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Isca Salzberger-Wittenberg: Beginnen und Beenden im Lebenszyklus

Cover Isca Salzberger-Wittenberg: Beginnen und Beenden im Lebenszyklus. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-034673-4. 29,00 EUR.
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Thema

Im Laufe unseres Lebens werden wir mit größeren und kleineren Veränderungen unserer Lebensumstände konfrontiert: Es begegnen uns Beginn und Ende von Beziehungen, Verlusten und Gewinnen. Solche Veränderungen verursachen häufig starke emotionale Umgestaltungen und verlangen neue Mechanismen und Anpassungen an die neuen Bedingungen und Beziehungen. Kein menschliches Leben bleibt von Veränderungen, Trennungen und Verlusten verschont.

Autoren

Herausgeberin ist Isca Salzberger-Wittenberg, eine psychoanalytische Psychotherapeutin für Kinder und Erwachsene, die 25 Jahre an der Tavistock Klinik gearbeitet hat und zehn Jahre Vizepräsidentin der Klinik war.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben zwei Geleitworten zur deutschen und englischen Ausgabe in dreizehn Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert. In den „Geleitworten“ wird zunächst betont, dass psychischer Schmerz als notwendiges, lebensbegleitendes Phänomen erst Wachstum ermögliche ebenso wie Trennungen und Abschiede. Ein Verdrängen oder Verleugnen führe zu vielfältigen Konflikten und Belastungen. Des Weiteren sei es ein Jammer, dass wir sterben müssten, während unser Geist immer noch wachse.

Im Kapitel eins „Lernen aus Erfahrung beim Beenden und Beginnen“ wird thematisiert, dass das Leben voller Anfänge und Abschlüsse sei, die uns mit Notwendigkeit mit Veränderungen konfrontierten. Das Buch stelle die emotionalen Erschütterungen dar, die durch solche Veränderungen hervorgerufen werden sowie die Art und Weise, wie wir sie zu bewältigen versuchen. In den weiteren Ausführungen setzt sich die Autorin mit ihrem eigenen Leben als Jüdin auseinander und betont, sie habe die Erfahrungen mit dem Nazi-Deutschland und dem Neubeginn in England besonders empfindlich für Beendigungs- und Anfangsprozesse gemacht.

„Vom Leben in der Mutter zum Leben in der Außenwelt“ handelt das folgende Kapitel. Um die Hoffnung und Angst beim Beginnen zu verstehen, müsse man bis zur Geburt zurückgehen, dem Ende des Lebens in der Gebärmutter und dem Beginn des Lebens in der Außenwelt (S. 31). Eine wichtige Frage ist, ob das Kind, den Körper der Mutter zu verlassen als einen katastrophalen Schrecken und große Angst erlebt. In der Wärme der schützenden Gebärmutter werde das Neugeborene in die gasförmige Außenwelt geschleudert, sei der Kälte, des hellen Lichtes und Geräuschen ausgesetzt. Sicher sei, dass das erste entwickelte Sinnesorgan der Gehörsinn sei, der uns bei unserem Tod auch als Letztes verlasse.

„Getrennt sein und neue Verbindungen suchen“ ist das Thema des folgenden Beitrages. Der Grundstein zur Entwicklung der Fähigkeit, Trennung zu ertragen, werde durch die Mutter gelegt, wenn sie als getrennte Person wahrgenommen werde und dem Baby das Gefühl vermittelt, von ihr geliebt zu werden. Das ermögliche dem Baby, kurze Phasen allein zu sein und sich dabei innerlich unterstützt und ermutigt zu fühlen.

Kapitel fünf ist mit der Überschrift „Ein Kind in der Familie werden“ überschrieben. Der Verlust der besonderen Aufmerksamkeit der Mutter als Baby, das Abstillen sei für viele Babys sehr schwierig. Sein Zugang zur Außenwelt hat sich zwar erweitert, aber es zeigt ihm auch, was andere schon können, wozu es selbst noch nicht in der Lage ist. Der Wunsch, einen Elternteil ganz zu besitzen, wäre bei allen Kindern ausgeprägt, ist es doch der Versuch, die besondere Zwei-Personen-Nähe des Säuglingsalters wieder herzustellen (S. 60).

Das nächste Kapitel widmet sich dem „Im Kindergarten“. Das darauf folgende dem „Beginnen und Beenden in der Schule“. Es wird gezeigt, wie schwer es für ein Kind ist, die vertraute und schützende Atmosphäre des Kindergartens aufzugeben und in die viel größere Schule mit den vielen fremden Kindern zu gehen.

Das achte Kapitel widmet sich der „Hochschulausbildung und (dem) Eintritt ins Berufsleben“. Mit dem Beginn des Studentenlebens erlebe man sowohl Begeisterung als auch Verunsicherung. Das erste Mal von zu Hause weg zu sein und sich in eine Gemeinschaft von äußerst intelligenten und leistungsstarken Jugendlichen integrieren zu müssen fällt vielen schwer, fühlen sie sich oft einsam und verloren (S. 83 ff).

Die „Heirat“ wird im neunten Kapitel aufgegriffen. Heiraten werfe Fragen von Dominanz und Passivität, von männlichen und weiblichen Rollen, von Geben und Nehmen auf und stelle die Toleranz beider Partner auf die Probe.

Mit dem Thema „Eltern werden“ setzt sich das folgende Kapitel auseinander. Kinder zu bekommen verändere das Leben beider Partner, wirkt sich auf ihre Identität aus und beeinflusse die Paarbeziehung grundlegend. Teilweise würden durch ein Kind ungelöste Konflikte aus einer früheren triangulären Beziehung aktiviert.

Um „Trauerfälle“ geht es im elften Kapitel. Der Tod, so die Autorin, könne uns daran erinnern, wie wertvoll das Leben sei, uns lehren, es zu schätzen und dankbar zu sein für das, was wir hatten und was wir immer noch haben. Erst wenn wir einen Lieben verloren haben, wie privilegiert und glücklich wir bisher waren (S. 126).

Die „Pensionierung“ ist das letzte Thema, das im Buch aufgegriffen wird. Die Pensionierung könne eine gefährliche Zeit für Arbeitswütige sein, die ihre Arbeit als Abwehr gegen ihre innere Unruhe verwendet haben. Es ist wichtig, sich den Neid auf die Jüngeren einzugestehen, die jetzt die Geschicke übernehmen. Die Pensionierung könne deshalb wie ein Ausschluss erlebt werden, als wäre man unerwünscht oder nicht mehr gut genug für die Arbeit.

Fazit

Es ist eine Publikation, die sehr interessant und anregend zugleich ist. Emotional feinfühlig und tiefgründig gibt uns die Autorin eine bildhafte sowie gut nachvollziehbare Vorstellung vom Beginnen und Beenden, dem Verlust im Lebenszyklus. Sie bereitet uns auf Lebenskrisen vor, die von einer zu einer anderen Statuspassage entstehen können und gibt erklärende Gründe und auch Antworten auf Fragen, die uns dabei bewegen können. Eigentlich ist es ein Ratgeber für ein bewusstes Leben, das wir schätzen sollten.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 23.03.2020 zu: Isca Salzberger-Wittenberg: Beginnen und Beenden im Lebenszyklus. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-034673-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25674.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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