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Daniel Lins: Altenhilfe braucht Spiritualität

Cover Daniel Lins: Altenhilfe braucht Spiritualität. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 138 Seiten. ISBN 978-3-7841-3113-9. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.

Reihe: Identität und Auftrag - Band 2.
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Thema

„Welche Bedeutung haben Religion und Spiritualität in Langzeitpflegeeinrichtungen?“ lautete die Forschungsfrage der dieser Publikation zugrundeliegenden Masterarbeit; ihr wurde sich hier im Rahmen einer Literaturstudie angenähert.

Autor und Entstehungshintergrund

Daniel Lins arbeitet laut Verlagsangaben seit 2009 unter anderem in der Geschäftsführung im Gesundheitswesen und legt hier seine Masterarbeit in Gesundheitswissenschaften an der Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall in Tirol, Österreich vor.

Aufbau und Inhalt

Kap. 1 Die dreiseitige Einleitung ordnet die Forschungsarbeit und die zugrundliegende Forschungsfrage in den Kontext der aktuellen Situation in der (österreichischen) Altenpflege ein, insbesondere vor dem Hintergrund von Verletzungen der Menschenrechte und der Frage nach Spiritualität in der stationären Pflege.

Kap. 2 Theoretischer Hintergrund – Herleitung und Definition zentraler verwendeter Begriffe, unter anderem die Abgrenzung von Religion und Spiritualität, Messbarkeit beider Faktoren mit einem kurzen Überblick von Assessment-Instrumenten, Rechtsquellen (für Österreich, Europa), Definitionen von Gesundheit, Krankheit, Alter und eine Skizzierung von Hospiz, Palliative Care, Spiritual Care und Holistic Care. (27 Seiten)

Kap. 3 Die Ergebnisse erfassen insbesondere die Perspektiven der Bewohner und des Personals auf die Wirkung von Spiritualität hinsichtlich eingangs genannter Forschungsfrage (und zwei weiterer Fragen), und wurden in einer Literaturstudie mithilfe von Bedeutungskategorien erhoben, deren Logik eingangs des Kapitels erläutert wird. Aus der Perspektive der psychischen Gesundheit der Bewohner fanden sich als bedeutungsrelevante Kategorien u.a.

  • Demenz und kognitive Leistungsfähigkeit (z.B. verbesserte kognitive Funktionen, höhere Akzeptanz der Diagnose, religiöse Praktiken als Brücke in die Vergangenheit),
  • Depression (u.a. positive Effekte seelsorgerischer Begleitung) und Angst.

Weitere Bewohnerperspektiven waren u.a.

  • physische Gesundheit,
  • Krankenhausaufenthalte,
  • Coping (wie z.B. Bewältigung des Heimaufenthaltes) und
  • Lebensende.

Aus der Perspektive des Personals fand sich Relevanz für Religion und Spiritualität u.a. zu folgenden Kategorien:

  • Beziehungsqualität zu den Bewohnern,
  • Kraftquelle und spirituelle Gesundheit,
  • Stressbewältigung und Arbeitszufriedenheit.

Aus der Perspektive der Pflegeeinrichtung konnten Daten zur Zufriedenheit mit dem Pflegeheim gefunden werden, aus der Perspektive der Angehörigen der Umgang derselben mit Krankheit, und aus der Perspektive des Gesundheitssystems die Kategorie der höheren Krankheitskosten am Lebensende. Abschließend wurde die Perspektive „religiöse Rituale und Seelsorger“ betrachtet, und zwar hinsichtlich der Wirkung von Liedern und Gebeten, Seelsorgern und Priestern und religiöse Symbole. (38 Seiten)

Kap. 4 - als Zusammenfassung eine vierseitige Auflistung der Ergebnisse in den einzelnen Kategorien.

Kap. 5 - in der Diskussion geht der Autor auf die methodischen Herausforderungen seiner Studie ein, wie die zahlreichen Interpretationshindernisse (z.B. Performance Bias, Selection Bias und Interviewer Bias), Probleme von Querschnittsstudien allgemein und Messbarkeitsprobleme, und nimmt abschließend Bezug auf seine eigene berufliche Praxis als Anlassfall für die Studie. (8 Seiten)

Kap. 6 – Der zweiseitige Ausblick zielt auf zukünftige Bewusstseinsbildung unter Verantwortlichen und notwendige Rahmenbedingungen, insbesondere bezogen auf die Pflegesituation in Österreich.

Literatur und Anhang, in der die Forschungsmethodik auf Basis der Inhaltsanalyse nach Mayring vorgestellt wird.

Diskussion

Das Buch greift ein äußerst wichtiges – und in der Praxis vieler Langzeitpflegeinrichtungen in seiner vollen Bedeutung nicht gesehenes – Thema auf: Die Bedeutung von Religion und Spiritualität im Leben vieler alter und/ oder langzeitkranker Menschen, ihre oft positive Wirkung auf viele Lebensbereiche eines alternden Menschen, die z.T. präventive, gesundheitsförderliche Wirkung religiöser und/oder spiritueller Praxis u.v.m.

Die Europäische Charta der Rechte und Pflichten älterer hilfs- und pflegebedürftiger Menschen – und Daniel Lins zitiert dies in der Veröffentlichung – besagt klar: „Sie haben ein Recht auf Ausübung und Beachtung Ihrer religiösen oder kulturellen Rituale. […]“ (40) – was dies konkret bedeuten kann, zeigt diese kleine Studie in einigen Punkten auf, und das geht weit über den wöchentlichen Gottesdienst im Pflegeheim hinaus, für die Bewohner/innen, aber auch für die Mitarbeiter/innen. Insbesondere die Offenlegung der Perspektive der Mitarbeiter/innen auf die Bedeutung von Religion und Spiritualität in der Altenhilfe sehe ich als wichtigen Beitrag der Studie an. Auch sie profitieren von einer bewussteren Verwirklichung religiöser und spiritueller Haltungen und Praktiken in den Institutionen – ein Aspekt, der im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements auch mitgedacht werden sollte. 

Das Buch kann (und will) seine Herkunft als wissenschaftliche Abschlussarbeit nicht verhehlen, so stehen z.B. in Kap. 2 die Definition und die Gründlichkeit in der Herleitung (was an sich hervorzuheben ist) im Vordergrund, ohne dass eine Eigenleistung des Autors im Zusammenführen dieser Fragmente folgt. Das ist im Rahmen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit erforderlich und korrekt, für die Leserin einer Publikation zum Thema „Altenhilfe und Spiritualität“, die aufgrund des Verlages und der Art der Publikation zumindest mit einer „alltagstauglichen“ Darstellung der Forschungslage rechnet, ist es jedoch etwas ermüdend, die Details des wissenschaftlichen Erkenntnisganges mit nachvollziehen zu müssen, ohne am Ende wirkliches Handwerkszeug oder tiefer ausgeführte Reflexionen über den Forschungsgegenstand zu bekommen. Die Diskussion am Ende des Buches hinsichtlich der Relevanz von Spiritualität in der Altenhilfe und möglicher Konsequenzen fällt leider sehr knapp aus.

Die fast durchgehende Verwendung von ausführlichen englischen Zitaten ist für eine wissenschaftliche Publikation angemessen, für Praktiker/innen im deutschsprachigen Raum, die sich für das Thema hoffentlich interessieren – und die der Autor ja auch informieren möchte – ist es jedoch nicht selbstverständlich (und zumindest in den östlichen Bundesländern in Deutschland aufgrund oftmals anderer Sprachsozialisation nicht möglich), englische Texte, zudem noch aus der Wissenschaftssprache, sich kontinuierlich nebenbei zu übersetzen. Eine an einem rein wissenschaftlichen Publikum orientierte Publikation darf dies getrost ignorieren, im Kontext dieses Verlages erscheint es mir jedoch nicht adressatenorientiert. Unübersichtlich ist zuletzt die Strukturierung, jedes Kapitel nummeriert seine Unterkapitel mit 1,2,3 auf, ohne die Kapitelnummer mit aufzunehmen (also nicht 1.1, 1.2 und 2.1, 2.2), was bei der Orientierung im Buch störend bis hinderlich ist.

Dies ist eine Studie, die in ihrer Begrenztheit zugleich wichtig ist und die berechtigterweise publiziert wird. Doch wünsche ich mir, dass sie in dieser anscheinend unbearbeiteten Form, wie sie als wissenschaftliche Abschlussarbeit eingereicht wurde, online, also als Open-Source-Quelle, ggf. unter einer Creative Commons-Lizenz für die Öffentlichkeit bereitgestellt wird, und nicht für immerhin stolze 19 € in einem Verlag, der aufgrund seiner sonstigen Ausrichtung von einer Publikation unter diesem Titel mehr erwarten lässt. (Bei der Gelegenheit: Man kann derartige Arbeiten hervorragend auf socialnet.de veröffentlichen…). Die Ergebnisse der Studie, insbesondere Kap. 2, 4 und 6, auf- und ausgearbeitet für Praktiker/innen – das wäre für mich eine wichtige Publikation, die ein Verlag wie Lambertus in sein Programm aufnehmen sollte.

Fazit

Wichtige Erkenntnisse über den in der Praxis oftmals vernachlässigten bis ignorierten Bereich religiöser und spiritueller Bedürfnisse von Bewohner/innen wie Mitarbeiter/innen in der Altenhilfe. Der hier vorliegenden wissenschaftlichen Abschlussarbeit, die für die Publikation anscheinend nicht überarbeitet wurde, mangelt es jedoch an Lesbarkeit für den Alltagsgebrauch der potentiellen Interessent/innen.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 08.08.2019 zu: Daniel Lins: Altenhilfe braucht Spiritualität. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3113-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25643.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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