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Elisabeth von Stechow, Philipp Hackstein u.a. (Hrsg.): Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität

Cover Elisabeth von Stechow, Philipp Hackstein, Kirsten Müller, Marie Esefeld, Barbara Klocke (Hrsg.): Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 236 Seiten. ISBN 978-3-7815-2287-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Grundlagen der Bildung und Erziehung. Band 1.
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Thema

In diesem Sammelband befassen sich die AutorInnen mit verschiedenen Aspekten von Inklusion, mit theoretischen Grundsetzungen sowie deren praktischer Umsetzung in verschiedenen pädagogischen Feldern. Als bedeutsam werden hierbei unter anderem die Entstehung und der Abbau von Ausgrenzungsprozessen, Thematisierung und positive Anerkennung von Diversität, sowie eine kritische Betrachtung von Normalität bzw. Normalisierung erörtert. Entsprechend dem Titel wurde ein Schwerpunkt auf „Grundfragen der Bildung und Erziehung“ gesetzt, deren verschiedenen Aspekten in den einzelnen Beiträgen nachgegangen wird.

HerausgeberInnen

Die fünf HerausgeberInnen arbeiten und forschen alle am Institut für Förderpädagogik und Inklusive Bildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband enthält insgesamt 22 Beiträge der 32. InklusionsforscherInnen-Tagung im Jahr 2018 in Gießen. Die AutorInnen, Teilnehmende dieser Tagung, sind demnach alle im Bereich Praxis und Forschung zu den Themenfeldern „Inklusion, Diversität, Normalität“ aktiv und berichten aus ihrer jeweiligen Kompetenz.

Aufbau

Zu Beginn des Buchs nehmen die HerausgeberInnen eine kurze Einführung unter der Überschrift „Zur Inklusion in Widersprüchen“ vor, am Ende kommt noch das obligatorische Verzeichnis der AutorInnen.

Dazwischen wurden die Beiträge des Sammelbands in fünf Kapitel untergliedert:

  1. Im ersten Kapitel werden „Grundfragen der Inklusion“ behandelt, dabei nehmen die AutorInnen der fünf Beiträge dieses Kapitels grundlegende Betrachtungen vor und bieten jeweils eigene, theoriegestützte Antworten auf einzelne Aspekte dieser Grundfragen.
  2. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit „Subjekttheoretischen Perspektiven im Rahmen der Inklusion“. Die drei Beiträge fokussieren in ihrer Betrachtung von Inklusion eben diese subjekttheoretische Perspektive und bieten zu bestimmten Aspekten eine entsprechende theoretische Fundierung.
  3. Die „Pädagogik und Bildung aus menschenrechtlicher und demokratischer Perspektive“ wird im dritten Kapitel durch insgesamt fünf Beiträge aufgegriffen. Dabei erläutern die AutorInnen verschiedene Dimensionen dieser Perspektive, erläutern gängige Praxis und geben Empfehlungen für eine Weiterentwicklung.
  4. Im vierten Kapitel werden in fünf Beiträgen die „Mechanismen der Exklusion und Inklusion“ aufgegriffen. Sie zeigen, wie bzw. wodurch Inklusion und Exklusion realisiert bzw. wie Normalität verhandelt wird. Dabei legen die Beiträge verschiedene Schwerpunkte in bestimmten pädagogischen Teilgebieten.
  5. Das fünfte Kapitel thematisiert abschließend die „Inklusive Schulentwicklung“ und bietet in drei Beiträgen Ansatzpunkte bereits erfolgter Entwicklungen sowie Ideen für relevante nächste Schritte.

Inhalt

In der Einleitung erläutern Marie Esefeld, Kirsten Müller, Philipp Hackstein, Elisabeth von Stechow und Barbara Klocke den Hintergrund zur Entstehung des Sammelbands, klären zentrale Begriffe und führen in die Thematik ein. Ebenfalls erfolgt eine kurze, überblicksartige Vorstellung der sich daran anschließenden fünf Kapitel.

Aufgrund der Vielfalt und Anzahl der Beiträge des Sammelwerks erfolgt nachfolgend lediglich eine kurze Schilderung zentraler Aspekte der jeweiligen Aufsätze – diese sind aus Sicht der Rezensentin geschrieben und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ebenfalls wird zur Angabe des jeweiligen Titels der Artikel auf das verlinkte Inhaltsverzeichnis verwiesen.

Kapitel 1: Grundfragen der Inklusion

Kerstin Rabenstein beschäftigt sich mit „Inklusion und Differenz“ und der dazu vorhandenen bzw. notwendigen Unterrichtsforschung und Unterrichtsentwicklung. Sie beantwortet die Frage, was dabei zu beachten ist und plädiert unter anderem für die Einnahme einer „inter-differenztheoretischen Perspektive“ (S. 27) sowie für eine „Abkehr vom individualtheoretischen Verständnis von Lernen“ (S. 28).

Mishela Ivanova betrachtet „pädagogische Normativitätsbestrebungen“ (S. 32) bzw. „Normativitätsvorstellungen“ (S. 37), wirft die Frage auf, ob ein Verzicht darauf möglich ist und fordert, die „Aufmerksamkeit darauf [zu lenken], was gelernt wird“ (S. 38).

Ulrike Schildmann thematisiert „Normalismus“ und „verschiedene normalistische Positionierungen“ (S. 46) und sucht nach deren Nutzen zur Analyse und Weiterführung der Diskussion um Inklusion.

Sebastian Möller-Dreischer erörtert Konzeptionen von Normalität und deren Konstruktionen sowie mögliche Strategien des „Transnormalismus“ (S. 52).

Robert Schneider-Reisinger setzt sich intensiv mit Fremdheit und verschiedenen historischen Aspekten und Deutungsmustern auseinander und argumentiert dafür, Fremdheit als „Strukturlogik von Praxis und insofern als inter- und intrapersonale Bedingung der Möglichkeit von Bildung und sozialem Zusammenleben zu verstehen“ (S. 57).

Kapitel 2: Subjekttheoretische Perspektiven im Rahmen der Inklusion

Nicole Balzer erörtert Anerkennung, als Begriff, deren verschiedene Formen sowie Praktiken und deren Zusammenhang im „Umgang mit Differenz“ (S. 69).

Robert Langnickel und Pierre-Carl Link nehmen die strukturelle Psychoanalyse Lacans (S. 83) als Ausgangspunkt für ihre Überlegungen zu einer „imaginären Ganzheit“ (S. 88) des Individuums und erläutern deren Relevanz im Kontext von Inklusion.

Susanne Imholz und Christian Lindmeier betrachten „Hybridität“ als „Mischung von Gegensätzlichem“ (S. 91) und schlagen vor, dass dieses Verständnis im Kontext von Menschen mit Behinderungserfahrung das Bild von Behinderung aufbrechen bzw. verändern kann.

Kapitel 3: Pädagogik und Bildung aus menschenrechtlicher und demokratischer Perspektive

Ines Boban und Andreas Hinz beschäftigen sich mit demokratischer Bildung. Zum einen betrachten sie die darin enthaltene Möglichkeit, Diversität zu (er-)leben (S. 106). Zum anderen schildern sie die Entwicklung demokratischer Schulen in Israel und überlegen, welche Impulse daraus für Deutschland gewonnen werden können.

Annedore Prengel und Anne Piezunka analysieren pädagogische Beziehungen und die dabei relevanten ethischen Aspekte sowie die in der pädagogischen Praxis vollzogenen bzw. themasierten Differenzlinien.

Reimer Kornmann entwickelt zehn Thesen zum Verständnis von Inklusion und zur Positionsbestimmung im Rahmen von Pädagogik.

Oskar Dangl analysiert Bildung im Kontext der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, das darin enthaltene Bildungsverständnis und fragt nach dem notwendigen Bildungsbegriff.

Nadine Dziabel problematisiert eine Normalisierung des Gerechtigkeitsdiskurses (S. 135) aufgrund von vorausgesetzten „Wechselseitigkeitsansprüchen“ (ebd.) und argumentiert für Inklusion als „Gebot der Gerechtigkeit“ (ebd.).

Kapitel 4: Mechanismen der Exklusion und Inklusion

Tobias Buchner und Gertraud Kremsner berichten von eigener Forschung zum Thema Normalität und Behinderung und setzen sich mit „Normalitätsregimes“ (S. 153) auseinander. Erläutert werden diese anhand zweier Biographien, welche kurz dargestellt werden.

René Schroeder beschäftigt sich, ebenfalls auf Grundlage eigener Forschung, mit Normalität und Abweichungen davon im Hinblick auf den Alltag in Schulen bzw. in Bezug auf SchülerInnen mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.

Martin Giese und Sebastian Ruin fragen nach Vorstellungen bzw. Konzeptionen von Normalität in der Sportpädagogik. Dabei erkennen sie die Relevanz „gesellschaftlicher Normierungstendenzen“ (S. 167), welche sich auch bei den „pädagogischen Ansprüche im Schulsport“ (S. 169) zeigen und zu „Inklusionshemmnissen“ werden.

Julia Heusner, Rita Bretschneider und Saskia Schuppener betrachten „besondere Wohnformen“ für Menschen mit Behinderung und die dort vollzogenen freiheitsentziehenden Maßnahmen sowie den häufig fremdbestimmten Alltag (S. 178). Sie bewerten dies als Realität in den Strukturen einer Wohneinrichtung für Menschen mit schweren Einschränkungen bzw. einer sogenannten geistigen Behinderung und bemängeln den bis dato sehr geringen Stand an Forschungsvorhaben.

Michelle Proyer befasst sich mit Integration/​Inklusion im Bildungskontext in Zusammenhang mit Flucht bzw. Migration in Thailand und in Österreic und thematisiert dabei verschiedene Arten von Grenzen sowie deren Wirkung.

Kapitel 5: Inklusive Schulentwicklung

Fabian Dietrich analysiert die Realisierung und Durchsetzung von Leistung, die sich auch in „inklusiven Settings“ (S. 199) beobachten lässt und berichtet dabei von „Problematisierungen schulischer Leistungsbewertungen“ (S. 196).

Stephan Ullrich beschäftigt sich mit Organisationen, deren Strukturen und „Entscheidungsprämisse[n]“ (S. 209), erörtert „Interaktionssysteme und Normierungsrahmen“ (S. 211) sowie daraus ableitbare „Konsequenzen für eine inklusive Pädagogik“ (S. 212).

Andrea Meyer, Sandra Grüter, Birgit Lütje-Klose und Till-Sebastian Idel berichten über die Schulstrukturreform in Bremen. Dabei fokussieren sie die erfolgten Veränderungen in der Sekundarstufe, hin zu einem inklusive[re]n Schulsystem (S. 214) und berichten über eigene Forschung zur Evaluation dieser Reform.

Simone Seitz und Gabriele Weigand argumentieren dafür, dass „eine inklusive Schule eine leistungsförderliche Schule“ (S. 223) ist und dass „Leistung insbesondere auch den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Verantwortung mit ein[schließt]“ (S. 228).

Diskussion

Das Werk wird seinem im Titel aufgemachten Anspruch, „Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität“ zu thematisieren gerecht. Dabei gehen die einzelnen Beiträge teils auf grundlegen Aspekte dieser Diskussion, auf Forschungsprojekte oder auf Praxiserfahrungen ein, bieten Anregungen zum Weiterdenken und ggf. Weiterforschen. Die Vielfalt der Expertise der AutorInnen führt zu einer Wiedergabe vieler, teils sich ergänzender, teils kontrovers zueinander stehender Diskussionslinien im Kontext von Inklusion. Kennzeichnend ist die Vielzahl an Themen und Diskussionspunkten, die in diesem Buch versammelt sind, sodass sich durch die Varianz der Aspekte eine diverse LeserInnenschaft angesprochen fühlen kann.

Durch die Untergliederung in die fünf Hauptkapitel bietet das Werk eine gute thematische Orientierung und ermöglicht es, interessengeleitet zu lesen bzw. die jeweils relevanten Artikel schnell ausfindig zu machen. Hilfreich hierfür sind die fast allen Artikeln vorangestellten Abstracts, die einen kurzen Überblick über den danach folgenden Text geben. Allerdings sind die einzelnen Beiträge, sicherlich auch aufgrund ihrer Kürze, zum Teil von hoher sprachlicher und theoretischer Komplexität. Diese erfordert ein aufmerksames Lesen und teils auch Vorwissen, damit sich der Inhalt und die dargelegten Argumentationslinien erschließen lassen. Sicherlich ist es auch kein Buch, das dazu gedacht ist, es von vorne nach hinten chronologisch durchzuarbeiten. Dies final zu beurteilen obliegt aber zum einen den HerausgeberInnen, zum anderen der oder dem individuellen LeserIn.

Fazit

Insgesamt ist das hier vorgestellte Sammelwerk ein interessantes Fachbuch, welches sowohl theoretische Anregung als auch kleinere praktische Impulse zum eigenen Weiterdenken, -forschen und -arbeiten im Kontext von Inklusion geben kann. Entsprechend der InklusionsforscherInnen-Tagung, aus der dieser Sammelband hervorgegangen ist, spiegelt das Buch die Vielfalt und Komplexität des Themas wieder und lädt zur Diskussion ein.


Rezension von
Prof. Dr. Sandra Fietkau
Professorin für "Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Inklusion" an der Evangelische Hochschule Ludwigsburg; außerdem Coach, Supervisorin und Moderatorin für Persönliche Zukunftsplanung
Homepage www.sandra-fietkau.de
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Zitiervorschlag
Sandra Fietkau. Rezension vom 07.04.2020 zu: Elisabeth von Stechow, Philipp Hackstein, Kirsten Müller, Marie Esefeld, Barbara Klocke (Hrsg.): Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2287-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25693.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


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