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Klaus Vollmer: Perspektivenwechsel als Methode

Cover Klaus Vollmer: Perspektivenwechsel als Methode. Strategien, Tools und Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung : mit Beispielen aus Film, Regie und Kamera. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 273 Seiten. ISBN 978-3-407-36667-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Klaus Vollmers Buch verortet sich im Bereich der Ratgeberliteratur zum Thema Persönlichkeitsentwicklung. Dabei vermittelt es vielfältige Ansätze und Tools, die der LeserIn Perspektivenwechsel ermöglichen sollen, um schwierige Situationen im Berufs- und Privatleben besser zu meistern und eigene Potenziale zu entfalten. Der Autor streift unterschiedliche Themenbereiche, wie z.B. Umgang mit Angst, das Innere Team, Konflikte im Innen und Außen, Zielentwicklung und sogar Teamentwicklung. Jedes dieser Themenbereiche wird anhand von Begriffen und Beispielen aus der Filmwelt illustriert.

Autor

Klaus Vollmer ist Wirtschaftspsychologe, Dozent, Senior-Coach (BDP) und vielfach zertifizierter Berater. Von 1987 bis 2000 arbeitete er in verschiedenen Funktionen, unter anderem als Personalentwickler, Personalleiter und Mitglied der Geschäftsleitung. Seit 2000 arbeitet er als freiberuflicher Berater, Coach und Trainer, unter anderem im Veränderungsmanagement, Organisations- und Teamentwicklung, Konfliktmanagement, Einzel- und Teamcoaching. In dieser Eigenschaft hat er die Methode des Perspektivenwechsels weiterentwickelt und wendet sie erfolgreich an. Im Ratgeber bezeichnet er sich vor allem als „Perspektivencoach“.

Aufbau

Das Buch untergliedert sich in 12 Kapitel:

  1. Vom Drehen in Zeitschleifen
  2. Im Schatten der Angst
  3. Hinter dem Vorhang
  4. Die Stimmen der Persönlichkeit
  5. Ein Strauß voller Stärken im Team
  6. Konflikte innen und außen
  7. Wie ich lebe, so fühle ich
  8. Die Nadel auf der Weltkarte
  9. Ziele sind mehr als SMART
  10. Die Kunst, auch in widrigen Situationen gelassen zu bleiben
  11. Vorsicht: Empathie!
  12. Schlusswort und Dank

Inhalt

Kapitel 1 thematisiert die Zeitschleife, die anhand des Films „Und täglich grüßt das Murmeltier“ illustriert wird. Diese zeigt sich, so Vollmer, unter anderem darin, dass Menschen in ihren Routinen stecken bleiben, wenn ihnen „die Fokussierung auf das Wesentliche [die eigene Zufriedenheit] fehlt“ (S. 26), wenn sie sich vom schnellen Tempo der Kommunikationskanäle fremdbestimmen lassen, statt ihrem inneren „Lebenstakt“ treu zu bleiben oder wenn sie sich zu sehr in ihren Gewohnheiten einrichten, statt die eigenen Grenzen zu verschieben und etwas zu riskieren. Abschließend wird der LeserIn eine Übung zur Stärkung der eigenen Willenskraft vorgestellt.

Kapitel 2 befasst sich mit dem Umgang mit Angst, der primärsten aller Emotionen. Abgesehen von ihrem Nutzen im evolutionären Überlebenskampf kann sie, so Vollmer, den Menschen in seiner Entwicklung einschränken. Es gelte daher, die „Reaktion der Angst auf einem adäquaten Niveau zu halten“ (S. 46). Er unterscheidet die diffuse, „kontextunabhängige“ von der begründeten, „kontextabhängigen“ Angst und zeigt Reflexionsmöglichkeiten auf, Ersteres zu hinterfragen. Als filmisches Beispiel zieht Vollmer „Ziemlich beste Freunde“ heran. Beide Protagonisten repräsentieren ihm zufolge zwei unterschiedliche Typen der Angst im Vier-Felder-Modell von Fritz Riemann. Als Übung wird die LeserIn dazu eingeladen, dieses Modell zu reflektieren, abschließend gibt es noch die Empfehlung, einerseits Angst „als Freund zu nehmen“ und andererseits, Angst beizeiten auch mal zu ignorieren.

Kapitel 3 richtet den „Spot“ auf die „innere Mitte“. Vollmer meint dabei: „Genau dort, wo Sie sich ausgeglichen (…) fühlen, dort sind Ihre individuellen Gaben zu finden (S. 77).“ Dabei bestehe die Herausforderung darin, einerseits die Erwartungen anderer zu berücksichtigen und Beziehung zu gestalten, andererseits sich selbst treu zu bleiben und die eigene Autonomie zu wahren. Vollmer führt schließlich das aus der Psychologie bekannte Typologisierungsmodell „Big Five“ (Five Factor Model) an, welches der Leser/in ermöglichen soll, ein erstes grobes Selbstbild zu zeichnen. Im Film „Was vom Tage übrig blieb“ sieht Vollmer im Protagonisten ein Negativbeispiel für Persönlichkeitsentwicklung. Es gehe niemals darum, den stärksten Faktor der eigenen Persönlichkeit zu perfektionieren, sondern vielmehr, „die zahlreichen Facetten unserer Persönlichkeit schimmern zu lassen (S. 86).“ Als abschließende Übung regt Vollmer die LeserIn an, eine Laudatio auf sich selbst zu schreiben.

Kapitel 4 befasst sich, wie es bereits der Titel vermuten lässt, mit der inneren Pluralität und soll die LeserIn für das gesamte Spannungsfeld der eigenen Handlungsmöglichkeiten sensibilisieren. Als Modell wird das „Innere Team“ von Schulz von Thun herangezogen und mit filmischen Begriffen versehen. In einer Übung darf die LeserIn ihr inneres Team reflektieren – den Teamleiter nennt Vollmer z.B. „Regisseur“, das lauteste Teammitglied „Hauptdarsteller“, daneben unterscheidet er noch „Maskenbildner“, „Bühnenbildner“ etc. als weitere Mitglieder. Als Filmbeispiel zur Illustration des Kapitelthemas hat Vollmer „Inside Out“ (deutscher Titel: „Alles steht Kopf“) gewählt.

Kapitel 5 richtet den Fokus auf Pluralität im Team. Hierbei beschreibt Vollmer das Fünf-Phasen-Modell der Teamentwicklung von Bruce Tuckman (die Teamuhr) sowie das Teamrollenmodell von Meredith Belbin. Als filmisches Beispiel zur Diskussion beider Modelle zieht der Autor den Film Ocean’s Eleven heran. Abschließend darf die LeserIn ihr letztes Teammeeting im Lichte der Modelle reflektieren.

Kapitel 6 befasst sich mit Konflikten im Innen und Außen und soll zum Entwickeln der Konfliktfähigkeit der LeserIn beitragen. Neben einer kurzen Beschreibung unterschiedlicher Grundformen von Konflikten wird das Eskalationsstufenmodell von Friedrich Glasl dargestellt. Die zweite Hauptfigur des Films „In den Gängen“ sieht Vollmer als Paradebeispiel für (ungelöste) innere Konflikte. In einer Übung zur Stärkung der eigenen Fähigkeit, innere Konflikte zu lösen, regt Vollmer die LeserIn an, einen inneren Kraftort zu visualisieren und sich vergangene Erfolgssituationen zu vergegenwärtigen. Als Erfolgsmethode zur Lösung äußerer, zwischenmenschlicher Konflikte führt der Autor die Dynamic Facilitation- Methode an.

Zentrales Thema von Kapitel 7 ist Wachstum. In diesem Kapitel sensibilisiert Vollmer die LeserIn für den persönlichen „Zeittakt“. Dabei betont er, wie wichtig es sei, sich selbst ernst zu nehmen und Dissonanzen zu erspüren. Eine wichtige Grundregel dabei sei, zuerst „die Kamera nach innen scharf(zu)stellen und danach das Objektiv nach außen (zu) richten (S. 168).“ Persönliches Wachstum erfordere beides, so Vollmer, und könne nur im eigenen Tempo erfolgen. Eine wichtige Ressource dabei ist Neugierde, die sich, wie der Autor betont, systematisch trainieren lässt. Die Übung „Perspektive auf 360 Grad“, bei der gleichsam nichts ausgeblendet und nichts zu wichtig genommen wird, soll dazu beitragen. Den dreiteiligen Fernsehfilm „Ku’Damm 56“ sieht Vollmer als repräsentatives Beispiel für das Kapitelthema, da es unterschiedliche Menschen bei ihrer Selbstfindung zeigt.

Kapitel 8 fokussiert auf die „Astronautenperspektive“. Damit soll sich die LeserIn vergegenwärtigen, dass die eigene Existenz nur „ein winziger Nadelstich auf der Weltkarte“ sei (S. 186). Ein solches Abheben sei sinnvoll, weil sie vielfältige Einsichten ermögliche und die Alltagssorgen zurechtrücken hilft. Als Übung empfiehlt der Autor eine Gedankenreise „Zeitachse des Lebens“, mit den Achsen Zeit und Raum. Um dabei nicht „im Traummodus hängen“ zu bleiben, empfiehlt Vollmer, vom bloßen Wünschen ins Wollen zu wechseln, zum kritischen Hinterfragen des Ziels und schließlich zum Planen. Hierzu empfiehlt er das WOOP-Prinzip (Wish, Outcome, Obstacle, Plan). Als weitere Übung beschreibt er „15 Perspektiven der Charakterstärkung“. Diese beinhalten unter anderem die Perspektive des „Reporters“ zur Stärkung von Neugier und Interesse oder des „Optimisten“ zur Stärkung von Hoffnung etc. Schließlich führt der Autor den Film „Die Überglücklichen“ als Referenzbeispiel für das Kapitelthema heran. Er beschreibt, wie die beiden Protagonistinnen es versäumen, in die Astronautenperspektive zu wechseln und sich der Möglichkeit berauben, ihre seelischen Wunden zu heilen.

Kapitel 9 hat die „Stern“ziele zum Thema. Ziele sind, so Vollmer, zentrale Weichensteller für persönliches Wachstum. Sie sensibilisieren für Möglichkeiten, die uns weiterbringen. Er betont die Wichtigkeit von Lebenszielen und verweist darauf, dass vor allem gefühlvolle Ziele in der persönlichen Schlussbilanz besonderen Wert haben. Vollmer gibt der LeserIn die Übung „Sternziele“ an die Hand. (Das Akronym STERN steht für sensitiv, traumhaft, entfaltend, reich und nachhaltig.) Hier sollen persönliche, alltagsunabhängige Lebensträume visualisiert werden – sie zeigen, wo sich das persönliche Potenzial befindet. Als vielseitig anwendbares Tool empfiehlt der Autor, im eigenen Inneren Team einen „inneren Ratgeber“ zu imaginieren und mit ihm regelmäßig in Dialog zu treten. Zum Schluss des Kapitels beschreibt er den Film „Harold und Maude“ – Den Bezug des Films zum Kapitelthema begründet er damit, dass er „künstlerisch vom Bauch ins Herz und in den Verstand“ gehe und dort nachwirke, „als Grundlage für den eigenen inneren Ratgeber“ (S. 227).

Kapitel 10 konzentriert sich auf „die innere Heimat“ und die Kunst, in widrigen Situationen gelassen zu bleiben. Während die vorigen Kapitel dafür sensibilisieren sollten, was alles möglich sei und das dies „zu Leichtsinn verführen“ könne, soll dieses Kapitel ein entsprechendes Gegengewicht ermöglichen. In dem Kapitel grenzt der Autor Gelassenheit von Sturheit ab und erklärt anschließend, dass inneres Ausbrennen vor allem dann entstehe, wenn man seinem inneren Team nicht treu sei. Danach beschreibt Vollmer zehn „helle Gefühle“ – hierzu zählt er unter anderem Gelassenheit, Freude, Heiterkeit, Interesse, Erstaunen – die für Perspektivenwechsel bedeutsam seien. Des Weiteren beschreibt der Autor den Unterschied zwischen „starrem“ und „dynamischem Selbst- und Weltbild“, wobei Letzteres Perspektivenwechsel begünstige. Zum Schluss rät er: „Sie wählen, welches Bild Sie einfangen und interpretieren. Sie sind der Regisseur. (…) Filtern Sie Ihre Eindrücke. (…) Eine zu breit angelegte Außenperspektive könnte die eigene Orientierung gefährden. Eine zu langanhaltende Innenperspektive könnte die Sturheit forcieren, die ein Zusammenleben mit anderen erschwert (S. 242).“ Zum Schluss beschreibt Vollmer den Film „Blind Date mit dem Leben“.

In Kapitel 11 plädiert der Autor für den „gesunden Egoismus“, den er explizit von Narzissmus abgrenzt und eher als Grundhaltung beschreibt, die gleichzeitig Mitgefühl, gesunden Abstand, Eigennutz und Überblick beinhalte. Er unterscheidet zwischen „gesteuerter“ und „ungesteuerter Empathie“. Ersteres sei erstrebenswert, da selbstwirksam und abgrenzungsfähig, Letzteres sei nicht erstrebenswert, da Betroffene fremdgesteuert und emotional ansteckungsfähig seien. Zum Schluss beschreibt Vollmer den Film „Lola rennt“, der dafür sensibilisiere, dass man neu starten kann, wenn man sich verrannt hat und den Fokus auf das halten soll, was wesentlich ist.

Diskussion

Das Buch gibt einen Überblick über vielfältige Dimensionen und zugehörigen Übungen und Tools der Persönlichkeitsentwicklung. An vielen Stellen finden sich wissenschaftliche, meist gehirnwissenschaftliche Erläuterungen, die in allgemeinverständlicher Sprache verfasst sind.

Die LeserIn profitiert insgesamt von einem gut lesbaren Buch, mit einem breiten Spektrum an Tools und Übungen, die bei Potenzialentfaltung, Zielerreichung und Problemlösung im Berufs- und Privatleben unterstützen können, ohne dass der Ratgeber dabei überladen wirkt. Besonders auch die prägnanten Beschreibungen der Filmbeispiele lesen sich sehr kurzweilig. Die Übungen, Tools und Modelle stammen überwiegend aus unterschiedlichen Bereichen der Psychologie, vor allem der Neurolinguistischen Programmierung (NLP), der Positiven Psychologie und der Wirtschaftspsychologie. Sie sind im Coaching gebräuchlich und setzen vor allem auf mentale, auf das Kognitionssystem, zugeschnittene Techniken des Perspektivenwechsels an.

Über den kognitiv-mentalen Bereich hinaus finden sich im Ratgeber kaum Tools und Übungen, obwohl sie für Perspektivenwechsel auch sehr bedeutend sein dürften und sich in Theorie und Praxis als sehr effektiv erwiesen haben. Weitgehend unberücksichtigt werden z.B. Anwendungen, die auf das unbewusste, „schnelle Denken“ (im Sinne von Daniel Kahneman) bzw. Emotionssystem abzielen, z.B. aus dem Emotionscoaching (z.B. Rapid Eye Movement-Selbstcoaching-Anwendungen, z.B. aus dem wingwave) oder überhaupt Anwendungen, die sich explizit mit Intuition befassen (z.B. K-i-E-Methode). Auch findet sich fast nichts aus den Bereichen der Achtsamkeitsmeditation (z.B. Mindfulness Based Stress Reduction), der Kreativitätsförderung (z.B. de Bonos Sechs Denkhüte) oder dem Storycoaching. Letzterer Ansatz hätte besonders gut zur Ausrichtung dieses Buchs auf die Filmwelt gepasst, denn es geht um nicht weniger als das eigene „Lebensdrehbuch“ zu reflektieren und die darin enthaltenen Krisen als Teil der eigenen Heldenreise zu interpretieren und daraus Kraft und Perspektiven für neue Lösungen zu schöpfen. Zwar taucht der Begriff „Heldenreise“ vereinzelt in einem späteren Kapitel auf und es ist vom „Umschreiben des eigenen Lebensdrehbuchs“ die Rede, doch der Autor versäumt eine konkrete methodische Erklärung des Werkzeugs. Methoden und Übungen aus all diesen Bereichen hätten das von Vollmer aufgezeigte Methoden- und Übungsrepertoire sinnvoll ergänzen und ganzheitlicher gestalten können. So erweist sich das im Ratgeber dargestellte Anwendungsspektrum insgesamt durchaus als vielseitig, z.B. mit Bezug auf Angstbekämpfung, Zielerreichung, individuelle Potenzialentfaltung, Teamentwicklung. Der Interventionsansatz bleibt aber weitgehend auf relativ gut bekannte Modelle und Tools beschränkt, die auf den mentalen Bereich fokussieren. Mehr Ganzheitlichkeit wäre möglich gewesen.

Positiv ist hervorzuheben, dass die Übungen in ihrer Gesamtheit sicherlich einen Großteil der relevanten Dimensionen zu Perspektivenwechsel abdecken. Wer als Coachee alle Übungen in diesem Ratgeber umsetzen würde, würde sicherlich neue Blickwinkel hinzugewinnen. Streitbar ist allerdings die Frage, wie gut sich die Übungen im Ratgeber umsetzen lassen. Übungen wie z.B. das Riemann-Modell zu reflektieren (Kapitel 2), erscheinen mir recht banal. Andere Übungen, wie z.B. die „15 Perspektiven der Charakterstärkung“ fallen hingegen relativ zeitaufwendig aus, zumal sich bei mir auch der Eindruck erweckt, dass sich einige der genannten Perspektiven zusammenfassen lassen. Auch kommt mir bei der Lektüre dieses Ratgebers oft der Eindruck auf, dass der Autor die LeserIn ruhig noch mehr an die Hand nehmen könnte. So heißt es z.B. in Kapitel 1, im Umgang mit Angst (im Folgenden auf S. 54):

  • „Nehmen Sie Ihre Ängste bewusst wahr.
  • Bekämpfen Sie die Angst nicht, sondern wenden Sie sich ihr offen und akzeptierend zu.
  • Fragen Sie sich, welchen Ursprung sie haben kann und welche positiven Aspekte diese Angst hat. Wovor will sie Sie schützen und was will sie Ihnen Hilfreiches mitteilen?
  • Nutzen Sie Ihre Erfahrung. Machen Sie sich klar, über welche Ressourcen Sie verfügen, um dieser Angst kraftvoll zu begegnen. Erkennen Sie, dass sich 99 Prozent der Ängste nur in Ihrer Fantasie abspielen und dass Ihr Gehirn diese Ängste als Wirklichkeit identifiziert.“

Inhaltlich ist gegen diese Ratschläge meines Erachtens nichts einzuwenden. Meiner Erfahrung nach dürften sie allerdings noch nicht ausreichen, die meisten LeserInnen fit im Umgang mit Angst zu machen. Weiterführende Erläuterungen mit kleinen Fallbeispielen und einfachen Modellen wären möglich (so z.B. dem ABC-Modell aus der kognitiven Verhaltenspsychologie, welches den Unterschied zwischen objektivem Ereignis, subjektiver Bewertung und der eigenen Gefühlsreaktion verdeutlicht). Ein anderes Beispiel: In Kapitel 6 mit dem Kernthema „Konflikt“ erhält die LeserIn eine allgemeine Einführung in die Begriffe „Konflikt“ und „Eskalation“ sowie eine relativ oberflächliche Fallbeschreibung über Dynamic Facilitation und zum Schluss eine Übung „Visualisierung eines inneren Kraftorts“. Das erscheint mir, wenn der Ratgeber den Anspruch verfolgt, die LeserIn Orientierung im Selbstcoaching zu geben, um sich fit für innere UND zwischenmenschliche Konflikte zu machen, zu wenig.

Vor allem auch für Coaches wäre bei der Lektüre des Buches spannend, mehr von den Fällen des durchaus sehr erfahrenen Autors zu erfahren. Insgesamt werden im Ratgeber nur zwei Fälle erwähnt; hier hätte der Autor gute Möglichkeiten gehabt, die konkrete Anwendung der von ihm beschriebenen Methoden auch etwas detaillierter aufzuzeigen. Die LeserIn hätte dadurch mehr vom Erfahrungsschatz des Autors profitieren können. Zur Veranschaulichung beschränkt sich Vollmer weitgehend auf Filmbeispiele, die von ihm jeweils prägnant auf etwa zwei Seiten zusammengefasst und sowohl filmisch als auch mit Bezug auf das Kapitelthema analysiert werden. Die Filmbeispiele lesen sich allesamt kurzweilig und angenehm. Das In-Beziehung-Setzen zum Kapitelthema mag meines Erachtens aber nicht überall gleichermaßen gut klappen (wenn wir davon ausgehen, dass der Autor zum Ziel hat, die LeserIn für das dargestellte Kernproblem und die Tools zum Perspektivenwechsel zu sensibilisieren). So erscheinen die Wahl des jeweiligen Films und der Bezug auf das Kernthema des jeweiligen Kapitels nicht immer plausibel (diesen Eindruck habe ich vor allem bei den Kapiteln 2, 3, 8, 9, 10, aber darüber lässt sich streiten). Und selbst wenn der Film zum Kapitelthema zu passen scheint (so z.B. Kapitel 1 „Vom Drehen in Zeitschleifen“ und der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“), scheint mir der Bezug des Films zur praktischen Implikation des Kapitels nicht immer klar. Zeigt der Film „Und friedlich grüßt das Murmeltier“ wirklich, was eine Zeitschleife ist, wie sie im Kapitel eigentlich thematisiert wird und wie man aus solchen Zeitschleifen ausbricht? Nicht selten äußert sich der Autor zur Kameraführung und Bildbeschaffenheit der jeweiligen Filme, was hinsichtlich seiner Filmanalyse interessant und legitim ist, doch hinsichtlich des eigentlichen Bezugs zum Kapitelthema und der Bedeutung für Perspektivenwechsel im Coaching und Selbstcoaching meines Erachtens nicht relevant ist. Dies trägt teilweise mit dazu bei, dass sich zwischen den lose miteinander zusammenhängenden Kapiteln, vor allem aber auch innerhalb der einzelnen Kapitel, der rote Argumentationsfaden nicht immer klar erschließt, was nicht an der Verständlichkeit der Sprache liegt, sondern eher am Aufbau des Gedankenfortgangs. Dieser Eindruck erweckt sich mir z.B. in Kapitel 1, in dem anfangs von der „Zeitschleife“, im Sinne von „Feststecken in den eigenen Routinen“ die Rede ist, einem Filmbeispiel, das eine wortwörtliche „Zeitfalle“ darstellt, später vom „Dem-eigenen-Lebenstempo-treu-bleiben“ und schließlich eine Übung zur „Stärkung der eigenen Willenskraft“.

Ungeachtet dessen, dass sich die Filmbeispiele sehr kurzweilig lesen, erweckt sich bei mir der Eindruck, dass zum Veranschaulichen der Kapitelthemen mehr persönliche oder berufliche Fälle des durchaus erfahrenen Autors als effektiv(er) hätten erweisen können. Aufgrund der manchmal schwachen Bezüge der Filmbeispiele zu den eigentlichen Kapitelthemen erscheinen die Filmanalysen teilweise als Selbstzweck. Zuletzt wird auch nicht immer deutlich – und das wäre sowohl für Coaches als auch für Coachees interessant, die sich mit dem Ratgeber befassen – was der Autor in der konkreten praktischen Anwendung vorsieht, wenn er z.B. rät, „das eigene Lebensdrehbuch umzuschreiben“ oder die eigene Kamera „von der Nahaufnahme in die Totale“ zu schwenken. Hier wäre interessant gewesen, zu erfahren, wie die Arbeit eines Perspektivencoaches konkret aussieht und was die von ihm entwickelte Methode des „Perspektivencoachings“ überhaupt ausmacht, zumal alle im Buch genannten Tools und Perspektivenwechsel an sich nicht wirklich neu sind und nur ein sehr loser Bezug zwischen den Übungen und Tools zu bestehen scheint.

Fazit

Klaus Vollmers Ratgeber vermittelt vielfältige Ansätze und Tools, die der LeserIn Perspektivenwechsel ermöglichen sollen, um schwierige Situationen im Berufs- und Privatleben besser zu meistern und Potenziale zu entfalten. In elf Kapiteln streift Autor jeweils einen anderen Themenbereich, wie z.B. Umgang mit Angst, das Innere Team, Konflikte im Innen und Außen, Zielentwicklung und Teamentwicklung. Trotz des breiten Themenspektrums, das der Autor teilweise auch mit (meist neuro-)wissenschaftlichen Bezügen abdeckt, wirkt das Buch nicht überladen.

In jedem Kapitel werden der LeserIn mehrere Methoden und Übungen an die Hand gegeben. Dabei handelt sich überwiegend um im klassischen Coaching bekannte Anwendungen, meist mit Schwerpunkt auf den kognitiv-mentalen Bereich. Methoden aus anderen relevanten Bereichen, wie Emotionscoaching, Achtsamkeitsmeditation, Kreativitätsförderung oder Storycoaching werden nur am Rande erwähnt und hätten das vorgestellte Repertoire sinnvoll bereichern können.

Jedes Kapitel, welches jeweils einen Themenbereich repräsentiert, wird anhand von Begriffen und einem Beispiel aus der Filmwelt illustriert. Dies klappt nur teilweise. Die Bezüge zwischen Film und Kapitelthema und die jeweilige Bedeutung für die praktische Anwendung aufs eigene Leben erschließen sich nicht in allen Kapiteln gleichermaßen plausibel und hätten in einigen Teilen gerne vertieft werden können. Mehr und vor allem konkrete Fallbeispiele aus der persönlichen und beruflichen Praxis des durchaus erfahrenen Autors wären möglich und wünschenswert gewesen.

Insgesamt eignet sich Vollmers Ratgeber am ehesten für Coachees, die noch kaum bzw. keinerlei Erfahrung mit Persönlichkeitsentwicklung haben. Bei einigen Übungen werden sie aber wahrscheinlich konkrete Beschreibungen zur Umsetzung vermissen. Erfahrenen LeserInnen und Coaches werden sicherlich sämtliche im Buch enthaltene Übungen und Modelle geläufig sein. Sie werden trotz der gut lesbaren Filmanalysen wahrscheinlich wenig Neues ziehen können.


Rezensent
Dr. Karim Fathi
Homepage www.karimfathi.de
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Zitiervorschlag
Karim Fathi. Rezension vom 13.11.2019 zu: Klaus Vollmer: Perspektivenwechsel als Methode. Strategien, Tools und Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung : mit Beispielen aus Film, Regie und Kamera. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-407-36667-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25636.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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