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Klaus Mathis, Luca Langensand (Hrsg.): Anarchie als herrschaftslose Ordnung?

Cover Klaus Mathis, Luca Langensand (Hrsg.): Anarchie als herrschaftslose Ordnung? Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2019. 403 Seiten. ISBN 978-3-428-15670-2. D: 99,90 EUR, A: 102,70 EUR.

Reihe: Recht und Philosophie - Band 5..
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Thema und Hintergrund

In den heutigen Zeiten eine wohlwollende Rezension zu einem Buch zu schreiben, dass sich der Anarchie als durchaus innovative Gesellschaftsphilosophie widmet, scheint nicht sehr passend zu sein. Um es genauer zu sagen: Der Rezensent schrieb seine Rezension Anfang April 2020. Die COVID-19-Pandemie, auch Corona-Pandemie, hat ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Am 4. April 2020 waren weltweit 1,2 Millionen Menschen positiv auf Corona getestet worden, 91.159 in Deutschland. 58.929 Menschen waren inzwischen auf der ganzen Welt gestorben. Die Expert/​innen rechneten mit exponentiellen Steigerungen an Infizierten und Toten und die Wirtschaftler/​innen befürchteten eine schwere wirtschaftliche Rezession. Der Ruf nach einem „starken Staat“ war nicht nur in Deutschland unüberhörbar. Die Politik solle ihre Macht nutzen, um die Gesundheit der Bevölkerung zu gewährleisten und um finanzielle Unterstützung für die großen Konzerne, aber auch für die vielen Klein- und mittelständischen Unternehmen sowie für die zahlreichen Selbstständigen und Freiberufler bereitzustellen. Im Internet konnte man u.a. lesen: „Die Regierung muss auch Entscheidungen treffen, die ein Teil der Bevölkerung nicht gutheißt. Alles andere wäre Anarchie“.

Um auf das vorliegende Buch zurückzukommen. Die Herausgeber haben dem Titel ein Fragezeichen beigegeben, um deutlich zu machen, dass sie und die Autor/​innen nach dem Verhältnis von Anarchie und Ordnung fragen. Und sie tun das sehr umfangreich und kritisch. Dass es mit dem Verhältnis von Anarchie und Ordnung gar nicht so einfach ist, zeigt ja schon – vor der Lektüre des Buches – ein nochmaliger Blick auf die heutigen Zeiten. Die Corona-Pandemie, die Anfang April 2020 fast aus der öffentlichen Diskussion geratene Klimakrise oder die Flüchtlingskrise machen doch deutlich, dass staatlich-politische Entscheidungen, falls sie denn, siehe Klima- oder Flüchtlingskrise, überhaupt gefällt werden, nicht ausreichen, um die Probleme zu bewältigen. Zahllose Gruppen und Bewegungen, früher nannte man sie Graswurzelbewegungen, sind entstanden, um Hilfe für Alte und Kranke oder in finanzielle Schwierigkeiten geratene Freiberufler in Zeiten der Pandemie zu organisieren, Flüchtlingen aus der Not zu helfen oder – wie in den Anfangszeiten von Fridays-for-future und Scientists-for-future – gegen die staatlich verordneten Klimaziele zu demonstrieren. All diese Gruppen und Bewegungen gründeten sich zunächst in einem Prozess der relativen Herrschaftslosigkeit. Womit wir beim Thema wären, das keinesfalls ein Randthema ist. Google Scholar, des Rezensenten liebste Suchmaschine, weist für den Zeitraum 1990 bis 2020 unter den Suchbegriffen „Anarchie + Ordnung“ mehr als 15.000 Quellen aus (ohne Zitate). Die Vermutung liegt nahe, dass das Thema Buches durchaus in ein weites Forschungsfeld einzuordnen ist.

Das Buch enthält Beiträge einer Tagung, die am 7. und 8. Oktober 2016, also vor der Pandemie und den Klima-Demonstrationen, an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern stattgefunden hat.

Herausgeber und Autoren

Klaus Mathis ist ordentlicher Professor für Öffentliches Recht an der Universität Luzern und dort Direktor des Instituts für Juristische Grundlagen sowie Geschäftsleiter des Center for Law and Sustainability an eben dieser Universität. Von ihm stammt das Vorwort zum Buch.

Luca Langensand war von 2013 bis 2017 wissenschaftlicher Assistent bei Klaus Mathis, zurzeit der Buchveröffentlichung Doktorand im schweizerischen Forschungsprojekt „Enlightened Anarchism…“ und hat die Einleitung geschrieben.

Thom Holtermann (bis zu seiner Pensionierung Senior Dozent für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Erasmus Universität Rotterdam) hat ein Geleitwort zum Buch verfasst.

Im ersten Teil des Buches, der den Titel „Anarchie und Ordnung in Theorie und Praxis“ trägt, sind Maurice Schuhmann (promovierter Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der FU Berlin), Nahyan Niazi (Doktorand), Josef Estermann (Soziologe an der Universität Bern, Berlin, Luzern und Zürich), Christian Leonhardt (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen), Peter Seyerth (unterrichtet Politische Theorie an verschiedenen Universitäten) und Aleksander Miłosz Zieliński (Doktorand der Soziologie an der Universität Fribourg) vertreten.

Christioph Berger (promovierte bis 2017 an der Universität Göttingen), Filippo Contarini (promovierter Mitarbeiter an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern), Raphael Schwegmann (promovierter Mitarbeiter an der Hafenuniversität Hamburg) und Benjamin Schmid (wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München) äußern sich in dieser Reihenfolge im zweiten Teil des Buches („Anarchie und Herrschaft in der Geschichte“).

Im dritten Teil („Anarchie und Herrschaft in der Philosophie“) finden sich Beiträge von Maike Weißpflug (promovierte Politikwissenschaftlerin und zum Zeitpunkt der Buchpublikation Mitarbeiterin am Museum für Naturkunde am Leibnitz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin), Dominik Renner (Praktikant bei der Sprachschule academia) und Andrea Günter (Privatdozentin und promovierte Philosophin und Theologin in Freiburg i. Brsg.).

Der vierte und letzte Teil („Anarchie und Herrschaft im Recht“) enthält Beiträge von Sabrina Zucca-Soest (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg), David Dürr (Titularprofessor an der Universität Zürich) und Stephan Meyer (zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung außerordentlicher Professor an der Universität Erfurt und öffentlich-rechtlicher Professor an der Technischen Hochschule Wildau/​Brandenburg).

Inhalt

Hervorzuheben sind zunächst das Geleitwort von Thom Holtermann, das knappe Vorwort des Mitherausgebers Klaus Mathis und die Einleitung von Luca Langensand. Holtermann, mittlerweile pensioniert, gehört zweifellos zu den wichtigen Sozialwissenschaftlernbzw. Rechtswissenschaftlern auf dem Felde der Anarchismus-Forschung. In seinem Geleitwort zeichnet er knapp einige dieser historischen Forschungslinien auf und macht darauf aufmerksam, dass sich Anarchisten, so wie er, für den Antikapitalismus aussprechen, ohne sich von Ordnungsprinzipien verabschieden zu müssen. Recht so. Auch Klaus Mathis ruft im Vorwort einige historische Quellen des Anarchismus auf, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass die Tagung, aus der das Buch hervorgegangen ist, an fast vergessene Traditionen anknüpft. Luca Langensand erinnert daran, dass der Anarchismus im 19. Jahrhundert entstand, der Begriff sich aber über die Zeiten gewandelt habe und – so meint der Rezensent im Sinne des Logikers und Jenaer Honorarprofessors Gottlob Frege (1998, S. 69; Original: 1893–1903) – ein unscharfer ist. Es geht um Herrschaftslosigkeit, die aber „seit zwei Jahrhunderten von Anarchistinnen und Anarchisten unterschiedlicher Couleur rege diskutiert, theoretisch abgehandelt sowie praktisch erprobt“ (S. 17) wird. Namen werden aufgerufen, wie Pierre-Joseph Proudhon (mit dem sich bekanntlich Karl Marx 1847 böse gefetzt hat), Max Stirner (eigentlich Johann Caspar Schmidt, ein Junghegelianer, mit dem sich Marx ebenfalls angelegt hat), Mikhail Alexandrowitsch Bakunin (der wohl bekannteste Anarchist und mit Marx in besonderer Weise verbunden) oder Petr Kropotkin. Diese und andere Namen tauchen in den nachfolgenden Beiträgen hin und wieder auch auf.

Im ersten Teil des Buches finden Leserinnen und Leser die Beiträge von

  • Maurice Schuhmann: Formen herrschaftsloser Ordnung. „Mutualismus“, „Verein von Egoisten“, „Freie Vereinbarung“ und gewerkschaftliches „Syndikat“.
  • Nahyan Niazi: Die anarchistische Geisteshaltung. Vom libertär-sozialistischen Perfektionismus Rudolf Rockers unter Bezugnahme auf Wilhelm von Humboldts Liberalismus.
  • Josef Estermann: Anarchie, Herrschaft, Staat. Eine Auslegungsordnung.
  • Christian Leonhardt: Jenseits der guten Ordnung.
  • Peter Seyerth: Strukturen der Tyranneilosigkeit gegen die Tyrannei der Strukturlosigkeit. Machtanwendung bei der Findung und Durchsetzung von Entscheidungen.
  • Aleksander Miłosz Zieliński: Politisches Handeln im permanenten Ausnahmezustand (und danach…).

Im Beitrag von Maurice Schuhmann geht es um die schon erwähnten klassischen Ansätze des Anarchismus von Proudhon, Stirner, Kropotkin und – außerdem – um Rudolf Rocker (1873-1958), einem der bedeutendsten Theoretiker des Anarchosyndikalismus, einer Bewegung, der es um die revolutionäre Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft ging und die, also jene Bewegung, schaut man sich manche Internetseiten von Graswurzelbewegungen an, noch immer zu rocken scheint (Graswurzel, 2020). Die von Schuhmann vorgestellten Ansätze weisen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, so u.a. die Forderung auf eine herrschaftsfreie Ordnung, die den Staat ersetzen müsse, das Konzept von einem freien und sich dieser Freiheit bewussten Individuums oder der föderale, nicht hierarchische Aufbau gesellschaftlicher Organisationen. Die schon erwähnten kritischen Blicke von Karl Marx auf Proudhon und Stirner spielen im Beitrag von Schuhmann keine Rolle. Der Rezensent bedauert das.

Nahyan Niazi geht in seinem Beitrag sehr ausführlich auf besagten Rudolf Rocker ein und versucht Parallelen zwischen ihm und den Verfassungsideen von Wilhelm von Humboldt herzustellen. Solche Parallelen sieht Niazi in der Auffassung von der Selbstverwirklichung des Individuums. Nun war Humboldt, anders als vielleicht Rocker, keine Revolutionär und Humboldts Meinung zur Französischen Revolution von 1789 durchaus ambivalent. Da sich Rocker nur marginal auf Humboldt bezieht, wie Niazi eingesteht, ist die Suche nach Parallelen eine schwierige. Der Rezensent hätte weniger Schwierigkeiten, mit den Schwierigkeiten umzugehen, wenn man einfach nur behaupten würde: Humboldt und Rocker waren vom aufklärerischen Humanismus beeinflusst. Dem menschlichen Geist, dem autonomen Individuum (das nach Humboldt sich aktiv mit seiner Welt im Ganzen auseinandersetzt und -setzen kann) ist demgemäß eine uneigennützige Suche nach Erkenntnis eigen. Mehr Parallelen zwischen Rocker und Humboldt kann der Rezensent nicht entdecken. Dass in diesem Kontext auch der Humanismus von Erich Fromm, der am 23. März 2020 120 Jahre alt geworden wäre, ins Spiel gebracht wird (S. 57 ff.), gefällt dem Rezensenten (ausführlich: Frindte, 2020). Wie auch immer, interessant ist Beitrag von Nahyan Niazi auf jeden Fall.

Ein ebenfalls interessanter Beitrag ist der von Josef Estermann, nicht nur, weil der Autor sich auch mit Marx und Engels als die Gegenspieler der Anarchisten (S. 79) auseinandersetzt. Lesenswert ist der Beitrag, weil Erich Mühsam zu Wort kommt, die Münchner Räterepublik und Pariser Kommune als praktische Versuche, auf anarchistischem Wege zur „Macht“ zu gelangen, erwähnt und Bezüge zu mehr oder weniger anarchistischen bzw. föderalistischen Demokratieversuchen der Gegenwart hergestellt werden.

Christian Leonhardt behandelt Proudhon, Bakunin und landet schließlich auch bei Jacques Rancière, streift die Occupy-Bewegung und die Gezi-Park-Proteste und entwickelte eine Reihe von interessanten Thesen, so u.a. jene, nach der sich anarchistisch-demokratische Denkfiguren auch in den schriftlichen Produkten der Protagonist/​innen dieser Bewegungen finden lassen. Die anderen Thesen empfiehlt der Rezensent ebenfalls zur Lektüre.

Im Beitrag von Peter Seyerth finden sich u.a. sehr ausführlich Bezüge zu Jo Freeman, einer US-amerikanischen Feministin und Politikwissenschaftlerin, deren Arbeiten sich u.a. mit der Tyrannei der unstrukturierten Gruppen beschäftigen, was für den sozialpsychologisch ausgebildeten Rezensenten eh von besonderem Interesse ist. Deshalb hat er die von Seyerth noch einmal erwähnten Vorschläge Freemans zur Entscheidungsfindung in Gruppen und Bewegungen gern noch einmal zur Kenntnis genommen (S. 129 f.). Das gilt auch für die Überlegungen von Peter Gelderlos zur Konsensfindung in alternativen Gruppierungen (S. 137 ff.).

Aleksander Miłosz Zieliński vertritt die These, dass der Ausnahmezustand in heutigen Zeiten tendenziell zur Regel geworden sei und sich die Richtigkeit unseres Handelns nicht mehr länger aus vorausgehenden Ordnungen begründen ließe, sondern erst nach der Etablierung einer neuen Ordnung beurteilt werden könne. Er beruft sich dabei u.a. auf Giorgio Agamben und meint, die repräsentative Demokratie funktioniere nicht mehr (S. 162). Deshalb seien radikale dezentralisierte Formen des politischen Systems vonnöten. Exemplarisch werden solche Formen aus dem Autonome Jugendzentrum Biel geschildert.

Der zweite Teil des Buches enthält die Beiträge von

  • Christoph Berger: Anarchie und Anarchismus im 18. Jahrhundert. Die Genese eines frühen Anarchismus?
  • Filippo Contarini: „Il y a ensuite des formes d’homicide que nous ne blâmons pas“. Il processo all’anarchico Brousse per una nuova prassi del processo politico in Svizzera?
  • Raphael Schwegmann: Unbewusste Unter-Ordnung. Britisch-Indien im Kontext gouvernementaler Macht(re)produktion.
  • Benjamin Schmid: Ein anarchistischer Dante oder ist herrschaftsloses Denken möglich? Ein Versuch einer Antwort im Anschluss an den Weg des Wanderers.

Alle vier Autoren zeigen, dass der Begriff des Anarchismus zwar eine relativ kurze Geschichte, aber eine lange Vergangenheit besitzt, um einen Satz des Psychologen Hermann Ebbinghaus zu variieren[1]. Einige der historischen Vorläufer oder ältere Quellen des Anarchismus werden in den nachfolgenden Buchbeiträgen gewürdigt. Berger findet solche Quellen beim Aufklärer Christian Wolff (1679-1754) und dessen Schüler, so bei Joachim Georg Darjes (1714-1791), der, so verkündet der Rezensent stolz, für einige Zeit auch eine Professur an der Jenaer Universität innehatte. Filippo Contarini findet eine jüngere Quelle im 19. Jahrhundert und schildert den Prozess gegen Paul Brousse (1844-1912), der an der Pariser Kommune teilgenommen hatte und ins Schweizer Exil geflohen war. Raphael Schwegmann nutzt den kulturtheoretischen Ansatz von Michel Foucault, um am Beispiel von Britisch-Indien zu schildern, wie koloniale Machtstrukturen als rekonstruierte mentale Strukturen funktionieren und zur unbewussten Selbst-Entmachtung bei jenen Menschen, eben den Ohnmächtigen, führen, wodurch letztlich die Kolonisation auch emotional-kognitiv reproduziert wird. Benjamin Schmid gräbt tiefer, um auch Dante Alighieri (1265-1321) als Anhänger, gar als „Repräsentanten anarchistischen Denkens“ (S. 247) analysieren zu können.

Im dritten Teil des Buches geht es um Anarchie und Herrschaft in der Philosophie:

  • Maike Weißpflug: „Der verlorene Schatz der Revolution“. Räte und Föderationen in der politischen Theorie Hannah Arendts.
  • Dominik Renner: Anarchie als Option. Herrschaft und Ordnung in einer Weber’schen Perspektive.
  • Andrea Günter: Jenseits von Herrschaft und Herrschaftsfreiheit. Metaphysikkritik, die genealogische Struktur der Autorität und gegenseitige Achtung.

Auch in diesen Beiträgen findet sich Überraschendes. Maike Weißpflug entdeckt in den Arbeiten von Hannah Arendt einen eigenständigen Beitrag zur anarchistischen Theoriebildung. Dominik Renner analysiert Max Webers Auffassung von Herrschaft und Ordnung und kommt u.a. zu der Schlussfolgerung, dass eine Gemeinschaft, so sie denn nachhaltig herrschaftsfrei bleiben wolle, kaum ohne äußerlich garantierte Ordnungen auskommen könne (S. 301). Im Beitrag von Andrea Günter geht es um die kategorialen Zusammenhänge von Herrschaft, Herrschaftslosigkeit, Regel und Ordnung sowie zwischen Genealogie, Autorität und Achtung. Die Autorin beruft sich u.a. auf Aristoteles, Platon, Jacques Derrida, natürlich, da Autorität verhandelt wird, auch auf Max Horkheimer und Erich Fromm und schließlich auf Jean Piaget. Der Rezensent hatte Schwierigkeiten, den Argumentationen der Autorin zu folgen. Das mag an seiner mangelnden Expertise liegen, hat aber vielleicht auch mit sprachlichen Formulierungen zu tun, in denen sich selbstreferentielle, systemtheoretische und dekonstruktivistische Vokabeln, die an George Spencer-Brown und Niklas Luhmann erinnern, fröhlich mischen. Beispiel: „Eine Ordnung, die keine bestimmte Ordnung darstellt, sondern die Ordnung des zu Ordnenden und die mit einem ordnenden Ordnen einhergeht, das selbst nicht re-zentriert, sondern de-zentriert, so könnte man den genealogischen Grund des Zusammenlebens konturieren“ (S. 310).

Die Autor/​innen im vierten und letzten Teil des Buches behandeln Anarchie aus der Perspektive des Rechts:

  • Sabrina Zucca-Soest: Recht ohne Herrschaft? Zum Verhältnis von Anarchie und Regel.
  • David Dürr: Unrecht – Natürliches Recht. Warum Anarchismus zutrifft.
  • Stephan Meyer: Begründungsdefizite staatlicher Herrschaftsgewalt: Gestatten gerade sie eine Rechts-„geltung“ jenseits des Staates?

Alle drei Beiträge widmen sich den – vielleicht – entscheidenden Fragen des Anarchismus. Nämlich: Wie lassen sich herrschaftsfreie Ordnungen rechtlich begründen und organisieren?

Sabrina Zucca-Soest arbeitet begriffstheoretisch, um wichtige Aspekte von Regel-, Rechts- und Herrschaftsdiskursen herauszuarbeiten und Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Anarchie-Auffassungen benennen zu können. Am Schluss ihres Beitrages steht ein Satz, den der Rezensent unbedingt unterschreiben möchte: „Vielleicht aber lässt sich aus den Überlegungen zur Anarchie wie zur Demokratie insbesondere dann lernen, wenn wir sie eher als seelische, anthropologisch eingespielte Einstellung denn als politische Ideologie begreifen“ (S. 347). David Dürr wirft die anarchistische Gretchenfrage auf: „Wie hälst du’s mit dem Staat?“ (S. 355). Die Antwort auf diese Frage liefert Dürr bereits im Titel seines Beitrages: Anarchismus trifft zu. Weil: Recht nicht das Ziel, sondern Unrecht-Vernichtung der Weg sein muss (S. 370). Recht so!

Stephan Meyer beklagt angesichts globaler Problemfelder das Fehlen globalisierter Rechtskonzeptionen und diskutiert einige mögliche Ansätze zur Begründung derartiger Konzeptionen.

Fazit

Das Buch ist zunächst einmal sehr teuer, sodass der Rezensent wünscht, es möge zumindest in einschlägigen Bibliotheken zu finden sein. Der Duktus der meisten Beiträge mag für Sozialwissenschaftler/​innen überdies schwer verständlich sein. Das Buch ist auch kein Übersichtswerk. Übersichten über den Anarchismus findet man woanders, zum Beispiel bei Peter Seyferth (2018). Was das vorliegende Buch auszeichnet, sind die vielen interessanten Ideen und weiterführenden Fragestellungen. Um es einfach auszudrücken: Jedes soziale System organisiert sich nicht nur durch hierarchische Kontrolle, sondern auch – und ganz wesentlich – durch die auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung fußende Selbstorganisation. Man kann letzteres auch Anarchie nennen.

Literatur

Frege, Gottlob (1998). Grundgesetze der Arithmetik. Jena 1893–1903. Band II (Nachdruck). Hildesheim: Olms.

Frindte, W. (2020). Erich Fromm – ein Humanist bei der Arbeit: Zum 120. Geburtstag. Quelle: https://www.hagalil.com/2020/03/fromm/; aufgerufen: 02.04.2020.

Seyferth, P. (2018). Anarchismus und Staat. In R. Voigt (Hrsg.), Handbuch Staat (pp. 167–176). Wiesbaden: Springer VS.

Graswurzel (2020). Quelle: https://www.graswurzel.net/gwr/2018/01/rudolf-rocker-rockt-noch-immer-2/; aufgerufen: 02.04.2020.


[1] Der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus prägte diesen Satz auf dem 4. Internationalen Kongress für Psychologie, der 1900 in Paris stattfand, um auf die kurze, im 19. Jahrhundert beginnende eigentliche Geschichte der Psychologie als Wissenschaft und auf die viel längere Vergangenheit des psychologischen Nachdenkens aufmerksam zu machen


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 20.04.2020 zu: Klaus Mathis, Luca Langensand (Hrsg.): Anarchie als herrschaftslose Ordnung? Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2019. ISBN 978-3-428-15670-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25686.php, Datum des Zugriffs 30.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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