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Michael Ewers, Elise Paradis u.a.: Interprofessionelles Lernen, Lehren und Arbeiten

Cover Michael Ewers, Elise Paradis, Doreen Herinek: Interprofessionelles Lernen, Lehren und Arbeiten. Gesundheits- und Sozialprofessionen auf dem Weg zu kooperativer Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 312 Seiten. ISBN 978-3-7799-3998-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Dass die Versorgung der Bevölkerung mit gesundheits- und sozialbezogenen Leistungen ein kooperatives und engagiertes Zusammenwirken unterschiedlicher Professionen bedarf, dürfte auf der Hand liegen. Dieser Selbstverständlichkeit folgend verwundert allerdings, dass wir in den deutschsprachigen DACH-Ländern – dazu zählen hauptsächlich Deutschland, Österreich und die Schweiz – erst am Anfang des interprofessionellen Miteinanders auf den Ebenen Ausbildung, Praxis und Forschung stehen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Gesundheitsprofessionen historisch bedingt zumeist isoliert voneinander und an verschiedenen schulischen Lernorten (Hochschulen und Universitäten, Schulen für Gesundheitsfachberufe) ausgebildet werden. In dem vorliegenden Sammelband wird daher einerseits der aktuelle Stand zum Thema Interprofessionalität in den DACH-Ländern nachgezeichnet und andererseits werden internationale Diskurse zu der Thematik zusammengefasst, um sie für Entwicklungs- und Forschungstätigkeiten im deutschsprachigen Raum nutzbar zu machen. Das Buch verspricht somit einen vielschichtigen Blick auf das interprofessionelle Lernen, Lehren und Arbeiten in den Gesundheits- und Sozialprofessionen. Es lässt sich daher fragen: Wie stellt sich der aktuelle Entwicklungs- und Forschungstand zum Thema dar? Welche Schritte sind nötig, um das interprofessionelle Miteinander tatsächlich zu einer Selbstverständlichkeit in der Versorgungspraxis zu machen? Diesen und weiteren Fragen gehen die Herausgeber*innen und Autor*innen des Buches nach.

Herausgeber*innen und Autor*innen

  • Michael Ewers ist Univ.-Professor für Gesundheits- und Pflegewissenschaft und ihre Didaktik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und beschäftigt sich als Wissenschaftler seit vielen Jahren mit Fragen der gesundheitsbezogenen Versorgung und Bildung.
  • Elise Paradis ist Assistenzprofessorin und Wissenschaftlerin an der Universität Toronto. Dort arbeitet sie u.a. an interprofessionellen Bildungsfragen und wirft eine soziologische Perspektive auf die Thematik.
  • Doreen Herinek arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin zur Thematik interprofessionelles Lehren und Lernen in den Gesundheitsprofessionen.

Aufbau

Das Buch beinhaltet 312 Seiten und ist in drei thematische Abschnitte, deren Rahmen eine Einleitung und ein Anhang bilden, unterteilt. Im ersten Abschnitt werden die Hintergründe und aktuelle Entwicklungen zum Thema Interprofessionalität in fünf Beiträgen nachgezeichnet. In den sieben Beiträgen des zweiten Abschnitts richten die Autor*innen ihren Fokus auf die interprofessionelle Bildung und Praxis. Lesende erhalten hier u.a. Einblicke in unterschiedliche Projekte. Im dritten Abschnitt zeigen die Autor*innen der fünf Buchbeiträge schließlich Forschungsgegenstände und -fragen im Zusammenhang mit Interprofessionalität auf.

Inhalt

In der Einleitung führen die Herausgeber*innen in die Programmatik des Buches ein. Dabei werden der Entstehungshintergrund, die Ziele und die Auswahlkriterien für die Buchbeiträge aufgezeigt, die Adressaten benannt und ein Überblick zum Inhalt gegeben.

I. Hintergründe und Entwicklungen

Im ersten Beitrag des ersten Buchabschnitts zeichnen Michael Ewers und Ursula Walkenhorst den aktuellen Entwicklungstand interprofessioneller Bildungskonzepte und Arbeitsweisen sowie die dafür notwendigen Voraussetzungen im deutschsprachigen Raum nach. Ihnen wird der internationale wissenschaftliche Diskurs gegenüber gestellt. Daneben werden zentrale Motive für die Forderung nach Interprofessionalität angeführt.

Im zweiten Beitrag wendet sich Elise Paradis aus linguistisch-terminologischer Perspektive den Begriffen Interprofessionalität und Kooperation zu. Die interprofessionelle Versorgungspraxis in Nordamerika wird, beginnend mit den 1950er Jahren, historisch umrissen, eine Einschätzung bislang verfügbarer Publikationen zu dem Thema vorgenommen und es werden Verbesserungspotenziale interprofessioneller Bildungskonzepte von primärqualifizierenden Studiengängen aufgezeigt.

Im dritten Beitrag arbeiten Michael Ewers und Doris Schaeffer die Barrieren für interprofessionelles Lehren, Lernen und Arbeiten in den DACH-Ländern heraus. Es werden (bildungswissenschaftliche) Herausforderungen bzgl. der Integration interprofessioneller Bildungsangebote in die Grundausbildungen diskutiert sowie politische Voraussetzungen für den Abbau von Barrieren im Gesundheits- und Bildungssystem zusammengefasst.

Karl Kälble widmet sich im vierten Beitrag der beruflichen Identitätsentwicklung im Kontext des Diskurses um Interprofessionalität. Daneben wird die aktuelle Versorgungspraxis hinsichtlich Differenziertheit und Kooperation unter die Lupe genommen. Der Beitrag schließt mit einer Auseinandersetzung mit interprofessionellen Lehr- und Lernangeboten, wobei z.B. die Organisation und berufliche Identitätsentwicklung angesprochen werden.

Ingrid Darmann-Finck und Claudia Einig beleuchten interprofessionelles Lehren und Lernen im Kontext der Curriculumentwicklung und heben dabei die Orientierung an interprofessionellen Kompetenzmodellen und -rahmen hervor. In dem Beitrag werden zwei methodische Ansätze zur Entwicklung (interprofessioneller) gesundheitsbezogener Curricula vorgestellt. Abschließend werden Gestaltungsprinzipien und Kompetenzdimensionen interprofessioneller Curricula zusammengetragen und an einem Beispiel verdeutlicht.

II. Bildungsarbeit und Praxisentwicklung

Im ersten Beitrag des zweiten Abschnitts befassen sich Doreen Herinek, Kathrin Reichel und Michael Ewers mit dem didaktischen Ansatz des Peer Assisted Learnings. Es werden Grundbegriffe geklärt, empirische Befunde angeführt und die praktische Umsetzung am Beispiel des Projektes interTUT an der Charité – Universitätsmedizin Berlin veranschaulicht.

Im zweiten Beitrag greifen Anja Strümpfler, Marlen Weiß und Yvonne Lehmann das Thema interprofessionelles Lehren und Lernen im berufsfachschulischen Bildungssetting der Gesundheitsprofessionen auf. Es werden empirische Befunde hinsichtlich aktueller Initiativen zum interprofessionellen Lehren und Lernen aus einer qualitativen Studie an Berufsfachschulen in Berlin und Brandenburg vorgestellt und diskutiert. Der Beitrag schließt mit Empfehlungen für die Ermöglichung interprofessioneller Bildungsangebote an den Berufsfachschulen.

Madeleine Abrandt Dahlgren und Kolleg*innen thematisieren im dritten Beitrag das interprofessionelle simulationsbasierte Lernen von schwedischen Studierenden der Medizin und Pflege im fortgeschrittenen Studienverlauf. Im Beitrag werden ferner Möglichkeiten der curricularen Einbettung interprofessioneller Bildungsangebote vorgestellt und die Gestaltung einer interprofessionellen Simulation am Beispiel einer Notfallsituation beschrieben.

Elizabeth Anderson setzt sich im vierten Beitrag mit der Gestaltung interprofessioneller Lehr- und Lernangebote in der Versorgungspraxis auseinander. Sie zeigt dabei zentrale Barrieren auf und führt Maßnahmen an, mit denen Lehrende und Lernende in der Praxis auf interprofessionelle Lehr- und Lernangebote vorbereitet werden können.

Thuy-Nga Pham zeigt im fünften Beitrag die Möglichkeit einer konzeptionellen Ausgestaltung der interprofessionellen Versorgungspraxis am Beispiel der kanadischen Family Health Teams auf. Daneben werden Faktoren und notwendige Kompetenzen für die erfolgreiche Teamarbeit in Family Health Teams diskutiert.

Im sechsten Buchbeitrag besprechen Veronika Schoeb und Liliana Staffoni zentrale Muster und Voraussetzungen für die interprofessionelle Zusammenarbeit und verdeutlichen diese an zwei beispielhaften Settings. Abschließend werden Empfehlungen für eine erfolgreiche interprofessionelle Zusammenarbeit im ambulanten Sektor gegeben.

Im siebenten Buchbeitrag geben Gert Ulrich und Kolleg*innen in Form eines Erfahrungsberichtes Einblicke in die Entwicklung einer interprofessionellen Ausbildungsstation am UniversitätsSpital Zürich.

III. Perspektiven für die Forschung

Im ersten Beitrag des dritten Buchabschnitts beleuchten Heike Wild und Michael Ewers den Einfluss von Stereotypen auf das interprofessionelle Lehren und Lernen in den Gesundheitsprofessionen. Dabei wird ein Überblick zu methodologischen Ansätzen der quantitativen empirischen Stereotypenforschung gegeben und es werden weiterführende Forschungsfragen aufgeworfen.

Im zweiten Beitrag arbeiten Madison Brydges und Elise Paradis die Kernmerkmale der Ethnografie als methodischen Zugang heraus und diskutieren den Beitrag der Ethnografie zur Untersuchung der interprofessionellen Praxis, indem sie beispielhafte empirische Befunde aufzeigen.

Tim Peters und Kolleg*innen befassen sich im dritten Beitrag mit dem Thema interprofessionelle Kommunikation und stellen die linguistische Gesprächsanalyse als methodischen Zugang an einem Beispiel dar. Abschließend wird der Nutzen gesprächsanalytisch generierter Befunde z.B. für die Formulierung von Lernzielen ausgelotet.

Elise Paradis und Cynthia R. Whitehead reflektieren im vierten Beitrag den Stellenwert der Evidenz in der interprofessionellen Bildung und Praxis. Dazu setzen sie sich kritisch mit Forschungstraditionen und deren Passung für bildungs- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge auseinander. Den Abschluss bildet die Klärung zentraler Begriffe wie Team und Teamwork.

Im fünften Beitrag befassen sich Lindsay Baker und Maria Athina Martimianakis mit dem Begriff Macht und zeigen die Rolle von Machtaspekten in der interprofessionellen Versorgungspraxis auf. Es folgen Überlegungen zur stärkeren Berücksichtigung machtbezogener Aspekte in der Gestaltung interprofessioneller Bildungsangebote sowie in der Versorgungspraxis.

Im Anhang gibt Doreen Herinek einen Überblick zu aktuellen interprofessionellen Projekten und Vernetzungen in den DACH-Ländern und zieht diesbezüglich eine erste knappe Bilanz.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Sammelband nähern sich die Herausgeber*innen und Autor*innen dem Thema Interprofessionalität in den Gesundheits- und Sozialprofessionen in den Bereichen Bildung, Versorgungspraxis und Forschung kritisch-reflexiv an. Dabei werden erste aktuelle Entwicklungen in den DACH-Ländern aufgezeigt und um zum Teil langjährig gesammelte internationale Erfahrungen ergänzt. In dem Zusammenhang grenzen sich die Herausgeber*innen in ihrer Argumentation aber auch deutlich vom vorherrschenden Aktionismus und von Projekt-Schnellschüssen im deutschsprachigen Raum ab, die oftmals eine fundierte Planung, Evaluation und damit Nachhaltigkeit vermissen lassen. Die Stärke der Publikation besteht vermutlich gerade in der Multiperspektive, die auf die Thematik entfaltet wird. Sie ist Ausdruck der beruflichen Hintergründe der Autor*innen (Wissenschaftler*innen und Lehrende, Praktiker*innen in der gesundheits- und sozialbezogenen Versorgung) und dürfte somit die in der Einleitung angeführten Adressaten erreichen. Die einzelnen Beiträge unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Zielsetzungen und Gestaltung: Lehrende finden zum Teil sehr konkrete Anregungen für die Gestaltung interprofessioneller Bildungsangebote. Forschende können den Beiträgen u.a. Forschungsimpulse und methodische Ansätze zu deren Beantwortung entnehmen. Praktiker*innen erhalten – wenn auch tendenziell wenige – Anregungen für die Gestaltung der interprofessionellen Zusammenarbeit. Weitere Beiträge zur Gestaltung einer interprofessionellen Versorgungspraxis wären sicher lesenswert gewesen und hätten die thematische Ausgewogenheit der Bereiche Bildung, Praxis und Wissenschaft gefördert. Einige Beiträge stellen Erfahrungsberichte aus interprofessionellen Projekten dar und sind letztlich auch so zu lesen. Vergleicht man diese miteinander, so unterscheiden sie sich teilweise in der Art ihrer Gestaltung, was beim Lesen etwas irritieren kann, aber keine Seltenheit bei Sammelbänden darstellt.

Fazit

Wer sich mit dem Thema interprofessionelles Lernen, Lehren und Arbeiten im deutschsprachigen Raum auseinandersetzt, erkennt schnell, dass wir uns erst am Anfang eines langen Weges befinden. Es gilt vor allem die historisch gewachsenen und gesundheits- sowie bildungspolitisch zementierten monoprofessionellen Versorgungsstrukturen und Denkweisen zu verändern. Mit dem Buch liegt nun ein weiterer Impuls zur Förderung dieses Veränderungsprozesses vor. Für Praktiker*innen, Lehrende und Forscher*innen lohnt sich ein Blick in das Buch allein durch die konkreten Anregungen, aufgeworfenen Forschungsfragen und vor allem methodologischen Ansätze, die eine erfrischende Erweiterung des gesundheits- und bildungswissenschaftlichen Methodenrepertoires darstellen.


Rezensent
Stefan Burba
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Zitiervorschlag
Stefan Burba. Rezension vom 26.08.2019 zu: Michael Ewers, Elise Paradis, Doreen Herinek: Interprofessionelles Lernen, Lehren und Arbeiten. Gesundheits- und Sozialprofessionen auf dem Weg zu kooperativer Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3998-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25709.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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