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Ingo Emmelmann, Heinrich Greving u.a. (Hrsg.): Erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Eltern

Cover Ingo Emmelmann, Heinrich Greving, Heinrich Greving (Hrsg.): Erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Eltern. Vom Ablösekonzept zum Freiraumkonzept. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 103 Seiten. ISBN 978-3-17-033880-7. 32,00 EUR.

Reihe: Praxis Heilpädagogik - Konzepte und Methoden.
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Thema

Der Übergang von Menschen mit einer sog. geistigen Behinderungen steht unter erschwerten Bedingungen. Es wird ihnen häufig nicht zugetraut und nicht ermöglicht, eigene Entscheidungen aus ihrer Herkunftsfamilien heraus bezüglich der zukünftigen Lebensführung zu treffen. Das Institut der rechtlichen Betreuung, das vorhandene Unterstützungsangebot und auch Annahmen von Angehörigen und Fachkräften behindern häufig ein selbstbestimmtes Leben. Die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat daher die Konkretisierung der Menschenwürde als die Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen und Unabhängigkeit in ihren Grundsätzen verankert. In Bezug auf den Lebensbereich Wohnen wird dies in Artikel 19 konkretisiert durch die Forderung nach gleichberechtigten Möglichkeiten den eigenen Aufenthaltsort zu wählen und zu bestimmen, wo und mit wem Menschen mit Behinderungen leben möchten. Ausdrücklich soll sichergestellt werden, dass Menschen mit Behinderungen nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben. Die Frage also, wie Übergänge im Erwachsenenalter so begleitet werden können, dass ein selbstbestimmtes Leben möglich wird, ist für professionelle Unterstützung äußerst relevant. Hier weckt die Veröffentlichung durch ihren Titel große Erwartungen.

Autoren

Seitens der Autoren repräsentiert Ingo Emmelmann die Praxis. Nach dem Studium der Heilpädagogik war er als Mitarbeiter und Leiter in Einrichtungen und der Verbandsarbeit tätig. Im Kontext der praktischen Arbeit, so die Ausführungen zu den Autoren im Buch, wurde das Freiraumkonzept entwickelt. Heinrich Greving ist als Professor für Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen tätig. Im Vorwort wird deutlich gemacht, dass sich das Buch an Träger und Einrichtungsleitungen wendet und eine Grundlage zur Weiterentwicklung von Konzeptionen zur Eltern- und Angehörigenarbeit bietet. Es richtet sich auch an Auszubildende und Mitarbeiter*innen sowie an Eltern.

Inhalt

Im ersten Kapitel des Buches wird begründet, warum der vorgestellte Ansatz als Freiraumkonzept verstanden wird. Das Konzept der Ablösung wird durch den Bedarf an lebenslanger Unterstützung und angesichts einer andauernden Verantwortlichkeit der Eltern für unzutreffend, unmöglich und daher als negativ konnotiert erachtet. Hier deutet sich bereits eine Positionierung an, die sich in der Erläuterung der heilpädagogischen Grundlagen in Kapitel zwei fortsetzt. Es wird von einer grundlegenden Andersartigkeit von Menschen mit geistiger Behinderung und ihren sozialen Beziehungen ausgegangen. Daher sucht das Konzept keinen Anschluss an erziehungs- und sozialwissenschaftliche Fachdiskussionen zu Übergängen und ihrer Begleitung, sondern hebt im Rückgriff auf stark anthropologisch orientierte heilpädagogische Texte die Besonderheit der Personengruppe, des Feldes und der Gestaltung von sozialen Beziehungen hervor. Es überrascht dann doch, dass dabei rechtliche Aspekte des Verhältnisses zwischen Kindern und Eltern im Erwachsenalter und die Untersuchungen der tatsächlichen Beziehungen eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Auch die Herausforderungen durch das Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe, die im Zuge der Auseinandersetzung mit der UN-Behindertenrechtskonvention sowohl im sozialpolitischen als auch im fachlichen Diskurs doch zu erheblichen Diskussionen und fachlichen Weiterentwicklungen geführt haben, kommen in der Darstellung des Freiraumkonzepts kaum vor.

Das ab dem dritten Kapitel sehr konkret beschriebene Freiraumkonzept orientiert sich an einem ‚heilpädagogischen Dreisatz‘, der drei Grundannahmen enthält:

  • „1. Jeder Menschen ist darauf angelegt eigenständig aktiv zu werden.
  • 2. Jeder Mensch möchte seine eigenen Entscheidungen treffen.
  • 3. Jeder Mensch kann ein Leben lang lernen“ (S. 38)

Den größten Teil des Buches nimmt die Beschreibung der Gestaltung von fünf Phasen zur Aufnahme von Menschen mit einer sog. geistigen Behinderung in eine Wohneinrichtung ein.

  1. Gemeinsamkeit
  2. Loslassen und Freiräume entwickeln
  3. Annäherungen und Freiräume nutzen
  4. Verantwortung übernehmen und Freiräume nutzen
  5. Die Zeit nach dem Tod eines Elternteils

Die Phasen werden jeweils nach dem gleichen Schema beschrieben und enthalten teilweise sehr detaillierte Handlungsanweisungen an die Mitarbeiter*innen. Die Vorstellungen werden abgeschlossen durch Reflexionsfragen, mit denen typische Konfliktsituationen, die in der jeweiligen Phase auftreten können, erörtert werden. Das Buch schließt mit der Darstellung von möglichen Einsatzfeldern des Konzepts. Ergänzt wird ein Ausblick, in dem vor allem eine stärkere Begleitung von Eltern von Menschen mit einer sog. geistigen Behinderung eingefordert wird.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch hinterlässt den Rezensenten etwas ratlos. Die Erwartung, dass vor dem Hintergrund der Umbrüche und neuen Anforderungen an die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen ein neuer konzeptioneller Ansatz zur Diskussion gestellt wird, erfüllt das Buch nicht. Das Buch vermittelt vielmehr das Bild eines in sich stark geschlossenen Systems, in dem die Besonderheit von Menschen mit einer sog. geistigen Behinderung in den Vordergrund gestellt wird in dem um sie herum von Eltern und Einrichtungen ein stark besonderndes und beschützendes Unterstützungsangebot arrangiert wird.

Es ist unumstritten und durch empirische Studien gut belegt, dass der Übergang von der Herkunftsfamilie in eine selbstbestimmte Wohnform für Menschen mit Behinderungen unter erschwerten Bedingungen steht. Dabei spielen neben den Strukturen des Hilfesystems auch unhinterfragte Annahmen über eine geistige Behinderung eine wichtige Rolle. Sie führen nicht selten dazu, dass die Entscheidungsmöglichkeiten von erwachsenen Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, begrenzt werden. Es stellt sich die Frage, wie das rechtliche Institut der rechtlichen Betreuung so ausgestaltet wird, dass es nicht einer stellvertretenden Entscheidung, sondern einer unterstützten Entscheidungsfindung dient. Es stellt sich die Frage, wie durch die frühzeitige Inanspruchnahme von Assistenz und die Begleitung von Familien beispielsweise durch familienunterstützende Dienste Übergänge vorbereitet und erleichtert werden können. Es stellt sich die Frage, wie verfestigte Bilder von Behinderungen als individuelles Defizit überwunden werden können und Situationen der Behinderung beispielsweise durch bevormundende Hilfen analysiert und für Verfahren der Planung von Unterstützung nutzbar gemacht werden können. Es stellt sich die Frage, wie Unterstützungsangebote dezentral und sozialräumlich orientiert weiterentwickelt werden können. Es stellt sich die Frage, wie angesichts des dokumentierten Gewaltpotenzials stationärer Unterbringung, in Übergangssituationen neue Formen der Unterstützung erschlossen (z.B. Unterstützerkreise) und Transparenz hergestellt werden kann. Zu solchen eher innovativen konzeptionellen Ideen finden sich in der Veröffentlichung kaum Diskussionen und Hinweise.

Der Rezensent kommt daher zu dem Ergebnis, dass das Buch für die konzeptionelle Weiterentwicklung nur wenig Weiterführendes leistet. Dies ist bedauerlich, zumal hier ein großer Bedarf besteht, in dem anstehenden Reformprozess der Eingliederungshilfe auch und besonders die Beziehungen zwischen den Leistungsberechtigten und ihren Familienangehörigen in den Blick zu nehmen.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/rohrmann/
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 18.11.2019 zu: Ingo Emmelmann, Heinrich Greving, Heinrich Greving (Hrsg.): Erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Eltern. Vom Ablösekonzept zum Freiraumkonzept. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-033880-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25663.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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