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Lara de Bruin: 365 Fragen für die lösungsorientierte Kommunikation

Cover Lara de Bruin: 365 Fragen für die lösungsorientierte Kommunikation in Psychotherapie und Coaching. Ein Fragenfächer für Therapeuten, Berater und Coaches. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. 62 Seiten. ISBN 978-3-8017-2929-5. 16,95 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Insbesondere systemische Therapeuten haben sich um die Entwicklung eines umfangreichen Repertoires intelligenter Fragen verdient gemacht. Der vorliegende Fragenkatalog aus einer kleinen Serie von bislang insgesamt drei Fächern widmet sich der lösungsorientierten Kommunikation in Psychotherapie und Coaching.

Entstehungshintergrund

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Fachverlage ihr Portfolio um neue Formate erweitert: Impulskarten, Poster und Videos ergänzen das Angebot und sollen die tägliche Arbeit mit Klienten oder Patienten erleichtern. Hogrefe fügt seinem Programm nun mit den Fragefächern der niederländischen Therapeutin Lara de Bruin ein weiteres Format hinzu. Die Originalausgabe erschien 2017 im Verlag Hogrefe Uitgevers.

Aufbau

Die Fragenfächer sind sehr handlich (ca. 7 x 15 cm), doppelseitig bedruckt und auf jeder Seite finden sich bis zu acht Fragen. Überschriften und farbige Kopfleisten erleichtern die Orientierung.

Inhalt

Neben Klassikern wie der Wunderfrage finden sich Fragen nach den Ressourcen des Patienten, Fortschritten und Rückschlägen, seinen Sorgen und seiner Motivation. Manche Fragen sind kurz und knapp („Wovor haben Sie Angst?“), andere etwas länger („Wie merken Ihnen andere Menschen an, dass Sie nach der Nacht mit dem Wunder gar nicht mehr – oder nur noch geringfügig – unter dem Problem leiden?“). Manche Fragen stehen für sich („Wie kommt es, dass Sie nicht schon längst die Flinte ins Korn geworfen haben?“), andere schließen sich an die jeweils vorherige an („Welche Qualitäten haben Sie, wodurch Sie wissen, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist?“). Die meisten Frage folgen dem typischen Konjunktiv lösungsorientierter Therapie („Was wäre, wenn …“) und sollen die Zuversicht des Patienten stärken oder zu einem Wechsel der Perspektive ermutigen.

Diskussion

Vielen Fragen sind Variationen eines Themas, beispielsweise der Wunderfrage. Die eine oder andere Formulierung ist etwas umständlich geraten und hätte vereinfacht werden können („Was haben Sie bei früheren Gesprächspartnerinnen bzw. Gesprächspartnern vermisst, von dem Sie denken, dass es genau darauf ankommen kann?“). Die Autorin – oder die Übersetzerin (?) – wählt oftmals einen nominalen Stil, der eher „geschrieben“ als „gesprochen“ klingt. Die meisten Fragen müssen daher zunächst in Alltagssprache übersetzt werden (aus „Wer in Ihrer Umgebung ist am meisten von dieser Nachricht überrascht?“ könnte beispielsweise „Wen überrascht das am meisten?“ werden). Zudem wird nicht jeder Patient oder Klient jede Frage auf Anhieb verstehen („Wie denken Sie über das Problem, wenn Sie selbst das Problem sind?“) und weniger erfahrene Therapeuten sollten zunächst eine Einführung in die lösungsorientierte Therapie (z.B. de Shazer & Dolan, 2018) zur Hand nehmen, um sich mit den Grundlagen lösungsorientierter Kurzzeittherapie und dem daraus abgeleiteten Vorgehen vertraut zu machen (entsprechende Hinweise finden sich leider nicht im einleitenden Text der Autorin).

Fazit

Insbesondere systemische Therapeuten haben sich um die Entwicklung eines umfangreichen Repertoires intelligenter Fragen verdient gemacht und immer wieder entsprechende Fragenkataloge vorgelegt (z.B. Hoch, 2016). Diese Verzeichnisse erwecken mitunter den Eindruck, der Therapeut könne „sofort loslegen“ und auf Störungswissen, Theorien der Genese psychischer Störungen oder eine elaborierte Behandlungstechnik verzichten. Patienten wären nach einem Blick in diese Kataloge wahrscheinlich ziemlich entmutigt, denn sie reduzieren Psychotherapie auf ein scheinbar mechanisches Handwerk. Die Fragen gleichen Schablonen, die aus dem Zusammenhang eines fortlaufenden Gesprächs gelöst wurden und immer „passen“. Und da sich lediglich Fragen solcherart katalogisieren lassen, werden angehende Therapeuten möglicherweise versucht sein, ihre Patienten „auszufragen“. Fragen schadet dem Patienten nicht, erfolgreiche Therapeuten scheinen alles in allem aber weniger Fragen zu stellen. Die Ergebnisse psycholinguistischer Studien legen verschiedene „Quoten“ nahe, die sich in den Kennwerten standardisierter Verfahren zur Auswertung von Gesprächen abbilden (Moyers, Rowell, Manuel, Ernst & Houck, 2016): Wenn man alle Beiträge des Therapeuten berücksichtigt, sollte der Anteil der Fragen höchstens bei 50 % liegen (besser aber unter 33 %). Erfahrene Therapeuten streben daher einen stetigen Wechsel zwischen Fragen und kurzen Zusammenfassungen der Antworten, so genannten Reflective Listening Statements, an. Künftig nur noch Fragen zu zählen, wäre natürlich sehr vereinfachend. Es kommt eben auch auf die Qualität der Fragen an – und in der vorliegenden Sammlung finden sich – bei aller Kritik – viele kluge Fragen.

Literatur

de Shazer, S, & Dolan, Y. (2018). Mehr als ein Wunder: Die Kunst der lösungsorientierten Kurzzeittherapie. Heidelberg: Carl-Auer.

Hoch, R. (2016). 400 Fragen für systemische Therapie und Beratung: Von Auftragsklärung bis Möglichkeitskonstruktion. Weinheim: Beltz.

Moyers, T. B., Rowell, L. N., Manuel, J. K., Ernst, D., & Houck, J. M. (2016). The Motivational Interviewing Treatment Integrity code (MITI 4): Rationale, preliminary reliability and validity. Journal of Substance Abuse Treatment, 65, 36-42.


Rezensent
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Ralf Demmel
Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut (VT)
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Zitiervorschlag
Ralf Demmel. Rezension vom 11.11.2019 zu: Lara de Bruin: 365 Fragen für die lösungsorientierte Kommunikation in Psychotherapie und Coaching. Ein Fragenfächer für Therapeuten, Berater und Coaches. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-8017-2929-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25635.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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