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Walburga Hoff, Birgit Bender-Junker u.a. (Hrsg.): Rekonstruktive Wissensbildung

Cover Walburga Hoff, Birgit Bender-Junker, Klaus Kraimer (Hrsg.): Rekonstruktive Wissensbildung. Historische und systematische Perspektiven einer gegenstandsbezogenen Theorie der Sozialen Arbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 275 Seiten. ISBN 978-3-7815-2290-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Rekonstruktive Sozialforschung hat sich seit den 1990er Jahren innerhalb der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit fest etabliert. Dies spiegelt sich zum einen in der Präsenz qualitativ-rekonstruktiver Forschungsansätze, zum anderen in der Relevanz rekonstruktiver Methoden für die Entwicklung einer reflexiven Professionalität. Diese Form empirischer Wissensbildung, die an der Sache selbst ausgerichtet bleibt, ist zudem in der Lage, Antworten auf jene Fragen zu geben, die sich Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft stellen. Rekonstruktive Zugänge vermögen es, Phänomene sozialer Lebenspraxis analytisch zu durchdringen und in theoretische Modelle zu übersetzen. Dabei liegt das Potenzial rekonstruktiver Wissensbildung sowohl darin, gegenstandsbezogene Theorien mittlerer Reichweite zur Verfügung zu stellen, als auch ein Theorieprogramm zu begründen, das sich unmittelbar an den Gegenstand der Sozialen Arbeit anschmiegt und ihn transzendiert. An dieser Stelle setzt der Band mit der Frage ein, wie sich die rekonstruktive Wissensbildung und die Möglichkeiten einer zukünftigen Theorieentwicklung Sozialer Arbeit zusammendenken lassen (Verlagsbeschreibung).

HerausgeberInnen und AutorInnen

Professorin Dr. Birgit Bender-Junker, Prof. für Theologie und Ethik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Normativitätsdiskurse und Ethik in der Sozialen Arbeit; Geschichte der Sozialen Arbeit und historische Biografieforschung.

Professorin Dr. Walburga Hoff, Prof. für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrheinwestfalen, Abteilung Münster. Zudem arbeitet sie als Supervisorin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Theorien und Geschichte Sozialer Arbeit, Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, Professionalisierungsforschung und Biografieforschung.

Professor Dr. Klaus Kraimer, Prof. für Theorie, Praxis und Empirie Sozialer Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar). Ebenfalls lehrt er als Privatdozent an der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Entwicklung und Anwendung rekonstruktionslogischer Forschungsmethoden.

Innerhalb des Verzeichnisses der AutorInnen wird eine interdisziplinär professionelle Bandbreite sichtbar. Die Beiträge dieses Sammelbandes wurden von renommierten ProfessorInnen und wissenschaftlichen (Projekt)mitarbeiterInnen verfasst. Einzelne Traditionslinien bilden hier beispielsweise die Arbeitsschwerpunkte der qualitativen Sozialforschung (insbesondere rekonstruktive Forschungsmethodiken), dem professionellen Handeln der Sozialen Arbeit in Theorie und Praxis (sozialpolitische Perspektiven und sozialpädagogische Fallarbeit), den geschichtlichen Entwicklungsdimensionen sozialarbeiterischen Handelns sowie auch der Professionalisierungs- und Biografieforschung.

Heterogene Arbeits- und Forschungsschwerpunkte entstehen aus differenten Bereichen wie beispielsweise der Sozialen Arbeit, Soziologie, Theologie und Ethik. Damit ermöglichen sie interdisziplinäre Perspektiven auf die Thematik dieses Sammelbandes, die ‚rekonstruktive Wissensbildung‘.

Entstehungshintergrund

Zu Beginn des Bandes wird die Bedeutung rekonstruktiver Sozialforschung und die Entwicklung dieser dargelegt, um die Relevanz der Thematik herauszustellen. ‚Rekonstruktive Wissensbildung‘ soll demnach eine deutende und zugleich verstehende Forschungshaltung widerspiegeln, um soziale Wirklichkeiten zu erfassen. Ebenso erscheint die Wichtigkeit individueller Reflexivität wesentlich, um andauernde interpretative Prozesse anzuregen – in der Dialektik von ‚Sinn und Handlung‘. Die AutorInnen stellen darüber hinaus die ‚Interpretationsbedürftigkeit‘ der uns umgebenden Welt dar, die zudem damit verbunden ist, konkrete soziale Lebens- und Handlungspraxen in den Mittelpunkt von Forschungsinteressen zu lenken. ‚Rekonstruktive Wissensbildung‘ kann somit als grundlegende Basis einer ‚forschungsgegenstandsbezogenen Theoriebildung‘ verstanden werden, bei der das Fallverstehen und die rekonstruktionslogischen Forschungsmethoden allgemeingültige sowie spezifische Aspekte herausbilden und als Ergebnis fachbezogener, professioneller Habitualisierungsprozesse verstanden werden können. In diesem Zusammenhang verweisen die AutorInnen auch auf den Beginn der Berufspraxis Sozialer Arbeit und den wesentlichen Kernelementen sozialarbeiterischer ‚Fallarbeit‘/Kasuistik. Es wird demnach vorgeschlagen, Fallanalysen „(…) für eine praxeologisch orientierte Theorieentwicklung zu nutzen, um ausgehend von den konkreten Problemlagen der Subjekte die zunehmend 'unstetigen Formen des Lebens und der Erziehung' in die theoretische Modellbildung der (Sozial)pädagogik und der Sozialarbeit einfließen zu lassen“ (Bender-Junker/Hoff/Kraimer 2019, S. 8).

Im weiteren Verlauf der Einleitung wird darüber hinaus erneut auf die Bedeutung rekonstruktiver Forschungsmethoden im Kontext der Sozialen Arbeit und Falldiagnostik verwiesen und somit die Grundlage aufgezeigt, Sinnzusammenhänge zu verstehen und damit theoretisches Wissen zu abstrahieren. Als weiteren Entstehungsmoment dieses Sammelbandes kann wohl die innerhalb der Einleitung genannte Fachtagung zum Thema – Rekonstruktive Wissensbildung. Historische und gegenwärtige Perspektiven einer gegenstandsbezogenen Theorie der Sozialen Arbeit - im Jahre 2014 begründet werden. Im Rahmen dieser Fachtagung wurden vier unterschiedliche Perspektiven fachlicher Diskurse in Zusammenhang mit der ‚rekonstruktiven Wissensbildung‘ Sozialer Arbeit herausgearbeitet und fokussiert. So entstanden Bezüge aus ‚geisteswissenschaftlicher, historischer, empirischer sowie praxeologischer‘ Perspektive, welche sich, so die AutorInnen, in der Struktur der Gliederung des Sammelbandes widerspiegeln.

Aufbau und Inhalt

Kapitel eins

Im ersten Kapitel wird von Walburga Hoff mit dem Beitrag ‚Handlung, Sinn und Struktur. Zum Theorieprogramm rekonstruktiver Wissensbildung in der Sozialen Arbeit‘ die ‚rekonstruktive Wissensbildung‘ in ihrer Struktur, orientiert an historischen Entwicklungen der Sozialen Arbeit und (Sozial)pädagogik erläutert, sowie die Strukturlogik rekonstruktiver Forschungszugänge im Sinne einer ‚Methodologie des Entdeckens‘ dargelegt. Gleichzeitig wird auch Bezug zur sozialarbeiterischen Praxis und damit verbundenen Professionstheorien Sozialer Arbeit gesetzt.

Im Anschluss daran erfolgt von Michael Winkler der Beitrag ‚Erzählen als Erkenntnis – eine Plauderei‘, innerhalb dessen die strukturelle professionsorientierte Kompetenz des ‚Verstehens‘ sichtbar gemacht wird und damit auch der Professionsanspruch, in sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Handlungs- und Arbeitsfeldern als ‚Kernkompetenz‘ im professionellen Handeln soziale Wirklichkeit verstehen und deuten zu können.

Christian Niemeyer fokussiert das Thema eines rekonstruktiv verstehenden Zugangs in seinem Text ‚Von der Notwendigkeit sozialpädagogischen Verstehens. Oder: Warum Hermann Nohls Frage nach den Schwierigkeiten, ‚die das Kind hat‘, nicht an Aktualität verloren hat‘. Dabei benennt er den weiterhin bestehenden Diskurs des ‚sozialpädagogischen Verstehens‘ als ein ‚Schlüsselproblem‘ sozialarbeiterischer Handlungspraxis. Seiner Auffassung nach bedarf es, in Tradition Nohls, einer ‚Aufschlüsselung‘ sozialer Handlungszusammenhänge und dass eine Bedeutung hinter dem ‚eigentlich Geschehenen‘ aufgedeckt werden soll. Diese Kunst sozialpädagogischer Diagnostik und Fallanalyse wird von Niemeyer als wesentlicher Aspekt sozialpädagogischer/-arbeiterischer Professionalität gesehen. In Zusammenhang dessen erläutert er die gegenwärtige Bedeutung hermeneutischer (Forschungs)methoden im Sinne einer professionellen Fallarbeit.

Im darauffolgenden Text von Carsten Müller mit dem Titel ‚Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte – zur Problematik kritischer Historiografie in der Sozialen Arbeit‘ wird seitens des Autors der Fokus daraufgelegt, durch das Verstehen, gerade mit Blick auf historische Ereignisse und deren Darstellung, eine reflexiv sensible Grundhaltung im Forschungsprozess anzunehmen beziehungsweise vordergründig im konkreten Handeln und Deuten Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik. Zentral erscheint ebenfalls, dass rekonstruktive Bearbeitungsprozesse im Kontext historischer Quellenbezüge auch immer Elemente eigener Konstruktion beinhalten. „In diesem Zusammenhang beleuchtet Müller die Bedeutung des hermeneutischen Vorverständnisses einschließlich der Leerstellen historiographischen Denkens bis hin zu den Möglichkeiten alternativer Geschichtsschreibungen als Erfahrungs- und Leidensgeschichten der Subjekte“ (Bender-Junker/Hoff/Kraimer 2019, S. 10).

Kapitel zwei

Das zweite Kapitel beginnt mit einem Beitrag von Birgit Bender-Junker mit dem Titel ‚Sozialpädagogisches Denken und Normativität. Rückblicke auf die Soziale Arbeit als Disziplin bei Carl Mennicke‘. Innerhalb dessen fokussiert die Autorin Entstehungsprozesse ‚rekonstruktiver Wissensformen‘ aus einer historischen Sichtweise. Dafür etablierend kann die Perspektive und der Erkenntnisgewinn von Carl Mennicke genannt werden, da dieser zur damaligen Zeit bereits die Bedeutung ‚rekonstruktiver Wissensbildung‘ herausgestellt hat sowie deren Wichtigkeit für die Entwicklung von Disziplin- und Professionswissen. Ziel sollte demnach sein, einerseits auf der Ebene empirischer Erkenntnisgewinnung sowie andererseits auf derer einer ‚normativen Handlungskonzeption‘ zu agieren.

Daran anschließend folgt ein Textbeitrag von Dayana Lau mit dem Titel ‚Von exakten Daten zur sozialen Situation. Stationen des Fallgeschichten-Schreibens und die Entwicklung einer Disziplin Sozialer Arbeit in den USA (ca. 1900–1930)‘. Ihre Ausführungen sollen zeigen, inwiefern es möglich ist Praxiswissen resultierend aus der konkreten sozialen Fallarbeit (‚Social Case Work‘) zu erlangen, ohne explizite Orientierungen an ‚normativen Strukturen‘ anzustreben. Der interpretative Ansatz im Kontext von Fallanalysen wird hierbei als ‚sozialwissenschaftliche Erkenntnisquelle‘ betrachtet.

Im Anschluss daran stellt Gisela Hauss mit ihrem Beitrag ‚Rüstzeug für die Heimerziehung. Ein historischer Beitrag zur Habitusformation in der Ausbildung (1970-1975)‘ anhand von Forschungsergebnissen in Zusammenhang mit der Heimerziehung hermeneutische Perspektiven der ‚Deutung‘ und des ‚Verstehens‘ als ‚Kompetenz‘ heraus. Dabei liegt diese Kompetenz – biographisch begründet – in der Dimension der persönlichen sozialen Erfahrungen und kann demzufolge als Voraussetzung für die professionelle Praxis beschrieben werden.

Kapitel drei

Im dritten Kapitel beginnt Peter Sommerfeld mit seinem Beitrag ‚Gegenstandsbezogene Theoriebildung: Auf dem Weg zu einer konsolidierten Wissensbasis?‘ damit, die Bedeutung der rekonstruktiven Erkenntnisgenerierung und Wissensbildung herauszustellen und führt in seinem Text hierzu forschungspraktische Erfahrungsdimensionen an; Schwerpunkt seines Forschungsthemas bildet die ‚Lebensführung und Integration‘. Es werden hierbei sowohl methodische Kenntnisse aus rekonstruktiver Perspektive als auch aus der ‚systemtheoretischen Analysetradition‘ dargelegt.

Anschließend beschreibt Gerhard Riemann mit seinem Textbeitrag ‚Theoriebildung in der Sozialen Arbeit – für wen und von wem? Ein bloß persönlicher Rückblick‘ die reflexive Haltung und Struktur Sozialer Arbeit als Voraussetzung für die Theoriebildung und in Bezug dazu ebenso die Praxis des interpretativen Paradigmas, welche abgeleitet und reflexiv in Bezug zum Praxiswissen aus Erfahrungen gesetzt wird. Riemann gibt innerhalb seines Beitrags ein anschauliches Beispiel, indem er „(…) einen Einblick in ein spezifisches Lehr- und Lernarrangement an der Hochschule [gibt], in dem Studierende der Sozialen Arbeit die Fähigkeit erwerben, ihre Praxis mit Mitteln der rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung zu befremden und im Stil eines ‚grounded theorizing‘ zu erfassen“ (Bender-Junker/Hoff/Kraimer 2019, S. 12).

Kapitel vier

Das vierte Kapitel bildet eine Darstellung grundlegender ‚Modelle und Überlegungen‘, welche auf die Profession Sozialer Arbeit orientiert und bezogen sind sowie im Sinne einer ‚rekonstruktiven Wissensbildung‘ zum Erkenntnisgewinn für das professionelle Handeln wesentlich beitragen sollen. Bettina Völter stellt hierzu in ihrem Beitrag ‚Rekonstruktive Soziale Arbeit als Konzept Sozialer Arbeit‘ ein Konzept vor, mit welchem es möglich erscheint ‚komplexe und dilemmatische‘ Professionsanforderungen und -herausforderungen der sozialarbeiterischen Tätigkeitsstruktur sichtbar zu machen und mit der Grundhaltung eines ‚Forschungszugangs‘ Perspektiven zu interpretieren sowie die Haltung professioneller Akteure in einem Praxiskontext innerhalb sozialarbeiterischer Handlungs- und Arbeitsfelder darzustellen.

Der darauffolgende Beitrag von Klaus Kraimer, Lena Altmeyer und Svenja Marks mit dem Thema ‚Fallrekonstruktive Soziale Arbeit – Entwicklungslinien und Bezüge zur professionalisierten Praxis‘ zeigt auf, inwiefern die Falllogiken und daraus resultierende ‚rekonstruktive Wissensbildung‘ auf den Prozess einer ‚Habitusentwicklung‘ im sozialarbeiterisch professionellen Handeln wirken und sich dies aufeinander beziehen lässt. Mit Hilfe der objektiven Hermeneutik stellen die AutorInnen exemplarisch die Rekonstruktion ausgewählter ‚Ausdrucksgestalten‘ sozialarbeiterischer Praxis dar und es wird die institutionelle Struktur der Kinder- und Jugendhilfe sichtbar gemacht. Hierzu nutzen die AutorInnen ebenfalls Ausdrucksmaterial aus dem praktischen Kontext. Der Fokus liegt hierbei jedoch nicht ausschließlich auf der exemplarischen Veranschaulichung dieses rekonstruktiven Analyseverfahrens, sondern es soll neben der Rekonstruktion ‚latenter Sinnstrukturen‘ innerhalb der sozialarbeiterischen Praxis dafür sensibilisiert und aufgezeigt werden, in welchem Zusammenhang das durch die Fallrekonstruktion geeignete und in Teilen verallgemeinerbare ‚Fallwissen‘ für die Bildung von Theoriemodellen zentral ist.

Im weiteren Verlauf erläutert Michael Appel mit seinem Text ‚Ethnografische Zugänge im Kontext fallorientieren Lernens – Möglichkeiten zur Erschließung von Anforderungen an das professionelle Handeln am Beispiel einer Fallgeschichte aus der Arbeit im ASD‘ eine Anwendungsform empirischer Methoden. Er erläutert – in Anlehnung an Erfahrungen aus Situationen der ‚Praxisbegleitung‘ – wie sich die Grundhaltung einer den Fall verstehenden Vorgehensweise entwickelt und umgesetzt werden kann. Er erläutert einen ‚didaktischen Entwurf‘ für Studierende, indem diese „(…) nicht nur einen persönlichen Zugang zum Fall entwickeln, sondern zugleich die Deutungsmuster der beteiligten professionellen Akteur*innen decodieren sowie Grundmuster professionellen Handelns herausfiltern“ (Bender-Junker/Hoff/Kraimer 2019, S. 13).

Im letzten Beitrag von Nina Wyssen-Kaufmann zum Thema ‚Von der rekonstruktiven Beratungsforschung zur Wissensbildung in der Sozialen Arbeit‘ wird der Zugang zur ‚Beratungsforschung‘ als weitere Dimension ‚rekonstruktiver Wissensbildung‘ sichtbar. Die Autorin erläutert ein in rekonstruktiven Zusammenhängen bislang wenig etabliertes und im wissenschaftlichen Diskurs selten beachtetes ‚Handlungs- und Forschungsfeld‘, welches jedoch für die Bedeutung der ‚Beratung(sforschung)‘ einen hohen Stellenwert ‚rekonstruktiver Wissensbildung‘ erworben hat und es auch für zukünftige Perspektiven tut, da es zusätzlich zu den bislang beschriebenen deutenden und verstehenden Forschungshaltungen auch die Sichtweise der ‚Gesprächsanalyse‘ in den Blick nimmt, welche auch für die sozialarbeiterische Handlungspraxis zentral ist.

Rekonstruktive Wissensbildung als zentrale Denkfigur Sozialer Arbeit

Anknüpfend an die ausführliche Darstellung des Entstehungshintergrundes und Aufbaus dieses Sammelbandes und die thematischen sowie inhaltlichen Schwerpunkte einzelner Beiträge, wird nun der Versuch unternommen, wesentliche Sinnzusammenhänge und explizite Schwerpunkte der vorliegenden Beiträge, orientiert an den zentralen ‚Oberthematiken‘ der Gliederungsstruktur, zu erläutern und in einen reflexiven Bezug zueinander zu setzen.

Walburga Hoff formuliert die Wichtigkeit ‚fallverstehender Ansätze‘ der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik und die Dimension, ‚Handlung, Sinn und Struktur‘ in einen wechselseitigen Zusammenhang zu bringen, welcher durch fallspezifisches, professionelles Handeln gekennzeichnet werden kann. Fallanalysen sind folglich nur dann wirksam, wenn – und hier benennt Hoff auch die Ansichten der Sozialreformerin Octavie Hill – individuelle Problemlagen in einen spezifisch biografischen Zusammenhang gebracht werden und sozialarbeiterische Fallarbeit somit der Logik einer ‚sozialen Diagnose‘ (Salomon) folgt. Neben historischen Entwicklungslinien zur Thematik sozialer Diagnostik und Fallarbeit erläutert Hoff ebenfalls, wie sich das Fallverstehen und jene Fallarbeit zur professionellen Handlungspraxis etablierte und die Reflexivität professioneller Akteure in Verbindung mit einer Erschließung ‚tieferliegender Sinnzusammenhänge‘ in Verbindung steht (vgl. Hoff 2019, S. 17 ff.). Neben Zugängen der (Sozial)pädagogik, Sozialarbeit und Entwicklungssträngen rekonstruktiver Forschungsmethoden legt die Autorin ihre Überlegungen zum Theoriebegriff rekonstruktiver Sozialforschung und – im Sinne forschungsmethodologischer Prinzipien – die Bedeutung der ‚Strukturgeneralisierung‘ in der rekonstruktiven Sozialforschung aber auch der professionellen Praxis Sozialer Arbeit dar. Sie spricht darüber hinaus auch die Perspektive einer ‚Disziplinentwicklung‘ mit Hilfe der ‚rekonstruktiven Wissensbildung‘ an und verweist zum einen auf die ‚Prozesshaftigkeit sozialen Handelns‘ als auch zum anderen auf die Logik des ‚Sinnverstehens‘ als Forderung an die rekonstruktive Wissensbildung im Sinne einer Professionalisierungsstruktur. Der Erwerb von Wissen durch den Einzelfall steht im Zentrum einer erkenntnisleitenden Forschungshaltung; die deutende und zugleich verstehende Struktur kann dann zu einer Sinnhaftigkeit und einem Wissenstransfer führen.

Michael Winkler nimmt ebenfalls Bezug auf die Kompetenz des ‚Verstehens‘ als Ausgangspunkt für neue Erkenntniszusammenhänge. Er beschreibt die Komplexität der uns umgebenden Welt und damit verbundene Herausforderungen, welche durch differente ‚Wahrnehmungsperspektiven‘ in ganz unterschiedlichen Bereichen der Arbeits- und Handlungsfelder in Erscheinung treten. Er erläutert den Begriff der pädagogischen Praxis und damit verbundene ‚erfahrungswissenschaftliche Informationen‘ (vgl. Winkler 2019, S. 51 ff.). Seine Überlegungen lenken auf das Erkennen und Verstehen ‚pädagogischer Sachverhalte‘ und wie sich diese, trotz der vielen Heterogenität in Forschungsfeldern und -haltungen erkenntnistheoretisch fassen lassen. Winkler führt an, wie es seiner Meinung nach zu Prozessen des ‚Erkennens‘ kommt und welche Perspektiven und gedanklichen Konstrukte für die eigene ‚Erkenntnis‘ wesentlich sind. Das Ziel der Erkenntnis liegt demnach nicht darin, in bloßen wissenschaftlichen Kontexten, sondern in der Wirklichkeit selbst – ähnlich wie es Walburga Hoff dargestellt hat – im Sinne einer Praxis ohne Kategorisierung zur ‚Erkenntnis‘ zu gelangen. Winkler beschreibt in diesem Kontext auch die Subjektivität der Menschen, um die es letztlich geht und in seinem Beitrag zu Erzählungen erklärt er ebenso, dass nur die ‚Erzählung‘ die subjektive Wahrnehmung sichtbar machen kann (vgl. Winkler 2019, 65 f.).

Auch Christian Niemeyer unterstreicht mit seinem Beitrag die These, dass es eine ‚Notwendigkeit sozialpädagogischen Verstehens‘ gibt. Er weist ähnlich wie die bereits aufgeführten Beiträge darauf hin, wie bedeutsam es ist, den Einzelfall in seiner Gänze zu betrachten, nach Ursachen und Strukturen zu forschen, statt lediglich das ‚scheinbar‘ sofort erlangte, auffallende Fallwissen als wesentlich zu deklarieren und somit einen Prozess ‚verfälschter Routinen‘ anzustoßen. Niemeyer erläutert diese Komplexität am Beispiel ‚Amok‘, indem er auf die in der medialen Darstellung genutzten Mechanismen aufmerksam macht, wie Fallgeschichten abgebildet werden und in welch geringem Maße dadurch die Komplexität des eigentlich Verborgenen dargestellt werden kann. Es geht also darum, um in den Worten Niemeyers zu sprechen ‚dem Verfall des Verstehens‘ entgegenzuwirken und demzufolge Handlungsfähigkeit im pädagogisch professionellen Handeln wiederzugewinnen, reflexiv in der Praxis zu agieren und „(…) nach den Problemen zu fragen, die jemand hat, und sich nicht nur über jene Schwierigkeiten zu erregen, die ihnen jemand (…) macht – eine alte Botschaft, an die zu erinnern es höchste Zeit zu sein scheint“ (Niemeyer 2019, S. 86).

Carsten Müller thematisiert die Bedeutung der 'Problematik kritischer Historiografie' Sozialer Arbeit mit Blick auf den Aspekt einer 'Erkenntniskritik'. Müller fokussiert eine sozialforschend rekonstruktive Perspektive vorangegangener GründerInnen Sozialer Arbeit und deren theoretischen Erkenntnisse. Neben der Darlegung biografischer Aspekte Theodor Lessings, um den geschichtsphilosophischen Rahmen dieses Beitrags zu schärfen, beschreibt Müller in Anlehnung an Lessing, dass innerhalb geschichtlicher Darstellungen immer auch differente Deutungsmuster vorliegen und die Geschichte als solche dem Anspruch, Vergangenes abzubilden, nicht in Fülle gerecht werden kann. In diesem Zusammenhang spricht der Autor von Selbstreflexion und dieser Geschichte als 'Medium der Selbsterkenntnis' (vgl. Müller 2019, S. 93). Ähnlich wie die anderen Beiträge dieses Sammelbandes erläutert auch er, dass es die Subjektivität ist, die es zu betrachten gilt und mehrere, nicht nur die eine Geschichtsschreibung mit einer nicht erweiterungsfähigen Perspektive existiert. Gegenstand bildet folglich die Subjektivität der Geschichtsschreibung. Im Zusammenhang ‚rekonstruktiver Wissensbildung‘ ist es daher zentral, konkrete Erkenntnisse und das subjektive Erleben zu rekonstruieren und diese zu abstrahieren. Es kann folglich ein Beitrag zur 'Selbstreflexion' und 'Selbstvergewisserung' geschaffen werden, der die Bedeutung 'kritischer Historiografie' deutlich macht. Auch im Sinne 'rekonstruktiver Wissensbildung' ist die Erkenntnis darüber, die jetzige Situation, den 'Status Quo' zu hinterfragen, wie es auch in internalisierter und habitualisierter forschungsmethodischer Grundhaltung zugegen sein sollte.

Historische und professionsgeschichtliche Entwicklungslinien

Die Frage nach 'sozialpädagogischen Denkfiguren' und der Dimension von 'Normativität' in der Sozialen Arbeit wird von Birgit Bender-Junker aufgegriffen. Dabei bezieht sich die Autorin auf die sozialpädagogischen Überlegungen bei Carl Mennicke wie etwa in ‚soziologisch-hermeneutischer‘ Perspektive und erklärt, inwieweit die Ansätze von Mennicke auf die zu erforschenden gesellschaftlichen Gegebenheiten anzuwenden sind und wie sich in diesem Zusammenhang sozialpädagogische Gestaltungsmöglichkeiten ergeben. Bender-Junker beschreibt in einem Kapitel eine ‚Kurzbiographie‘ von Carl Mennicke, der sich eine Erläuterung der ‚sozialen Pädagogik in Theorie und Praxis‘ anschließt, welche von der Autorin mit dem Begriff der ‚Gemeinschaftserziehung‘ benannt wird. Sie schließt an den Überlegungen Mennickes an und erklärt, dass dieser innerhalb seiner Idee der Sozialpädagogik diese als Gemeinschaftserziehung sah. Es werden historische Entstehungsmomente der Sozialpädagogik dargelegt sowie die grundlegende Struktur einer Fallbearbeitung benannt, da Bender-Junker auch auf Mennickes Perspektive eingeht, wie sich Konflikt- und Problemlagen angenommen werden sollte. Hierbei spricht sie in Bezug auf Mennicke von einer ‚integrativen Bearbeitung‘ von Problemen. Sozialpädagogisches Handeln wird folglich als aktive, „(…) bewusste Schaffung von neuen, freien Formen von Gemeinschaft [betrachtet]“ (Bender-Junker 2019, S. 110). Bender-Junker erläutert weitere geschichtliche Aspekte zur Sozialpädagogik in der Denktradition Mennickes sowie ‚Wissenskontexte‘ seiner Theorie. Sozialpädagogik kann folglich als eine aus der Veränderung und den problematischen Lebenskonstellationen entstandene Profession verstanden werden. So kann erneut eine Parallele zu anderen Beiträgen dieses Sammelbandes gezogen werden – in dem Sinne, dass sozialpädagogisches professionelles Handeln eine ständige Reflexion aber auch Erkenntnisgewinnung mit sich bringt und eine wesentliche Denkfigur somit die ‚Wahrnehmung‘ von gesellschaftlichen Prozessen darstellt.

Daran anknüpfend stellt Dayana Lau die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit und die Formulierung spezifischer Fallgeschichten dar. Dabei bezieht sich die Autorin in besonderem Maße auf die Entwicklungsstränge der Sozialen Arbeit in den USA. Sie erläutert, in der Denktradition der Sozialen Arbeit als ‚soziale Diagnose‘, inwieweit Fallgeschichten (‚case records‘) als Erkenntnisquelle dienen können und welche strukturellen Deutungsmuster hierbei wesentlich sind, um im Sinne professionellen Fallverstehens zu einer den Fall charakterisierenden Erkenntnis und ‚Fallstrukturlogik’ zu gelangen. Sie verweist auch auf die Bedeutung von ‚Falldokumentationen‘ und ihrer Funktion im Prozess der ‚rekonstruktiven Wissensbildung‘. Sie bezieht sich dabei vordergründig auf historische Anfänge der Rekonstruktion und Analysen von Fällen aus der Sozialen Arbeit und welche Bedeutung diese ‚erzählten Fallgeschichten‘ für die Erkenntnisgewinnung der Sozialen Arbeit – im Besonderen für die Wissensgrundlagen der Sozialen Diagnose als zentrales Element sozialarbeiterischer Handlungspraxis – haben. Sie erklärt abschließend in Bezug auf Ada E. Sheffield historische Anfänge der Theoriebildung und wesentliche Elemente der Interpretations- und Deutungspraxis.

Gisela Hauss thematisiert das Handlungs- und Arbeitsfeld der Heimerziehung und damit verbundene 'Habitusformation' bezogen auf die Ausbildungsstruktur angehender SozialarbeiterInnen. Die Autorin erklärt zu Beginn die problematische, von Heterogenität geprägte Rahmenbedingung, welche oftmals in Heimkontexten gegenwärtig ist und stellt sich der Frage, welches 'Rüstzeug' professionelle Fachkräfte benötigen, um diesen Anforderungen im professionellen Handeln gerecht zu werden. Hauss erläutert ihre empirische Untersuchung zu dieser Thematik und daran anknüpfend werden auch Begrifflichkeiten wie 'Habitus' sowie das 'Konzept der Habitussensibilität' angesprochen und erörtert. Daran anschließend spricht die Autorin im historischen Zusammenhang die Entwicklung der Schulstruktur der Heimerziehungsausbildung in der Schweiz an und erläutert historische Anfänge beruflicher Profile in der Heimerziehung wie bspw. die 'ArmenschullehrerInnen' bzw. 'ArmenerzieherInnen'. Des Weiteren wird Bezug genommen auf den Beruf der HeimerzieherInnen in besonderem Maße und eine Erörterung dieses Berufsprofils mit Bezug auf geschlechtsspezifische Aspekte zur Berufswahl vorgenommen. Im Verlauf der Untersuchung lag der Fokus wie zu Beginn erwähnt auf der 'Habitusformation'. Demnach wurden auch 'biografische Lebensmuster' mit Blick auf berufliche Orientierungen und Habitusbildungen herausgearbeitet.

Hauss erläutert in ihrem Beitrag ausführlich das methodische Forschungsvorgehen ihrer Untersuchung und explizite Textausschnitte der Fallstudie mit jeweils differenten Themenschwerpunkten. Dem Begriff des 'Habitus' kann folglich mit den Ergebnissen dieser Studie eine Kompetenz der eigenen Positionierung zwischen 'Diversität' im Heimkontext zugeschrieben werden. Sozialisatorische Erfahrungswerte und die eigene soziale Herkunft spielten bei diesen Ergebnissen eine wesentliche Rolle für die Ausbildung eines professionell beruflichen Habitus. Der selbstreflexiven Haltung kommt dabei in der sozialarbeiterischen Praxis eine entscheidende Funktion entgegen.

Ebenfalls die historische Entstehung und Etablierung der Sozialen Arbeit betreffend erläutert Rita Braches-Chyrek in ihrem Beitrag ‚theoriesystematische Zusammenhänge‘ zwischen Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon. Dabei liegt der Fokus auf sowohl ähnlichen als auch differenten Entwicklungssträngen Sozialer Arbeit im deutschen bzw. amerikanischen Raum. Die Autorin beschreibt ausführlich die professionsspezifischen Anfänge, zunächst bei Jane Addams; anschließend folgt eine Anknüpfung mit der Idee der Professionalisierung nach Mary Richmond. Dabei beschreibt die Autorin die ursprüngliche Idee der Sozialen Arbeit und die gesellschaftlichen Bedingungen, welche dazu führten, wie und warum sich sozialarbeiterische Tätigkeitsfelder in ihrer Struktur entwickelt haben. Ebenso erläutert wird die Entwicklung und Etablierung empirischer Forschungspraxen, was die Bildung Sozialer Arbeit als Profession in Theorie und Praxis gefördert hatte. Für den deutschsprachigen Raum erläutert Braches-Chyrek die Theorie Alice Salomons und ihre grundlegenden sowie weitreichenden Theorie-Praxis-Bezüge. Den Bezug zur Forschung fasst die Autorin in mehrdimensionaler Hinsicht und führt durch die ausführlichen Darstellungen historischer Entstehungsprozesse Sozialer Arbeit die Relevanz der Forschungspraxen für eine stets aktuelle Professionalisierungsstruktur an.

Systematische Reflexionen und Konzepte

Über die Thematik einer 'gegenstandsbezogenen Theoriebildung' geht es innerhalb des Beitrags von Peter Sommerfeld. Soziale Arbeit benötigt demnach einen noch stärker neben den rekonstruktiven Forschungsmethoden etablierten Zugang zu einer 'systematischen Theoriebildung'. Sommerfeld erörtert, wie die Bildung einer auf Forschung basierten 'disziplinären rekonstruktiven Wissensbildung' für die Profession Sozialer Arbeit entstehen kann. Der Autor beschreibt zunächst forschungspraktische Grundlagen im Sinne eines 'Rahmenmodells transdiziplinärer Wissensbildung', denen sich weitere Modelle mit ausführlicher Darstellung ('Verlaufskurvenmodell', 'Prozessbogen', '3-D-Modell Kernmethodik' sowie das 'Ordnungsschema Interventionspool') anschließen. Alle Modelle folgen im Kern einer ähnlichen Strukturlogik: den Prozess beginnend bei der sozialen Diagnostik der individuellen Problemlagen, dem Fallverstehen mit gleichzeitiger Arbeit 'am Fall' sowie einem Raum zur Reflexion. Es folgen weitere, komplexe, jedoch durch die Schaubilder exemplarisch gut dargestellte Schemata. Sommerfeld lenkt zum Abschluss aus den Erkenntnissen auf der Grundlage von Gedanken einer 'transdisziplinären' Handlungspraxis zurück zur 'rekonstruktiven Wissensbildung', welche in Theorien und Modelle münden kann.

Daran anschließend schreibt Gerhard Riemann zum Thema 'Theoriebildung in der Sozialen Arbeit' und beschreibt zu Beginn des Beitrags seine Erfahrungen innerhalb der Lehre mit Studierenden, mit denen er häufig narrative Interviews oder Feldprotokolle gemeinsam ausgewertet und interpretiert hat. Dabei beschreibt der Autor eine zur Interpretationstechnik reflektierte Sichtweise auf das Material und die Art und Weise der Erkenntnisgewinnung sowie Möglichkeiten, aus dem konkreten Einzelfall in Form einer 'rekonstruktiven Wissensbildung' als Theoriebildung 'Allgemeines‘ herauszuarbeiten (vgl. Riemann 2019, S. 196 f.). Riemann erläutert wesentliche 'Theorien Sozialer Arbeit' kritisch reflexiv und weist darauf hin, dass es seiner Meinung nach wichtig sei, die Idee „(…) einer Sinnstiftung, Orientierung, Ordnung, Aufklärung und Legitimation der Praxis durch bestimmte (z.Zt. maßgebliche) 'Theorien' (…) [zu vertreten]“ (Riemann 2019, S. 201). Die eigene Reflexion der Praxis soll dann als Teil der Theoriebildung dazu führen, die eigene Handlungspraxis mit Theorien in Bezug zu setzen. Riemann plädiert nicht für eine bloße 'rezipierend‘ ausgerichtete Haltung gegenüber der Theoriebildung, sondern stellt die Eigensinnhaftigkeit der Praxis als für die Theoriebildung wesentlich heraus, ohne eine 'subtile Entwertung eigener Befähigung'. Riemann schlägt vor, sich dahingehend zu reflektieren und die eigene Praxiserfahrung im Kontext rekonstruktiver Wissens- und Theoriebildung zu 'befremden', um auf neue, vielleicht bis dahin unbekannte Erkenntnisse zu stoßen und eine Theoriebildung zu generieren, um so das (eigene) professionelle Handeln und Fallverstehen zu erweitern.

Professionsbezogene Modelle und Überlegungen

Bettina Völter beschäftigt sich mit dem Beitrag zur konzeptionellen Entwicklung Sozialer Arbeit hinsichtlich einer ‚rekonstruktiven Sozialen Arbeit‘ aufgrund wachsender Herausforderungen. Ziel ist es laut Völter, das Vorgehen und die konzeptionellen Überlegungen als eigenständig zu verstehen, bei dem das ‚Konzept rekonstruktive Soziale Arbeit‘ nicht nur im Kontext wissenschaftlicher Forschung fungiert, sondern sowohl hinsichtlich des Praxiswissens, den Wirkungsfaktoren Sozialer Arbeit, als auch in Zusammenhang mit den AdressatInnen sowie im Sinne eines professionellen Handelns selbstreflexive Kompetenzen zu generieren vermag. Das professionelle ‚Denken und Handeln‘ soll demnach ‚erforscht und verstanden werden‘ und hierbei insbesondere die Forschungshaltung als Ausgangspunkt stehen. Völter konstatiert, dass es zum einen wichtig ist ergebnisoffen zu forschen und somit keine voreingenommene Grundhaltung einzunehmen; zum anderen erscheint es der Autorin im Sinne eines Konzepts rekonstruktiver Wissensbildung in der Sozialen Arbeit als wesentlich, dass diese forschende Haltung methodisch fundiert und überlegt wird, damit erkenntnistheoretische Wissenszusammenhänge transparenter erscheinen. Dem folgt eine stetige selbstreflexive und auch ‚selbstkritische‘ Wahrnehmung der individuellen Person im Forschungsprozess. Professionelles Handeln ist demnach nicht nur im Kontext konkreter Handlungspraxen gegenwärtig, sondern auch im Prozess rekonstruktiver Wissensbildung wesentlich. Wissenserkenntnis erfolgt also mit der Heranziehung von ‚Re-Konstruktionen‘ und deutet somit auf Interkationen und Wahrnehmungsprozesse hin, um „(…) sie in ihren Konstruktionsprinzipien und in ihrer Sinnlogik zu verstehen“ (Völter 2019, S. 216).

Klaus Kraimer, Lena Altmeyer und Svenja Marks verfolgen in ihrem Beitrag die Bedeutung der 'fallrekonstruktiven Sozialen Arbeit' blickend auf eine 'professionalisierte Praxis', welche sich im Sinne des methodischen Fallverstehens und einer professionellen 'Interpretationspraxis' durch die Entwicklung eines professionellen Habitus auszeichnet. Mit der Herausbildung dieses Habitus kann ermöglicht werden, sowohl im Kontext forschungsmethodischer Expertise als auch innerhalb der Berufspraxis, 'Datenmaterial' mit methodischen Kenntnissen durch die Habitualisierung von Fallverstehen zu erschließen. Dies wird von den AutorInnen exemplarisch anhand eines Protokolls aus der sozialarbeiterischen Praxis dargestellt und es werden mit Hilfe einer rekonstruktiven Analyse Handlungslogiken sichtbar gemacht. Neben der Darlegung fallrekonstruktiver Entwicklungslinien Sozialer Arbeit werden auch Hinweise zur methodischen Vorgehensweise der Auswertung in der Logik der Fallrekonstruktion gegeben. Die ausführliche Darlegung der Analyseschritte erlaubt einen Einblick in die Praxis der rekonstruktiven Interpretationstechnik und eröffnet zugleich Perspektiven institutioneller Praxis der Kinder- und Jugendhilfe. Professionelles Fallverstehen soll demnach sensibilisieren für Prozesse 'professioneller Reflexion' ebenso wie zu dem Anstoß einer professionalisierten Praxis Sozialer Arbeit beitragen, welche sich aus der 'rekonstruktiven Wissensbildung' ergibt.

Michael Appel weist mit seinem Beitrag auf 'ethnografische Zugänge' in Zusammenhang mit 'fallorientierten' Lernprozessen hin. Der Autor stellt anhand einer Fallgeschichte aus der Praxis der Sozialen Arbeit – dem Allgemeinen Sozialen Dienst – dar, wie sich die 'angewandte rekonstruktive Wissensbildung', so Appel, als ‚Problematik der Praxis‘ gestaltet und wie sich im Sinne eines professionellen Handelns eine Erkenntnis gegenwärtiger Anforderungen und Herausforderungen erschließen lässt. Aus forschungsmethodischen Erfahrungen heraus berichtend, erläutert der Autor die Problematik, dass häufig Fallanalysen lediglich aus 'erster Perspektive', auf äußerer Ebene betrachtet und daher Fälle weniger tiefgehend erschlossen werden, was zur Folge hat, dass Fallspezifik sowie fallübergreifende Dimensionen nicht ausreichend rekonstruktiv herausgebildet werden können. Professionelle Fallarbeit beinhaltet eine fallanalytische 'Problemerkundung' und für die strukturelle Herausbildung professionellen Fallverstehens liegt die These von Michael Appel darin begründet, dass dieser – wie in seinem Beitrag erläutert – die Elemente 'der Textarbeit' und der Fallerschließung, für Studierende als ein Lehr- und Lern-Arrangement versteht, bei dem Fallwissen aus den Berufspraxen internalisiert und exemplarisch für das eigene 'Berufshandeln' aufgegriffen wird. Appel benennt als rahmengebende Struktur, ähnlich wie Kraimer/Altmeyer/Marks, die Reflexion und den Austausch in Gruppen als wesentliches Element, auch für die spätere Berufspraxis, um professionsspezifische Anforderungen und Kenntnisse über Handlungsproblematiken im Sinne einer 'rekonstruktiven Wissensbildung' zu erlangen.

Nina Wyssen-Kaufmann beschreibt einen Beitrag zur Wissensbildung in der Sozialen Arbeit aus Sicht der 'rekonstruktiven Beratungsforschung'. Beratung bildet eine Grundlage gegenstandsbezogener Sozialer Arbeit und eine wesentliche Methode innerhalb sozialarbeiterischer Praxis. Die Autorin beleuchtet die Beratung als 'Gegenstand Sozialer Arbeit' ausführlich und nimmt Bezug auf viele wesentliche Theoretiker, welche sich mit dem Gegenstand der Beratung befassen. Im Anschluss daran folgt eine Darstellung von 'Forschungszugängen zu Beratung in der Sozialen Arbeit', bei der die Autorin unterschiedliche Forschungszugänge abgrenzt. Zum einen beschreibt sie Forschungszugänge der Beratung über 'Feldforschung, ethnographische Zugänge oder auch der teilnehmenden Beobachtung'. Sie weist zum anderen daraufhin, dass sich auch bspw. durch die 'Akten- und Dokumentenanalyse' – gerade im Kontext institutioneller Praxis – das Beratungsgeschehen rekonstruieren lässt. Des Weiteren wird beschrieben, dass gerade Forschungsmethoden wie (Experten)Interviews und Gesprächsanalysen eine andere Perspektive – die konkrete Handlungspraxis der Beratung – in den Blick nehmen und so professionelles Handeln und Professionalität Sozialer Arbeit herausarbeiten können. Wyssen-Kaufmann erörtert im weiteren Verlauf des Beitrags zentrale Theorien zur Gesprächsanalyse und beschreibt ausführlich einzelne methodische Ansätze und wesentliche Vertreter dieser Forschungstraditionen. Den Abschluss bildet ein Ausblick, bei dem die Autorin den Bezug zur 'rekonstruktiven Wissensbildung' aus Sicht der Beratungsforschung sozialarbeiterischen Handelns herstellt. Auch im Kontext der Beratungsprozesse kann das Verstehen und Deuten als wesentliches Element der Erkenntnisgenerierung verstanden und somit die Beratungsforschung als zentral für die ‚rekonstruktive Wissensbildung‘ beschrieben werden. Demzufolge sollte für zukünftige Forschungspraxen weiter die Beratungspraxis im Fokus rekonstruktiver Forschungsprozesse stehen, um Wirkungsfaktoren professionellen Handelns weiter zu professionalisieren.

Diskussion

Der Sammelband fokussiert die Bedeutung ‚rekonstruktiver Wissensbildung‘ entsprechend der im Titel genannten Perspektiven. Die Aktualität der Thematiken wird aufgrund der interdisziplinären Bandbreite deutlich; ebenso werden sowohl einführende Beiträge als auch vertiefende wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der sozialarbeiterischen Handlungspraxis im Sinne einer ‚rekonstruktiven Wissensbildung‘ angeführt. Durch die mehrdimensional interdisziplinären Sichtweisen können die Handlungs-, Arbeits- und Forschungsfelder Sozialer Arbeit und deren Handlungspraxen aus differenten Denktraditionen und Perspektiven betrachtet werden, was eine thematisch reflexive Weiterentwicklung anstoßen sowie zu einer ‚gegenstandsbezogenen Theoriebildung‘ beitragen kann. Ebenfalls erlaubt das Buch eine kritische Reflexion der Handlungs- und Interpretationspraxis, indem es eine wesentliche Diskussionsgrundlage bietet und die Aktualität interpretativ rekonstruktiver Sozialforschung herausstellt.

Fazit

Die aufgeführten Darlegungen zu diesem Sammelband sollten den Anspruch verfolgen, die zu Beginn beschriebenen, different interdisziplinären Forschungsperspektiven ‚rekonstruktiver Wissensbildung‘ zu erläutern und aktuelle Herausforderungen innerhalb der Handlungspraxis Sozialer Arbeit einerseits und dem professionellen Anspruch einer reflexiv fachlichen Grundhaltung andererseits, herauszustellen. Mit Hilfe der unterschiedlichen Denk- und Forschungstraditionen durch die Mannigfaltigkeit der Beiträge kann der Sammelband sowohl Studierende, Lehrende als auch Forschende für die ‚rekonstruktive Wissensbildung‘ Sozialer Arbeit sensibilisieren und auch für zukünftige Anforderungen sowie Fragestellungen zu einem professionalisierten Verständnis Sozialer Arbeit beitragen. Insbesondere durch die ausführliche Darstellung inhaltlicher Bezüge dieses Buches konnten Zusammenhänge zwischen einzelnen Beiträgen und damit verbundenen Themenschwerpunkten zueinander aufgezeigt werden, was erneut auf eine interdisziplinär und doch aneinander anknüpfende Sinnlogik schließen lässt und das Buch sowohl für das Studium als auch für weiterführende Projekte in Theorie und Praxis qualifiziert.


Rezensentin
Désirée Beaumont
Master of Arts - Erziehungswissenschaften, akademische Tutorin an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar) und Lehrkraft an der Fachschule für Heilerziehungspflege der SHG Bildung in Saarbrücken
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Zitiervorschlag
Désirée Beaumont. Rezension vom 13.09.2019 zu: Walburga Hoff, Birgit Bender-Junker, Klaus Kraimer (Hrsg.): Rekonstruktive Wissensbildung. Historische und systematische Perspektiven einer gegenstandsbezogenen Theorie der Sozialen Arbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2290-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25690.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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