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Eleonora Kohler-Gehrig: Armut heute

Cover Eleonora Kohler-Gehrig: Armut heute. Eine Bestandsaufnahme für Deutschland. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 184 Seiten. ISBN 978-3-17-036086-0. 26,00 EUR.
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Thema

Armut ist, wie man dem regelmäßig erscheinenden Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung entnehmen kann, ein ebenso wichtiges wie facettenreiches Thema. Die Autorin beansprucht mit ihrem Buch eine „Bestandsaufnahme für Deutschland“ vorzulegen.

Autorin

Eleonore Kohler-Gehrig ist Prof. em. der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg, mit dem Fachgebiet Recht.

Aufbau

Das Buch von rund 170 Seiten ist gegliedert in 16 Kapitel, denen sich ein Literaturverzeichnis und ein Register anschließt.

Inhalt

Kapitel 1 bis 3 erörtert den Begriff der Armut und führt in die Theorien zur Armutsentwicklung ein. Eingangs wird klargestellt, dass es sich bei Armut um ein „soziales Phänomen“ handelt, um einen normativen aber auch um einen moralisch-politisch wertenden Begriff. Die Autorin diskutiert Eingangs den Unterschied von relativer und absoluter Armut, und das relative Armutsrisiko in den EU-Mitgliedsstaaten. In theoretischer Hinsicht wird unterschieden der Lebenslage-Ansatz, den etwa Armatya Sen vertritt, welcher die Handlungsspielräume der Betroffenen, ihre individuellen Teilhabechancen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, wie etwa Bildung und Gesundheit fokusiert. Das wird unterschieden von struktureller Armut, welche z.B. als verfestigte Armut bei gesellschaftlichen Randgruppen vorliegen kann. Die Autorin behandelt auch die gefühlte Armut, die erlebt wird im Vergleich zu anderen Gesellschaftsgruppen.

Kapitel 2 behandelt Theorien der Armutsentwicklung, das schließt auch die Erwähnung des Beitrages der Industriestaaten zur Armut in anderen Ländern ein. Behandelt werden gesellschaftlich ökonomische Theorien der Armut, individualistische Theorien, oder die Theorie der erlernten Hilfslosigkeit (23). Nach Ansicht der Autorin führen alle Theorien der Armut in einen Teufelskreis, intergenerativer Armut. Überspitzt formuliert: Einmal in Armut immer in Armut, der Armut ist schwer zu entkommen (25).

In Kapitel 4 werden statistische Zahlen zur Armut in Deutschland angeführt, der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der sich sowohl an den finanziellen Ressourcen der Betroffenen, wie auch an ihren Teilhabechancen in der Gesellschaft orientiert. Erörtert werden wichtige Begriff der Armutspolitik und Armutsforschung, welche für das Verständnis der nachfolgenden Kapitel wichtig sind. Dazu gehört etwa die Armutsgefährdungs- oder Armutsrisikoschwelle, mit großen Schwankungen zwischen Stadt und Land. Die Armutsschwelle liegt dabei bei 60 % des Medianeinkommens, das nicht mit dem Durchschnittseinkommen zu verwechseln ist. Nach dem 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beziehen 15 % der Bevölkerung Einkommen unter der Armutsschwelle (35). Die Kritik an dem Armuts- und Reichtumsbericht wird von der Autorin knapp zusammengefasst und gebündelt mit der Feststellung, dass Armut zur Spaltung der Gesellschaft führen kann (39). Wichtig in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass die Bundesrepublik im EU Ländervergleich „den höchsten Zuwachs an Erwerbsarmut aufweist“ (43), trotz der positiven Arbeitsmarktentwicklung. Sie stellt dies zutreffend in Zusammenhang mit der Entwicklung des Niedriglohnsektors, den Zumutbarkeitsregelungen des SGB II, mit atypischen Beschäftigungsformen wie Leiharbeit und befristeten Arbeitsverhältnissen, die Entstehungsbedingungen eines Prekariats

Dem schließt sich in Kapitel 5 eine Darstellung der Finanzierung des Sozialstaates, also des Sozialbudgets an.

Der Hauptteil des Buches, Kapitel 6–14, ist der Darstellung des „Phänomens Armut“ in verschiedenen Lebensbereichen gewidmet: Armut und Arbeit, Armut und Arbeitslosigkeit, Armut und Gesundheit, Armut und Alleinerziehende, Armut und Alter, Armut und Wohnen, Armut und Bildung, Kinder- und Jugendarmut, Armut und Migration. Nachfolgend wird nur auf einzelne Bereiche eingegangen. Zu den besonders armutsgefährdeten Gruppen zählen Arbeitslose ohne Berufsausbildung, Alleinerziehende mit einer Armutsrisikoschwelle von 41,9 % und Personen mit Migrationshintergrund. Belegt wird dies in den einzelnen Kapitel durch die jeweilige Armutsrisikoschwelle, aber hervorgehoben werden auch besondere Armutsrisiken in diesen Bereichen. 

Kapitel 7 behandelt etwa die Situation älterer Arbeitsloser, 50–65 Jahre, wenn dazu noch andere Vermittlungshemmnisse, wie etwa eine geringe Ausbildung kommen. 26 % der Arbeitslosen gehören der Gruppe der Langzeitarbeitslosen an, welche daher nur schwer zu vermitteln sind. Die Autorin verweist darauf, dass die Mittel für die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen seit 2010 stetig reduziert wurden (73). Erwähnt wird auch, dass für Bezieher von Alg II keine Rentenversicherungsbeiträge mehr gezahlt werden, dass sich diese Zeiten allenfalls noch als Anrechnungszeiten auswirken (66). Das Leben in Harz 4 als ein Leben hin zu Altersarmut.

Kapitel 8 behandelt den Zusammenhang von Armut und Gesundheit, es informiert über die sozialmedizinische Erkenntnis, dass „ geringere Lebenserwartung und Gesundheit“ eine auffallende Korrelation zur sozialen Schichtzugehörigkeit aufweisen. Das Kapitel behandelt die erhöhte Krankheitsanfälligkeit armer Menschen, dass Armut nicht nur krank macht, dass auch Krankheit arm machen kann.

Unter „Armut und Alleinerziehende“ (Kapitel 9) wird auf die spezifischen Armutsrisiken der wachsenden Gruppe der Alleinerziehenden hingewiesen. Das sind in Ostdeutschland 2017 25 % der Haushalte, in Westdeutschland 17 % bei steigender Tendenz. Der Anteil der Kinder in Hauhalten Alleinerziehender lag 1996 noch bei 12 %, er beträgt mittlerweile knapp 18 % (83).

Bei dem Thema Armut und Alter, differenziert die Autorin etwa nach den Altersphasen, nach der regionalen Situation und insbesondere nach der unterschiedlichen Situation der Rentnerhaushalte im Osten und im Westen. Dabei weist sie auch auf das besondere Armutsrisiko älterer Frauen im reichen Südwesten hin, dies als Folge des dort vorherrschenden Familienbildes, das keine Erwerbstätigkeit der Frauen begünstigte (92 f.).

Die Autorin vermerkt, dass „in der gesamten europäischen Geschichte die Tatsache konstant blieb, dass die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft alleinstehende Frauen waren und vor allem alleinstehende Frauen im Alter“ (95).

Kapitel 15 Linderung der Armut“ geht noch einmal kurz auf die Geschichte der Armut ein, wie gegenwärtig die Armenspeisung des Mittelalters durch Tafeln und Suppenküchen ersetzt aber auch fortgesetzt wird. Das gilt für die „ehrbaren Armen“, welche auch die Armutsgeschichte kennt, Tafeln und Suppenküchen, so vermerkt die Autorin, lindern Armut bekämpfen sie aber nicht, viele wollen nicht zu Bittsteller werden. Darin, dass Menschen Container nach essbarem durchwühlen, sieht sie eine klare Wiederlegung der These, Arme seien arbeitsscheu.

Diskussion

Das Buch bietet, wie im Untertitel versprochen, eine informative Bestandsaufnahme zur Armut in der Bundesrepublik. Es verweist dabei auf blinde Stellen in der öffentlichen Diskussion über Armut, besonders einer Armutsdiskussion, welche lediglich als Einkommensarmut verstanden wird. Sie verweist auch vielfach auf die Folgen des Wohlstandes in der Bundesrepublik zur Armut in anderen Teilen der Welt, über die Kosten, welche die wohlhabenden Länder anderen Ländern auferlegen, der sogenannte negative spill-Over-Effekt.

Armut ist in Deutschland vor allem ein Problem in den Großstädten. Dabei vermisst der Rezensent aber eine vertiefende Diskussion zum Thema Armut und Soziale Ungleichheit, vor allem aber den Versuch einer Erklärung, warum dem Teufelskreislauf der Armut kaum zu entkommen ist. Das hängt nach Auffassung des Rezensenten damit zusammen, dass die Autorin das Thema Armut zwar sehr informativ für die einzelnen Bereiche darstellt, es aber dabei unterlässt, die Frage aufzuwerfen, inwiefern diese Bereiche als Systeme so strukturiert und miteinander verbunden sind, dass die Betroffenen jeweils weiter nach unten durchgereicht werden. Beispiel, Altersarmut und Harz 4. Das Netz der sozialen Sicherheit, der Sozialstaat bietet wenig Auswege nach oben, aber große Chancen immer weiter nach unten zu gelangen.

Fazit

Ein Buch lesenswert für jeden, der einen Überblick über das Thema Armut in der Bundesrepublik erhalten will. Einen Überblick über theoretische Ansätze und Konzepte zur Erfassung des sozialen Phänomens Armut und über empirische Daten dazu. Lesenswert auch für jeden, der einen Einblick in ein soziales Sicherungssystem erhalten will, welches Armut immer wieder reproduziert.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 03.09.2019 zu: Eleonora Kohler-Gehrig: Armut heute. Eine Bestandsaufnahme für Deutschland. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-036086-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25666.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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