagefehlern zu zukünftigen Ereignissen, denn man nehme in erster Linie das wahr, was zur eigenen Person passe. Man gehe nicht als „unbeschriebenes Blatt in Wahrnehmungssituationen“, sondern sei immer von vorhergehenden „Bedürfnissen, Wünschen, Stimmungen und Überlegungen getragen“, wenn man eine neue Situation erlebe (S. 153). Die meisten Menschen favorisierten eine geringe kognitive Distanz zwischen den eigenen Überzeugungen und neuen Erfahrungen, insbesondere dann, wenn ein labiles Ich vorliege, eine Störung der Ich-Umwelt-Grenze, wie sie Achim Haug bei Tobias Ernst beobachtet. Bei ihm sei die „Ich-Umwelt-Grenze“ (S. 159) beschädigt. In Zeiten des Wahns behaupte er von sich, kein eigenes Gehirn mehr zu besitzen, an seiner Stelle befinde sich ein „schwarzes Loch“, das lediglich Gedanken von außen aufnehme. Welch hoher Fragilität die Gewissheit über die Grenze zwischen Ich und Umwelt und damit auch die eigene Identität ausgesetzt ist, illustrieren verschiedene Gedankenexperimente. Im Gegensatz zu Menschen mit Wahn seien die meisten gesunden Menschen jedoch weit davon entfernt, diese Grenze zu hinterfragen.

Sabine Leonhardt, 29 Jahre alt, ist Die Frau, deren Mann vertauscht wurde (Kap. 3). Sie kommt in Begleitung ihres Mannes und ihrer gerade einmal zwei Wochen alten Tochter als Notfall auf die psychiatrische Station. Mit ihrem Mann und ihrem Baby habe sie nichts zu tun, denn sie seien ausgetauscht, durch Doppelgänger ersetzt worden. Die völlig verängstigte Frau verlangt, dass Mann und Kind aus ihren Augen verschwinden. Erst nach einigen Tagen der Distanzierung vom häuslichen Umfeld erklärt sich Frau Leonhardt dazu bereit, Medikamente einzunehmen. Eigentlich, so meint sie, müsse ihr Mann diese doch nehmen, denn mit ihm sei doch etwas passiert. Es dauert sehr lange, bedarf neben den Psychopharmaka einer Vielzahl therapeutischer Gespräche, bis die Patientin von ihrem Wahn ablässt. Die Heilung ist nachhaltig, denn die Wahnepisode wiederholt sich nicht.

Sabine Leonhardts Geschichte lädt dazu ein, über die Ursachen eines Wahns nachzudenken: Wenn man die rein physiologischen Ursachen – Fieber, Alkohol, Drogen, insbesondere den Konsum von Pilzen, Medikamente, einen Mangel oder eine Dominanz von Botenstoffen, im Speziellen Dopamin – beiseitelässt, dann gelangt man zum Trauma als „wahren Kern des Wahns“ (S. 176). Achim Haug belegt dies mit der Geschichte von Sigmund Freuds Patienten Daniel Schreber. In psychodynamischen Konzepten sehe man es als gesichert an, dass dem Wahn immer ein einschneidendes biografisches Erleben vorausgehe, auf das ein betroffenes Individuum mit der Verleugnung realistischer Wahrnehmung und der Verdrängung emotionaler und kognitiver Prozesse reagiere. Die wahnhaften Vorstellungen seien für diesen Menschen besser als die Realität. Wahn werde in diesen Konzepten als „Selbstschutz verstanden“, der anfänglich funktionieren könne, „dann aber in Auseinandersetzung mit den Forderungen des Alltags dysfunktional“ (S. 177) werde.

Bei Sabine Leonhardt, so legen einige von Haugs Ausführungen nahe, ist von einem Ungleichgewicht neuroaktiver Stoffe auszugehen, das von der Geburt ihrer Tochter ausgelöst wurde. Sie leide am sogenannten „Capgras-Syndrom“, das zum ersten Mal von Jean-Marie Joseph Capgras (1873-1950) beschrieben worden sei. Seine Patientin Madame M. habe mit der festen Überzeugung gelebt, dass alle Menschen in ihrer Umgebung durch Doppelgänger ersetzt worden seien, jedoch nicht von einem, sondern durch mindestens 80 bei ihrem Mann und mindestens 2000 bei ihren Kindern (vgl. S. 185). Das Capgras-Syndrom gehöre zu den „Wahnhaften Misidentifikationssyndromen“, zu denen man unter anderem ebenso das „Fregoli-Syndrom“ zähle. Die Betroffenen seien sich sicher, dass eine ihnen vertraute Person im Körper eines Fremden stecke (vgl. S. 186). Bei allen Misidentifikationssyndromen stehe die „Verkennung oder wahnhafte Verleugnung der Identität von sich und anderen“ (S. 187) im Mittelpunkt. Nicht selten könne auch Aggressivität auftreten. Es gebe verschiedene Erklärungsmodelle, nach heutigem Wissensstand könne man das Zusammenwirken verschiedener Einflüsse annehmen.

Ausgehend von dem Capgras-Syndrom erörtert Achim Haug, ob für die unterschiedlichen Formen wahnhaften Erlebens ein gemeinsamer Kern existiert. Störungen in der Wahrnehmung, insbesondere Halluzinationen, seien oft beteiligt, doch keine Bedingung. Man unterscheide prinzipiell zwischen „Plus- oder Positivsymptomatik“ und „Negativsymptomatik“, zwischen „produktiven Symptomen“ des Wahns und Halluzinationen einerseits und negativen Symptomen andererseits, worunter beispielsweise Antriebsminderung und Apathie fielen (vgl. S. 196). Bei seinen vier PatientInnen könne man zwar zu Recht von einer überbordenden Fantasie sprechen, doch man müsse vermutlich eher in Erwägung ziehen, dass Steuerungsprozesse, die bei Gesunden vorhanden seien, in den Wahnvorstellungen abhandengekommen seien. Haug beruft sich hier auf John Hughlings Jackson (1835-1911), der ein Schichtenmodell der Gehirnfunktionen erstellte und die These vertrat, dass Krankheit von einem Funktionsausfall oder Schwäche einer höheren Gehirnschicht ausgelöst werde. Daraus resultiere letztendlich, dass diese Möglichkeit des Erlebens, das Verrückte, in uns allen stecke. Außerdem erhelle hier, dass das Gehirn vor allem ein „Reizunterdrückungsorgan“ sei, wir also darauf angewiesen seien, dass das Gehirn wahrgenommene und priorisierte Reize ausbalanciere und damit eine Wahrnehmungssynthese herstelle (vgl. S. 200).

In puncto Behandlung des Wahns geht Achim Haug zurück zu Philippe Pinel (1745-1826), der als Erster eine „paradoxe Intervention“ beschrieb, während der er einem Patienten den Wahn nicht ausredete, sondern ihn mit dem Ziel eines therapeutischen Erfolgs in seinen Ideen bestärkte. Wesentlich sei es immer, die „Wahngewissheit“ aufzulösen und damit die erste Phase des Wahns, die „Akutphase“, in eine „Stabilisierungsphase“ zu lenken. Diese wiederum münde in die „Remissionsphase“, in der die Therapie weitergeführt werden müsse. Heute, so führt Haug weiter aus, stünden in der Akutphase die medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika bzw. Antipsychotika im Mittelpunkt, eskortiert von psychotherapeutischen Behandlungen. In tiefenpsychologischen Verfahren versuche man, die ungelösten innerpsychischen Konflikte aufzudecken und zu lösen. Eine neue Therapiemöglichkeit biete die „Metacognitive Therapy for Delusions“, die im Rahmen einer Gruppentherapie „die verschiedenen ‚Fehlermöglichkeiten‘ (biases) von Denkstilen“ bespreche (S. 215).

Nach einem kurzen Bericht über Sabine Leonhardt und ihre Familie, die er nach 16 Jahren zufällig wiedergetroffen habe, fasst Achim Haug die wichtigsten Punkte seines Buches zusammen und erweitert sie um die Einsicht, „dass es auch außerhalb des klar zu diagnostizierenden Wahns enorme Verrücktheiten“ gebe (S. 226). Wahnähnliche Zustände seien uns allen aus unseren Träumen bekannt.

Diskussion

In der vorliegenden Publikation verzichtet Achim Haug auf eine eigens ausgewiesene Einleitung und einen ebensolchen Schluss. Der Beginn in medias res unterstreicht, dass hier weniger eine wissenschaftlich ausgerichtete Monografie vorgelegt werden soll, sondern dass vielmehr ein im doppelten Sinne offener Blick, sowohl unabgeschlossen/vorläufig als auch bar jeden (Vor-)Urteils, auf den Facettenreichtum wahnhafter Erscheinungen im Zentrum des Interesses steht. Achim Haug versteht sich darauf, die Partikularitäten der Einzelschicksale zu durchleuchten und die jeweils individuelle Pathologie im Hinblick auf Paradigmen auszuloten und zu deuten. So erzählt er einerseits Fallgeschichten, kontextualisiert diese andererseits aber so, dass an ihnen ein synchrones und ebenfalls diachrones Allgemeines augenfällig wird. Er brilliert darin, die Berichte über die Einzelschicksale in das aktuelle Feld der Psychiatrie und Psychotherapie einzuordnen sowie letzteres in seiner historischen Gewordenheit zu akzentuieren. Dieser Vorgehensweise wohnt naturgemäß eine gewisse Kontingenz inne, denn was genau an welcher Stelle wie vertieft wird, ergibt sich zuerst und vor allem aus der jeweiligen Geschichte. Dabei ist es ein großes Plus, dass Achim Haug seine fachwissenschaftlichen Intensivierungen nicht an das Ende der jeweiligen Falldarstellung setzt, sondern mitten in sie hinein. Die sich daraus ergebende Vernetzung von Praxis und Theorie birgt ganz besonders prodesse et delectare, nämlich den Nutzen der Korrelation und die Freude daran. Für Haugs FachkollegInnen mag dies eine bestätigende Einsicht sein, für alle interessierten Laien indessen kann hier der Ursprung neuer Erkenntnisse liegen und vor allem die Neugier aufkommen, sich weiter informieren zu wollen. Besonders zu würdigen ist in diesem Kontext, dass die theoretischen Dimensionierungen einem dualen sinnlogischen Muster folgen, primär bezogen auf den jeweiligen Fall, sekundär dem Fortschreiten der Publikation an sich geschuldet: im ersten Kapitel (Tamara Grünfeld) konzentriert sich Achim Haug daher auf Wahrnehmungen im Allgemeinen, auf das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell sowie auf Suizidalität. Danach (Hans Taubert) widmet er sichder Seinsweise des Wahns, den Wahnkriterien, Erkenntnissen der Hirnforschung und dem „privativen Erleben“ seines Patienten, bevor er in der Geschichte von Tobias Ernst die Stadien der Wahnentwicklung differenziert und den Wahn dieses Patienten als „bizarr“ oder „fantastisch“ pointiert. Im letzten Kapitel begibt sich Achim Haug auf die Suche nach den Ursachen wahnhafter Erscheinungen, schlägt damit den Bogen zum Beginn und fokussiert die sogenannten Misidentifikationssyndrome.

Dieses Procedere ist sehr gut nachzuvollziehen. Doch trotz dieser Kohäsion und auch obwohl der Autor in keiner Weise intendiert, ein Lehrbuch zu Phänomenen des Wahns zu verfassen, hätte man sich an einigen – wenigen – Stellen eine (noch) systematischere Darstellung und/oder genauere, nicht ganz so beiläufige, Definitionen wünschen dürfen. Bei den beiden Patientinnen ist die Diagnose unstrittig: Tamara Grünfeld leidet an Schizophrenie, Sabine Leonhardt am Capgras-Syndrom. Schizophrenie scheint bei den beiden Patienten ebenfalls vorzuliegen. Bei Hans Taubert ist jedoch vor allem von „privativem Erleben“ die Rede, bei Tobias Ernst von einem „bizarren“ oder „fantastischen Wahn“. Zum „Privativen“ kommt die Frage auf, ob „privativ“ – so wie Haug in Anlehnung an Christian Scharfetter insinuiert – mit „privat“ gleichgesetzt werden kann oder ob nicht die Bedeutung „fehlend“ im Sinne von „weggenommen“, gar „beraubt von“ stärker wiegt [3]. Die Reise zwischen den drei Welten hat Hans Taubert die eigentliche Welt, das, was die meisten Menschen als Realität anerkennen, geraubt. Und warum eigentlich kann dieses „privative Erleben“ nicht auch als „fantastischer Wahn“ deklariert werden? Und warum, so könnte man extensivieren, gilt dieses Etikett nicht auch für alle anderen? Dass Tobias Ernst in Zeiten der Krankheit in einen aberwitzigen religiösen Wahn, einen zweifelsohne bizarren und fantastischen, eintaucht, steht außer Zweifel. Die drei anderen realisieren aber auf unterschiedliche Weise zumindest Stoffe, aus denen sich fantastische Literatur speist. Man denke an Philip Pullman, in dessen Trilogie [4] man mit einem „magischen Messer“ von einer Welt in die nächste gelangt oder an die vielen Doppelgänger, z.B. in den Geschichten um Peter Schlemilh, Dorian Gray oder William Wilson, die fantastische Texte bevölkern. Tamara Grünfeld mit ihren Trillionen von Kreaturen, die an ihren Organen nagen, kippt eher ins Märchenhafte (sie hat sich – so wie der Wolf – etwas einverleibt) oder in die Gattung der Sciencefiction.

Bei dem Titel „Die Frau, deren Mann vertauscht wurde“ ist es kaum möglich, nicht an Oliver Sacks‘ „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ zu denken. So entsteht hier eine paratextuelle Hommage, die kompensiert, dass Sacks in den „Reisen in die Welt des Wahns“ ansonsten nur randständig als der Entdecker der Ursache von Parkinson-Erkrankungen in Erscheinung tritt. Hier bietet sich nun die Gelegenheit, einerseits grundlegend zu betonen, dass Achim Haugs „Reisen in die Welt des Wahns“ rundum gelungene Erzählungen parat halten. Andererseits jedoch kommt er an das Ideal der neurowissenschaftlich-psychiatrischen Fallerzählungen von Oliver Sacks nicht ganz heran, was kaum erstaunen dürfte. Im Vergleich zu Oliver Sacks setzt Achim Haug – so ist anzunehmen – in noch stärkerem Maße auf Authentizität, was sich insbesondere in der im Vergleich zu Sacks noch intensiveren Dialogizität der Texte manifestiert. Dies wiederum reduziert die narrative Qualität. Im Fall von Tamara Grünfeld kommen die Imitation eines typisch slawischen Akzents und vor allem die Abbildung typisch slawischer Grammatikfehler hinzu. Dies dämpft leider auch die Ernsthaftigkeit der Darstellung.

Doch wie dem auch sei: Reisen in die Welt des Wahns punktet mit einem Text, der für ein breites Publikum sehr gut lesbar ist. Einige Abbildungen, z.B. die Kippfiguren im ersten Kapitel oder der Bezug auf die Experimente im dritten, tun ein Übriges, um die Lektüre zu bereichern. Ein eindeutiger Vorteil gegenüber dem „kleinen Buch von der Seele“ sind Anmerkungen und ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis.

In seiner Totalität und Vielfalt ist das Buch von nicht zu unterschätzender Bedeutung für sozial- und kulturwissenschaftliche Disziplinen. Es unterstützt darin, Menschen und ihre Schicksale einerseits in einer biografischen Verlaufsperspektive zu sehen, andererseits aber auch einschätzen zu können, welche Rolle der Lebenslauf bei der Entwicklung von Krankheitssymptomen einnimmt. Ein Instrument dafür bietet das „Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell“. Dass Achim Haug mehrfach hervorstreicht, dass Wahnsymptome immer den Menschen in seiner ganzen Lebensgeschichte treffen, dass er die Phasen der Suizidalität sowie Kriterien für einen Wahn, Phasen und Ursachen einer Wahnerkrankung listet, ist des Weiteren von interdisziplinärer Relevanz. Und am wichtigsten ist in dieser Hinsicht möglicherweise die Interpretation des Wahns als „Selbstschutz“, die Perspektive auf den Wahn als „Instrument […], um unangenehme Unsicherheiten in zwar wahnhaftes, aber doch sichereres und damit weniger beunruhigendes Wissen zu verwandeln“ (S. 178).

Fazit

Er habe ein unterhaltsames Buch schreiben wollen, das betont Achim Haug abschließend und ihm kann bescheinigt werden, dass er dieses Ziel vollends erreicht hat. Erfrischende und kurzweilige Geschichten aus der Welt des Wahns erreichen das seltene Ideal einer Synthese von Unterhaltung und Bildung und dürften damit den Horizont der meisten LeserInnen erweitern.


[1] Bianca Sukrow: Der Fall des Falles. Literarische Phänomene in psychiatrischen, neurowissenschaftlichen und autobiografischen Fallgeschichten. Hildesheim: Georg Olms, 2015.

[2] Oliver Sacks: Awakenings – Zeit des Erwachens. Reinbek: rororo, 1991 und Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Reinbek: rororo, 1990.

[3] Vgl. auch das englische „privative“ und das französische „privatif“.

[4] Vgl. z.B. die folgende Ausgabe: Philipp Pullman: His Dark Materials: Der Goldene Kompass. Hamburg: Carlsen, 21. Aufl. 2007.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 26.09.2019 zu: Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns. Ein Psychiater erzählt von inneren Stimmen, bizarren Botschaften und gefährlichen Doppelgängern. Verlag C.H. Beck (München) 2019. ISBN 978-3-406-72743-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25624.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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