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Clemens Schwender, Cornelia Brantner u.a.: zeigen – andeuten – verstecken

Cover Clemens Schwender, Cornelia Brantner, Camilla Graubner, Joachim von Gottberg: zeigen – andeuten – verstecken. Bilder zwischen Verantwortung und Provokation. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2019. 324 Seiten. ISBN 978-3-86962-407-5. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
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Sind Bilder Abbilder der Wirklichkeit?

Niemand (mehr) wird diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten: „Aufgrund der Dominanz der Bilder im Kommunikationsprozess muss der Umgang der Gesellschaft, der Medien,… des Individuums, mit … Bildern hinterfragt werden: Welche Art der Herstellung und der Veröffentlichung von Bildern kann mit welchen Darstellungen als sozialverträglich und damit als ethisch akzeptabel angesehen werden? Welche ethischen oder rechtlichen Grenzen werden … tangiert oder gar überschritten?“. Meinungs-, Informationsfreiheit sind Menschenrechte, die eingehalten werden müssen, die Menschenwürde ebenfalls. Es ist unumgänglich, sich wissenschaftlich mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Es gibt vielfältige Zugänge und Anlässe, sich mit der Bedeutung, der Bewertung und der Nutzung von bildhaften Darstellungen im öffentlichen Diskurs zu befassen (z.B. Michael R. Müller, Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Das Bild als soziologisches Problem. Herausforderungen einer Theorie visueller Sozialkommunikation; 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25022.php).

Entstehungshintergrund

Besonders bedeutsam stellt sich – aus ethisch-moralischen, rationalen, emotionalen und rechtlichen Implikationen – die Frage der Herstellung von Bildern für Foto-ReporterInnen, der Verwendung für JournalistInnen und für WissenschaftlerInnen. Der interdisziplinäre Diskurs über Kommunikations- und Medienpolitik wird konfrontiert mit den Entwicklungen, wie sie mittlerweile die Neuen Technologien bieten und in den Zeiten des Momentanismus – und Allzeit-bereit-Einstellungen (anscheinend) ermöglichen: „Irgend ein Abbild schafft jeder, der bei Berücksichtigung der entsprechenden Voraussetzungen auf den Knopf der Kamera drücken kann“. So werden fraglos die Fragen nach Wahrhaftigkeit, Echtheit, Professionalität, Wertigkeit und Wirklichkeit immer wichtiger, wie z.B. die Kakophonien der Fake Newser und -Follower zeigen.

Autoren

Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Clemens Schwender, die Sprecherin der Fachgruppe Visuelle Kommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft Cornelia Brantner, die Soziologin Camilla Graubner, Mitarbeiterin bei der Berliner „Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen“, und der Medienethiker Joachim von Gottberg geben den interdisziplinären Sammelband heraus, der sich mit „Fragen nach dem Zeigbaren, Fragen nach Normen visueller Kommunikation“ auseinandersetzt.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung in die Thematik durch das Herausgeberteam wird die Studie in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Im ersten geht es um theoretische Grundlagen der „Bildethik“;
  2. im zweiten um „Social Media“;
  3. im dritten um „Journalistische Bilder“;
  4. im vierten um „Werbung“;
  5. und im fünften Kapitel wird „Gewalt und Pornographie“ thematisiert.

Der Medienethiker von der Universität Erlangen-Nürnberg, Christian Schicha, setzt sich in seinem Beitrag „Bildethik – normative Ansprüche an visuelle Diskurse im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis“ mit dem Dilemma auseinander, dass einerseits die journalistische Informations- und Chronistenpflicht erfordert, (Schock-)Bilder zu zeigen, andererseits ist es notwendig, dass „die journalistischen Leitlinien einer kritischen, informativen und glaubwürdigen Berichterstattung Priorität vor den Präsentationserfordernissen haben“. Die an der Università della Svizzera intaliana in Lugano tätige Medienwissenschaftlerin Rebecca Venema diskutiert mit dem Beitrag „Bilder – Normen – Diskurse“ theoretisch-konzeptionelle Grundlagen für die Analyse von Normen in Debatten über visuelle Alltagspraktiken. Sie zeigt an Beispielen die Ambivalenz und die Notwendigkeit für analytisches Arbeiten auf.

Sigrun Lillegraven von der Universität in Wien verweist mit ihrem Text „Die Reise eines Bildes: eine Visuelle Kontextanalyse im Präsidentschaftswahlkampf von Hillary Clinton“ darauf, „mehr Risikobewusstsein bei der Motiv- und Bildauswahl zu entwickeln sowie gleichzeitig mehr Vorsicht und Vernunft bei der digitalen Veröffentlichung und Verbreitung von visuellen Repräsentationen walten zu lassen“. Die Publizistik- und KommunikationswissenschaftlerInnen Katharina Lobinger, Rebecca Venema, Benjamin Krämer und Eleonora Benecchi setzen sich mit dem Beitrag „Pepe the Frog – lustiges Internet-Meme, Nazi-Symbol und Herausforderung für die visuelle Kommunikationsforschung“ damit auseinander, welche positiven und negativen Wirkungen schnell verbreitende und genutzte Internet-Hypes haben können. Die an der Universität in Basel tätige Medienwissenschaftlerin Ulla Autenrieth fragt im Beitrag „Diskurse des (Un-)Zeigbaren und die Rolle von Alter und Geschlecht“ nach den Diskursen, die sich durch das Projekt „#Yolocaust“ des Künstlers Shahak Shapira (2017) ergeben haben und in einem Forschungsvorhaben durchgeführt wurden. Es sind die Frames, Selfies und Schnappschüsse, die zu unterschiedlichen Reaktionen, Wahrnehmungen und Ablehnungen führen. Der Wiener Germanist und Medienwissenschaftler Daniel Pfurtscheller analysiert mit dem Beitrag „Reizende Vorschau“, wie Thumbnail-Bilder im Rahmen der Online-Medien in der Spannweite von Teasing bis Clickbaiting genutzt werden können. 

Wibke Weber lehrt am Institut für Medienlinguistik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Mit der Studie „Datenvisualisierungen im Spannungsfeld von Ethik und Ästhetik“ setzt sie sich in Theorie und Praxis mit „Graphicacy“ auseinander, der intellektuellen Kompetenz, „Diagramme, Graphen und Karten zu lesen und zu verstehen“. Der an der Universität in Hildesheim am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur tätige Fotodesigner Felix Koltermann stellt mit dem Beitrag „Von der Ethik des publizierten Bildes zur Ethik des fotojournalistischen Aktes“ die Ergebnisse einer explorativen Untersuchung am Produktionsstandort Israel / Palästina vor. Dabei wird deutlich, dass eine theoriebasierte und praxisrelevante Trennung von KommunikatorIn und Kommunikat auf der einen und der Prozesse von Produktion, Distribution, Publikation und Rezeption auf der anderen Seite erforderlich ist. Die Politikwissenschaftlerinnen Petra Bernhardt und Karin Liebhart diskutieren mit dem Beitrag „Terrorbilder in den Medien“, wie die mediale Terrorberichterstattung und ihre visuellen Komponenten im Mediendiskurs reflektiert werden; und sie entwickeln Handlungsempfehlungen dazu. Der Mainzer Publizistik- und Filmwissenschaftler Bernd Zywietz analysiert mit dem Text „Ästhetisierung zwischen schockhafter Provokation und ethisch-moralischer Notwendigkeit“ die vom IS als Propaganda und Gegenstand der medialen Berichterstattung ausgestrahlten Bilder, etwa von Hinrichtungsvideos.

Patricia Podewin studiert an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Mit dem Beitrag „Konstrukte des Anderen“ stellt sie die Ergebnisse einer vergleichenden Analyse von Fair-Trade-Werbefotografien vor. Deutlich werden dabei unterschiedliche Darstellungen bei der Fair-Trade-Produktion „vor Ort“ auf der einen und den Informations- und Verkaufsstrategien der Fair-Trade-Organisationen auf der anderen Seite. Ihre Ergebnisse: „Die Rollenverteilung von Nord und Süd … (ist) nach wie vor von stereotypen und kolonialistischen Vorstellungen behaftet…, wobei sich westliche KonsumentInnen, die guten Gewissens zu Fair-Trade-Produkten greifen und die romantische Vorstellung eines exotischen und naturharmonischen Anderen… gegenüberstehen“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin von der Universität in Trier, Bettina Boy, informiert über ihre „Eye-Tracking-Studie“, die sie im Rahmen ihrer Masterarbeit zu „Product Placement – durch Zeigen und Verstecken ins Gedächtnis der Konsumenten“ rückt. Sie zeigt auf, „dass zahlreiche Faktoren die Wirkung und Akzeptanz von Product Placements beeinflussen“; und sie fordert dazu auf, Werbung und Beeinflussung stärker in den aufgeklärten Blick zu nehmen.

Der Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Jörg-Uwe Nieland und die Wuppertaler Soziologin Ludgera Vogt analysieren mit dem Beitrag „Female Knockouts“ die Entwicklungen in medialen (Sport-)Zuschauer-Events am Beispiel der Ästhetisierung und Kommentierung von Gewalt in MMA-YouTube-Videos Mixed Martial Arts: Sie zeigen auf, dass im lokalen wie im globalen Diskurs „die Frage nach dem Zeigbaren und den ethischen Normen der visuellen Kommunikation in Bezug auf Sportgewalt und ihre Rezeption“ bisher kaum von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, noch von einer kritischen Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die Würzburger Medienpsychologen Maximilian T. P. von Adrian-Werburg und Frank Schwab titeln ihre evolutionspsychologischen Erklärungsangebote für moralische Urteile über und Nutzungsmotive von Nonmainstream-Pornografie mit: „Und wanderst du im tiefen Tal…“. Es sind Reflexionen, theoretische und praktische Analysen und Methoden, wie die Thematik zwischen Ethik und Provokation, zwischen Moral und sexuellem Marktplatz, zwischen normgebenden und -verletzenden Aktivitäten eingeordnet werden kann.

Den Schlussbeitrag im Sammelband liefern Clemens Schwender und die Medien-Managerin von der Berliner Hochschule der Populären Künste, Désirée Carolin Dargel. Sie präsentieren Ergebnisse zu ihren Untersuchungen über „Pornografisierung in populärer Musik“, indem sie Beispiele zur Körperästhetik in Musikvideos diskutieren.

Fazit

Tendenzen von Übersteigerungen und Verharmlosungen bestimmen Fragen nach dem Zeigbaren, nach Normen und Rechtfertigungen in der visuellen Kommunikation. Die Kontroversen lassen sich allein durch den Theoriediskurs nicht erkennen und analysieren. Der Blick in die Praxis der Bildpräsentation ist erforderlich, um ethische, moralische, humane, menschenwürdige, rechtliche und wissenschaftlich fundierte Aspekte herausfiltern zu können. Dazu ist der interdisziplinäre Diskurs unverzichtbar. Mit dem Sammelband „Zeigen – Andeuten – Verstecken“ wird ein wichtiger Baustein dazu geliefert.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.06.2019 zu: Clemens Schwender, Cornelia Brantner, Camilla Graubner, Joachim von Gottberg: zeigen – andeuten – verstecken. Bilder zwischen Verantwortung und Provokation. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2019. ISBN 978-3-86962-407-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25684.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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