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Yannick Jacob: An Introduction to Existential Coaching

Yannick Jacob: How Philosophy Can Help Your Clients Live with Greater Awareness, Courage and Ownership. Routledge (New York) 2019. 131 Seiten. ISBN 978-0-367-13999-5. 27,25 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch bietet eine kompakte Einführung in Coaching und existenzphilosophisches Denken. Der Autor verbindet beide Themen im Sinne eines existentiellen Coachingansatzes, der das Ziel verfolgt, Klienten darin zu unterstützen ihre conditio humana, das heißt die Umstände des Menschseins und ihrer Existenz, vor dem Hintergrund eines spezifischen (Coaching-)Anliegens zu reflektieren.

Autor

Yannick Jacob ist freiberuflicher Coach, Trainer und Supervisor (mehr unter http://www.coachingandmediation.net/). Er hat Psychologie im Bachelor an der University of East London Psychologie studiert und dort als einer der ersten den im Jahr 2007 eingerichteten Masterstudiengang zu angewandter positiver Psychologie und Coaching absolviert (mehr unter https://www.uel.ac.uk/postgraduate/​courses/​msc-applied-positive-psychology-and-coaching-psychology). Später war er für mehrere Jahre als Dozent an der University of East London tätig und hat dort verschiedene Coaching-Masterstudienprogramme mitverantwortet. Heute ist Yannick Jacob als Gastdozent an der University of East London und in verschiedenen anderen Projekten engagiert, beispielsweise als Trainer für die School of Life in London (mehr unter https://www.linkedin.com/in/yannick-jacob-3524461a).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist zunächst ein Ergebnis von Yannick Jacobs universitärer Tätigkeit der vergangenen Jahre, während der er sich einen umfassenden Einblick in die aktuelle Coachingforschung verschafft hat, was nun dem Leser zu Gute kommt. Die Fokussierung auf existenzphilosophische Fragen im Rahmen von Coaching ist vermutlich dem Interesse, wenn nicht einer Leidenschaft des Autors geschuldet. Der Rezensent hatte Gelegenheit den Autor im Jahr 2018 während eines Vortrags im Rahmen des 9. Europäischen Kongresses zu Positiver Psychologie in Budapest kennenzulernen und dabei den Eindruck gewonnen, dass Yannick Jacob die Verbindung von Existenzialismus und Coaching nicht nur als intellektuelle Herausforderung sieht, deren Bewältigung einen Mehrwert für die Beratungspraxis zu leisten verspricht, sondern als Lebensaufgabe, mit der er sich zu identifizieren versteht.

Aufbau

Das vorliegende Buch ist in sieben aufeinander aufbauende Kapitel gegliedert, denen eine Einleitung vorangeht, die eine nützliche Darstellung der Themen und Absichten des Bandes beinhaltet. Im ersten Kapitel bietet Yannick Jacob eine kurze Einführung in Coaching als Forschungs- und Berufsfeld, im zweiten Kapitel erklärt er seinen Ansatz zu existentiellem Coaching, das dritten Kapitel vertieft existenzphilosophische Grundkonzepte, im vierten Kapitel wird ein Vorschlag zur Anwendung von existenziellem Coaching der Beratungspraxis gemacht, das fünfte Kapitel widmet sich existentiellem Coaching im Berufskontext, im sechsten Kapitel werden ethische Fragestellungen diskutiert und im letzte Kapitel erklärt der Autor, wie es gelingen kann als freiberuflicher Coach einen Lebensunterhalt zu verdienen.

Inhalt

Das erste Kapitel beginnt mit einer Definition von und einem kurzen Überblick über die Geschichte des Coachings. Dabei geht Yannick Jacob insbesondere auf die Pionierarbeit von Sir John Whitmore ein, der einen klassischen Ansatz zur Arbeit im Coaching formulierte (GROW = goal, reality, options, and way forward) und der den klugen Vorschlag machte, dass Ziele im Coaching SMART (specific, measurable, achievable, relevant, and time-bound) zu formulieren seien. Es folgen eine Darstellung der Kernelemente von Coaching, Absätze zur Wichtigkeit der Coach-Klient Beziehung und der Rolle des Coaches, sowie eine Abgrenzung von Coaching zu anderen Beratungsformen wie etwa Psychotherapie und Mentoring.

Im zweiten Kapitel erklärt Yannick Jacob, dass existentialistische Philosophie sich Fragen nach der Bedeutung menschlicher Existenz, des Lebens an sich und des Zusammenseins mit anderen Menschen widmet. Existentielles Coaching soll dazu anregen, diese Fragen vor dem Hintergrund der Erreichung eines bestimmten Coachingsziels zu beleuchten, zu erkunden und zu reflektieren. Wie bereits der Titel angedeutet, besteht der Mehrwert für Klienten darin, ihr Leben mit einem tieferen Bewusstsein ihrer Selbst (awareness), mutiger (courage) und selbstbestimmter (ownership) zu verbringen. Der Autor führt in das Denken verschiedener existenzieller Philosophen ein, erklärt wie sich existenzielle Coachingsansätze von Coachingpraktiken anderer Schulen unterscheiden, macht Vorschläge wann existenzielles Coaching angewendet werden kann und beschreibt eine Haltung für die Arbeit mit existenziellen Themen im Coaching.

Im dritten Kapitel führt der Autor in wesentliche existenzialistische Überlegungen ein und bezieht diese auf die Arbeit mit Coachingklienten. Zunächst erklärt Yannick Jacob, dass eine Erkenntnis des Existenzialismus ist, dass Menschsein immer mit dem Erleben von Angst verbunden ist. Dabei ist eine existenzielle Form von Angst gemeint, die aus den Tatsachen entspringt, dass wir sterblich sind, es keine absolute Sicherheit gibt und wir Entscheidungen in unserem Leben treffen müssen, wobei auch nicht-entscheiden eine Form von Entscheidung darstellt. Der Autor erklärt, dass die Aufgabe eines existenziellen Coaches darin besteht, Klienten darin zu unterstützen, die Tatsache ihrer eigenen Endlichkeit zu reflektieren (physikalische Dimension menschlicher Existenz), andere Menschen als ihnen ähnlich und gleichzeitig fundamental unterschiedlich anzuerkennen (soziale Dimension menschlicher Existenz), eine stimmige Identität zu entwickeln, die sich in authentischem Danken und Verhalten zeigt (psychologische Dimension menschlicher Existenz), sowie den Dingen im eigenen Leben Sinn und Bedeutung zu geben (spirituelle Dimension menschlicher Existenz). Dabei besteht die Lösung des existenziellen Coachings darin, Klienten zu ermutigen ihren eigenen Weg zu gehen, trotz gegebener Unsicherheiten und unter Akzeptanz der Folgen des eigenen Handelns.

Im vierten und fünften Kapitel beschreibt Yannick Jacob praktische Ansätze zur Arbeit im existenziellen Coaching und erklärt, welchen Mehrwert existenzielles Coaching für Unternehmen bietet. Dabei geht er zunächst auf Gesprächstechniken ein und macht beispielweise den Vorschlag, sich zu Beginn des Coachings darauf zu konzentrieren, Klienten ihre Geschichte erzählen zu lassen, anstatt Interpretationen anzubieten, was durch eine Fokussierung auf Fragen nach dem „Was?“, „Wann?“ und „Wie?“ anstatt „Warum?“ gelingen soll. Andere Methoden beinhalten die Konzentration auf das „Hier und Jetzt“ der Coachingsitzung und eine Liste von Fragen, die Klienten helfen soll, sich über die verschiedenen Dimensionen ihrer Existenz (physikalisch, sozial, psychologisch und spirituell) bewusster zu werden. Es folgen Richtlinien für die existenzielle Coachingpraxis und zwei Prozessmodelle für die Arbeit mit Klienten. Ein Abschnitt ist der existenziellen Arbeit mit Führungskräften gewidmet.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit ethischen Fragen der existenziellen Arbeit im Coaching und insbesondere der Frage, ob und wann ein solcher Prozess angemessen ist. Der Autor betont, dass existenzielles Coaching das explizite Einverständnis des Klienten, sowie ausreichend Professionalität auf Seiten des Coaches voraussetzt. Im letzten Kapitel beschreibt Yannick Jacob wie der Aufbau einer eigenen Coachingpraxis gelingen kann, welche Herausforderungen dabei zu erwarten sind und welche Lösungsansätze es gibt.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Buch ist Yannick Jacob eine interessante Einführung in die Existenzphilosophie und deren Nutzen für das Coaching gelungen. Leserinnen und Lesern dieser Rezension, die mit dem Denken von Irvin Yalom und Rollo May, den Begründern der existenziellen Psychotherapie, oder der Logotherapie nach Viktor Frankl vertraut sind, werden die Arbeit mit existenziellen Themen in der Lebensberatung im weiteren Sinne kennen. Was der Autor mit dem vorliegenden Buch leistet, ist den Ansatz der existenziellen Psychotherapie und Logotherapie auf die Arbeit mit Coachingklienten zu erweitern. Eine große Stärke des vorgestellten Ansatzes besteht meiner Meinung nach darin, dass er, wie die existenzielle Psychotherapie auch, die Verantwortung für wesentliche Lebensfragen klar an den Klienten delegiert und praktische Vorschläge formuliert, wie Coaches dazu ermutigen und befähigen können, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Gleichzeitig stellt dies eine Schwäche oder zumindest eine Einschränkung insofern dar, als dass vorausgesetzt wird, dass Klienten über eine intakte Selbstregulation verfügen, das heißt grundsätzlich in der Lage sind ihr Leben im eigenen Sinne zu gestalten. Diese Voraussetzung mag in einigen Fällen nicht erfüllt sein, insbesondere dann, wenn Klienten infolge von Krisen oder unerkannten psychischen Erkrankungen destabilisiert sind. Der Unterschied beispielsweise zur existenziellen Psychotherapie besteht darin, dass der Ansatz eben nicht in ein psychotherapeutisches Heilverfahren, im Falle der existenziellen Psychotherapie ist das die Psychoanalyse, eingebettet ist, sondern in einen Coachingprozess, dessen primäre Absicht nicht Heilung, sondern das Erreichen von gemeinsam formulierten Zielen ist. Obwohl der Autor darauf hinweist, dass Coaches eine besondere Verantwortung zukommt, zu beurteilen, ob ein Klient bereit ist, sich mit existenziellen Fragen tiefer auseinanderzusetzen und ob die Beziehungskompetenz des Coaches für diese Aufgabe ausreicht, bleibt fraglich, ob Coaches, die nicht über eine fundierte klinische Ausbildung verfügen und die nicht von einem System kontinuierlicher Intervision getragen werden, wie dies bei ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben ist, eine solche Beurteilung überhaupt leisten können. Das Risiko besteht dann darin, dass Klienten ein existenzielles Coaching in Anspruch nehmen, obwohl ihnen mit einer Psychotherapie besser geholfen wäre (siehe auch Rashid, Roache, Lomas, Heekerens, & Dreisörner, 2019). Yannick Jacob bezeichnet dieses Phänomen treffend als „therapy through the back door“ oder Therapie durch die Hintertür. Dieses Dilemma betrifft das Lebenscoaching im Allgemeinen und ist nicht spezifisch für existenzielles Coaching, scheint jedoch aufgrund der Prozesstiefe des vorgestellten Ansatzes besonders relevant. Deshalb hätte dieser Punkt aus meiner Sicht eine ausführlichere Diskussion verdient. Positiv hervorzuheben bleiben die ausführlichen Verweise auf wissenschaftliche Fachliteratur zum Thema, wiederkehrende Reflexionsfragen zu gelesenen Inhalten unter der Überschrift „Take a moment“ (z.B. lädt Yannick Jacob den Leser dazu ein, sich mit eigenen existenzielle Fragen zu beschäftigen) und der Schreibstil des Autors, der angenehm klar ist und selten eine Frage offen lässt.

Fazit

Abschließend kann ich das vorliegende Buch insbesondere für fortgeschrittene Coaches, Trainer und Psychotherapeuten empfehlen, sowie allen, die sich akademisch mit den Themen Lebensberatung, Positiver Psychologie oder Existenzialismus beschäftigen. Eine Übersetzung von „An Introduction to Existential Coaching“ ist wünschenswert, insbesondere um es einer breiten Gruppe an Interessierten in Deutschland zugänglich zu machen. Da Yannick Jacob als deutscher Muttersprachler auf Englisch schreibt, bleibt mir nur die herzliche Einladung auszusprechen, dass er sein wichtiges Buch selbst ins Deutsche übersetzt. Keiner ist dazu besser geeignet als er selbst.

Literatur

Harden, A., Rashid, T., Roache, A., Lomas, T., Heekerens, J. B., & Dreisörner, A. (2019). Ethische Richtlinien für die positiv-psychologische Praxis. International Journal of Wellbeing, 9(3), 1–36. doi:10.5502/ijw.v9i3.993


Rezensent
Johannes Heekerens
Masterabsolvent der Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Freien Universität Berlin, Lehrbeauftragter der Medical School Berlin (MSB)
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Zitiervorschlag
Johannes Heekerens. Rezension vom 19.11.2019 zu: Yannick Jacob: How Philosophy Can Help Your Clients Live with Greater Awareness, Courage and Ownership. Routledge (New York) 2019. ISBN 978-0-367-13999-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25704.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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