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Klaus Schellberg, Claudia Holtkamp: Finanzierung von Organisationen der Sozialwirtschaft

Cover Klaus Schellberg, Claudia Holtkamp: Finanzierung von Organisationen der Sozialwirtschaft. Finanzierungsströme – Finanzgeber – Verhandlungsstrategien. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2019. 190 Seiten. ISBN 978-3-8029-5478-8. 25,80 EUR.
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Thema

Das Buch befasst sich mit den unterschiedlichen Möglichkeiten der Finanzierung von sozialwirtschaftlichen Organisationen. Des Weiteren wird auf einschlägige Rechtsgrundlagen der Finanzierung, mögliche Strategien für Entgeltverhandlungen sowie auf unternehmensstrategische Schlussfolgerungen von Finanzierungssystemen eingegangen. Eine Zielgruppe von Lesern wird explizit nicht genannt.

Aufbau

Das Werk ist in drei Teile gegliedert.

Teil 1 befasst sich mit „Finanz- und betriebswirtschaftlichen Grundlagen“:

  • Grundlagen
  • Finanzwirtschaftliche Aufgaben
  • Betriebswirtschaftliche Finanzierung in der Sozialwirtschaft
  • Finanzierung von sozialen Dienstleistungen

Teil 2 behandelt „Rechtsgrundlagen und Regelungsbereiche einzelner Finanzierungsformen“:

  • Leistungsentgelte und Pflegesätze: Indirekte Finanzierung
  • Finanzierungsform: Fördermittel
  • Private Mittel für die Finanzierung von sozialen Organisationen
  • Vergaberecht

In Teil 3 werden „Implikationen von Finanzierungssystemen für Sozialunternehmen“ besprochen:

  • Finanzierung in Strategie umsetzen

Während in Teil 1 solche Finanzierungsaufgaben und -möglichkeiten im Mittelpunkt stehen, die sich für alle Unternehmungen – also auch solche der Sozialwirtschaft – ergeben, wird in Teil 2 der Blick ausschließlich auf Finanzierungsaspekte der insbesondere nonprofit orientierten Sozialwirtschaft abgestellt. Die Autoren unterscheiden dementsprechend in so genannte „betriebswirtschaftliche und sozialwirtschaftliche Finanzierung“.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird zunächst ein Grundverständnis von Finanzierung entwickelt. Beschrieben wird Finanzierung als konstitutive Funktion jeder Art von i.w.S. Betrieben. Elementare Begriffe wie insbes. Finanzierung, Liquidität, Rentabilität und Wirtschaftlichkeit werden – anhand eines Beispiels – eingeführt. Hilfreich, weil auch der Aufbau des Buches diesem folgt, wird bereits hier auf Unterschiede von „normalen“ Unternehmen und solchen der Sozialwirtschaft hingewiesen.

Nachdem das erste Kapitel noch vergleichsweise allgemein gehalten ist, geht das 2 Kapitel mit ausführlicheren Darlegungen zur Finanz- und Liquiditätsplanung weiter in die Tiefe. Einfach gehaltene Texte zur Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre unterscheiden sich von diesen Ausführungen regelmäßig nicht. Der Leser erhält hier eine komprimierte Zusammenstellung der wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge zur Finanzplanung, wobei die Autoren viele gelungene Praxisbeispiele bieten und so Anlehnungen zur Sozialwirtschaft erstellen. Inwiefern ein betriebswirtschaftlich nicht vorgebildeter Leser mit Beschreibungen wie „nicht-zahlungswirksame Kosten“, „freier Cashflow“ sowie ähnlichen, aber eben nicht identischen Begriffen wie Kosten, Aufwand, Auszahlungen etwas anfangen kann, ist fraglich. Diese Skepsis gilt umso mehr im Abschnitt zur (insbesondere dynamischen) Investitionsrechnung. Auch wenn die Autoren das Thema in einem angenehmen Schreibstil mit Kurzbeispielen darstellen, wird die vermutete sozialarbeiterisch geprägte Leserschaft an Konzepten wie z.B. der Kapital- und Barwertmethode oder dem Internen Zinsfuß und den Unterschieden zwischen diesen schwer zu arbeiten haben. Andererseits wird, wer das Thema „Finanzierung“ wirklich verstehen will oder muss, letztlich auch um solche ggf. nicht ganz leicht verdauliche Themen herumkommen.

Im 3 Kapitel werden insbesondere die Themen „Finanzierungsanlässe“, „Finanzierungskonstellationen auf der Ebene einzelner Organisationseinheiten“, „Finanzierung als Managemententscheidung“, Gestaltungsmöglichkeiten und Kriterien des Finanzierungsmixes sowie „Formen der betriebswirtschaftlichen Finanzierung“ aufgegriffen. Der Leser erhält hier ein Gespür dafür, dass die Gestaltung der Finanzierung eine konstitutive und nicht delegierbare Managementaufgabe darstellt und die echte von der nur „Quasi-Führungsposition“ unterscheidet. Das Verständnis des Kapitels wird erleichtert durch das „Fallbeispiel: Haus Waldsee“, mit welchem die Autoren die oben genannten Themen jeweils durchspielen und somit klarer wird, welche Finanzierungs- (z.B. Eigen-, Außen- Kapitalfinanzierung) und Rechtsformen (z.B. GmbH, Genossenschaft, Stiftung) für das Haus Waldsee mit welchen Vor- und Nachteilen verbunden wäre. Auch in diesem Kapitel steckt wieder viel betriebswirtschaftliches Know-How, das tatsächlich zu durchdringen, dem Leser ein tieferes Eindringen in die Betriebswirtschaftlehre abnötigen wird. Insbesondere das Unterkapitel 3.5.4 zur Kreditfinanzierung weist einen beinahe lexigraphischen Charakter auf, wenn Begriffe wie bspw. Zinshöhe, Handelskredite, Schuldverschreibungen, einschließlich relevanter Begleitbegriffe (Disagio, Patronatserklärungen, Factoring, Obligationen etc.) kurz mit abgehandelt werden.

Kapitel 4 leitet über zum Teil 2 des Buches. Die „Finanzierung von sozialen Dienstleistungen“ wird in ihren Grundzügen mit Zuwendungen, öffentlicher Vergabe, Leistungsentgelte hier nur kurz vorgestellt, um dann in Teil 2 jeweils ausführlich erläutert zu werden.

Das rund 50 Seiten starke Kapitel 5 widmet sich insbes. indirekten Finanzierungsformen im Kontext des so genannten sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses. Nachdem das Sozialrechtliche Dreieck zunächst in Abschnitt 5.1 allgemein einführt wird, greift Abschnitt 5.2 mit starker Anlehnung an die zugrunde liegenden Regelungen der Bücher des SGB (V, VIII, XI, IX und XII) die Inhalte auf. Die zentralen Inhalte der jeweiligen SGB Bücher werden anhand von Tabellen gut portioniert dargestellt, was dem Leser die an sich trockene juristische Kost leichter verdaulich macht. Des Weiteren bietet das Kapitel betont praxisorientierte Beispiele etwa zur Kalkulation der Personalausstattung. Tabellen, die u.a. den Bezug von der Planung der Personalausstattung und der Kalkulation der Personalkosten erstellen, erleichtern das Verständnis beträchtlich. Darüber hinaus wird auch versucht die Brücke zu Themen der Organisationslehre bzw. der Personalwirtschaft zu schlagen (5.3.2.2). Die Ausführungen zur Relevanz von Stellenbeschreibungen oder gar zur Aufgabenanalyse, wie sie aus der klassischen Organisationslehre stammen, stellen sicher keinen absoluten Fremdkörper in einem Buch zur Finanzierung dar, die Inhalte zur Berechnung der Personalkosten wären aber auch ohne dieses nicht schlechter verständlich gewesen. In Abschnitt 5.5 werden schließlich Verhandlungsstrategien für Entgeltvereinbarungen in Form von Checklisten vorgestellt, was den Praxisbezug noch einmal beträchtlich erhöht.

Das Kapitel 6 spannt einen weiten Bogen von der direkten Finanzierung insbes. durch die Kommune und das Land, über EU-Mittel bis hin zu einer Zusammenstellung kleinerer Fördertöpfe (z.B. Aktion Mensch, GlücksSpirale, Deutsche Fernsehlotterie). In dieser Sammlung wäre sicherlich auch die Förderung durch Bußgelder bzw. Geldauflagen unterzubringen und dem Thema EU-Mittel hätte ggf. etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen können.

Im Kapitel 7 wird die Finanzierung durch i.w.S. öffentliche Gelder verlassen und die Finanzierung durch private Mittel rückt in den Blickpunkt. Neben klassischen Fundraisingthemen wie Sponsoring, Spenden und Stiftungen, werden auch das Cowdfunding und Unternehmenskooperationen besprochen, wobei sich zweitgenannte auf den Sozial- bzw. Nonprofitbereich beschränken und branchenübergreifende Kooperationen mit gewerblichen Unternehmen außen vor bleiben. Hinsichtlich Tiefgang und Umfang bleibt das siebte Kapitel mit rund 10 Seiten hinter den vorangegangenen Alternativen zurück, wobei diese Themen auf gleichem Niveau aufzuarbeiten den vertretbaren Umgang des Buches vermutlich auch gesprengt hätte.

Der 2 Teil endet mit dem Thema Vergaberecht. Nach einem historischen Abriss zur Entwicklung von Vergaberegelungen werden die Regelungen unter und oberhalb der EU-Schwellenwerte incl. der geltenden Normen (§ 97 GWB) kompakt vorgestellt. In den Abschnitten 8.4 und 8.5 werden i.e.S. relevante Inhalte für soziale Organisationen aufgegriffen, indem u.a. hervorgehoben wird, dass soziale Organisationen sowohl als Nachfrager aber auch u.U. als Anbieter dem Vergaberecht unterliegen können; was oftmals leicht übersehen wird.

Der aus einem Kapitel bestehende Teil 3 rückt Fragen in den Mittelpunkt, wie Sie gewöhnlich mit betriebswirtschaftlich-unternehmensstrategischen Überlegungen einhergehen (sollten). Mit Hilfe von Abbildungen wird z.B. beschrieben, wie sich die optimale Leistungsmenge bei variablen und fixen Kostenkurven als auch sinusartigem Verlauf der Leistungskurve ändert. Auch hier wären vertiefende Überlegungen interessant gewesen, insbesondere was daraus für das strategische Personalmanagement folgt; dieses hätte freilich aber den Fokus des Buches verschoben.

Diskussion

Kein Buch ist so gut, dass ein Rezensent nicht noch etwas auszusetzen hätte, aber hier wurde auf hohem Niveau geklagt. Also vorweg gesagt: Ein sehr zu empfehlendes Buch!

In einer Mischung aus Lehr- und Fachbuch legen die Autoren ein Werk vor, das den Leser über nahezu alle Möglichkeiten der Finanzierung von Unternehmen der Sozialwirtschaft informiert. Selbst bei abstrakteren Überlegungen wird es den Autoren mit Hilfe von Abbildungen und/oder eingängigen Beispielen gelingen, auch Einsteiger in das Thema mitzunehmen. Die finanzmathematischen Inhalte werden den ungeübten, wenig mathematikaffinen Anwender vermutlich sehr herausfordern. Hervorzuheben ist, dass die Autoren sowohl allgemeine Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung als auch die Besonderheiten für gemeinnützige NPOs in einem Buch behandeln. Da die erstgenannten aller Erwartung nach künftig an Bedeutung eher zu- als abnehmen werden, gehören diese auch in der gegebenen Ausführlichkeit in ein zeitgemäßes Buch zur Finanzierung in der Sozialwirtschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Mroß
Professur für Sozialmanagement, insbes. Organisation und Personalmanagement in der Sozialwirtschaft, Technische Hochschule Köln - TH Köln
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Zitiervorschlag
Michael Mroß. Rezension vom 07.06.2019 zu: Klaus Schellberg, Claudia Holtkamp: Finanzierung von Organisationen der Sozialwirtschaft. Finanzierungsströme – Finanzgeber – Verhandlungsstrategien. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-8029-5478-8.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25685.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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