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Marie Esefeld, Kirsten Müller u.a. (Hrsg.): Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität

Cover Marie Esefeld, Kirsten Müller, Philipp Hackstein, Elisabeth von Stechow, Barbara Klocke (Hrsg.): Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität. Lehren und Lernen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 197 Seiten. ISBN 978-3-7815-2288-6. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.

Reihe: Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität. Band 2.
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Thema

Der vorliegende Band enthält Beiträge von Forscher*innen, die thematisch an die 32. Tagung der Inklusionsforscher*innen anknüpfen. Die Herausgeber*innen nehmen Bezug zur Ratifizierung der UN-BRK, die eine „Vielzahl von strukturellen Veränderungen“ (S. 9) im Bildungssystem hin zur Inklusion anstieß. Sie stellen dieser Entwicklung jedoch gesellschaftliche Normalisierungstendenzen und hegemoniale Ansprüche gegenüber, denen sich Inklusionsforschung verstärkt widmen müsse. Damit betonen die Herausgeber*innen die politische Dimension ihres Faches, welches sich nicht nur auf Lehr-Lern-Forschung beschränken dürfe. Inklusive transformatorische Prozesse des Bildungswesens gelängen nicht, wenn lediglich Schul- und Unterrichtspraxis in den Blick genommen wird. Die Gefahr bestehe, dass Ausschlüsse und Diskriminierung unter einem neuen Label fortgeschrieben werden.

Für die Herausgeber*innen liegt der Schlüssel vielmehr in einem „emanzipatorischen Inklusionsprozess“ (S. 12), der eine kritische Auseinandersetzung und Weiterentwicklung pädagogischer Praxis ermögliche und dabei zunehmend interdisziplinäre Wege beschreite. In diesem Spannungsfeld zwischen Normalität und Diversität sind nun die Beiträge des Buches eingebettet.

Aufbau

Die Beiträge widmen sich in Kapitel 1 dem Lehren und damit der Lehrer*innenbildung sowie der Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte für die Arbeit in inklusiven Settings. Dabei stehen Inhalte der Lehre im Vordergrund gleichsam aber auch die Frage, wie Inklusion in den Institutionen der Aus- und Weiterbildung selbst ‚gelebt‘ werden kann.

Die Beiträge in Kapitel 2 „Lernen“ blicken auf Frühförderung, Grundschule, Sekundarstufe I und II. Sie diskutieren didaktisch-methodische Herausforderungen, loten Möglichkeiten partizipativer Forschung aus und beschäftigen sich mit administrativen und rechtlichen Herausforderungen des Nachteilsausgleiches.

Inhalt

Marek Grummt, Marcel Veber und Miriam Schöps diskutieren die Fallarbeit mit Studierenden des Lehramts im Rahmen der Kasuistik als eine Möglichkeit, Praxisbezug und wissenschaftlichen Anspruch gleichermaßen zu berücksichtigen. Sie sehen Chancen insbesondere in der Förderung von Reflexionsbereitschaft und -fähigkeit, welche Studierenden veranlasst Widersprüchlichkeiten einer „stark normativ geprägte[n] Theoriebildung und Praxis“ (S. 25) in den Blick zu nehmen. Der Einblick in studentische Ergebnisse zeigt, dass Studierende in der Fallarbeit z.B. homogenisierende Tendenzen als Widerspruch zu inklusiver Theorienbildung wahrnehmen. Die Autor*innen enden mit der These, dass Kasuistik zu Professionalisierungsprozessen angehender Lehrkräfte beitrage.

Frank J. Müller führte Interviews mit führenden Akteuren der Integrationsforschung. In seinem Beitrag schildert er, wie er diese Interviews für die Hochschullehre nutzbar macht und mithilfe dieses Materials Forschendes Lernen bzw. Studieren bei den Studierenden anregt. Die Interviews hätten dabei nicht nur zum Ziel, zusammen mit Studierenden Kernthemen von Inklusion bearbeitbar zu machen, sondern gleichsam durch das selbstständige Arbeiten dem heterogenen Arbeits- und Diskussionsverhalten und den inhaltlichen Präferenzen der Studierenden Rechnung zu tragen. Der Autor betont darüber hinaus, dass „Open Educational Ressources“ selbstständiges Arbeiten fördern und Bildungsbenachteiligungen bei den Studierenden entgegen wirken würden.

Andrea Bethge widmet sich der Lehrer*innenfortbildung. Sie berichtet aus der Evaluation eines Pilotkurses „Zertifikatskurs: Lehren und Lernen im Kontext von Inklusion“ (S. 37). Zielgruppe dieses Pilotprojekts waren Lehrer*innen aller Schulformen. Es orientiert sich inhaltlich am Positionspapier des ThiLLM zum inklusionsorientierten Fachunterricht, welches die Selbsttätigkeit von Schülersubjekten betont und für ein dialektisches Verhältnis von „selbstbestimmter Individualisierung und kollaborativen Lernphasen“ (S. 40) eintritt. Die Rückmeldungen der Teilnehmer*innen bzgl. der Handlungsfelder Metakommunikation und unmittelbar unterrichtliche Kommunikation zeigen, dass sich professionsbezogenes Handeln am ehesten verändert und Normalität hinterfragt wird, wenn Heterogenität und Diversität auch in der Fortbildung selbst erlebbar und als Ressource des gemeinsamen Lernprozesses betrachtet werden.

Christine Demmer, Benedikt Hopmann, Jacquelin Kluge und Birgit Lütje-Klose thematisieren multiprofessionelle Kooperation an inklusiven Ganztagsschulen. Multiprofessionelle Kooperation gilt für die Autor*innen als „wichtige Komponente für eine angemessene Realisierung“ (S. 48) einer Bildung für Alle. Entsprechend gelte es für die Herausbildung einer positiven Haltung mit Blick auf multiprofessionelle Zusammenarbeit dieses Thema auch in der Lehrer*innenbildung zu verankern. In einer Begleitforschung zu einer Veranstaltung für alle Masterstudierende des Lehramts geht es um die Frage, inwieweit Teilnehmende die Rollen und Zuständigkeiten ihrer eigenen und der anderen Profession einschätzen – vor und nach dem Besuch der Veranstaltung. Aus den Interviews, die inhaltsanalytisch ausgewertet wurden, geht hervor, dass Studierende die Lehrkraft hauptverantwortlich für den Unterricht ansähen und sozialpädagogischen Fachkräften eher eine ‚diffusere Allzuständigkeit‘ (S. 54) zukomme. Für die Autor*innen wird im vorliegenden Datenmaterial ein Desiderat in der Professionalisierung hinsichtlich multiprofessionalerer Kooperation in der Lehrer*innenbildung ersichtlich.

Mia Lücke und Bettina Lindmeier widmen sich Differenzpraktiken Studierender. Sie betrachten „Differenzhandlungen als Ausdruck von Hegemoniepraktiken“ (S. 57). Mithilfe von Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden der Sonderpädagogik und des Gymnasiums gehen die Autor*innen der Frage nach, welche Differenzsetzungen Studierende verschiedener Lehramtsstudiengänge vornehmen. Mit Rekurs auf Foucault wird herausgearbeitet, dass hegemoniale Praktiken der Studierenden deutlich werden, wenn diese mithilfe des Leistungsbegriffs eine Trennung zwischen Schüler*innen mit und ohne Behinderung ziehen; eine Praktik, die im Folgenden Differenzierung, Hierarchisierung, Homogenisierung u.a. ermöglicht. Aufbauend auf diesen Ergebnissen fordern die Autor*innen eine Sensibilisierung von Studierenden für die Wirkmächtigkeit von Differenzpraktiken und der „Ausbildung und Aufrechterhaltung hegemonialer Strukturen“ (S. 63).

Auch Toni Simon fragt nach Einstellungen angehender Lehrkräfte zu Heterogenität und bewegt sich auch im Spannungsfeld zwischen Differenzanerkennung und normierenden Homogenisierungsdenken. Die quantitative INSL-Studie fragt nach Differenzkategorien, die für Studierende besonders relevant sind, ob Heterogenität als Belastung oder Bereicherung für Unterricht erlebt wird und welchen Variablen diese Einstellungen unterliegen. Die Ergebnisse zeigen, dass Behinderung als Kategorie der größte Stellenwert zukomme, während Geschlecht die geringste Relevanz beigemessen werde. Der Kategorie Behinderung sind die Teilnehmenden dabei differenzbezogen positiv aber auch belastungsbezogen negativ eingestellt, wobei negative Einstellungen insbesondere mit Blick auf Migration und Soziale Lage festzustellen sind. Überraschend ist, dass Studierende der Kategorie Behinderung dann positiver gegenüberstünden, wenn diese noch keine Lehrveranstaltung zum Thema Inklusion besucht haben.

Catania Pieper und Brigitte Kottmann nähern sich Normalitätsvorstellungen aus einer milieutheoretischen Perspektive. Ausgehend von der Wirkmächtigkeit sozialer Hintergründe für die Bildungsbiografie, richtet die Universität Bielefeld seit 1994 ein Studienprojekt aus, in welchen Studierende des Grundschullehramts ein Jahr lang ein „benachteiligtes Grundschulkind in schulischen wie außerschulischen Bereichen“ (S. 76) begleiten. Die Begleitforschung zum Projekt widmet sich Erfahrungsberichten von teilnehmenden Studierenden, die mithilfe der objektiven Hermeneutik ausgewertet werden. Für die Autor*innen besteht eine zentrale Zwischenerkenntnis darin, dass gerade mit Blick auf die von Studierenden ausgehenden Differenzkonstruktionen, Praxiserfahrungen eine professionelle theoretisch angeleitete Reflexion erfahren müssen.

Auch Roswitha Ritter, Antje Wehner, Gertrud Lohaus und Philipp Krämer erheben Subjektive Theorien von Studierenden zum Thema Inklusion. Mit Bezug auf Dann definieren sie Subjektive Theorien als komplexe kognitive Strukturen, die sich unter anderem aus Alltagskonzepten sowie individuellen Überzeugungen speisen. Die Daten beruhen auf Concept-Maps von insg. 65 Studierenden des Regelschullehramts und der Sonderpädagogik. Sie wurden zu unterschiedlichen Zeiten während eines Praxisseminars erhoben. Die qualitative Inhaltsanalyse dieser Concept-Maps ergab ein Kategoriensystem, welches u.a. Werte und Haltungen, Heterogenität, Zusammenarbeit und Rollen sowie institutionelle Betrachtungen und Nachteile einschließt. Insbesondere die gemeinsame Zuständigkeit für alle Kinder aller beteiligten Professionen wird von den Studierenden in den Concept-Maps häufig genannt.

Ulrike Barth und Dietlind Gloystein diskutieren die Potenziale des Begriffs der Adaptiven Lehrkompetenz für die Lehrer*innenbildung. Sie fokussieren hierbei insbesondere die Diagnostik, die für sie „Dreh- und Angelpunkt“ (S. 98) sei, um bedarfs- und ressourcenorientiert zu unterrichten. Da es nach aktueller Studienlage bisher nur unzureichend gelänge, Ausgangslagen von Schüler*innen zu diagnostizieren, sehen sie hier insbesondere die Lehrkräftebildung in der Pflicht, theoretisch fundiert Kompetenzen zu vermitteln, welche diagnostische Kenntnisse genauso umfassen, wie die Bereitschaft sich auf die Lebenswelt des einzelnen Individuums einzulassen.

Thomas Bienengräber, Thomas Retzmann, Silvia Greiten unter Mitarbeit von Lütiye Turhan sehen einen hohen Qualifizierungsbedarf für Sonderpädagoginnen und Fachlehrkräfte auch im Lichte der Berufsorientierung. Zu diesem Zwecke initiieren sie ein Forschungsprojekt zur Berufsorientierung im Gemeinsamen Lernen der Sekundarstufen. Das Forschungsprojekt mit qualitativen und quantitativen Zugängen erhebt Sachstände der Entwicklung auf diesem Feld, sowie Qualifizierungsbedarfe zur inklusiven Berufsorientierungen in verschiedenen Schulformen der Sekundarstufen.

Kathrin Müller diskutiert, wie ein Begriff aus der Erwachsenenbildung – das Lerncoaching – auch in der Arbeit mit Schüler*innen für mehr Adaptivität im Unterricht sorgt – und damit einen demokratischeren Erziehungsstil ermögliche und Lernen aus konstruktivistischer Perspektive unterstütze. Konflikte sieht sie insbesondere mit Blick auf das asymmetrische Verhältnis zwischen Lehrperson und Schüler*innen. Sie plädiert für mehr Forschung, die Konsequenzen für die Praxis und Lehrkräftebildung beleuchtet.

Kapitel 2 beginnt mit einem Beitrag von Catalina Hamacher und Simone Seitz. In ihrem Forschungsprojekt geht es um die Frage, wie Mitarbeiter*innen einer Kindertagesstätte und Angestellte der Frühförderung Differenz konstruieren. Hierbei beziehen sich die Autor*innen u.a. auf schulische Ettiketierungsdiskurse, die als sogenannte Frühwarnsysteme Eingang in die Frühförderung finden, um ‚Auffälligkeiten‘ bei Kindern im kognitiven oder sozialen Bereich möglichst früh zu entdecken. So sollen negative Auswirkungen auf die spätere Bildungsbiografie vermieden werden. Im Forschungsprojekt wurden Gruppendiskussionen mit den Beteiligten der Frühförderung durchgeführt. Die Diskussionen wurden unter praxeologischer Perspektive ausgewertet. Durch die Ergebnisse lässt sich rekonstruieren, wie Akteure sich diese Logik schulischer Selektion zu Eigen machen.

Auch der Beitrag von Inge Holler-Zittlau und Martin Vollmar ist in der Frühförderung angesiedelt. Anhand eines Modellprojekts stellen sie vor, wie Naturerfahrungen für Kinder ermöglicht und Bildungsräume eröffnet werden können. Die Erkundung wohnortnaher Naturräume habe dabei einen positiven Einfluss auf das Selbstkonzept der Kinder sowie deren sprachliche Entwicklung.

Thomas Bürgers Beitrag leitet über zum Primarbereich. Er sieht das Spannungsfeld zwischen Normalität und Diversität in der Grundschule als besonders wirkmächtig – insbesondere wenn es um die Gestaltung eines binnendifferenzierten Unterrichts gehe. Seine eigene Querschnittstudie untersucht die Beliefs von Grundschullehrer*innen zu diesem Themenkomplex. Resultierend aus den Befunden, die insbesondere Schlussfolgerungen zu Normativitätsvorstellungen von Lehrer*innen sowie ihren eigenen didaktisch/​methodischen Selbstwirksamkeitserwartungen zulassen, fordert er mehr Steuerung bei der Kompetenzentwicklung angehender Lehrkräfte.

Regina Grubich-Müller sowie Rainer Grubich gehen der Frage nach, ob altershomogene oder -heterogene Organisationsformen des Unterrichts Einfluss auf die Kompetenzentfaltung von Grundschüler*innen haben. Dazu präsentieren sie ihre Studie in Form eines Evaluationsinstruments, welches Kompetenzen in Deutsch, Mathmatik sowie soziale-emotionalen Kompetenzen abfragt. Die Ergebnisse zeigen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Organisationsform und Kompetenzentwicklung. Die Autor*innen verweisen im Zuge der Ergebnisdiskussion auf die Bedeutung der Klassenführung durch die Lehrperson sowie auf Faktoren wie Erstsprache und Beteiligungsmöglichkeiten.

Tobias Buchner und Lena Schoissengeyer stellen das Forschungsprojekt „Inclusive Spaces 2.0“ vor. In diesem partizipativ angelegten Projekt werden Jugendlichen der Sekundarstufe I bei der Erkundung ihres schulischen Nahraums angeleitet und ermutigt, Machtverhältnisse, die sich durch Räume manifestieren, kritisch zu hinterfragen.

Der nächste Beitrag stellt das Schulbegleitungsprojekt IKU vor. Silvia Greiten, Matthias Trautmann und Daniel Mays begleiten Lehrkräfte darin, neue Wege in der interdisziplinären Zusammenarbeit von Fachlehrkräften und Sonderpädagogen zu beschreiten. Das IKU Projekt fußt auf der Annahme, dass sich sonst recht starre fachliche und pädagogische kognitive Strukturen durch eine interprofessionelle Kooperation „nachhaltig verändern“ (S. 170) ließen. Geplant ist im Rahmen des Projekts unter anderem ein dreijähriger zirkulärer Forschungsprozess, an dessen Beginn eine Bedarfserhebung mittels Leitfadeninterviews, Gruppendiskussionen und Unterrichtsbeobachtungen stehen. Die Schulen werden dann durch Coachings und Netzwerkttagungen unterstützt. Abschließende Interviews sollen dann einen Vergleich zur Ausgangslage ermöglichen.

Die Beiträge von Ramona Lau und Georg Weber widmen sich dem Nachteilsausgleich. Ramona Lau betrachtet Nachteilsausgleiche unter einer governanceanalytischen Perspektive. Sie stellt die Frage, wie Behörden gesetzliche Vorgaben mit der Praxis kommunizieren und analysiert zu diesem Zweck eine Arbeitshilfe des Ministeriums für Schule und Forschung in Nordrhein-Westfalen. Ihre Analyse zeigt, dass das Dokument ein Rekontextualisierungsprodukt der Schulbehörde darstelle, dass es in der Praxis einer flexiblen Anwendung bedürfe und Widersprüche der Rechtsprechung nicht auflöse.

Georg Weber stellt die Frage welche Kriterien eigentlich herangezogen werden, wenn es gilt, einen Nachteilsausgleich festzustellen. Dazu betrachtet er Positionspapiere der KMK sowie eine Handreichung des Landes Nordrhein-Westfalens. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass für die Vergabe von Nachteilsausgleichen das „Verständnis von Normalität eine entscheidende Rolle“ (S. 185), spiele und von einem komplexen Zusammenspiel zwischen wahrgenommener Beeinträchtigung und Leistungen unterhalb einer akzeptieren Streuung flankiert werde. 

Diskussion

Mit dem vorliegenden Band versammeln die Herausgeber*innen Beiträge zu spezifischen Fragen des Lehrens und Lernens im Lichte inklusiver Bildungsreformen. Mit dem Anspruch, eine Emanzipatorische Bildungsforschung betreiben zu wollen, sind vielfältige Herausforderungen verbunden. Dem Sammelband gelingt es über den Rand einer schulbezogenen Inklusionsforschung hinaus zu gehen, insbesondere durch Kapitel 1, der unter dem Stichwort „Lehre“ Beiträge versammelt, die sich der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und pädagogischem Personal widmen. Kapitel 2 fokussiert nicht nur schulische, sondern auch außerschulische Bildungssituationen in Frühförderung und diskutiert auch administrative Fragen individueller Förderung. Die Perspektiven, die die einzelnen Beiträge auf Inklusion einnehmen, sind dabei genauso vielfältig wie die Zugänge zur Forschung: Die Beiträge stellen theoretische Überlegungen, innovative Lehr- und Weiterbildungsformate sowie empirische Forschungsprojekte mit qualitativen und quantitativen Zugängen vor. Nicht in allen Beiträgen wird dabei ein breites Inklusionsverständnis deutlich. Einige thematisieren Konsequenzen für die Sonderpädagogik in Aus- und Weiterbildung, andere wiederrum widmen sich der Differenzkategorie Sozioökonomischer Status. Daneben werden Inklusive Diagnostik, Differenzierung und Leistungsbewertung sowohl in der Thematisierung mit Studierenden als auch in der praktischen Anwendung diskutiert. Auch wenn einzelne Schwerpunktsetzungen nicht immer der „Komplexität“ (S. 9) von Inklusion gerecht werden, so ist in der Gesamtheit ein Band entstanden, der erfreulich vielfältige Perspektiven auf Inklusion und Differenzkategorien verhandelt. Dass Inhalte inklusiver Lehrpraxis dafür Veränderungen bedürfen, erscheint den Autor*innen unstrittig. Vernachlässigt sehen sie jedoch die Frage, wie Praxis selbst so gestaltet werden kann, dass Teilnehmer*innen diese als inklusiv erleben. Positiv herauszuheben ist, dass die einzelnen Beiträge in Kapitel 1 und 2 durchweg beide Seiten beleuchten.

Emanzipatorische Bildungsforschung zu betreiben, bedeutet für die Herausgeber*innen aber auch, einer der Diversität zugewandten Pädagogik sowie die ihr widerstrebenden Normalisierungsbestrebungen von Gesellschaft und Bildungsinstitutionen konsequent in den Blick zu nehmen. Dieser politisch ausgerichteten Diskussion um Inklusion stellen sich aber nicht alle Beiträge gleichermaßen. Sogenannte „Hinterhöfe des Diskurses“ (S. 9), wie sie die Herausgeber*innen einleitend beschreiben – seine Verstrickung in ökonomische wirtschaftliche wie politische Zusammenhänge – geraten an vielen Stellen aus dem Blickfeld, wenn Fragen der Inklusion in einem schulischen bzw. universitären ‚Mikrokosmos‘ verhandelt und Inhalte lediglich entlang unterrichtsbezogener didaktisch-methodischer oder einstellungsbezogener Fragen besprochen werden. Dass jedoch gerade auch beispielsweise „abstrakte Reflexionen über das Ungenügen des Schulsystems“ (S. 143) Akteure in der Praxis umtreiben zeigt Bürger und damit auch, dass Fragen des inklusiven Lehrens und Lernens noch stärker jene Zusammenhänge berücksichtigen sollten.

Die Herausgeber*innen schreiben einleitend, dass Inklusionsforschung auch über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinweg internationale Diskurse zur Kenntnis nehmen solle. Dennoch schafft es auch dieser Sammelband nur an wenigen Stellen den starken Fokus des pädagogisch/​didaktischen Inklusionsdiskurses auf den deutschsprachigen Raum – zumindest, wenn es um Fragen der Bildung geht – zu überwinden.

Fazit

Der vorliegende Tagungsband versammelt Beiträge, die die derzeitigen Forschungsschwerpunkte der Inklusionsforschung gut abbilden. Während in der Inklusionsforschung bereits intensiv über Konsequenzen für den schulischen Bereich diskutiert wurde und wird, so ist es erfreulich, dass in Kapitel 1 notwendige Diskussionen über eine veränderte Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte angestoßen werden. Dabei werden konsequent Inhalte aber auch Strukturen von Lehr- und Lernsettings auf ihr inklusives Potenzial hin beleuchtet. Normalisierungstendenzen werden ebenfalls aufgegriffen, jedoch häufig auf bezogen auf Einstellungen und Beliefs beteiligter Akteure. Somit wird die von den Herausgeber*innen angestrebte politische Perspektive auf Inklusion wird im Band nicht mit der angekündigten Stringenz verfolgt. Ebenso könnte der Sammelband der eingangs geforderten Internationalität noch stärker Rechnung tragen. Insgesamt handelt es sich hier um eine Publikation mit hohem Praxisbezug. Sie ist eben deshalb insbesondere für Personen geeignet, die sich auf praktischer und/oder theoretischer Ebene mit Fragen der Inklusion in schulischen bzw. weiterführenden Bildungssettings auseinandersetzen.


Rezension von
Florian Schrumpf
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Zitiervorschlag
Florian Schrumpf. Rezension vom 13.05.2020 zu: Marie Esefeld, Kirsten Müller, Philipp Hackstein, Elisabeth von Stechow, Barbara Klocke (Hrsg.): Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität. Lehren und Lernen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2288-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25689.php, Datum des Zugriffs 22.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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