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Helmut Rießbeck, Gertraud Müller: Traumakonfrontation - Traumaintegration

Cover Helmut Rießbeck, Gertraud Müller: Traumakonfrontation - Traumaintegration. Therapiemethoden und ihre Wirksamkeit im Vergleich. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-035134-9. 35,00 EUR.
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Thema

In welcher Form ist eine erneute Auseinandersetzung mit traumatischen Erinnerungen erforderlich, damit eine traumatherapeutische Behandlung erfolgreich sein kann? In den vergangenen 30 Jahren etablierte sich eine Vielzahl traumatherapeutischer Verfahren, die darauf abzielen, dass Betroffene, die unter Traumafolgestörungen leiden, sich im geschützten Rahmen der Therapie erneut mit dem Erlebten konfrontieren und es so zu einer Integration der traumatischen Erfahrungen kommen kann. Art und das Ausmaß dieser Konfrontation unterscheiden sich je nach traumatherapeutischer Methode erheblich. Der vorliegende Band setzt sich mit der Frage der Traumakonfrontation und -integration aus der Perspektive unterschiedlicher Therapieansätze auseinander.

Entstehungshintergrund

Die Publikation entstand im Anschluss an eine Veranstaltung des Traumahilfezentrums Nürnberg im Jahr 2017, bei der verschiedene Methoden der Traumakonfrontation vorgestellt wurden. Neben den im Symposium diskutierten Modellen wurde die Publikation um drei weitere Ansätze ergänzt.

Herausgeber*innen

Gertraud Müller ist Internistin, Psychotherapeutin und Professorin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Helmut Rießbeck ist Internist, Psychotherapeut sowie Mitbegründer und Vorsitzender des Traumahilfezentrums Nürnberg.

Aufbau und Inhalt

In einem einführenden Beitrag setzt sich Gertraud Müller mit den Grundbegriffen des Bandes „Traumakonfrontation“ und „Traumaintegration“ auseinander. Sie stellt verschiedene Erklärungsmodelle des Wirkprinzips von Traumakonfrontation dar, erörtert Settingfragen sowie die Indikation bzw. Kontraindikation von Konfrontationen und beschreibt verschiedene Techniken zur Regulation der „Konfrontationsdosis“. Hervorgehoben wird, dass die „Passung zwischen der Dosierung der Konfrontationsbehandlung und der psychischen Stabilität der Patientinnen stimmig sein“ muss (S. 30f). Auf diese inhaltliche Einführung folgen acht Beiträge, die unterschiedliche traumatherapeutische Zugänge in den Blick nehmen.

Lutz-Ulrich Besser stellt die Screentechnik KReST als „sanfte Methode der Traumakonfrontation, -synthese und -integration“ (S. 33) vor allem für non-komplexe Traumatisierungen vor. KReST steht für „Körper-, Ressourcen- und Systemisch orientierte Traumatherapie“, angestrebt wird die Synthese der durch eine Traumatisierung bedingten sensorischen Fragmente, vor allem der Affekte und der Körperreaktionen. Mit Hilfe der Screen- oder Bildschirmtechnik erfolgt in drei Durchgängen eine Konfrontation mit der traumatischen Erfahrung. Im ersten Durchgang wird das traumatische Ereignis sachlich strukturiert im Sinne eines „Inhaltsverzeichnisses“ erfasst, um das neuronale Traumanetzwerk zu aktivieren. Im zweiten Durchgang wird die „Filmbetrachtung“ mit Details angereichert und die Aufmerksamkeit auf auftauchende Emotionen und Körperempfindungen gelenkt, die dann prozessiert werden und zum Beispiel durch Atem- oder Körpertechniken moduliert werden können. Eine kognitive Zusammenfassung und Überprüfung bildet den dritten Durchgang.

Helmut Rießbeck befasst sich mit „Traumaverarbeitung in der Ego-State-Therapie“. Skizziert werden die Grundlagen der Ego-State-Therapie und Stationen des Behandlungsprozesses wie die „Galerie der Inneren Stärken“ oder der „Innere Beratungsraum“.

Susanne Leutners Beitrag schließt daran an und beschreibt ein Prozessmodell, in dem die Ego-State-Therapie mit der Methode des EMDR verbunden wird, und das – wie auch die anderen im Band dargestellten Ansätze – besonderen Wert auf Ressourcenorientierung legt. Sie nennt ihre Vorgehensweise CARES (Constant Activation of Resourceful Ego States and Safety). Dabei werden erlebte angenehme Situationen und stärkende Ego States als Ressourcen beim Prozessieren belastender Erinnerungen herangezogen.

Die von Mervyn Schmucker und Ines Riedeburg-Tröscher präsentierte Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy setzt an den Selbstheilungskräften der Betroffenen an. Auch hier wird verschiedenen Persönlichkeitsanteilen wie dem „damaligen“ und dem „heutigen Ich“ und mit Imaginationen gearbeitet. Die Patient*in stellt sich eine belastende oder traumatische Szene auf einer „inneren Bühne“ vor und verändert mit Unterstützung der Therapeut*in das „Drehbuch“ dieses Ereignisses. In der zweiten Phase des Behandlungsprozesses nimmt die Konfrontation und Entmachtung oder Neutralisierung des Täterbildes besonderen Raum ein.

Die Methode der Strukturierten Traumaintervention von Dorothea Weinberg wurde ursprünglich für Kinder entwickelt, wird aber zunehmend auch in der Behandlung Erwachsener eingesetzt. Die Bearbeitung des traumatischen Ereignisses erfolgt hier in Form eines „Comics“, der in mehreren Durchgängen gestaltet wird, indem jeweils besonders auf einen der in der traumatischen Erfahrung fragmentierten Wahrnehmungsbereiche fokussiert wird.

Ulrike Reddemann und Isabelle Rentsch berichten von der Beobachtertechnik als besonders schonendem Zugang zur Traumakonfrontation in der von Reddemann entwickelten Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie (PITT). Reddemann betont die Bedeutung von Mitgefühl und Trost als therapeutische Haltung, aber auch als Behandlungsziel für die Betroffenen selbst. Bei der Beobachtertechnik werden traumatisierte bzw. erlebende Ich-Anteile vor der Traumakonfrontation versorgt und an einen „Ort der Geborgenheit“ gebracht, bevor das „reflektierende Ich“ bzw. der „beobachtende“ Anteil das Erlebte prozessieren. Durch diese Form der Distanzierung wird ein Arbeiten im „Window of Tolerance“ möglich.

Als Spezifizierung der Katathym Imaginativen Psychotherapie stellt Beate Steiner die Katathym Imaginative Psychotherapie dar. Im Unterschied zu den anderen Beiträgen des Bandes, die von einer engeren Trauma-Definition ausgehen, geht es hier unspezifischer um Beziehungstraumatisierungen, die als verinnerlichte äußere Konflikte zwischen Kind und Beziehungsperson verstanden werden. Der Behandlungsprozess beinhaltet das „Bergen des verletzten Kindes aus der Traumaszene“ (S. 189), das Unschädlichmachen des Täters bzw. von destruktiven Über-Ich-Introjekten und das Konfrontieren mit und das Abreagieren von traumatogenen Affekten.

Schließlich beschreibt Ellen Spangenberg die von Ingrid Olbricht entwickelte TRIMB-Methode (Trauma Recapitulation with Imagination Motion and Breath). TRIMB entstand als besonders behutsame Form des Prozessierens traumatischer Inhalte in der Arbeit mit komplex traumatisierten Klient*innen, die für klassische Methoden der Traumakonfrontation nicht ausreichend stabil waren. Ein tieferes Wiedererleben der traumatischen Erfahrung wird hier vermieden, „nur die große Zehe“ (S. 208) taucht in die Traumainhalte ein. Statt von Exposition oder Konfrontation wird von „Traumaentgiftung“ oder „-entlastung“ gesprochen. Für die Traumabearbeitung werden besonders belastende Bilder – sogenannte „Hot Spots“ ausgewählt und visualisiert, ebenso die damit verbundenen Gefühle. Anschließend wird die Durchtrennung dieser Gefühls-Verbindung visualisiert und mit einer Atemübung abgeschlossen.

Im abschließenden Kapitel „Der Diskurs – Auf dem Weg zu einer Expertenempfehlung“ fasst Helmut Rießbeck die dargestellten Ansätze in ihren Besonderheiten vergleichend zusammen und veranschaulicht an Hand eines Fallbeispiels, wie mehrere dieser Ansätze in einem Behandlungsprozess zur Anwendung kommen können.

Diskussion

Müller eröffnet den einleitenden Beitrag mit der Geschichte eines Orakelspruchs. Zur Frage, wie eine eiternde Verletzung durch einen Speer zu heilen sei, lautete die Antwort des Orakels: „Der, der verwundet hat, soll auch heilen“ (S. 19). Das Bild von den Eisenspänen des Speeres, die als Wundauflage schließlich zur Heilung der Wunde führten, dient als Metapher für die zentrale Frage des Bandes: Wie intensiv muss in der traumatherapeutischen Behandlung die Konfrontation mit dem, was die traumatische Wunde verursacht hat, sein? Muss nochmals „zugestochen“ werden oder reichen auch nur die Späne der Waffe, um eine Heilung zu bewirken? Wie kann man „mit der geringsten potenziellen Schädigung den größtmöglichen Nutzen“ (S. 28) hervorbringen? Die im Band versammelten Methoden geben einen umfassenden Einblick in die unterschiedlichen Ansätze und regen an, darüber nachzudenken, in welcher „Dosierung“ eine Konfrontation sinnvoll und notwendig ist. Die besprochenen Ansätze haben unterschiedlich defensive bzw. offensive Zugänge: Geht es bei manchen Methoden vorrangig darum, die traumatische Erfahrung diesmal aus einer geschützten, sicheren Position wiedererleben zu können, ist es bei anderen Methoden wichtiger, auch aggressive Impulse zu fördern und den Aggressor unschädlich zu machen.

Die verschiedenen Methoden werden durch teilweise sehr ausführliche Fallbeispiele anschaulich gemacht. Auch die beiden einleitenden und abschließenden Beiträge, in denen verschiedene Erklärungsansätze systematisiert und gegenübergestellt werden, vertiefen das Verständnis.

In fast allen Beiträgen wird expliziert, für welche Art der Traumatisierung bzw. Traumafolgestörung die jeweilige Methode indiziert ist. Das ist hilfreich, da sich die therapeutisch zu bearbeitenden Erlebnisinhalte bei einem Monotrauma in der Regel deutlich von Komplextraumatisierungen unterscheiden. Lediglich der Beitrag von Steiner fällt hier ein wenig aus der Reihe: Die Autorin spricht von Beziehungstraumatisierungen und versteht darunter kindliche Erfahrungen, „immer wieder nicht gesehen und auch nicht angemessen beruhigt und gehalten zu werden“ (S. 183). Diese Erfahrungen sind aber Material in so gut wie jeder psychotherapeutischen Behandlung, und sie weisen nicht notwendigerweise die Qualität des „Inescapable Shock“ (Wilson & Raphael, zit. nach Besser, S. 33) auf, die für psychische Traumata so zentral ist.

Zu diskutieren wäre zudem, ob ein Fallbeispiel, in dem es um die nachträgliche Rekonstruktion nicht erinnerter Erfahrungen sexuellen Missbrauchs geht (im Beitrag von Schmucker und Riedeburg-Tröscher), angesichts der häufigen Vorwürfe, traumatherapeutische Behandlungen könnten False-Memory-Erinnerungen induzieren, nicht eines ausführlichen klärenden Rahmens bedürfte.

Interessant ist der wiederkehrende historische Verweis auf Pierre Janet als einen Pionier der Arbeit mit traumatisierten Patient*innen, der wesentliche Erkenntnisse der modernen Psychotraumatologie bereits im 19. Jh. vorweggenommen hat.

Dem Kohlhammer-Verlag möchte man einmal mehr nahelegen, nicht beim Lektorat zu sparen, da zahlreiche unkorrigierte Fehler im Text das Lesevergnügen schmälern.

Fazit

Diese Übersicht über verschiedene Methoden der Traumakonfrontation ist nicht nur informativ und bereichernd für Traumatherapeut*innen bzw. Personen, die die Wirkungsweise von traumatherapeutischen Methoden besser verstehen möchten. Sie bietet auch viele Anregungen für Psychotherapeut*innen, die in ihrer Arbeit mit belasteten Patient*innen keine spezifisch traumatherapeutischen Methoden einsetzen sowie für alle, die außerhalb des klinischen Rahmens mit traumatisierten Menschen arbeiten.


Rezension von
Mag.a Barbara Neudecker
Psychotherapeutin und psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberaterin, Leiterin der Fachstelle für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche in Wien, Lehrbeauftragte an der Universität Wien, eigene Praxis
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Zitiervorschlag
Barbara Neudecker. Rezension vom 01.10.2020 zu: Helmut Rießbeck, Gertraud Müller: Traumakonfrontation - Traumaintegration. Therapiemethoden und ihre Wirksamkeit im Vergleich. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-035134-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25672.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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