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Scharer Matthias, Michaela Scharer: Vielheit couragiert leben

Cover Scharer Matthias, Michaela Scharer: Vielheit couragiert leben. Die politische Kraft der Themenzentrierten Interaktion (Ruth C. Cohn) heute. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2019. 288 Seiten. ISBN 978-3-7867-3198-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Herausforderungen setzt der Autor Matthias Scharer einen Akzent auf die politische Dimension der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn, in der er das Potenzial sieht, Vielheit angemessen zu begegnen.

Autor(en)

Matthias Scharer, Dr. theol., ist emeritierter Professor für Katechetik und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck sowie Lehrbeauftragter des Ruth Cohn Institute for TCI-international und Supervisor. Er bezeichnet sich selbst als Weltenbummler, Lehrer, Forscher und Gruppenleiter/Supvervisor (vgl. „Über mich“ auf seiner Homepage www.matthiasscharer.com). Seine Tätigkeitsschwerpunkte lagen und liegen neben der Themenzentrierten Interaktion u.a. in den Bereichen der Kommunikativen Theologie, der interreligiösen Kommunikation und der Katechetik/Religionspädagogik und Religionsdidaktik. Insbesondere seine Arbeit im TZI-Kontext an weltanschaulichen und transreligiösen Themen hat dieses Buch sichtlich geprägt. Bei der Publikation wurde er maßgeblich von seiner Ehefrau Michaela Scharer unterstützt.

Entstehungshintergrund

Angesichts aktueller Herausforderungen, „der Rückkehr zu neuen Nationalismen, Fundamentalismen, Totalitarismen, wie wir sie gegenwärtig weltweit erleben“ (S. 235), möchte der Autor mit diesem Buch einen Impuls setzen, „eine menschenwürdige Gesellschaft vorstellbar zu machen, in der politische, kulturelle, und weltanschauliche Vielheit frei gelebt und erprobt werden kann“ (ebd.). Einen wertvollen Beitrag kann seiner Ansicht nach die Themenzentrierte Interaktion leisten, die von Ruth C. Cohn begründet wurde. Sein Anliegen ist es, „das gesellschaftspolitische Erbe der deutsch-jüdischen Migrantin im Kontext unserer gegenwärtigen politischen, kulturellen und weltanschaulich-religiösen Entwicklungen neu ins Bewusstsein zu rufen und zu bedenken“ (S. 23). Dabei greift er auch auf bislang nicht zugängliche, teils vergessene Quellen zurück.

Aufbau und Inhalt

In den insgesamt zehn Kapiteln seines Buches geht es zunächst um die politische Rahmung. Nachdem der Autor im ersten Kapitel die Zielsetzung seines Werkes dargelegt hat, legt er im zweiten Kapitel dar, dass nicht nur Ruth Cohn zufolge die „Hitlerisation“ ein bis heute andauernder Prozess ist, der die Erinnerung an den Holocaust bzw. die Shoa und die Positionierung zu ausgrenzenden, menschenverachtenden Strömungen notwendig bleiben lässt. Gegenwärtige politische Herausforderungen werden im dritten Kapitel unter dem TZI-Begriff des „Globes“ und unter Rückgriff auf Zygmunt Baumanns Begriff der „Flüchtigen Moderne“ diskutiert. Bereits hier wird das gesellschaftspolitische Anliegen der TZI sehr deutlich.

Dieser damit verbundene Anspruch wird konkretisiert, wenn im vierten Abschnitt der Begriff der Courage eingeführt wird. Das Wort, das diese Publikation prägt, hat er dem Titel einer bislang unbekannten Rede Cohns entnommen, wonach Courage als Ziel von Psycho- und Gesellschaftstherapie bezeichnet wird (S. 13, S. 71 ff.). Im fünften Kapitel ordnet Scharer seine Position in den Diskurs um den politischen Anspruch der TZI ein und macht deutlich, dass dieser Anspruch für ihn bereits im Chairperson-Postulat enthalten ist.

Das sechste Kapitel hält dann sowohl „gewohnte Zugänge“ als auch Neues bereit. Scharer gibt einen Einblick in die Entstehung und die wesentlichen Grundzüge der Themenzentrierten Interaktion, der sicherlich eher für Menschen geeignet ist, die bislang noch nicht so viele Berührungspunkte mit der TZI hatten. Er regt aber auch an, das „Fremde/Andere“ als möglichen zusätzlichen, bislang fehlenden TZI-Faktor aufzunehmen. Das „Fremde/Andere“ steht auch im Mittelpunkt des siebten Abschnitts. Der Autor macht deutlich, dass ihm dieses Element für eine gesellschaftsrelevante TZI-Konzeption mit interkultureller und transreligiöser Aufmerksamkeit unverzichtbar erscheint. In der Begegnung mit dem Anderen/Fremden sind Ambivalenz- bzw. Ambiguitätstoleranz gefordert, die im Zentrum des achten Kapitels stehen. Bezüge zum TZI-Element WIR, zum Störungspostulat sowie zur Rolle der teilnehmenden Leitung werden hergestellt. Themen, Themenformulierungen und die Auseinandersetzung mit Sprache stehen im neunten Kapitel im Fokus. Das Buch schließt im zehnten Kapitel mit der Idee ab, dass auch die TZI eine Art „Dritten Raum“ (nach Homi Bhabha) darstellen könnte, was Scharer auch in anderen Veröffentlichungen bereits dargelegt hat. Respektvoll überlässt er Ruth Cohn in einem langen, passenden Zitat das letzte Wort.

Diskussion

Scharer zeigt die hohe Aktualität, vielleicht auch die Zeitlosigkeit des Ansatzes von Ruth Cohn, deren Todestag sich im Januar 2020 zum 10. Mal jährte. Er unterstreicht Cohns Verständnis der TZI als einem Ansatz, der nicht von einem politischen Anspruch zu trennen ist. Auch wenn er deutlich macht, dass natürlich auch die TZI „kein Patentrezept“ (S. 194) bereithalte, arbeitet er das politische und zivilgesellschaftliche Potenzial der Themenzentrierten Interaktion facettenreich heraus. Dabei stützt er sich auf einen großen Erfahrungsschatz an interkulturellen und interreligiösen Erfahrungen. Er berichtet: „Besonders in den Workshops in Indien, an denen in der Regel Menschen aus unterschiedlichen Religionen und mit verschiedenen Weltanschauungen teilnehmen, erlebe ich das Potenzial der TZI, neue Möglichkeiten für ein friedliches Miteinander zu eröffnen, das die Heterogenitäten nicht auslöscht, sondern Vielheit couragiert leben lässt“ (S. 229).

Die Zielgruppe dieses Buchs sind eher nicht Menschen, die bislang nur wenige Berührungspunkte mit der Themenzentrierten Interaktion hatten, auch wenn der Autor im sechsten Kapitel durchaus einen grundlegenden Überblick über das Leben von Ruth C. Cohn und die TZI gibt. Menschen, die mit den Grundlagen der TZI und ihren Diskursen vertraut sind, vielleicht auch die durchaus bestehende Diskussion um den politischen Anspruch der TZI bereits an anderer Stelle verfolgt haben, werden diese Veröffentlichung hingegen mit großem Interesse lesen.

Das liegt neben dem Thema, dessen Dringlichkeit deutlich wird, sicherlich auch an dem persönlichen Stil dieser Publikation (Bsp.: „Bereits nach einigen Tagen intensiver Arbeit an den Quellen träumte ich von ihr.“, S. 12). Entgegenkommend für die Leserschaft sind auch die vertiefenden, weiterführenden Fragen am Endes jedes Kapitels, bei denen es sich um strukturierende Elemente handelt, die ganz im Sinne der TZI quasi zu einem „lebendigen Lesen“ einladen.

Vor allem aber stützt sich Matthias Scharer in seinen Äußerungen auf eine ausgesprochen breite Literaturbasis (wenn es gleichwohl teils auch einen interessanten Umgang mit Quellen gibt, er z.B. seine eigenen Facebook-Einträge zitiert). Neben bereits bekannter und von dem Ehepaar Scharer auch systematisch erfasster Literatur (siehe https://www.ruth-cohn-institute.org/erweiterte-bibliographie.html) gehören dazu insbesondere auch bislang noch unbekannte Dokumente aus dem noch nicht öffentlich zugänglichen Nachlass von Ruth Cohn am Archiv der Humboldt Universität zu Berlin, an dessen Registrierung und Freilegung Matthias und Michaela Scharer seit einiger Zeit intensiv arbeiten und damit eine wichtige Quelle für weitere TZI-Forschung erschließen.

Erste Ideen für weitere Forschungsthemen, z.B. der Verbindungen und Differenzen der beiden deutsch-jüdischen Migrantinnen Ruth C. Cohn und Hannah Arendt, werden auch hier bereits an mehreren Stellen deutlich.

Fazit

Matthias Scharer plädiert überzeugend für ein entschiedeneres politisches Engagement im Sinne der Themenzentrierten Interaktion. Er weist nach, dass dies im Sinne der Begründerin, Ruth C. Cohn, wäre und zeigt die Dringlichkeit seines Appells anhand einer Einbettung in aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auf. In Zeiten von Diskriminierung, Ausgrenzung und extremistischen Tendenzen kann die TZI demnach Orientierung geben. Damit ist dieses sehr persönliche Buch zugleich auch ein wertvolles, aufforderndes, bereicherndes und aktuelles Plädoyer für mehr (Zivil-)Courage im Sinne der TZI.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 06.03.2020 zu: Scharer Matthias, Michaela Scharer: Vielheit couragiert leben. Die politische Kraft der Themenzentrierten Interaktion (Ruth C. Cohn) heute. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2019. ISBN 978-3-7867-3198-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25698.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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