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Alfred Ehret: Impuls­kontrollstörungen in der Verhaltenstherapie

Cover Alfred Ehret: Impulskontrollstörungen in der Verhaltenstherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 296 Seiten. ISBN 978-3-621-28671-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

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Thema

Störungen der Impulskontrolle können in sehr unterschiedlichen Formen auftreten, wie z.B. pathologisches Spielen oder Trichotillomanie (unkontrollierbares Ausreißen der eigenen Haare). Einige Impulskontrollstörungen wie Kleptomanie (pathologisches Stehlen), Pyromanie (pathologisches Feuerlegen) oder die intermittierende explosive Störung (Wutanfallsstörung) führen mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, dass die Betroffenen Dritte schädigen bzw. in Konflikt mit dem Gesetz geraten. In der Psychotherapie gilt die Behandlung von Impulskontrollstörungen generell als schwierig. Das Anliegen des vorliegenden Bandes ist es, eine Übersicht zu kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungsstrategien über alle möglichen Formen von Impulskontrollstörungen hinweg zu geben. Darüber hinaus möchte der Autor dazu beitragen, dass betroffene forensische Patienten künftig ein besseres ambulantes Therapieangebot erhalten.

Autor

Alfred Ehret ist langjährig erfahrener Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut für Verhaltenstherapie und Schematherapie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich von Impulskontrollstörungen und bei forensischen Patienten. Bis 2014 war er als leitender Psychotherapeut am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg (Lkr. Heilbronn) tätig.

Aufbau

Das Buch umfasst insgesamt 296 Seiten mit 16 Kapiteln. Fast alle Kapitel enden mit einem kurzen Resümee, in dem das Wichtigste zusammenfasst wird. Dies geschieht in Form einer Tabelle, die in jedem Kapitel durch einen neuen Aspekt ergänzt wird. Ein Literaturverzeichnis (7 Seiten) sowie ein Stichwortverzeichnis runden den Band ab. Bei Eingabe eines Download-Codes kann die PDF-Version des Buchs einmalig von der Verlags-Homepage heruntergeladen werden.

Inhalt

Die inhaltliche Struktur des Bandes orientiert sich nicht an spezifischen Diagnosen, sondern an verhaltenstherapeutischen Behandlungsstrategien. Hinsichtlich der unterschiedlichen Störungsbilder, die im 2. Kapitel beschrieben werden, vertritt der Autor eine „pragmatische Sichtweise“, indem er ein breites Spektrum unterschiedlicher Diagnosen aus dem Blickwinkel der defizitären Impulskontrolle betrachtet. Theoretische Grundlagen im Hinblick auf Ätiologie Aufrechterhaltung und Therapie von Impulskontrollstörungen werden im 3. Kapitel beschrieben; exemplarisch wird im Anschluss ein Ätiologie- und Verlaufsmodell des pathologischen Spielens vorgestellt (4. Kapitel). Die Kapitel 5 und 6 beschäftigen sich mit Rückfallprävention und der Förderung von Veränderungsmotivation. In den darauffolgenden Kapiteln 7 bis 15 stellt der Autor spezifische Behandlungsstrategien („Therapiemodelle“) für Patienten mit Impulskontrollstörungen vor. Anhand von Fallvignetten aus der therapeutischen Praxis wird jeweils deren Anwendung illustriert. Neben klassischen verhaltenstherapeutischen Techniken der Stimuluskontrolle und der „Cue Exposure“ werden kognitive Strategien (z.B. Selbstinstruktionstechniken) und übende Techniken wie das videogestützte „Self Modeling“ vorgestellt. Darüber hinaus stellt der Autor auch Querbezüge zu Konzepten und Techniken der Schematherapie her, wie z.B. die Arbeit mit unterschiedlichen Modi des Patienten (Stuhldialog, Imaginationstechniken etc.). Das abschließende, relativ kurze 16. Kapitel ist der Frage gewidmet, welche der zuvor beschriebenen Therapiemodelle für welche Störungen ausgewählt werden sollen. Nach Auffassung des Autors ist für die Beantwortung dieser Frage nicht nur die Art der Impulskontrollstörungen relevant, sondern auch und sogar in erster Linie das individuelle Muster des impulsiven Verhaltens.

Diskussion

In seinem Geleitwort bezeichnet Eckhard Roediger den vorliegenden Band etwas scherzhaft als „Vermächtnis eines altgedienten Verhaltenstherapeuten“. In der Tat gelingt es dem Autor, klassische verhaltenstherapeutischen Methoden und Vorgehensweisen (Impulskontrolle, Exposition, Habituation, Verhaltensanalyse, Verstärkerpläne etc.) bei der Behandlung von Impulskontrollstörungen überzeugend darzustellen. Zweifellos liegen gerade hier auch die Stärken der Verhaltenstherapie gegenüber anderen Therapieverfahren. Viele der beschriebenen Fallbeispiele sind überaus spannend zu lesen; hier gewinnt der Leser bzw. die Leserin interessante Einblicke in die therapeutische Arbeit aus Settings, die in der Fachliteratur nur selten beschrieben werden (z.B. die Arbeit mit forensischen und sehr schwer gestörten Patienten). Recht gewöhnungsbedürftig ist indes der Ansatz des Autors, ein sehr breites Spektrum psychischer Störungen (z.B. auch Zwangsstörungen und Essstörungen, bis hin zu Persönlichkeitsstörungen und Lernbehinderungen) primär unter dem Aspekt der gestörten Impulskontrolle zu betrachten. Insofern sollen die Fallbeispiele auch in erster Linie die vorgestellten therapeutischen Methoden veranschaulichen. Kolleginnen und Kollegen, die sich – im Sinne eines Therapie-Tool-Handbuchs – praktische Handlungsanleitungen für die Behandlung von Impulskontrollstörungen im engeren Sinne wünschen, werden insofern wohl eher enttäuscht.

Schade und ärgerlich ist im Übrigen, dass der Lesefluss an vielen Stellen gestört wird – durch orthografische und grammatische Fehler, falsche Satzzeichen sowie unvollständige Wörter oder Sätze. Teilweise wird das Verständnis auch durch unnötig komplizierte Schachtelsätze oder auch unpräzise Formulierungen erschwert. Dass sich der Autor im Vorwort explizit bei seiner Lektorin bedankt, erscheint vor diesem Hintergrund fast kurios. Der vorliegende Band hätte wirklich ein sorgfältigeres Lektorat verdient gehabt!

Fazit

Bei dem vorliegenden Band von Alfred Ehret handelt es sich um ein kenntnisreiches und anregendes Fachbuch zu einem in der deutschsprachigen Fachliteratur bislang nur wenig behandelten Störungsbereich. Es dürfte vor allem für erfahrene Verhaltenstherapeuten und -therapeutinnen interessant sein, weniger jedoch für Studierende und Psychotherapeutinnen bzw. -therapeuten in Ausbildung, die sich grundständig über Impulskontrollstörungen informieren möchten.


Rezension von
Prof. Dr. phil. habil. Johannes Jungbauer
Diplom-Psychologe; Supervisor (BDP). Professor für Familien- und Entwicklungspsychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen
Homepage bit.ly/1IDXkB4
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Zitiervorschlag
Johannes Jungbauer. Rezension vom 21.02.2020 zu: Alfred Ehret: Impulskontrollstörungen in der Verhaltenstherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28671-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25647.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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