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Udo Rauchfleisch: Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität

Cover Udo Rauchfleisch: Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität. Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 74 Seiten. ISBN 978-3-525-40516-1. D: 10,00 EUR, A: 11,00 EUR.

Reihe: Psychodynamik kompakt.
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Thema

Udo Rauchfleisch setzt sich in seinem Buch für einen Wechsel von einem Pathologiekonzept »Transsexualismus« zur »Genderdysphorie« bis hin zur »Geschlechtsinkongruenz« und dem nichtpathologischen Begriff der »Transidentität« ein. Dazu sind die absolute Selbstentscheidung der transidenten Menschen über die von ihnen gewünschten Schritte in ihrer sogenannten Transition erforderlich. Er beschreibt ein Konzept für eine professionelle Begleitung Transidenter im Sinne eines transaffirmativen Coachings. Außer an Transmenschen selbst und ihren Angehörigen richtet sich das Buch vor allem an Fachleute der verschiedenen Disziplinen, die an der Begleitung und Therapie von Transidenten beteiligt sind oder werden könnten.

Autor

Prof. emer. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch ist Diplom-Psychologe und Fachpsychologe (FSP/SVKP), Psychoanalytiker (DPG, DGPT), lehrte Klinische Psychologie an der Universität Basel und ist als Psychotherapeut in privater Praxis tätig (Verlagsangaben).

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst nachfolgende acht Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Ätiologische Überlegungen
  3. Der „traditionelle“ Weg der Diagnostik und Behandlung
  4. Überlegung zur Entwicklung transidenter Menschen
  5. Die Behandlung von Trans*menschen mit psychischen Erkrankungen
  6. Hauptthemen in der therapeutischen Begleitung von Trans*menschen
  7. Warum sehen sich transidente Menschen mit soviel Ablehnung konfrontiert?
  8. Fazit

Das erste Kapitel nimmt zunächst eine Begriffsklärung vor und spannt einen Bogen über die verschiedenen Diagnosesysteme, die versucht haben, dass Problem der Geschlechtsdysphorie anders zu erfassen, um eine Entpathologisierung des Phänomens möglich zu machen. Er nimmt dabei Bezug auf ICD-10 „Transsexualismus“, ICD-11 „Geschlechtsinkongruenz “ und „Transidentität“. Der Autor spricht sich dabei für den Begriff Transidentität aus, weil er letztlich außerhalb der Diagnosesysteme angeordnet ist und das Kernthema der Trans*menschen am besten trifft und keine Störung impliziert.

Das sehr kurze zweite Kapitel widmet sich ätiologischen Überlegungen, wobei der Autor festhält, dass es am Ende keine verbindliche allgemeingültige Erklärung für das Entstehen von Transidentität zu geben scheint.

In Kapitel drei wird der traditionelle Weg der Diagnostik und Behandlung von Transmenschen detailliert vorgestellt. Dies erhält dadurch eine besonders aktuelle Relevanz, weil seit Oktober 2018 neue Leitlinien zur Diagnostik, Beratung und Behandlung Betroffener in Deutschland gelten. So kann die medizinische Entscheidungssicherheit erhöht werden. Hier spricht der Autor wichtige Aspekte an, unter anderem auch den sogenannten Alltagstest, also die Erprobung des gewünschten Geschlechts im Alltag über einen vorgeschriebenen Zeitraum. Diesen stellte der Autor in seiner Absolutheit in Frage und verweist auf die Diskriminierungspotenziale, die es bei diesem Identitätswechsel im Alltag zu berücksichtigen gilt. Der Autor geht außerdem auch auf die hormonelle Behandlung, chirurgische Interventionen und die Vornamens- und Personenstandsänderung ein.

In Kapitel vier steht die therapeutische Begleitung im Mittelpunkt, die als ein Coaching betrachtet werden kann, das versucht, mit den Betroffenen die einzelnen Stadien der Veränderung der persönlichen Identität zu begleiten. Diese Phasen stellen sich im Wesentlichen wie folgt dar.:

  1. Phase: innere Wahrnehmung des transsexuellen Erlebens
  2. Phase: innere Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des Öffnen nach außen
  3. Phase: Offenbarung des transsexuellen Erlebens nach außen
  4. Phase: juristischer, medizinischer und psychologischer Prozess
  5. Phase: körperlicher Angleichung – Hormone und Operation
  6. Phase: Heilungsphase.

In Kapitel 5 widmet sich der Autor der Behandlung von Trans*menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch wenn der Autor betont, dass Transidentität grundsätzlich nichts mit psychischer Gesundheit oder Krankheit zu tun hat, leiden Transmenschen unter bestimmten Bedingungen, die ihnen „durch die sie marginalisierende Gesellschaft zugefügt werden“ (54). Diese können zum Beispiel im Zusammenhang stehen mit der Klärung der Identität, dem Coming-out im beruflichen Bereich oder der Öffentlichkeit, oder im privaten Bereich oder auch bedingt sein durch die Auseinandersetzung mit den zu erreichenden Zielen der Transition.

In einem letzten Kapitel geht der Autor der Frage nach, warum auch heute noch transidenten Menschen so viel Ablehnung entgegen schlägt. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auf drei ursächliche Aspekte:

  1. die radikale Infragestellung durch die Dichotomisierung und Kategorisierung der Geschlechter im Sinne der Binarität
  2. die Fragwürdigkeit der Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht
  3. die soziale Konstruktion des biologischen, binär gedachten Geschlechtes.

Diskussion und Fazit

Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag in der Debatte um Transidentität. Es liefert wichtiges und notwendiges hochaktuelles Faktenwissen und bietet einen fundierten theoretischen Referenzrahmen an. Es ist nicht nur eine geeignete Lektüre für Betroffene, sondern für alle, die Menschen in dieser Lebenssituation begleiten, unterstützen und beraten möchten.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 01.08.2019 zu: Udo Rauchfleisch: Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität. Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-525-40516-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25627.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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