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Pascal Bastian: Sozialpädagogische Entscheidungen

Cover Pascal Bastian: Sozialpädagogische Entscheidungen. Professionelle Urteilsbildung in der Sozialen Arbeit. UTB (Stuttgart) 2019. 141 Seiten. ISBN 978-3-8252-5151-2. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

In jedem Bereich der Sozialen Arbeit gehört das Entscheiden und Urteilen zu einem unverzichtbaren Bestandteil sozialarbeiterischer Praxis. Umso wichtiger ist es, dass sich Studierende der Sozialen Arbeit bereits frühzeitig mit den unterschiedlichen theoretischen Zugängen der sozialpädagogischen Urteilsbildung auseinandersetzen und kritisch hinterfragen. Der vorliegende Titel widmet sich dem Urteilen und Entscheiden in der Sozialen Arbeit und bietet neben den theoretischen Zugängen und konventionellen Modellen auch im Hinblick auf die bestehenden sozialpädagogischen Theorien Möglichkeiten zur kritischen Überprüfung. Dabei bleibt das Buch nicht allein in der Theorie verhaftet, sondern bedient sich empirischer Forschungsergebnisse und anschaulicher Fallbeispiele.

AutorIn oder HerausgeberIn

Prof. Dr. Pascal Bastian ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Koblenz-Landau Campus Landau. Er habilitierte mit der venia legendi in „Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik“ zum Thema „Sozialpädagogische Urteilsbildung“.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Themen der professionellen Urteilsbildung in der Sozialen Arbeit sowie Theorien der Sozialpädagogik und Professionalisierung Sozialer Arbeit.

Aufbau

Der vorliegende Titel gliedert sich nach einer kurzen Einführung in sechs Kapitel zu nachfolgenden Themen:

  1. Urteilsbildung und Entscheidungsfindung als Kernthemen für eine professionelle Soziale Arbeit
  2. Anforderungen an die professionelle Urteilsbildung
  3. Urteile, Entscheidungen und Prognosen – psychologische Grundlagen und Modelle
  4. Die Praxis professioneller Urteilsbildung – Forschungen zu den inneren und äußeren Bedingungen
  5. Perspektiven einer sozialpädagogischen Urteilsbildung – das Urteilsnetzwerkmodell
  6. Schlussbetrachtung und Ausblick

Während im ersten Kapitel zunächst die Relevanz der Themen „Urteilsbildung“ und „Entscheidungsfindung“ gerahmt werden, beleuchtet das drauffolgende zweite Kapitel zur Grundlagenbildung noch einmal die lebenswelt-, bewältigungs- und professionstheoretischen Überlegungen zur Sozialen Arbeit. Um genauer die Zusammenhänge zwischen Urteilen, Entscheiden und Prognostizieren zu verstehen, beschäftigt sich das dritte Kapitel mit entsprechenden psychologischen Grundlagen, Theorien und Modellen.

Kern und Schwerpunkt des Buches bilden das vierte sowie fünfte Kapitel, in welchem der Forschungsstand zum Thema sowie die Systematik der inneren und äußeren Bedingungen unterschieden werden. Abgerundet wird das Buch durch eine abschließende Schlussbetrachtung zu den aktuellen Herausforderungen und zukünftigen Forschungsperspektiven im Zusammenhang mit sozialpädagogischer Urteilsbildung.

Inhalt

Im ersten Kapitel setzt sich Pascal Bastian mit der Urteilsbildung und Entscheidungsfindung als Kernthemen der Sozialen Arbeit auseinander. Hierbei geht er explizit auf die Unterscheidung der Sozialen Arbeit zu klassischen Professionen ein und widmet sich im Rahmen dessen den (unterschiedlichen) Urteils- und Entscheidungskompetenzen. Zudem fokussiert er typische Entscheidungssituationen und hinterfragt die Begrifflichkeiten und Kontextzusammenhänge von Urteilen und Entscheiden.

Das zweite Kapitel „Anforderungen an die professionelle Urteilsbildung“ widmet sich den Theorien der Lebenswelt, Bewältigung und Profession. Hier verdeutlicht der Autor, dass sowohl Urteilen als auch Entscheiden als Fachkompetenzen in den genannten Theorien nur wenig berücksichtigt werden, jedoch Kompetenzen zur Beurteilung, Diagnose und Reflexion als unverzichtbar anerkannt werden. Er deutet Letztere als Bestandteile der von ihm aufgeführten und hinterfragten ursprünglichen Urteilskompetenz. Dass die geforderten Kompetenzen nicht immer in Balance zueinanderstehen und sogar häufig sehr paradoxe Konstellationen verursachen, erklärt er im Kapitel 2.2 anhand bekannter Vertreter der professionstheoretischen Ansätze.

Im Kapitel „Urteile, Entscheidungen und Prognosen“ werden die psychologischen Grundlagen und Modelle zu Entscheidungen und zum Urteilen vorgestellt. Als besonders relevantes Forschungsfeld der Psychologie werden auch in dieser Disziplin die Begrifflichkeiten nicht immer trennscharf unterschieden. Der Autor stellt zusammenfassend die normativen sowie deskriptiven Modelle der kognitiven Psychologie vor und diskutiert anhand von Risikoprognosen – wie beispielsweise im Kinderschutz – die besondere Relevanz und damit einhergehende Herausforderung für die Soziale Arbeit.

Das vierte Kapitel widmet sich der Praxis professioneller Urteilsbildung. Pascal Bastian diskutiert hier verschiedene Forschungen zu den Themen Urteilsbildung und Entscheidungsfindung. Dabei geht er unter anderem der Frage nach, wie Fehler bei Fachkräften hinsichtlich dieser Fähigkeiten unterlaufen können und wie fachliche Entscheidungen aus Sicht der Forschung beeinflusst werden. Da viele der vorliegenden Forschungsergebnisse davon ausgehen, dass Fachkräfte eher dazu neigen, unprofessionell zu urteilen und sich durch äußere Bedingungen ebenso negativ beeinflussen zu lassen, zeigt Bastian nach einer kurzen kritischen Reflexion dieser Ergebnisse auch alternative Betrachtungsweisen für die professionelle Praxis auf.

Daran anknüpfend erfährt der/die Leser*in im Kapitel „Perspektiven einer sozialpädagogischen Urteilsbildung“, dass es zwei grundlegende Konzepte gibt, wenn zwischen inneren und äußeren Bedingungen unterschieden wird: die Akteur-Netzwerk-Theorie und der pädagogische Takt. Durch eine Zusammenführung beider Konzepte konnte Pascal Bastian das Urteilsnetzwerkmodell als übergreifende Theorie für die professionelle Perspektive auf sozialpädagogische Urteils- und Entscheidungsfindung herausarbeiten. Dieses Kapitel widmet sich dementsprechend der Vorstellung jener Theorie sowie der Bedeutung von professioneller Reflexion innerhalb des Urteilsnetzwerkmodells.

In der Schlussbetrachtung fasst Bastian seine vorherigen Kapitel übersichtlich zusammen und klärt die Frage nach der Relevanz des Themas für die praktische sozialarbeiterische Tätigkeit. Abgerundet wird das letzte Kapitel mit einem vielversprechenden Ausblick auf die „neuen“ Herausforderungen der Sozialen Arbeit, die der Autor vor allem in gesellschaftlichen und politischen Themenfeldern „Soziale Arbeit und Flucht“ sowie „Soziale Arbeit und Big Data Analytics“ verortet.

Diskussion

Bereits in der Einleitung beschreibt der Autor sein Buch als ein „schwieriges Buch“, weil es keine direkten Lösungen für eine gelingende Urteilsbildung bietet. Vielmehr geht es dem Autor um eine aktive Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Ansätzen, praktischen Fallbeispielen und empirischen Ergebnissen – zum Thema „Urteilsbildung“ und „Entscheidungsfindung“. Die Komplexität der Bedingungen stattfindender Sozialer Arbeit lässt direkte Lösungen dieser Art nicht zu. Nicht zuletzt auch – wie der Autor treffend hervorstellt –, weil die Soziale Arbeit sich in einer uncharmanten Position zwischen widersprüchlichen Aufträgen und Perspektiven befindet. Genau diese Position scheint jedoch auch die Kernkompetenz Sozialer Arbeit zu zeigen.

Bei den empirischen Ergebnissen bezieht sich Bastian auf die Handlungsfelder des Kinderschutzes und der erzieherischen Hilfen. In Hinblick auf die mediale Aufmerksamkeit der letzten Jahre scheint dieser Bereich eine besondere Relevanz für das Studium der Sozialen Arbeit zu haben. Dementsprechend finden sich im Buch u.a. Fallbeispiele zur Inobhutnahme, zum Kinderschutz, zu Auswirkungen häuslicher Gewalt und zum sexuellen Missbrauch.

Zwar sind diese Ausführungen auch auf andere Bereiche der Sozialen Arbeit übertragbar, allerdings m.E. nur, wenn die Lesenden bereits einen guten Einblick in die Vielfalt Sozialer Arbeit erlangt haben. Für neubeginnende Studierende ist eine Übertragung auf andere Felder eine (noch) nicht umsetzbare Reflexionsleistung, sodass hier schnell der Eindruck entstehen könnte – trotz kleiner Hinweise des Autors –, nur in den oben genannten Bereichen mit „Entscheiden“ und „Urteilen“ konfrontiert zu sein. Das lässt dieses Buch zunehmend „schwierig(er)“ erscheinen, da es eine gewisse Grundkompetenz der Reflexion eigener Haltungen impliziert. Schlussendlich bietet es keine Theorie sozialpädagogischer Urteilsbildung, jedoch eine zumindest auf oben genannte Bereiche gut ausgearbeitete und differenzierte Skizze. Eine weitere Ausführung auch auf andere Schwerpunkte könnte einen wichtigen Beitrag zur Professionsdebatte leisten und ist durchaus zu begrüßen.

Fazit

Mit dem Ziel, Studierenden der Sozialen Arbeit sowohl ein Lehrbuch als auch theoretische Grundlagenliteratur zur Verfügung zu stellen, bietet das Buch in seinen einzelnen Kapiteln eine grundlegende Einführung in die Thematik, Optionen zur Vertiefung der Inhalte, Fallbeispiele sowie abschließende Übungen zur Verinnerlichung der Inhalte. Damit dient die Lektüre nicht nur als Allrounder für fortgeschrittene Studierende der Sozialen Arbeit zur Einführung in „Urteilen“ und „Entscheiden“, sondern auch Lehrbeauftragten zur Vorbereitung von Veranstaltungen sowie Sozialarbeitenden zur erweiterten Reflexion ihrer Haltung und Tätigkeiten.

Insgesamt leisten die einzelnen Beiträge durch ihre umfangreichen Vertiefungsmöglichkeiten sowie praktischen Fallbeispiele m.E. einen gelungenen Beitrag zur sozialpädagogischen Theoriebildung und legen damit den Grundstein für Theorien sozialpädagogischer Urteilsbildungen für Studium, Lehre und Praxis.


Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A/M.A), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HAW Hamburg, Systemische Beraterin (DGSF), Promovendin an der FSU Jena
Homepage www.socialnet.de/ueber-socialnet/team/farina-eggert ...
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Zitiervorschlag
Farina Eggert. Rezension vom 05.08.2020 zu: Pascal Bastian: Sozialpädagogische Entscheidungen. Professionelle Urteilsbildung in der Sozialen Arbeit. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5151-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25653.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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