Kerstin Meißner: Relational Becoming - mit Anderen werden
Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 11.07.2019
Kerstin Meißner:Relational Becoming - mit Anderen werden. Soziale Zugehörigkeit als Prozess. transcript (Bielefeld) 2019. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-4690-0. D: 39,99 EUR, A: 39,99 EUR, CH: 48,70 sFr.
Reihe: Sozialtheorie.
Autorin
Von der Autorin Kerstin Meißner erfahren wir nur, dass sie Erziehungswissenschaftlerin ist. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Dissertation, die durch ein Promotionsstipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert worden ist.
Die Arbeit ist an der Schnittstelle zwischen Pädagogik, philosophischer Anthropologie und Kulturwissenschaften (Cultural Studies) angelegt.
Inhalt
Theoretischer Rahmen
Die Arbeit folgt zwei theoretischen Konzepten: der „Constructing Grounded Theory“ und der „Fiktionsanalyse“.
Die Grounded Theory hat das Ziel, mittels Analyse von Interviews, Beobachtungen und anderen empirischen Daten eine lebensweltlich grundierte Theorie zu formulieren. Zu den „anderen Daten“ gehören auch Geschichten und Erzählungen, die dem fiktionalen Genre zugerechnet und mit einer fiktionsanalytischen Hermeneutik gedeutet werden. In den zahlreich eingestreuten Geschichten kommen Kronzeugen aus England und Deutschland zu Wort, die Ella und John, Anton und Clara, Daniel und Paul (und ein weiteres halbes Dutzend Vornamen) heißen. Der Leser soll annehmen, dass es diese Personen und deren Stories tatsächlich gibt; einen Nachweis erhalten wir nicht.
Welt- und Menschenbild
Das Universum des Menschen ist ein Pluriversum. Unsere Existenz ist eine Ko-Existenz, wir sind Mit-Wesen und existieren nur im Miteinander. Mensch-Sein bedeutet immer Mit-Sein; „to be“ heißt „to be with“ oder „to be part of“. Subjekte sind personifizierte Plurale. Der Mensch als soziales Wesen ist ein „relational beeing“. – Die Arbeit erforscht vorgegebene, frei gewählte und erzwungene Vorgänge der Ver- und Entbindung mit und von Kollektiven in ihren intelligiblen und emotionalen Dimensionen.
Verlaufsskizzen
Zugehörigkeitsprozesse werden in fünf Relationen, also wechselseitigen Abhängigkeiten, untersucht.
- Erstens, die Zugehörigkeit, die durch die „Biografie“ gestiftet wird. „Der Mensch ist ein Geschichten erzählendes Tier“, heißt es an einer Stelle. Aber Menschen sind nicht nur erzählende, sondern auch erzählte Wesen, die durch die Zuschreibungen Anderer ihr Selbstverständnis gewinnen. Letztendlich werden Biografien auf Erzählungen reduziert.
- Zweitens, die Zugehörigkeit, die durch „geografische Orte und Räume“ gestiftet wird – Zugehörigkeit ist auch „place-belongingness“. Wo ist beispielsweise die heute so viel diskutierte „Heimat“ zu verorten? Heimat sei da, wo man vermisst wird, wenn man nicht da ist, heißt es im Buch. Das kann überall sein. Also favorisiert die Autorin einen Heimatbegriff des „ubi bene, ibi patria“. Das allerdings ist die Heimat des Opportunisten.
- Drittens, die Zugehörigkeit, die durch Gefühle, Erregungen, Affekte, mit einem Wort: „Emotionen“ gestiftet wird. Unsere Sprache kennt die Wendung „verbindende Gefühle“. Hier wird der Körper zum Kompass, der von „verkörperlichten Gedanken“ – anderes Wort für Emotionen – bewegt wird. Emotionen stiften „Vertrauen“ und werden als „Generatoren sozialer Grenzziehungen“ betrachtet. Neben den verbindenden existieren die abstoßenden Gefühle, die dazu führen, bestimmte Orte und Menschen zu meiden.
- Viertens, die Zugehörigkeit, die durch die „Zeit“ gestiftet wird und uns zu „Zeitgenossen“ oder „Kindern der Zeit“ mit einem zeiteigentümlichen Habitus macht. „Belonging is a fundamental temporal experience.“ Beziehungen haben ihre Zeit, Trennungen auch; dabei weicht die gefühlte Zeit oft erheblich von der chronologischen Zeit ab. So wie das Leben sich räumlich auf der Achse mit den Polen „Nähe“ und „Distanz“ bewegt, verläuft es auf der zeitlichen Achse zwischen „Dauer“ und „Wechsel“. Der in Zeiten schnellen soziales Wandels starke Wunsch nach „Kontinuität“ ist das Verlangen nach Veränderung ohne Disruption.
- Fünftens, die Zugehörigkeit, die durch die „politischen Verhältnisse“ gestiftet wird. Zugehörigkeitsprozesse sind durch und durch politisierte Vorgänge. Wer „Wir“ sind und wer „Die“ sind, das ist auch politisch definiert – und lässt der Selbstbestimmung, wer „Ich“ bin, machtpolitisch begrenzten Raum. Es fängt bei der Ausstellung von Geburtsurkunde und Personalausweis an und endet bei der amtlichen Beglaubigung des Ablebens.
Von Hans-Peter Dreitzel stammt der kluge Aphorismus: „ Alles, was der Mensch ist, ist er auf dem Umweg über andere.“ Das vorliegende Buch ist eine Kartographie einiger dieser so genannten Umwege.
Schweißt Musik zusammen?
Über die sozialisierende und individuierende „Kraft des Blicks“ ist viel geschrieben worden: Der Angeschaute fühlt sich dazugehörig, der Übersehene nicht. Geht es dem Angehörten und Überhörten ähnlich? Die Arbeit untersucht den Anteil des Gehörsinns an sozialen Einschließungs- und Ausschließungsprozessen. Das ist originell. Im Wort „dazugehören“ ist das Hören direkt angesprochen. „Die Welt ist Klang“, heißt es an einer Stelle des Buches, also spielen Resonanzen, Konsonanzen und Dissonanzen auch eine Rolle in Prozessen des Eingebundenwerdens. Da die Autorin musikaffin ist, rücken Sound, Melodie und Rhythmus in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Auch die Stille – ein Wort ohne Plural – hat einen Sound, „The Sound of Silence“. In leichter Abwandlung von Johann Gottfried Seumes Volkslied könnte man sträflich simplifizierend resümieren: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder!“
Soundcheck
Der meist zitierte Autor des Buches, in der Bibliografie auch mit den meisten Titeln vertreten, ist Jean-Luc Nancy, französischer Philosoph und Dekonstruktivist. Da die Autorin ihre Kapitel häufig mit Motti beginnt, ist Nancy wiederholt deren Autor. Folgendes Motto steht vor dem Abschnitt „Oszillation zwischen Anbindung und Loslösung“, S. 209: „Die Erde ist Welt, die nicht von der Welt ist, eine Welt, die an der Welt und am Sinn der Welt krankt. Sie ist Aufzählung – und tatsächlich dringt an die Oberfläche nur die Zahl, das Wuchern dieser Pole der Anziehung und Abstoßung.“ Die Verfasserin ist erkennbar bemüht, in ihrer Sprache des gründelnden Raunens Jean-Luc Nancy nicht nachzustehen. Entsprechend anstrengend ist die Lektüre des Ganzen für Uneingeweihte. Und am Ende bleibt ungewiss, ob der Erkenntnis-Ertrag den Aufwand gelohnt hat. – Eine prima Dissertation für einschlägig Habilitierte!
Diskussion
Wie Halt in der Welt finden, ohne sich in einer quasi-natürlichen „Identität“ zur Ruhe zu setzen? Die Arbeit redet der nomadisierenden Existenz des „flexiblen Menschen“ das Wort; sie fühlt sich einem anthropologischen Relativismus verpflichtet, ohne dessen Schattenseiten zu bedenken. Der Mensch ist ein Wesen, das lebenslang „wird“, aber zu keiner Zeit „ist“. Damit will man populären (= reaktionären) Sehnsüchten nach festen, unverrückbaren Selbstgewissheiten entgegen treten und folglich auch eine politische Position einnehmen, die sich das „lifelong learning“ aufs Panier schreibt, ohne ein Wort zu verlieren über das Curriculum des zu Lernenden. Eine Epigenese des „Becoming“ fehlt weitgehend und damit eine Betrachtung der besonderen Bedeutung der ersten Jahre der Kindheit für die Fähigkeit zur Bindung und zur Trennung.
Fazit
Das Buch stellt soziale Zugehörigkeiten als vielfältige relationale Prozesse dar. Nicht das fixierte Sein, sondern das bewegliche Werden steht im Zentrum des Interesses. Zugehörig sind wir nicht, zugehörig machen wir uns, und zugehörig werden wir gemacht. „Meine Arbeit“, schreibt die Autorin in den letzten Zeilen des Buches, „ist dem Zauber des Staunens und der Fragen gewidmet.“ – Ja, auch das.
Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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