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Tilo Strobach: Kognitive Psychologie

Cover Tilo Strobach: Kognitive Psychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 208 Seiten. ISBN 978-3-17-032661-3. 34,00 EUR.

Reihe: Kohlhammer Standards Psychologie. Herausgegeben von Marcus Hasselhorn, Wilfried Kunde und Silvia Schneider.
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Thema

Wie kann ich etwas Wichtiges behalten, wie lassen sich Inhalte unter Druck reproduzieren, warum ist es besser, in der Vorlesung mitzuschreiben als nur zuhören, welche Fähigkeiten muss der Betriebsleiter einer Autofabrik mitbringen, wann werden Probleme komplex. Adressat für diese Fragen ist die Kognitive Psychologie, eine Methoden- und Fächerübergreifende grundlegende Disziplin der Psychologie, die sich der Allgemeinen Psychologie (Wahrnehmung, Denken) bedient, aber auch Nachbarwissenschaften wie Physiologie, Neurologie und Computerscience mit einbezieht und so neue Herangehensweisen auch für Alltagsprobleme (Pädagogik, wie können wir besser Lernen und Unterrichten) schafft.

AutorIn oder HerausgeberIn

Prof. Dr. habil. Tilo Strobach lehrt seit 2015 an der Medical School Hamburg an der Fakultät für Humanwissenschaften das Fach Allgemeine Psychologie. Zuvor war er an der Ludwig-Maximilian-Universität München, der Humboldt-Universität Berlin und der Alpen-Adria Universität Klagenfurt in Forschung und Lehre tätig.

Robert Gaschler ist seit 2015 Professor für Allgemeine Psychologie an der Fernuniversität Hagen. Er verfasste das Kapitel „Komplexe Kognition“ in diesem Buch.

Julia Karbach, seit 2017 Professorin für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Koblenz-Landau, verfasste das Kapitel „Kognitives Altern“.

Aufbau

Lassen sich mentale Vorgänge mit computionalen Prozessen vergleichen oder gibt es substantielle Unterschiede, wie kam es zu diesem Vergleichen. Klar ist jedenfalls: bevor wir etwas be- und verarbeiten, muss es in den Bereich unserer „Wahrnehmung“ gerückt sein und hier fängt schon die Eigenaktivität des Individuums an, ohne „Aufmerksamkeit“ keine bewusste Wahrnehmung, basierend auf physiologischen Eigenarten unseres Wahrnehmungs-„apparates“, der kein Automat ist. Tilo Strobach leitet den Leser über die Aufmerksamkeit (zwei Kapitel: „selektive Aufmerksamkeit“ und „geteilte Aufmerksamkeit und Automatisierung“) zum Gedächtnis: „kurzfristige Gedächtnisspeicherung“ und „langfristige Gedächtnisspeicherung“ und zu den „exekutiven Funktionen“, danach die „Komplexen Kognitionen“. Da wir dem Lebenszyklus unterworfen sind, erfahren wir auch, was uns beim„kognitiven Altern“ erwartetund wer etwas für sich tun will, meldet sich zum „kognitiven Training“ an.

Inhalt

Psychologie ist die Wissenschaft vom (menschlichen) Verhalten und Erleben, aufgeteilt in etliche Unterbereiche wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Lernen, Motivation u.a.m. Jedoch: wir lernen, wir sehen, wir lieben, wir fühlen uns angetrieben, mitgerissen, haben eine Leere im Kopf statt zu antworten. Das alles findet leib-seelisch „bei vollem Bewusstsein“, statt, aber wo läuft das alles zusammen. Noch unproblematisch ist, zu sagen „im Kopf“ – aber dann, wie weiter. Schieben wir dann alles auf den kleinen Hirncomputer, obwohl die Analogie doch nur begrenzt trägt? Wie stellen wir uns denn unser Oberstübchen vor? Ansätze kommen, in den letzten Jahrzehnten verstärkt, von der Kognitive Psychologie, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, grundlegende mentale Erlebnis- und Verhaltensprozesse zu erforschen und die Ergebnisse auch anderen Disziplinen zur Verfügung zu stellen. Die Matrix hinter der Allgemeinen Psychologie, sozusagen.Von dieser Matrix handelt das vorliegende Buch. Behavioristischer Betrachtungsweise waren solche Überlegungen stets versagt und in der klinischen Anwendung (Verhaltenstherapie) bedurfte es einer „kognitiven Wende“, ehe Mensch als denkendes Wesen und nicht nur als Organismusvariable erscheint.

Als roten Faden, an dem entlang er die Bereiche und Forschungsergebnisse darstellt, hat der Autor Tilo Strobach die Figur des fußballbegeisterten Herr F. eingeführt, der auf der Zuschauertribüne einem Spiel seiner Mannschaft zuschaut und dabei nicht nur beobachtet, sondern auch seine Erfahrung früherer Spiele mit einbringt und während des Spielverlaufs unserer Beobachtung unterliegt. Ein didaktisch ausgesprochen positiver Einfall, der zusätzlich durch die Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels dem Leser die Strukturierung erleichtert.

Es beginnt mit der Psychologie der Wahrnehmung, grenzt sie dankenswerter Weise auf die visuelle Wahrnehmung ein, aber nicht ohne Hinweis auf die anderen Sinnesqualitäten. Sowohl die neurophysiologische als auch die beschreibende Perspektive auf die visuelle Wahrnehmung werden dargestellt. Der Autor referiert Psychophysik und Gestaltwahrnehmung, ehe er eine erklärende Perspektive auf die die visuelle Wahrnehmung einnimmt und am Beispiel der Gesichtserkennung Komponenten-Theorie und holistische Ansätze als zukünftig auf physiologischer Ebene zu integrierende darstellt.

Herr F., unser fiktiver Fußballstadionbesucher, muss nun seine Aufmerksamkeit gezielt einsetzen, um den Stadionbesuch zu bestehen. Neben der selektiven Aufmerksamkeit, für die Tilo Strobach originelle und amüsante Beispiele und Experimente beibringt, erfordert die Umgebung auch Aufmerksamkeitsteilung und Automatisierung, wie aus dem Alltag bekannt. Strobach führt die verschiedenen theoretischen Erklärungen vor, so z.B. die Lichtkegeltheorie, der zu Folge unsere zur Verfügung stehende Aufmerksamkeitsleistung pro Zeiteinheit entweder stark fokussiert auf kleine Ausschnitte der „Realität“ gerichtet sein kann oder weniger stark und daher ungenauer ein breiteres Spektrum erfasst. Anfänglich also besagte die Lichtkegelmetapher:

„1. Aufmerksamkeit hat einen konstanten Fokus und ist innerhalb dieses Fokus gleich verteilt. 2. Aufmerksamkeit bewegt sich, ähnlich einem Suchscheinwerder, in kontinuierlich-analoger Weise ohne Sprünge zwischen mit Aufmerksamkeit belegten Orten“ (Strobach, S. 53/54).

Allerdings zeigen weitere Experimente, dass nicht nur die Aufmerksamkeitsleistung (gemessen an einer Reaktionszeit) doch ortsabhängig variiert, sondern auch objektbezogen variabel einsetzbar ist, sodass wir bei der geteilten Aufmerksamkeit immer die Dimensionalitäten des Wahrnehmungsobjektes mit berücksichtigen müssen.

Wie aber verteilt sich die Aufmerksamkeit, wenn zwei „gleich wichtige“ Anforderungen gestellt sind? Hierzu unterschiedliche Erklärungen. Die eine ist die Theorie der zentralen Kapazität, die von einer eindeutig feststellbaren Limitation über alle diversen Aufgaben ausgeht. Ihr steht das Mehrkapazitätenmodell gegenüber, wonach für dimensional unterschiedliche Aufgaben jeweils eine definierte Leistungsfähigkeit (Informationsaufnahmemechanismus) zur Verfügung steht, die sich nur dann blockieren, wenn die aufzunehmenden Informationen oder Wahrnehmungsmodalitäten (auditiv/​visuell) zu ähnlich sind. (Die Bestimmung dieses „zu“ ist dann der Gegenstand experimenteller Forschung.) Zusätzlich nimmt die Schwierigkeit einer oder zweier Aufgaben etliches von der zur Verfügung stehenden Kapazität.

Längeres oder häufigeres Durchführen von Aufgaben hilft, die Kosten zu minimieren (=Anstrengung zu minimieren), indem z.B. die Lösungszeiten – oder was auch immer auf dem Spiel steht – kürzer werden. Als Erklärung hierzu wird der Mechanismus der Automatisierung herangezogen. Im Unterschied zu kontrollierten Reaktionen, die Aufmerksamkeit benötigen, zeichnen sich automatisierte Prozesse dadurch aus, dass sie

  1. schnell ablaufen,
  2. nicht die Verarbeitungskapazität, die zur Erledigung anderer Aufgaben benötigt wird, reduzieren,
  3. „Automatische Prozesse laufen unkontrolliert und somit unvermeidbar ab, d.h. beim Vorhandensein geeigneter Stimuli wird ein automatischer Prozess unwillkürlich ausgelöst.
  4. Automatische Prozesse sind dem Bewusstsein nicht zugänglich“(S. 69).

Betätigen der Gangschaltung bei gleichzeitiger Betätigung des Blinkers etwa, das Schleife-binden beim Schnürschuh während eine Frage beantwortet wird oder andere Alltagshandlungen.

Automatischen Prozessen eignet im Gegensatz zu kontrollierten Prozessen eine andere Qualität, nämlich das Zugrundeliegen einer Gedächtnisinstanz, die bei jeder Durchführung dieser spezifischen Handlung installiert (und dann bei Wiederholung auch gebahnt, vertieft o.ä.) wird und bei erneutem Auftreten des Stimulus anspringt.

Diese Überlegung leitet über zu den nächsten beiden Kapiteln über das Gedächtnis.

Rekapitulieren wir kurz: „Unter Wahrnehmung verstehen wir den Aufbau und das Anlegen einer internen Repräsentation von Reizen in der externen Umwelt. Die Aufmerksamkeit indes fokussiert selektiv auf bestimmte Ausschnitte dieser Umwelt, um die interne Repräsentation aufbauen zu können. Das Gedächtnis ist nun die Struktur und die Prozesse, die zuständig für das Halten und Verändern der von der Aufmerksamkeit selektiv fokussierten Ausschnitte der externen Umwelt sind.“ (S. 74/75).

In diesen Kapiteln erläutert Strobach die mittlerweile fast schon zum allgemeinen Bildungsgut gewordenen Modellvorstellungen zum Aufbau und Funktion des Gedächtnisses: sensorischer Speicher, Ultrakurzzeitgedächtnis, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.

Spannend ist, den Weg vom Ultrakurzzeitgedächtnis zum Kurzzeitgedächtnis nachzuverfolgen, die Anstrengungen anzusehen, die das Kurzzeitgedächtnis unternimmt, bis die entsprechenden Inhalte oder Aktionen im Langzeitgedächtnis ankommen und wo sie dort dauerhaft gelagert (konsolidiert) werden.

Hier sei auf den Begriff der Verarbeitungstiefe hingewiesen, aus dem Gedanken resultierend, dass das Kurzzeitgedächtnis durchaus ein aktiver Bestandteil des Gedächtnisprozesses ist. Nicht nur das Memorieren ist für das „Einlagern“ von Bedeutung, sondern auch die Verarbeitungstiefe: Man lies Akteure bei einem Gedächtnistest die zu behaltenden Worte nach Grammatik, Bedeutungsgehalt und Verwendbarkeit klassifizieren, bevor man ihnen die Gedächtnisleistung (Wiedererkennen) abverlangte. Je tiefer diese Orientierung war, desto besser die Erinnerungsleistung. Schlußfolgerung fürs Leben: „Reines Auswendiglernen ist ineffektiver als das aktive Auseinandersetzen mit Lernstoff.“(S. 87) Sowohl die Verknüpfung mit anderen Gedächtnisinhalten auf der selben kognitiven Ebene (kognitive Inhalte) als auch die Verknüpfung mit anderen Sinnes- und Aktionsmodalitäten (z.B. Notizen handschriftlich anfertigen bzw. Buchinhalte handschriftlich exzerpieren, Bewegung im Raum beim Auswendig-lernen, siehe auch weiter unten) steigern die Verankerung im Gedächtnis.Auch das Reproduzieren gelingt besser, wenn das Setting dem des Einprägens möglichst ähnlich ist.

Jetzt hat nun auch das Arbeitsgedächtnis seinen Auftritt. Nach der Lektüre des gleichnamigen Kapitels dürften die Begriffe „phonologische Schleife“, „visuell-räumlicher Notizblock“ und der Name Alan Baddeley den Leser*innen keine böhmischen Dörfer mehr sein, wir wenden uns der „Langfristigen Gedächtnisspeicherung“ (S. 98 ff.) zu.

Die Unterteilung des Langzeitgedächtnisses in deklaratives und nondeklaratives, auch: „prozedurales“ Gedächtnis ist fast schon Abitursstoff. Fragen beim semantischen Netzwerk sind die nach dem Aufbau: hierarchisch oder nicht-hierarchisch (also möglicherweise Netzartig). Fragen werden auch an die Prozesse gestellt, die für das Enkodieren und Abrufen, aber auch für das (vorübergehende) Vergessen verantwortlich sind. Proaktive und retroaktive Interferenz gehören z.B. in diesen Kontext.

Leichter lassen sich die Prozesse im nondeklarativen (prozeduralen) Gedächtnis aufschlüsseln. Der Fertigkeitserwerb erfogt in drei Schritten: In der kognitiven Phase wird der Vorgang – der Autor wählt als Beispiel eine neue Schusstechnik beim Fußballspielen – so deutlich und ausführlich wie möglich beschrieben. Das kann der „Schüler“ sogar mit eigenen Worten erklären.In der assoziativen Phase werden Fehler beim Lernen sowohl praktisch als auch z.B. verbal korrigiert. In der autonomen Phase schließlich wir nur noch handelnd weiter automatisiert. Beachte das „Power law of practice“, das besagt, dass beim Erwerb neuer Fertigkeiten „die Leistungsverbesserung am Beginn der Übung sehr hoch ist und dann steil abfällt.“ (S. 117).

Koordination verschiedener Handlungen, Wechsel zwischen solchen, Gleichzeitigkeit, Aktualisierung und auch die Unterdrückung aktuell unpassender – diese höheren mentalen Prozesse, die Verhalten steuern, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, fassen wir als exekutive Funktionen zusammen. Lokalisiert werden sie im präfrontalen Kortex, weshalb sie auch als Präfrontalhirnfunktionen bezeichnet werden.

Wie schon bei den o.a. Konzepten wird auch hier die Frage gestellt, handelt es sich um einheitliche Strukturen oder modulare Konstrukte oder gar um eine Integration z.B. der modularen Strukturen oder der von einheitlichen Strukturen mit modularen Konstrukten? Kapitel 7 behandelt eben diese Auseinandersetzung, gibt dem Modell der Strukturierung von Miyake et al., der exekutive Funktionen unterteilt in Shifting, Updating, Inhibition und Dual tasking, und den dazu gehörigen empirischen Untersuchungen ausreichend Darstellung, leitet über zu dem Kapitel von Robert Gaschler: „Komplexe Kognition“:

Was ist an Kognitionen, also die von einem verhaltenssteuernden System ausgeführte Umgestaltung von Informationen, „komplex“? Immer werden doch Wissens- und Wahrnehmungsbestände verflochten, neu zusammengesetzt, umgewandelt oder aussortiert. Komplex sollen sie genannt werden, wenn sie die Steuerung eines Systems mit verschiedenen Kennwerten, z.B Produktion in einer Fabrik, übernehmen, wenn sie geschriebene Informationen z.B auf einem Zettel mit Informationen aus dem Gedächtnis zusammenbringen sollen zu einer Handlung u.a.m.

Elemente sind zum einen Assoziationen, die gesteuert werden müssen, sonst läuft die Angelegenheit aus dem Ruder (Beispiel: Nach einer Antwortserie betreffend Nahrungsaufnahme wird bei unkontrollierten Assoziationen auf die Frage „Was trinkt die Kuh?“ fast regelmäßig mit „Milch“ geantwortet.) Wir können aber den Ablauf der Assoziationen steuern, indem wir sie einen Merkmalsfilter durchlaufen lassen. Zu den Bausteinen komplexer Kognitionen gehören außerdem Repräsentationen. Diese sind einerseits im Gedächtnis gespeichert/​abrufbar, andererseits sind sie auch aus der gegenwärtigen Umwelt entnommen. Repräsentationen und der Begriff dafür werden im Kindesalter erlernt: Die Repräsentation des abbildenden Objektes und die des abgebildeten Objektes. Das Bild einer Saftflasche ist nicht die Saftflasche und löscht daher auch nicht den Durst. Erst so ab dem 3. Lebensjahr können Kinder Objekte auf den Begriff bringen und das Objekt von der Repräsentation des Objektes unterscheiden. Denken und Problemlösen sind weitere Elemente komplexer Kognitionen.

Komplexe Probleme sind durch die folgenden Eigenschaften gekennzeichnet:

  •  eine hohe Anzahl beteiligter Variablen: die Temperatur eines Raumes zu regeln stellt ein Problem überschaubarer Komponenten dar, anders hingegen das Erdklima, wo bereits das zu erreichende Ziel (z.B. Temperaturanstiegsgröße) schwer zu vereinheitlichen ist;
  •  eine hohe Anzahl an Verbindungen der Variablen: hohe Vernetztheit;
  •  die Systeme sind in sich schon dynamisch, andern ihren Zustand auch ohne äußere Eingriffe;
  •  die Systeme/​Probleme sind intransparent, wir wissen nur unvollständig, warum gerade passiert, was passiert;
  •  Vielzieligkeit: verschiedene Ziele konkurrieren miteinander: hohe industrielle Produktivität schafft u.U. auch hohen CO²-ausstoß (S. 149/150).

Man kann hier im Grunde auch nicht von der Lösung eines Problems sprechen sondern nur davon, die Dinge in einen günstigen Korridor zu bringen. Dass selbst bei einem im Idealfall total durchkontrollierterten wissenschaftlichen Experiment Phänomene auftreten, die damit zusammenhängen, dass jeder Forscher an seine Umgebung angepaßt sein persönliches Wissen einbringt (Tacit knowledge, „stillschweigendes“ oder auch „persönliches“ Wissen genannt)), weshalb manche Ergebnisse nur in bestimmten Konstellationen auftreten und sich nie replizieren lassen, ohne deshalb falsch zu sein, sollte berücksichtigt werden, wenn Probleme des Alltags nicht gleich gelöst werden können.

Urteilen und Entscheiden unter Risiko und Unsicherheit stellen ebenfalls Anforderungen, die mit Hilfe komplexerer Kognitionen handhabbar sind. Beispiele führt Gaschler aus den Bereichen der Wahrscheinlichkeitsbeurteilung vor (Missachtung von Basisraten), aus dem Bereich der Kommunikation von Gesundheitsrisiken, der Strukturierung von Entscheidungssituationen und den daraus zu treffenden Entscheidungen. (Die Verkettung von Emotion und Kognition wird in diesem Band nur kurz gestreift – „das ist ein weites Feld“ (Th. Fontane, Effi Briest)).

Wie andere Prozesse des Lebens so unterliegt auch das Gehirn einem Alterungsprozess. Wie aber soll man sich das „kognitive Altern“ vorstellen? Tüddelig, vergesslich bis zur Demenz oder hoffnungsvoll Silver-ager mäßig? Weder noch bzw. sowohl als auch – so das Fazit, das Julia Karbach zieht.

Sie betrachtet drei Bereiche näher: Intelligenz, Gedächtnis und exekutive Funktionen. Für alle gelten die Prinzipien der Multidimensionalität (es gibt nicht die Intelligenz bzw das Gedächtnis als kompakten Block), der Multidirektionalität (Entwicklung kann vorwärts und rückwärts verlaufen, Prinzip der Rückbildungsprozesse) und der individuellen Unterschiede (70jährige untereinander sind ungleicher als 70- zu 40jährige). Für die Intelligenz hat sich die Unterscheidung von kristalliner und fluider Intelligenz zur Erforschung von Veränderungen im Lebenslauf bewährt, die Gedächtnisforschung hat sich dem episodischen Gedächtnis zugewandt und dort die stärksten Veränderungen bemerkt und bei den exekutiven Funktionen sind es besonders das Arbeitsgedächtnis und inhibitorische Prozesse, die vom altern betroffen sind. Hingewiesen wird von Karbach auch auf die kognitive Reserve, die als Konstrukt entstand, als man den Leistungsabbau bei Alzheimer-Erkrankten im Verhältnis zu deren Bildungsgang und -erfolgen betrachtete und auch feststellen musste, dass das Vorhandensein von pathologischen neurodegenerativen Prozessen mit der kognitiven Leistung nicht 1:1 korreliert. „Die Kapazität dafür, erfolgreich die Effekte altersbedingter neurodegenerativer Prozesse kompensieren zu können, wird als kognitive Reserve bezeichnet.“ (S. 175) Die Hypothese, dass Bildung vor Alzheimer schützt, bewahrheitete sich aber nicht: der Leistungsabbau fand bei den Erkrankten nicht sofort statt, dann aber umso gravierender.

Modelle erfolgreichen Alterns setzen immer auch an einer irgendwie gearteten Aktivierung an, wobei das SOK-Modell (Selektion,Optimierung, Kompensation) das plausibelste zu sein scheint, bezogen auf den ganzen Lebenslauf, vor allem aber auf das höhere Lebensalter, z.B. den Ruhestand. Selektion findet statt bezüglich Fähigkeiten, Wünschen, Zielen. Optimierung hinsichtlich Fertigkeiten, Nutzung von Ressourcen, Investition von Zeit und Anstrengung; Kompensation schließlich hinsichtlich nachlassender, auch physischer, Leistung durch externe Hilfsmittel (Brille, Hörgerät, Internetanbindung, soziale Einbindung) (vgl. S. 177).

Kognitives Training ist möglich. Sowohl für visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, für das Arbeitsgedächtnis und auch für exekutiven Funktionen liegen mittlerweile ausreichend viele empirische Verfahren vor, die ihre Wirksamkeit erwiesen haben.

Diskussion

Das aufgefächerte Wissen der Kognitiven Psychologie in einem Band lesbar und doch „umfassend“ darzustellen, war überfällig. Wer sich in den letzten Jahren informieren wollte, hatte die Wahl zwischen Einzeldarstellungen z.B. von H.-J. Markowitsch oder grundlagenorientierten Darstellungen wie von Karnath und Thier (Kognitive Neurowissenschaften, Heidelberg, 3.Aufl. 2012), es fehlte aber bislang die Darstellung „mittlerer Komplexität“, die verständlich aber nicht populärwissenschaftlich den Wissens- und Forschungsstand darstellt. In den Grundlagenfächer ist das Experiment die Erkenntnismethode der Wahl, solche nachvollziehbar darzustellen ist besonders bei den Experimenten zu den Exekutivfunktionen wichtig und hier auch überwiegend gelungen, z.B. N-back Experimente zu erläutern. Auch das Zwei-Spalten-Layout bekommt dem Buch. Das Stichwortverzeichnis ist vorhanden aber erweiterungswürdig, eine Ausweitung durch Hinzunahme motivationaler Einflüsse auf Gedächtnis und Aufmerksamkeit (Psychotraumatologie!) fände der Rezensent allemal sinnvoll und bei dem gegenwärtigen Umfang des Buches auch noch möglich.

Fazit

Aus den Ergebnissen der Grundlagenfächern der Psychologie, die sich mit Leistungen des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Entscheidungsfindung und der computionalen Betrachtungsweise psychischer Prozesse befassen, erwuchs in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg eine mittlerweile konsistente Betrachtungsweise zu Aussagen über grundlegende mentale Erlebnis- und Betrachtungsweise, die Kognitive Psychologie. Der vorliegende Band berichtet gut verständlich und mit nachvollziehbarer wissenschaftlicher Präzision den aktuellen Stand für die Domänen Wahrnehmung, selektive und geteilte Aufmerksamkeit und Automatisierung, kurzfristige und langfristige Gedächtnisspeicherung, exekutive Funktionen, komplexe Kognitionen wie Problemlösen und Entscheiden, ergänzt durch Kapitel über Kognitionen im Lebenslauf und Ergebnisse zu deren Trainierbarkeit. Dem Band ist eine Verbreitung über den Kreis der akademisch ausgebildeten Psychologen hinaus in die angrenzenden Fachbereiche sehr zu wünschen.


Rezension von
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 22.12.2020 zu: Tilo Strobach: Kognitive Psychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-032661-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25667.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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