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Patricia Heinemann, Elisabeth Kals: Mentoring unbegleiteter Minderjähriger

Cover Patricia Heinemann, Elisabeth Kals: Mentoring unbegleiteter Minderjähriger. Ein Manual zur Förderung geflüchteter Kinder und Jugendlicher. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 156 Seiten. ISBN 978-3-17-036020-4. 25,00 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch fokussiert auf das Unterstützungspotenzial von Mentoringprogrammen für unbegleitete Minderjährige und will dabei als erster Ansatz verstanden werden, die Ansprüche der Praxis mit den realen Gegebenheiten abzugleichen. Das Manual konzentriert sich dabei vor allem auf Faktoren, die für eine gezielte und effektive Förderung der Zielgruppe notwendig sind (vgl. S. 19).

Autoren

Patricia Heinemann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und promoviert zu Mentoringprogrammen zur Förderung und Unterstützung sozial-benachteiligter Kinder und Jugendliche. Prof. Dr. Elisabeth Kals ist Professorin für Sozial- und Organisationspsychologie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Engagementforschung, Gerechtigkeits- und Emotionspsychologie sowie Motivforschung. Beide sind an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig.

Entstehungshintergrund

Das Manual ist die Weiterentwicklung eines einjährigen Forschungsprojektes, das an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt stattgefunden hat. Es beruht maßgeblich auf der Auswertung der Erfahrungen von haupt- wie ehrenamtlich engagierten Personen, die sich deutschlandweit in Mentoringprogrammen für unbegleitete Minderjährige engagieren. Die Erhebung sowie die Erstellung des Manuals wurde inhaltlich wie finanziell von der Roland Berger Stiftung unterstützt, die als freier Träger der Jugendhilfe Wohngruppen für unbegleitete Minderjährige unterhält und langjährige Erfahrungen im Bereich Bildungsmentoring für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Lebenssituationen besitzt (vgl. Geleitwort; vgl. 20).

Aufbau

Nach einem Geleitwort von Barbara Loos (Roland Berger Stiftung; Gesamtkoordinatorin Mentorenprogramm) gliedert sich das Buch in insgesamt zwölf Kapitel: Nach einer rahmenden Einführung (Kap.1), erfolgt eine Auseinandersetzung mit den Integrationspotenzialen, die Mentoringprogramme für unbegleitete Minderjährige aufweisen können (Kap. 2), klärt welche Organisation und Grundlagen dafür notwendig sind (Kap. 3) und geht darauf ein, wie Mentor*innen ausgewählt (Kap. 4), vorbereitet (Kap. 5), mit den Mentees gematcht (Kap. 6) sowie Mentoringtandems begleitet (Kap. 7) und aufgelöst (Kap. 8) werden können. Abschließend werden mögliche „Stolpersteine“ (Kap. 9) und die Gewährleistung der Sicherheit von Kindern und Jugendlichen thematisiert (Kap.10), Fazit und Ausblick gezogen (Kap. 11) und auf weiterführende Literatur verwiesen (Kap. 12).

Jedes Kapitel beginnt mit einer farblich hervorgehoben kleinen Zusammenfassung. Im Fließtext eingefügte Graphiken und Tabellen dienen der Übersicht.

Am Ende des Buches findet sich ein Stichwortverzeichnis (S. 109) sowie ein umfangreicher Anhang, in dem unterschiedliche Materialien zur Vorbereitung und Gestaltung der Mentoringbeziehung zu finden sind (vgl. S. 115ff).

Inhalt

Nach der Einführung erfolgt im zweiten Kapitel „Mentoring als Chance für Integration“ zunächst eine Skizze möglicher Belastungsfaktoren von Fluchtmigration auf unbegleitete Kinder und Jugendliche sowie der Stärken und Ressourcen, die sie trotz und wegen der herausfordernden Erfahrungen besitzen. Daran anknüpfend wird Mentoring als „Hilfe zur Selbsthilfe“ eingeführt, bei der sich die Zielsetzung des Mentoringtandems an den jeweiligen Bedürfnissen, der Resilienz und der Selbstgestaltung des Mentees orientiert (vgl. S. 25). Die positiven Effekte durch Mentoring werden dann spezifisch aus der Förderung der sozial-emotionalen und kognitiven Entwicklung sowie der Identitätsentwicklung abgeleitet. Entsprechend der Ausführungen kann eine gelungene Mentoringbeziehung (als zuverlässige und beständige Vertrauensbeziehung) sozialen Rückhalt geben, Vorbild- und Motivationscharakter annehmen wie ratgebend und erklärend fungieren. Letztlich könne ein positives Mentoring dazu beitragen, dass unbegleitete Minderjährige u.a. „Zuversicht in eine gelingende Zukunft“ (S. 27) aufbauen, Lust an Partizipation am gesellschaftlichen Leben entwickeln, ihre sprachlichen Fähigkeiten erweitern (vgl. S. 28) und ihre Interessen und Handlungsmöglichkeiten intrinsisch und selbstwirksam verfolgen können (vgl. S. 30).

Unter dem Titel „Organisation und Grundlagen von Mentoringprogrammen für unbegleitete Minderjährige“ werden im dritten Kapitel idealtypische Abläufe eines Mentoringprozesses skizziert (Anwerben, Absprachen, Vertragsabschluss) und die Notwendigkeit von Erwartungsabklärungen aller Beteiligten erörtert. Eine regelmäßige Evaluation des Mentoringprozesses bietet entsprechend der Autor*innen die Möglichkeit, Qualitätsstandards zu überprüfen und sollte Teil der Konzeption sein (vgl. 3.4).

Der Mittelteil des Manuals widmet sich der konkreten Anbahnung, Gestaltung, dem Auflösen wie der Nachbereitung einer Mentoringbeziehung.

Bei der „Auswahl der Mentorinnen und Mentoren“ (Kap. 4), sollte laut den Erhebungsergebnissen abgewogen werden, was ehrenamtlich tätigen Unterstützer*innen zumutbar ist und welche Notwendigkeiten Teil des Mentoringprogramms sind (vgl. S. 48/49). Die Auswahlkriterien umfassen Felder wie die Entwicklung von Vertrauensbeziehungen, die Gestaltung von Erwartungskommunikation und die Abklärung von Motivation und Kompetenzen. Abschließend werden Hinweise zur Entscheidungsfindung und Entscheidungsrückmeldung gegeben.

Der „Vorbereitung der Mentorinnen und Mentoren“ geht dann das fünfte Kapitel nach. Hier werden vor allem Inhalte für Qualifizierungsangebote präsentiert, die angehende Mentor*innen für die Rollenfindung benötigen. Eine gebündelte Auflistung möglicher Themen und Zielsetzungen rundet das Kapitel ab (vgl. S. 70).

Prozessual gedacht, geht es in Kapitel 6 mit dem „Matching der Mentoringtandems“ und Kriterien für die Zusammenstellung (Geschlecht, kultureller Hintergrund, Interessen und Persönlichkeit) und Ausführungen zur „Begleitung der Mentorinnen und Mentoren sowie der Mentoringtandems“ (Kap.7) weiter. Für Mentor*innen sei neben der emotionalen Unterstützung durch die Programmverantwortlichen (Austauschgruppen, Supervision, Würdigung) die inhaltliche Weiterbildung ebenfalls von Bedeutung. Auch die Tandems sollten in engem Kontakt und Austausch mit den Programmverantwortlichen stehen, um in ihrem Beziehungsaufbau unterstützt zu werden und möglichen Konflikten frühzeitig begegnen zu können. Im Idealfall sollten hierfür flexible „Soll- und Kann-Angebote“ (S. 80) organisiert werden.

Die Themen „Auflösung der Mentoringteams und Nachbereitung“ werden im achten Kapitel aufgegriffen. Dabei wird in knapper Form der Umgang mit gewollten wie ungewollten Auflösungen beschrieben.

Ergänzend werden die Aspekte „Stolpersteine für Mentoringtandems“ (Kap. 9), die sich in Ungeduld, Anspruch sowie unklarem und konkurrierendem Rollenverständnis zeigen können, sowie die Gewährleistung der „Sicherheit“ von Kindern und Jugendlichen als ethisches Prinzip von Jugend-Mentoringprogrammen (Kap. 10) betrachtet. Die wesentlichen Gewährleistungselemente werden abschließend zusammengefasst und mit Verweisen auf bereits beschriebene Prinzipen und Instrumente dargestellt (vgl. S. 94).

Das Manual endet mit „Fazit und Ausblick“ (Kap. 11) und wird im letzten und zwölften Kapitel um eine Zusammenstellung weiterführender Literatur ergänzt.

Eine weitere Ergänzung stellt der umfangreiche Anhang dar (S. 115–156), für den die Roland Berger Stiftung die Mehrzahl der Materialien zur Verfügung gestellt hat. Hier finden sich u.a. Vordrucke zur Datenerfassung Interessierter und eines Mentoringvertrags, Informationsblätter zum Ablauf eines ersten Mentoringtreffens, ein Leitfaden für ein Erstgespräch und ein Fragebogen samt Auswertungshilfe zur Abklärung des Anforderungsprofils von Mentor*innen, aber auch Impulse zur Arbeit mit Fallbeispielen und zur Gestaltung gemeinsamer Unternehmungen.

Diskussion

Das Manual bietet eine gut aufbereitete Zusammenstellung der wesentlichen Eckpfeiler eines Mentoringprogramms für die Zielgruppe, die durch konkrete Hinweise und Arbeitshilfen für die Anbahnung und Gestaltung eines Mentoring für unbegleitete Minderjährige sinnvoll ergänzt werden. Im Mittelpunkt des Manuals stehen laut den Verfasser*innen sozial- und organisationspsychologische Perspektiven, die vor allem auf Kernbegriffe wie Vertrauen, Kommunikation, Wertschätzung und Würdigung fokussieren (vgl. S. 97). Tatsächlich stellt die Berücksichtigung dieser Aspekte einen roten Faden in der Anlage der Ausführungen dar, verbleibt aber eher in knappen, oft skizzenhaften Rahmungen und Begründungen.

Als Grundlage für die Erstellung der Arbeitshilfe wurden neben wissenschaftlicher Recherche die Evaluierung der Erfahrungen von Programmverantwortlichen und Mentor*innen angegeben. Die genaue Zahl und die Hintergründe der befragten Personen bleiben ungenannt. Leider wurden die in den Programmen beteiligten Mentees in die Befragung gar nicht einbezogen. Dies muss unter der Prämisse der im Manual betonten Bedeutung von Partizipation und Selbstwirksamkeit der unbegleiteten Minderjährigen leider als großes Versäumnis bezeichnet werden. Auch die im Klappentext herausgestellte Bedeutung von Mentoringprogrammen für Integrationsprozesse in die deutsche Gesellschaft und den Arbeitsmarkt werden im Buch eher angedeutet denn expliziert. Diese Ankündigung kann dem Verlag geschuldet sein, erweckt aber durchaus falsche Erwartungen an den Inhalt.

Fazit

Ein eher wissenschaftlich interessiertes Publikum wird ebenso wie eine grundsätzlich interessierte (fachliche) Leser*innenschaft ob der knappen Anlage mit dem Wunsch nach differenzierteren und tiefergehenden Auseinandersetzungen unter Berücksichtigung aller Perspektiven zurückbleiben. Patricia Heinemann und Elisabeth Kals scheinen um diesen Umstand zu wissen, da sie zum Abschluss des Buches explizit zu weiteren Forschungen auffordern und betonen, dass sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben (vgl. S. 97/98). Das Manual soll ein erster Aufschlag sein, der sich vor allem an Programmverantwortliche und -koordinator*innen von Mentoringprogrammen richtet (vgl. S. 17). Wahrscheinlich ist es auch genau dieser Leser*innenkreis, der das vorgelegte Manual zu schätzen weiß, da bereits grundsätzliches Vorwissen in der Konzeption von Programmen vorhanden ist und durch die hier präsentierten Spezifika des Feldes gewinnbringend erweitert werden kann. Auch potentiellen Mentor*innen kann das vorliegende Werk sicherlich helfen, sich mit den Grundzügen eines Programmes zur Förderung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen vertraut zu machen und Entscheidungsprozesse begleiten.


Rezension von
Prof. Dr. Antje Krueger
Professorin für „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ und „Internationale Soziale Arbeit“ an der Hochschule Bremen.
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Zitiervorschlag
Antje Krueger. Rezension vom 12.03.2020 zu: Patricia Heinemann, Elisabeth Kals: Mentoring unbegleiteter Minderjähriger. Ein Manual zur Förderung geflüchteter Kinder und Jugendlicher. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-036020-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25679.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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