socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Karl Heinz Brisch (Hrsg.): Familien unter Hoch-Stress

Cover Karl Heinz Brisch (Hrsg.): Familien unter Hoch-Stress. Beratung, Therapie und Prävention für Schwangere, Eltern und Säuglinge in Ausnahmesituationen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2019. 176 Seiten. ISBN 978-3-608-96389-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Herausgeber

Karl Heinz Brisch, Univ.-Prof. an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg, Dr. med. habil., ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Neurologie; Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Gruppen; Ausbildung in spezieller Psychotraumatologie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Er ist Vorstand des weltweit ersten Lehrstuhls für Early Life Care und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut an der PMU in Salzburg.

Thema

Die Bedingungen bei Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt und früher Entwicklung des Säuglings können durch extremen Hoch-Stress gezeichnet sein. Die AutorInnen zeigen,

  • welche Auswirkungen solche Erfahrungen auf die Entwicklung des Säuglings und seine Beziehungen in der Familie haben,
  • wie negative Folgen bewältigt werden können
  • welche Möglichkeiten der Begleitung, Beratung, Therapie und Prävention hilfreich sein können.

Die Beiträge sind Vorträge beim ersten internationalen „Early Life Care Konferenz“im Mai 2018 in Salzburg

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält 10 Beiträge. Im ersten Beitrag berichten Katharina Kruppa und Sonja Cejka über ein Projekt in Wien, bei dem früh traumatisierte Menschen in der frühen Elternschaft begleitet werden („Grow together”). Ausschlaggebend für den Erfolg dieser intensiven Begleitung ist eine tragfähige Beziehung zwischen Mutter und Betreuerin, gelingt dies nicht, ist eine andere Form der Hilfe zu überlegen.

Claudia Reiner-Lawugger beschreibt die Krisen vor der Schwangerschaft, während der Schwangerschaft, rund um die Geburt und nach der Geburt, von psychischen Problemen bei Schwierigkeiten, schwanger zu werden über die postpartale Depression bis zu postportalen Psychosen.

Grundlagen legt der Beitrag von Jörg Bock. Er stellt die Auswirkung von perinatalen Stresserfahrungen auf die Entwicklung des neuronalen Netzwerkes, des Gehirns und des Verhaltens dar, geht auch auf die Zeiten vor und während der Schwangerschaft ein und auf gestörte Eltern-Kind-Beziehungen ein. Die Auswirkungen werden umfangreich am Tiermodell erforscht, ebenso wie Fragen der Epigenetik als Schnittstelle zwischen Genen und Umwelt.

Zentral ist auch der Vortrag von Heidelise Als, einer Pionierin der Versorgung frühgeborener Kinder in Amerika. Sie stellt das “Newborn Individualized Developmental Care and Assessment Program (NIDCAP)” vor, ein Programm, weg von einem protokollbasierten zu einem beziehungsorientierten Pflege- und Behandlungssystem, einem Pflegemodell zum Schutz des fetalen Gehirns und zur entwicklungsfördernden Pflege, das sich von Anfang an an den Stärken des Kindes orientiert. Das Programm umfasst die Organisation der gesamten Station. Fragen der Implementierung und Zertifizierung, der Wirksamkeit und der am Erfolg beteiligte Faktoren werden vorgestellt.

Die Implementierung des NIDCAP in der Division Neonatologie des Kinderzentrums Salzburg stellt Erna Hattinger-Jürgenssen vor, vervollständigt mit Reflektionen einer Mitarbeiterin und NIDCAP-Trainerin (Teresa Garzuly-Rieser) und einer Kinderärztin (Erentraud Irnberger).

Irmela Wiemann beschäftigt sich mit einer bedeutsamen Weichenstellung in der Kinder- und Jugendhilfe, einer frühe Trennung von Eltern und Kind. Sie thematisiert Fragen zur Herkunftsfamilie, zur Unterbringung als Krisenintervention oder Inobhutnahme. Sie plädiert für weiche Übergänge und beantwortet die Frage, was das Kind braucht, bei einer Rückkehr in die Herkunftsfamilie oder von den neuen Bindungspersonen bei einer Aufnahme in eine Pflege-oder Adoptivfamilie.

Mit dem Thema Behinderung setzt sich Klaus Sarimski auseinander. Die Diagnosevermittlung wird von Eltern oft als traumatische Situation erlebt. (Psychologische) Unterstützung bei und nach dieser Situation sowie die folgenden Herausforderungen und Belastungen werden besprochen, auch die Besonderheit nach pränataler Diagnostik.

Auf die Situation der Frühe Hilfen in Österreich geht Sabine Haas ein und stellt Konzept und bisherige Umsetzung (z.B. die Gründung regionaler Netzwerke) vor und legt Daten über begleitete Familien im Jahr 2017 vor.

Dazu passen berichten Daniela Salzmann u.a. Ergebnisse einer großen epidemiologischen Prävalenzstudie über Familien in Armutslagen in Deutschland, in der unterschiedliche Belastungen in der frühen Kindheit deutlich werden.

Abschließend referiert Karl Heinz Brisch über Traumata und Hoch-Stress-Zeiten während Schwangerschaft und Geburt sowie Auswirkungen auf die Bindungsbeziehungen und fordert Möglichkeiten der Prävention, Unterstützung und Therapie.

Diskussion

Es ist dem Herausgeber gelungen, für die Beiträge in den jeweiligen Disziplinen sehr anerkannte Persönlichkeiten zu gewinnen.

Der familiäre Stress, besonders vermittelt durch spezifische Faktoren und Lebensverhältnisse und der daraus resultierende Unterstützungsbedarf wird sehr deutlich. Es wird aber auch aufgezeigt, welche Hilfen notwendig und auch möglich sind. Die Praxisbeispiele fokussieren auf die Situation in Österreich. Es können aber alle von dem vermittelten Wissen profitieren. Ich finde es gut, dass auch Praktiker zu Wort kommen. Noch besser hätte ich es gefunden, wenn auch Eltern beteiligt gewesen wären.

Insgesamt ein sehr lohnenswertes Buch für alle unten aufgeführten Zielgruppen.

Zielgruppen

Dieses Buch richtet sich an

  • ÄrztInnen
  • PsychologInnen
  • SozialarbeiterInnen, Hebammen
  • Mitarbeitende in Jugendämtern
  • SeelsorgerInnen und sonstige Beratungsberufe
  • Alle, die mit Schwangeren und Kleinkindern professionell zu tun haben
  • Mitarbeitende in Jugendämtern
  • SeelsorgerInnen und sonstige Beratungsberufe
  • Alle, die mit Schwangeren und Kleinkindern professionell zu tun haben

Fazit

Hochstress in der Familie ist für die Entwicklung des Kindes nicht nur nicht förderlich, sondern kann auch bedeutsame negative Auswirkungen haben. Diese Bedingungen und ihre Auswirkungen, aber auch wie negative Folgen bewältigt werden können, durch Begleitung, Beratung, Therapie und Prävention zeigen die Beiträge in diesem Buch auf.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
E-Mail Mailformular


Alle 159 Rezensionen von Lothar Unzner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 30.03.2020 zu: Karl Heinz Brisch (Hrsg.): Familien unter Hoch-Stress. Beratung, Therapie und Prävention für Schwangere, Eltern und Säuglinge in Ausnahmesituationen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-608-96389-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25701.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung