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Hannah Schott-Leser: Ehrenamt im Kontext von Flucht und Marginalisierung

Cover Hannah Schott-Leser: Ehrenamt im Kontext von Flucht und Marginalisierung. Eine rekonstruktive Untersuchung pädagogischer Laientätigkeit auf Basis von Patenschaftsbeziehungen mit jungen Menschen in prekären Lebenslagen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 326 Seiten. ISBN 978-3-8474-2195-5. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR.
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Thema

Die Autorin und Gewinnerin des Dissertationswettbewerbs Promotion stellt eine rekonstruktive Untersuchung von Patenschaftsprojekten für junge Menschen aus prekären Lebensverhältnissen vor. Schott-Leser analysiert die Patenschaftsbeziehungen vor allem vor dem Hintergrund ihrer Beziehungsdynamiken.

Autorin

Dr. phil. Hannah Schott-Leser ist Dipl.-Pädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Aufbau und Inhalt

Die qualitativ empirische Forschungsarbeit der Gewinnerin des Dissertationswettbewerbs Promotion, Hannah Schott-Leser, ist aufgeteilt in sieben Kapitel einschließlich Einleitung und Literaturverzeichnis.

Frau Schott-Leser möchte mit ihrer Arbeit „Beziehungsdynamiken und Wirkungen, (…) potenzielle Möglichkeitsräume, Risiken und Grenzen“ von pädagogischer Laientätigkeit ausleuchten (S. 12). Hierfür wählt sie einen fallbezogenen objektiv-hermeneutischen Zugang.

Sie stellt die Frage nach gelingenden und scheiternden Mentorenbeziehungen und den damit zusammenhängenden Strukturfragen von Patenschaften. Nach der Einleitung (Kap. 1), thematisiert Kapitel 2 die Theorie und die Diskussion rund um Mentoren/bzw. Patenschaftsbeziehungen. Hierzu gehört: Klärung der Begrifflichkeit (Kap. 2.1.1), Konzepte (Kap. 2.1.2) und die Bezugnahme auf das Projekt PrävMent (Kap. 2.1.3).

Kapitel 3 erläutert sehr umfassend das forschungsmethodische Setting: Formulierung der Fragestellung (Kap. 3.1.2), Begründung des Forschungsdesigns (Kap. 3.1.3), Diskussion der Methodenwahl (Kap. 3.2) einschließlich Tagebuchdokumentation, Leitfadeninterviews, Gruppendiskussionen, Auswertung von Projektberichten und Protokollen, Darstellung der Qualitativen Inhaltsanalyse (Kap. 3.2.2) und Methodologische Diskussion (Kap. 3.3), sowie abschließend die Reformulierung der Fragebestellung (Kap. 3.4)

Im 4. Kapitel werden die Ergebnisse der Fallanalysen auf insgesamt 204 Seiten dargestellt. Zunächst nimmt Schott-Leser eine Beschreibung der 115 jugendlichen Teilnehmenden unter Rückbezug der gesamten Datenlage vor, hiernach folgt die Typisierung der verschiedenen Mentoringkonstellationen, die Motive zur Teilnahme, Rollenbeschreibungen der Mentoren (vgl. Kap. 4.1). Unter Kap. 4.2 erfolgt dann die kontrastive Fallrekonstruktion zweier Tandems über narrative Interviews und Protokolle.

Das 5. Kapitel thematisiert die professionstheoretischen Überlegungen innerhalb der Patentätigkeit, die als Laientätigkeit gewertet wird. In Kapitel 5.3 erfolgt die für die Praxis hoch relevante Diskussion über die Voraussetzungen für eine Begleitung der Laientätigkeit.

Die Autorin fordert eine „kontinuierliche und zeitnahe Form der Supervision“ durch externe Kräfte. Für Schott-Leser gilt es, die „Supervision aufzuwerten und zum curricularen und zentralen Bestandteil pädagogischer Laientätigkeit zu machen. Kann diese Voraussetzung nicht gewährleistet werden, ist aus pädagogischer Sicht von der Laienpraxis abzuraten, da das Risiko ungünstiger Entwicklung weitaus höher liegt als ein etwaiger Gewinn“ (S. 299).

Die begleitende Reflexion ist hingegen überwiegend an Koordination gebunden (S. 299). Bei diesem Modell vermutet Schott-Leser Verwicklungen durch Erfolgsdruck und Legitimationsdruck gegenüber den Auftragsgebern/und oder Stakeholdern. Koordinatoren übernehmen eher „Managementfunktion“, „indem sie die Effektivität der ehrenamtlichen Tätigkeit erhöhen“ sollen (S. 300). Mögliche Abbrüche in Patenschaftsbeziehungen durchkreuzen hingegen die Erfolgslogik von mittelfristigen Projektfinanzierungen.

Die Hauptaufgabe einer unabhängigen Supervision (Kap. 5.3.2) sieht Schott-Leser vor allem in der Aufarbeitung der „Dialektik von Nähe und Distanz“ mit „diffusen“ Rollenbeziehungen (S. 301). In Fragen der Reflexion über die pädagogische Laientätigkeit bezieht sich die Autorin in Kapitel 5.3.3 insbesondere auf die Methode des „Szenischen Verstehens“. Wobei die Reflexion der unbewussten Beziehungsdynamiken (S. 302) zentraler Gegenstand sein sollte. Dies soll zu einem besseren Verstehen der Beziehungsdynamiken beitragen, insbesondere da man nach Ansicht der Autorin davon ausgehen muss, dass sich traumatische Erfahrungen wiederholen können und Übertragungsphänomene, wie man sie aus dem therapeutischen Kontext kennt, auftreten können. Paten sind wichtige Bezugspersonen, die in der Lage sein sollten, „Lebensgeschichten auszuhalten, wenn sie erzählt werden möchten“ (S. 303).

Diskussion

Die Studie von Schott-Leser ermöglicht eine intensive Innensicht auf Patenschaftsbeziehungen, deren Wirkungen und Begrenzungen. Die geringe Fallzahl der qualitativen Studie (2 Patenschaftstandems) lässt nur einen reduzierten Einblick zu.

Die Zielgruppe im Projekt PrävMent, auf die sich Schott-Leser bezieht, sind Jugendliche mit Drogenkonsum, oder gefährdete Jugendliche. Dies ist eine Zielgruppe, die sich m.E. für Patenmodelle nur bedingt eignet. Wichtig auf beiden Seiten (Paten und Jugendliche) ist die Bereitschaft und nötige Offenheit sich in die Patenschaft einzubringen. Die gemeinsamen Aufgaben dürfen nicht zu anspruchsvoll aber auch nicht zu leicht sein.

Als Mentoren im Projekt PrävMent wurden Studierende rekrutiert, die einen hohen Anteil an Fachwissen (Suchttheorien, Gesprächsführung, Erlebnispädagogik) mitbringen und deren Engagement im Projekt an Studienleistungen gebunden ist.

Die untersuchten Patenschaften dauerten zwischen sechs bis acht Monate, die für Patenmodelle vergleichsweise kurze Begleitungsdauer mit dafür hoher Kontaktdichte (4 Std./Woche), entspricht nicht dem Setting üblicher Patenmodelle. Patenschaftsbeziehungen über mehrere Jahre, mindestens jedoch für ein Jahr, sind keine Seltenheit und geben dann natürlich andere Aussagen über die Beziehungsqualität.

Fazit

Die Studie von Schott-Leser ermöglicht einen detaillierten Blick in Patenschaftstandems. Das Setting „Paten aus dem Kreis der Studierendenschaft und Jugendliche mit erhöhtem sozialpädagogischem Unterstützungsbedarf“ entspricht allerdings nicht den gängigen Formaten.

Die Ergebnisse der Studie sind damit m.E. nur begrenzt auf Patenmodelle im Bereich bürgerschaftliches Engagement übertragbar. Insbesondere die Personengruppe der Mentoren/Paten unterscheidet sich durch die Projektgruppe hinsichtlich Alter und Lebenserfahrung. Auch die Ausrichtung auf die sehr eng gefasste Zielgruppe in hoch prekären Lebenslagen erscheint mir schwierig für die Vermittlung in Patenschaften und die von Schott-Leser herausgearbeitete Überforderung der Paten ist angesichts der schwierigen Ausgangsbedingungen ein folgerichtiges Ergebnis.

Die Forderung nach externer Supervision mag gerechtfertigt sein – auch wenn die Finanzierung oft eine nahezu unlösbare Aufgabe darstellt.

Patenmodelle können gute Erfolge verzeichnen, allerdings muss bei der Auswahl der Jugendlichen auf eine gewisse Grundkooperation eines freiwilligen Angebotes geachtet werden. Die Unterstützungsbedarfe müssen für freiwilliges Engagement bewältigbar sein. Es ist hilfreich einen klar begrenzten Aufgabenbereich zu definieren: Drogenprävention überschreitet deutlich den Rahmen von Patenmodellen.

Der Fokus auf die Beziehungsdynamik ist gleichwohl ein spannendes Feld und eröffnet über die breite Datenbasis (Leitfadeninterviews, Gruppendiskussionen, Protokollen und Tagebüchern) Innensichten in ein weit gefasstes Feld.

Die Reichweite der Ergebnisse sind m.E. begrenzt, da es sich um ein eher untypisches Patenmodell handelt, hinsichtlich Auswahl der Mentoren, Aufgaben der Mentoren, Unterstützungsbedarf der Jugendlichen und Dauer der Patenschaften.


Rezensentin
Dr. Michaela Harmeier
Ehrenamts-Koordinatorin der Initiative PfAu (Paten für Ausbildung) der Freiwilligen-Agentur im Diakonischen Werk An Sieg und Rhein
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Zitiervorschlag
Michaela Harmeier. Rezension vom 13.06.2019 zu: Hannah Schott-Leser: Ehrenamt im Kontext von Flucht und Marginalisierung. Eine rekonstruktive Untersuchung pädagogischer Laientätigkeit auf Basis von Patenschaftsbeziehungen mit jungen Menschen in prekären Lebenslagen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2195-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25625.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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