socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

André Jacob, Rainer Zeddies: Elterliche Erziehung

Cover André Jacob, Rainer Zeddies: Elterliche Erziehung. Verstehen - Beschreiben - Unterstützen Ein Arbeitsbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-033780-0. 34,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die „ursprünglichste Form des Erziehens, nämlich die durch die Eltern“ (S. 8), ist ein praktisches und ein theoretisches Thema. Für die Eltern selbst, auch für Adoptiv- und Pflegeeltern, wird es in der Regel zum Thema, wenn die Praxis ihrer Erziehung nicht oder nicht zufriedenstellend gelingt. In dem Fall greifen manche Eltern zu den zahlreich lieferbaren Elternratgebern. Elterliche Erziehung in der Familie ist aber auch für diejenigen ein praktisches Thema, die beruflich in der Kinder- und Jugendhilfe tätig sind und Eltern bei ihrer Erziehung helfen, indem sie deren Kinder begleitend und ergänzend erziehen, die elterliche Erziehung ersetzen oder die Eltern in ihrer Erziehung beraten. Zum theoretischen Thema wird die elterliche Erziehung in der Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Für Eltern und berufliche Praktiker sind insbesondere die Erkenntnisse der Individualpädagogik, der Entwicklungs- und Sozialpsychologie und der Mikrosoziologie relevant.

Das vorliegende Buch zur elterlichen Erziehung ist eine psychologische Publikation und greift entsprechende theoretische Konzepte und empirische Resultate aus der Psychologie auf. Das Buch ist von Psychologen für berufliche Erzieher geschrieben worden und ergänzt damit die beiden vorliegenden (ausschließlichen) Erziehungspsychologien, die sich an ein akademisches Publikum richten: das „Lehrbuch Erziehungspsychologie“ (2005) von Urs Fuhrer, das 2009 eine zweite Auflage erfahren hat, und die „Erziehungs-Psychologie“ von Reinhard Tausch und Anne-Marie Tausch (1963), die 1998 zum elften Mal aufgelegt worden ist. Die Pädagogische Psychologie, zu der die Erziehungspsychologie zählt, ist ansonsten mehrheitlich Unterrichtspsychologie.

Autoren

Beide Autoren, Dr. André Jacob und Rainer Zeddies, sind Diplom-Psychologen und zugleich Psychologische Psychotherapeuten. Jacob ist, Zeddies war Leiter einer Berliner Erziehungs- und Familienberatungsstelle. Jetzt leitet er ein Jugendamt in Berlin. Beide lehren nebenberuflich an der Psychologischen Hochschule Berlin: Jacob in den Fachgebieten der Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie, Zeddies im Fachgebiet der Hilfen zur Erziehung. André Jacob hat zusammen mit Karl Wahlen, einem anderen Psychologen und Psychotherapeuten, „Das Multitaxiale Klassifikationssystem Jugendhilfe (MAD-J)“ (2006) erarbeitet und ein Methodenbuch zur „Interaktionsbeobachtung von Eltern und Kind“ erstellt (2014).

Aufbau

Das Buch besteht aus insgesamt acht Kapiteln. Nach einer Eröffnung zur „riskanten Erziehung und ihre Folgen“ (Kap. 1) folgen zwei Kapitel, in denen erst die elterliche Erziehung und dann ihre Bedingungen zentral thematisiert werden: „Modelle und Theorien der elterlichen Erziehung“ (Kap. 2) und „Die Bedingungen der elterlichen Erziehung“ (Kap. 3). Damit konzipieren die Autoren „elterliche Erziehung um zwei Brennpunkte herum“: um „ein Muster verschiedener auf das Kind bezogener … Erziehungshandlungen“ und „ein Bündel verschiedener … Bedingungen“ (S. 13). Diesen beiden Themen entsprechend schließen sich drei weitere Kapitel, diesmal zu diagnostischen Fragen, an: „Diagnostik der elterlichen Erziehung“ (Kap. 4), „Diagnostik von Bedingungen der elterlichen Erziehung“ (Kap. 5) und „Beispielpfad zur Befunderstellung zur elterlichen Erziehung und deren Bedingungen“ (Kap. 6). Der „Exkurs: elterliche Erziehung und Kindeswohl“ (Kap. 7) ergänzt die bisherigen Kapitel um rechtliche Aspekte und schließt einen Kreis, indem es nach der „riskanten Erziehung“ (Kap. 1) auch noch die rechtlich relevante Kindeswohlgefährdung aufgreift. Der Exkurs leitet zum letzten, sehr fein differenzierten Kapitel über: „Interventionsformen der Jugendhilfe zur Unterstützung elterlicher Erziehung“ (Kap. 8).

Man könnte auch, abweichend von der bloßen Auflistung der Kapitel, sagen, dass das Buch aus vier Teilen besteht: der Theorie der misslingenden (Kap. 1) und gelingenden elterlichen Erziehung (Kap. 2–3) auf der einen Seite, der Praxis der Diagnose der elterlichen Erziehung (Kap. 4–6) und der Interventionen der Hilfen zur Erziehung (Kap. 8) auf der anderen Seite.

Inhalt

In ihrer Einführung bestimmen die beiden Autoren angelehnt an die bekannte Definition von Wolfgang Brezinka elterliche Erziehung als „elterliche Handlungen, die darauf ausgerichtet sind, die psychischen Dispositionen und die psychische Entwicklung ihrer Kinder dauerhaft zu fördern“ (S. 12). Sie betonen dabei, „einerseits die elterliche Erziehung … als bedeutsamen Einflussfaktor für die kindliche Entwicklung zu konzipieren“. Andererseits übe die elterliche Erziehung nur einen „moderierenden (mittelbaren) und keinen kausalen Einfluss“ (S. 12) aus und sollte „keinesfalls in ihrer Bedeutung überhöht werden und damit den Blick auf viele weitere Einflüsse der kindlichen Entwicklung verstellen“ (S. 12 f.).

Im eröffnenden ersten Kapitel „Riskante Erziehung und ihre Folgen“ resümieren die Autoren dysfunktionale Faktoren der elterlichen Erziehung. Sie nennen als solche

  • „dysfunktionale elterliche Bindungsangebote“,
  • „inkonsistente elterliche Erziehung“,
  • „körperliche Strafen/​Gewalt“,
  • „psychologische Kontrolle/​Manipulation“,
  • „negative Verhaltenskontrolle mittels Machtdurchsetzung“,
  • „Überbehütung/Verwöhnung/​Nachgiebigkeit“,
  • mangelnde(s) „Förderung“,
  • „Aufsicht/​Monitoring“,
  • elterliches Engagement und „elterliches Selbstwirksamkeitserleben/​Kompetenzüberzeugung“.

Im zweiten und zentralen theoretischem Kapitel „Modelle und Theorien der elterlichen Erziehung“ stellen die Autoren verschiedene Konzeptualisierungen elterlicher Erziehung vor, die sie „nach der Anzahl einbezogener Perspektiven“ nach „unidirektional elternorientierter“, „dyadisch-interaktioneller“ und „sozialökologisch-systemischer“ Orientierung unterscheiden. Die unidirektionalen Ansätze fokussieren (sozialpsychologisch) auf elterliche Handlungen, insbesondere die sog. Erziehungsstile, während die interaktionellen (entwicklungspsychologisch) auch die Eltern-Kind-Beziehung berücksichtigen. Die dritte Gruppe der systemischen Ansätze bezieht sodann (sozialökologisch) auch noch den Kontext ein, in dem die Handlungen der Eltern und ihre Beziehung zu den Kindern stehen. Die verschiedenen Konzeptualisierungen werden nicht nur vorgestellt und in die drei Gruppen eingeordnet, sondern auch nach einer eigens entwickelten Kriteriologie verglichen und bewertet. Die entsprechenden Kriterien erfüllen nach Auffassung der Autoren „nur vier Konzepte, nämlich das Konzept des Parenting Processes“ nach Hoghughi, das Zwei-Komponenten-Modell (Keller), das Vier-Komponenten-Modell (Jacob & Wahlen) und schließlich das ‚Konzept der gelingenden Erziehung’ (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung) (S. 59).

Im dritten Kapitel werden insgesamt immerhin 17 „Bedingungen der elterlichen Erziehung“ identifiziert, die, angelehnt an den einflussreichen Aufsatz „The determinants of parenting. A process model“ (1989) des US-amerikanischen Psychologen Jay Belsky, in vier Feldern lokalisiert werden: sozialökologisch-systemisch in den verschiedenen „familiären Beziehungen“ und der „Lebenslage“ der Familie, dyadisch-interaktionell auf Seiten der „Elternperson“ und des „Kindes“ (S. 105).

Die im vierten und fünften Kapitel entwickelte Breite der „Diagnostik der elterlichen Erziehung“ und „von Bedingungen der elterlichen Erziehung“ wird im sechsten Kapitel an einem Beispiel enggeführt und sehr hilfreich veranschaulicht. Die entsprechende Diagnostik beruht auf dem von André Jacob zusammen mit Karl Wahlen konzipierten Multitaxialen Klassifikationssystem Jugendhilfe (MAD-J). Im achten und letzten Kapitel des Buches wird die ganze Bandbreite der durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz vorgesehenen Interventionen durchgegangen: von den „präventiven Interventionen“ (Kindertagesbetreuung, Erziehungsberatung, Frühe Hilfen, Angebote der Familienförderung, Schulsozialarbeit) über die ambulanten und teilstationären und die stationären Hilfen zur Erziehung bis zu „Angebotsformen der Jugendhilfe außerhalb der Hilfen zur Erziehung“ (gemeinsame Unterbringung von Mutter bzw. Vater und Kind, Hilfe in Notsituationen, Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche, Angebote und Auflagen für delinquente Jugendliche im Rahmen des JGG).

Diskussion

Die Autoren legen einen psychologischen Erziehungsbegriff der elterlichen Förderung der psychischen Entwicklung des Kindes zugrunde. Aus pädagogischer Sicht müsste dieser Begriff wohl einerseits weiter, andererseits enger gefasst werden. Erstens bilden Maßnahmen als intentionale Erziehung nur den kleineren Teil einer ansonsten weitgehend funktionalen Erziehung. Zweitens ist Erziehung nicht, wie die Autoren an anderer Stelle selbst betonen, eine „unidirektionale“ elterliche Handlung, sondern eine „dyadische“ Eltern-Kind-Interaktion. Und drittens gehören zur Erziehung nicht nur fördernde, sondern auch hemmende Maßnahmen. Diese Einwände gegen einen zu engen Erziehungsbegriff fallen aber insofern nicht zu sehr ins Gewicht, als die Autoren ihre eigene Bestimmung im Laufe der einzelnen Kapitel immer wieder selbst implizit relativieren. Schwerer wiegt, dass durch die nur psychologische Perspektive Inhalte, im Fall der Erziehung gesellschaftliche Normen und Werte aus dem Blick geraten. Wenn man aber Erziehung dreiseitig bestimmt und entsprechend um Inhalte erweitert, erweist sich ein zweiseitiger bzw. „dyadischer“ Begriff als zu weit gefasst. Denn der umfasst dann, durchaus im Sinne des englischen „parenting“, mehr als Erziehung: nämlich alle, zumindest alle kommunikativen Aktivitäten. Dass die Autoren implizit meist eine Kommunikation unterstellen, bei der nur ein Elterteil nur einem Kind gegenübersteht, wäre natürlich auch in Frage zu stellen. Aber in diese Falle tappt auch und immer wieder die Pädagogik.

Zwischen dem letzten und den vorhergehenden Kapitel besteht insofern ein Bruch, als hier die Perspektive wechselt. Während die ersten sieben Kapitel theoretisch und diagnostisch der elterlichen Erziehung, d.h. dem Thema des Buches gewidmet sind, ist im achten Kapitel von den Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe die Rede. Hier hätte die Chance bestanden, insbesondere die Hilfen zur Erziehung – dabei nicht nur die Erziehungsberatung – tatsächlich bzw. im wörtlichen Sinn auch auf die elterliche Erziehung zu beziehen und nicht nur, durchaus im Sinne der Jugendhilfepraxis, als Erziehung neben der Familie darzustellen. Diesen Anspruch haben sich die Autoren durchaus unterzogen, indem sie Hilfe zur Erziehung explizit als „Intervention zur Unterstützung und Förderung elterlicher Erziehung“ verstehen und ein „konsistentes und theoriegeleitetes Verständnis elterlicher Erziehung in der Jugendhilfe“ (S. 162 f.) vermissen. Allerdings werden sie diesem Anspruch im entsprechenden Kapitel nicht immer gerecht.

Fazit

„Elterliche Erziehung“ ist ein sehr gut geschriebenes und aufbereitetes Buch zur elterlichen Erziehung aus psychologischer Perspektive und schließt damit die Lücke, die in dieser Hinsicht seit nun bald fünfzehn Jahren auf dem deutschen (Lehr-) Buchmarkt besteht.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
E-Mail Mailformular


Alle 46 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 18.03.2020 zu: André Jacob, Rainer Zeddies: Elterliche Erziehung. Verstehen - Beschreiben - Unterstützen Ein Arbeitsbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-033780-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25678.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung