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Boris Pigorsch: Der innere Kritiker

Cover Boris Pigorsch: Der innere Kritiker von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Selbstabwertung und übertriebene Zweifel entmachten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 243 Seiten. ISBN 978-3-621-28573-5. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 48,00 sFr.

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Thema

Das Buch stellt im Wesentlichen eine differenzierte Anleitung mit ausführlichen praktischen Übungen für angehende und bereits tätige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dar, sich verstärkt mit dem „inneren Kritiker“ auseinanderzusetzen, der das berufliche wie private Leben mehr oder minder beeinträchtigt bzw. beschädigen kann. Insofern handelt es sich um ein Plädoyer und eine praktische Hilfe zur Intensivierung der Selbsterfahrung, die zwar ohnehin ein obligatorischer Bestandteil der Ausbildung zum Psychotherapeuten ist, aber einen nicht abschließbaren Prozess der Kompetenzentwicklung erfordert. Gleichzeitig bezieht das Buch auch die psychotherapeutischen Patientinnen und Patienten ein, die ähnlich wie die Therapeuten an Problemen der Selbstabwertung und Selbstinfragestellung leiden. Auch hier dienen die genannten praktischen Übungen als hilfreiche Unterstützung.

Autor

Der Autor Boris Pigorsch ist ausgebildeter Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis und hat seinen Schwerpunkt hauptsächlich in der Verhaltenstherapie, dann aber auch Kenntnisse und Erfahrungen in systemischen, psychodynamischen und psychodramatischen Ansätzen sowie in Yoga. Zudem ist er langjährig auch in der Ausbildung von Psychotherapeuten tätig.

Entstehung

Der Autor möchte mit diesem Buch einen Beitrag zur Anerkennung der durchaus verbreiteten „eigenen Bedürftigkeit als Helferin bzw. Helfer“ leisten. Er will „keine wissenschaftliche Abhandlung“, sondern ein Praxisbuch in Form von Texten, Transkripten, Arbeitsblättern, Audiodateien, Metaphern und Geschichten präsentieren und sich dabei an Konzepten der Ego-State-Therapie, der Achtsamkeit und der Selbsthypnose orientieren.

Inhalt

Das Buch besteht aus 12 Kapiteln und einem weitläufigen Anhang, bei dem über Passwortzugang alle Arbeitsblätter, ungekürzten Kollegeninterviews und Audiodateien zu den einzelnen Meditationsübungen auf der Internetseite des Verlages abgerufen werden können.

Die einzelnen Kapitel greifen jeweils einen wichtigen Schwerpunkt (ausgedrückt durch typische Sätze) bei den Vorgängen der Selbstabwertung auf und bieten dazu passende Arbeitsblätter (insgesamt 38) zur Stärkung der Wertschätzung an. Zugleich werden anhand von Interviews mit Kolleg*innen (6 weibliche, 1 männlicher) Textauszüge herangezogen, die die jeweiligen Erlebensweisen charakterisieren.

Als Beispiel sei hier das Kapitel 6 mit dem Titel „Bedingte versus bedingungslose Wertschätzung“ kurz vorgestellt (S. 134 ff.). Typische Selbstaussagen sind hier z.B.: „Ich bin nur gut, wenn andere mich als gut genug bewerten und beurteilen“. Auf beigefügten Arbeitsblättern sollen die hilfesuchenden Therapeut*innen zunächst beobachten und notieren, in welchen Situationen sie sich bedingt oder bedingungslos zugewandt verhalten. Sodann werden strukturierte Interviewsequenzen, die der Autor in Gesprächen mit Kolleg*innen erarbeitet hat, als vertiefendes Material zur Verfügung gestellt (Typische Kernaussagen: „Du solltest Dich ein bisschen zusammenreißen!“ und „Aber das Besondere habe ich nicht“). Im nächsten Schritt soll dann der/die Therapeut*in ihre/seine lebensgeschichtlich erworbenen Sätze und Regeln bezüglich der erlebten Wertschätzung differenziert aufschreiben und sodann hinsichtlich der Anteile von Selbstakzeptanz untersuchen. Schließlich stellt der Autor eine Audiodatei zur Verfügung, in der er hypnotherapeutisch die Therapeut*innen zu mehr Selbstschutz anleitet.

Schließlich werden im 10. und 11. Kapitel Handlungsempfehlungen bzw. Schritte zur Selbstfürsorge der Psychotherapeut*innen benannt, während im 12. Kapitel der Autor sein eigenes 15-tägiges Seminar-Kurssystem für mehr Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge ausführlich vorstellt.

Diskussion

Das Buch ist ein exzellenter und deutlicher Beleg für die Notwendigkeit, der Selbsterfahrung (SE) in der Ausbildung der Psychotherapeuten ein größeres Gewicht zu verleihen. Noch immer wird teilweise behauptet, dass die SE wenig zur Kompetenz von Psychotherapeuten beitrage. Es ist erschreckend, dass die aktuelle Novellierung des Psychotherapeutengesetzes, die eine Approbation am Ende eines konsekutiven BSc/MSc-Studienganges vorsieht, nur marginale Praxiserfahrung und SE-Anteile vorschreibt. Der Autor zeigt hingegen aufgrund seiner fachlichen und praktischen Kompetenz, dass eine mangelhafte SE zu genau dem Leiden bei Psychotherapeuten führt, mit dem die Patienten die Therapie aufsuchen. Wie hier dann eine gelingende Behandlung erzielt werden kann, erscheint mehr als fraglich.

Fazit

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur fachlichen wie praktischen Bedeutung der Selbsterfahrung in der Psychotherapie. Es richtet sich zwar in erster Linie an die Profession, ist aber darüber hinaus auch ein hervorragender Beitrag zur Kompetenzentwicklung aller Berufe, die mit Menschen zu tun haben. Das gilt über die beruflichen Qualifikationen hinaus auch für die die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Insofern ist das Buch eine ausgezeichnete Fundgrube zur Anleitung beruflicher und persönlicher Weiterentwicklung. 


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Günter Zurhorst
Hochschule Mittweida Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Günter Zurhorst. Rezension vom 03.12.2019 zu: Boris Pigorsch: Der innere Kritiker von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Selbstabwertung und übertriebene Zweifel entmachten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28573-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25632.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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