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Andrea Prölß, Thomas Schnell u.a.: Psychische Störungsbilder

Cover Andrea Prölß, Thomas Schnell, Leona Julie Koch: Psychische Störungsbilder. Springer (Berlin) 2019. 152 Seiten. ISBN 978-3-662-58287-9. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema

Das Buch will „Interessierten, Betroffenen, Angehörigen bis zu … therapeutisch … tätigem Fachpersonal“ „künstlerische Annäherungen“ und dazu „ausschließlich wissenschaftlich allgemein anerkannte Informationen“ über ausgewählte psychische Störungen bieten. Es setzt dies um, indem kurze Darstellungen zu einzelnen Störungsbildern mit Zeichnungen eines Künstlers kombiniert werden.

Autoren

Die Autoren sind zwei Psychologen, einer davon Hochschullehrer an der privaten Medical School Hamburg, sowie eine Psychologiestudentin dieser Hochschule.

Aufbau

Die Einleitung benennt als Ziel, Vorurteilen, negativen Stereotypisierungen und der Tabuisierung psychischer Erkrankungen entgegen zu wirken. Der Umschlagtext verspricht zudem eine „ebenso originelle, wie interessante und bereichernde Reise in die Welt der psychiatrischen Phänomene“.

Nach der Einleitung folgen 17 Kapitel zu einzelnen Störungsbildern, die teilweise an ICD-Kapiteln orientiert sind, teils aber auch einer eigenen Systematik der Autoren folgen.

Dazu enthält das Buch etliche radierungsähnliche Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die jeweils in die Kapitel eingebunden und mit Namen der psychischen Störungen versehen sind. Die künstlerischen Darstellungen werden nicht kommentiert oder interpretiert.

Formale Aspekte

Das Buch trägt den Charakter einer Sammlung von sehr kurzen Seminarskripten; eine inhaltliche Klammer ist nicht erkennbar. Die Kapitel sind analog in „Symptomatik, Entstehungsbedingungen, Epidemiologie und Verlauf sowie Therapie und Prognose“ gegliedert; diese Systematik ist logisch und schafft Orientierung. Rechtschreibung und Interpunktion sind im Wesentlichen fehlerfrei.

Es fehlt allerdings jeglicher Verweis auf weiterführende Fachliteratur, sodass Lesende mit Interesse an einer Vertiefung einzelner Aspekte nicht unterstützt werden.

Inhalt

Inhaltliche Tiefe und fachliches Niveau unterscheiden sich von Kapitel zu Kapitel. Bei den meisten Störungsbildern fehlt, sicher durch Platzmangel und Themenfülle begünstigt, eine einführende Vorbemerkung, sodass die Lesenden direkt in das Thema „gestürzt“ werden. Dies ist für Fachpersonal sicher kein Problem, für Laien aber sehr wohl. Ärgerlich und vor allem für Laien verwirrend sind kategoriale Ungenauigkeiten. Die meisten Kapitel benennen in ihrer Überschrift Krankheitsoberbegriffe. Das Kapitel zur Demenz dagegen heißt „Alzheimer-Demenz“, obwohl die Alzheimer-Erkrankung nur eine, wenn auch häufige, Form der Demenz ist, während die anderen Demenzformen aber gar nicht benannt werden. Gerade im präventiven und aufklärerischen, aber auch allgemeinbildenden Sinne wäre es sinnvoll gewesen, mindestens auch die gefäßbedingten Demenzen zu erwähnen, deren Risiko ja mit Veränderungen im Lebensstil relevant verringert werden kann. Bei der Persönlichkeitsstörungen wird diese kategoriale Ungenauigkeit besonders deutlich: es fehlt eine allgemeine Definition der Persönlichkeitsstörungen, einzelne PS werden herausgegriffen, ohne dass die Autoren darauf verweisen, dass es auch noch andere PS gibt. Diese wiederum werden ohne Begründung nicht einmal erwähnt.

Die Kürze der jeweiligen Kapitel führt auch zu übergeneralisierenden und allzu plakativen Äußerungen; sie stellen damit den vorgetragenem Anspruch des Buches, Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken begegnen zu wollen, in Frage.

Manche Passagen sind schlicht misslungen und banalisieren einerseits, tragen andererseits zur Aufrechterhaltung negativer Stereotypen und Ausgrenzungstendenzen bei: Die Autoren formulieren etwa zur sog. Borderline-Persönlichkeitsstörung: „Es liegt auf der Hand, dass ein Leben mit BPS trotz einiger Vorzüge sehr anstrengend ist. Drei Viertel der Betroffenen begehen daher auch regelmäßig Suizidversuche, an denen 4 – 11 % letztlich versterben“. Wenn alle Menschen, deren Leben „trotz einiger Vorzüge … anstrengend ist“, regelmäßig Suizidversuche begingen, sähe diese Gesellschaft anders aus – hier ist die Formulierung „anstrengend“ angesichts der Belastungen durch eine psychischen Erkrankung banalisierend – und für die weniger informierte Leserschaft entsteht auf der anderen Seite das Bild einer Person im permanenten Suizidversuchsmodus. Ebenso unangemessen banalisierend ist die Darstellung der aversiven Therapien bei Suchterkrankungen: „Manche Medikamente wirken so, dass es dem Süchtigen im Fall eines Rückfalls schlecht geht (sog. Aversionstherapie). Das soll Betroffene abschrecken, denn wenn es keinen Spaß macht, sondern schmerzt, ist die Konsummotivation doch eher gedämpft“. Diese wirklich erschreckend platte Formulierung wird weder den körperlich-medizinischen noch den psychotherapeutischen oder gar den ethischen Problemen der Behandlung mit Disulfiram bei Alkoholkranken auch nur annähernd gerecht.

Diskussion

Das Buch erhebt den Anspruch, für ein breites Publikum von „Interessierten, Betroffenen, Angehörigen bis zu …therapeutisch tätigem Fachpersonal“ neben „künstlerischen Annäherungen“ auch „ausschließlich wissenschaftlich allgemein anerkannte Informationen“ über ausgewählte psychische Störungen zu bieten.

Letzterer Anspruch wird im wesentlichen erfüllt, anders als in vielen sensationsheischend- pseudopsychiatriekritisch verfassten Werken sind die Inhalte zwar oberflächlich, aber mit einigen Ausnahmen durchweg „solide“. Die im Umschlagtext angepriesenen künstlerischen Darstellungen bieten allerdings wenig Mehrwert; viele können zwar als Ausdruck menschlicher Extremsituationen wie Verzweiflung, Verwirrung und Panik interpretiert werden, ein spezifischer Zusammenhang zu den jeweiligen Störungen ist aber nicht immer erkennbar.

Die Autoren bemühen sich um eine allgemeinverständliche Sprache. Auch dies gelingt insoweit, als dass das Niveau jedenfalls nicht das Allgemeinbildende überschreitet; teils sind die Formulierungen aber eher altbacken und erinnern an ein fürsorglich-paternalistisches Werk, das man eher in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts vermutet hätte.

Irritierend ist, dass es keinerlei „Rahmen“ oder Beziehungssetzung zwischen den einzelnen Kapiteln gibt. So wird etwa der grundsätzliche Unterschied zwischen psychotischen, also den Realitätsbezug beeinträchtigenden Störungen und leichteren, nicht-psychotischen Erkrankungen in keiner Weise thematisiert, obwohl Krankheitsverläufe und sozialmedizinische Konsequenzen sehr unterschiedlich sind. Auch ist die Reihung der Störungsbilder ohne jede Systematik, die Auswahl der einen wie das Weglassen anderer Störungsbilder erscheint willkürlich und wird nicht begründet.

Da die einzelnen Kapitel angesichts ihrer Kürze sehr im Oberflächlichen verharren, sind sie allenfalls als allererste Orientierung zu verstehen. Da, wo sie über das Wikipedia-Niveau hinausreichen könnten, enden sie auch schon wieder.

Fazit

Insgesamt ist bei allem Respekt für die gute Absicht der Autoren ein echter Nutzen des Buches nur schwer zu erkennen: bereits für einen Betroffenen- oder Angehörigenratgeber ist es zu oberflächlich, für jegliches Fachpersonal ohnehin zu kurz, es fehlt jede Orientierung und der Anspruch, über künstlerische Darstellungen einen Mehrwert, möglicherweise sogar einen Abbau von negativen Stereotypen zu erreichen, erscheint mangels Kommentierung und Einordnung nicht realisiert. Der Verlag hätte zudem die Schwächen in Aufbau und Systematik des Buches durch ein kompetentes Fachlektorat vor Veröffentlichung erkennen und abstellen sollen.


Rezension von
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
M.A., M.A.E.
Fachhochschule Münster, FB Sozialwesen, Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft /Sozialmedizin. Beauftragter für den Masterstudiengang "Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework)"

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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 04.02.2020 zu: Andrea Prölß, Thomas Schnell, Leona Julie Koch: Psychische Störungsbilder. Springer (Berlin) 2019. ISBN 978-3-662-58287-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25631.php, Datum des Zugriffs 27.10.2020.


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