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Dagmar Deckstein, Peter Felixberger u.a.: Wir kündigen! Und definieren das Land neu

Rezensiert von Dr. Winfried Leisgang, 20.09.2005

Cover Dagmar Deckstein, Peter Felixberger u.a.: Wir kündigen! Und definieren das Land neu ISBN 978-3-446-40048-1

Dagmar Deckstein, Peter Felixberger, Michael Gleich, Wolf Lotter: Wir kündigen! Und definieren das Land neu. Hanser Verlag (München) 2005. 192 Seiten. ISBN 978-3-446-40048-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Einführung in die Thematik

Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich im Umbruch. Alte Glaubens- und Handlungskonzepte helfen angesichts neuer Herausforderungen nicht mehr weiter. Neue Definitionen und neue Orientierungen sind gefragt. Die Autorinnen und Autoren beschreiben diese so: "In einer immer stärker vernetzten Welt kultivieren wir ein Denken in Zusammenhängen, singen das Hohelied der Komplexität, vertrauen auf Selbstorganisation, schätzen das Vitale von Vielfalt, entwerfen Strategien für die friedliche Koexistenz mit dem Unvorhersehbaren. Netzlogik heißt dieses Paradigma für eine Welt, die zusammenwächst" (S. 9). Sie möchten sich verabschieden von dem unsäglichen Gejammer und der augenblicklich vorherrschenden Larmoyanz und wollen "mehr Selbstverwirklichung, mehr Möglichkeitsräume, mehr wilde Freiheit" (S. 14). Mit ihren Ideen wollen sie die politische, ökonomische und geistige Elite im Land herausfordern und provozieren. Dies versuchen sie sprachgewaltig mit Hilfe von neuen Definitionen von A (Arbeit) bis Z (Zukunft). Zunächst wird jeweils das bisherige Paradigma beschrieben, dem ein Nachher aus Sicht der Autoren gegenübergestellt wird, um anschließend diese kurzen Merksätze (Denksätze) ausführlich zu begründen.

Die Autoren

Dagmar Deckstein ist Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, Peter Felixberger ist Chefredakteur des Online Magazins changeX, Michael Gleich ist freier Journalist und Buchautor in London und Wolf Lotter ist Redakteur des Wirtschaftsmagazins brand eins.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an alle Trendsucher und Hoffnungsträger.

Aufbau und Inhalt

Die Gliederung des Buches ergibt sich aus den 26 Begriffen, die von den Autoren für die gegenwärtige Diskussion im Land als bedeutend angesehen werden:

  • Arbeit (Tenor: von abhängiger Beschäftigung hin zu freier Tätigkeit)
  • Bildung (von Lernvorgaben hin zum Autodidaktentum)
  • Erfolg (vom Nichtstun und alles bekommen hin zum Erfolg für eigene Anstrengungen)
  • Fortschritt (von Technikfeindlichkeit und Technikeuphorie hin zu einem Fortschritt, der alle intelligenter macht)
  • Freiheit (vom behüteten Gemeinwohl hin zu einer Loslösung vom Kollektivismus der Gutmenschen)
  • Führung (von der Herrschaft der Willkür hin zu einer Orientierung durch Führung)
  • Geld (von der Abhängigkeit von Geld und Macht zur Befreiung vom Anspruch, Geld bedeutet alles)
  • Gesundheit (vom System der Selbstbedienung zu Verantwortung für Gesundheit)
  • Gleichheit (vom Diktat der Gleichmacherei zu Freiheit der Selbstentfaltung)
  • Glück (vom Verkennen des Glücks hin zur Gestaltung von Glücksmomenten)
  • Komplexität (von der Komplexitätsreduktion zu einem Nutzen der Komplexität)
  • Leistung (von Anstrengung und Erschöpfung hin zu Stolz auf die eigene Leistung)
  • Mobilität ( von der Mobilitätskritik hin zu einer Bewegungsfreiheit, die Vitalität sichert)
  • Nachhaltigkeit (von Zukunftsangst und Verzichtsethik zu einem aktiven, bewussten Umwelthandeln)
  • Natur (vom Esoterik-Naturschutz zur verantwortlichen Nutzung der Natur)
  • Netze (von Hierarchien hin zu tatsächlichen Netzwerken)
  • Revolte (von lieber aufrecht sterben zu lieber aufrecht leben)
  • Risiko (von der lähmenden Null-Risiko-Gesellschaft zu einem kalkulierten Umgang mit Risiko)
  • Selbstständigkeit (von der Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat hin zu neuer Selbständigkeit)
  • Verantwortung (von der verantwortungslosen Versorgungsmentalität zu eigenverantwortlichen Leben in Würde)
  • Vernunft (von Magie und Mythos hin zur Vernunft)
  • Vertrauen (von der Blendermentalität zum wirklichen Können)
  • Wachstum (vom immer mehr zum immer besser)
  • Werte (von Normen und Sanktionen zu Einsicht in den Sinn von wertorientiertem Handeln)
  • Wohlstand (von einem notwendigen Übel zur Umsetzung eines gelungenen Lebens)
  • Zukunft (von Passivität hin zur Zukunftsgestaltung).

Anhand des Abschnitts "Arbeit" soll die Grundstruktur des Buches dargestellt werden.

"Vorher: Arbeit ist das halbe Leben, weil wir arbeiten, um zu leben. So kommen wir nie auf einen grünen Zweig.

Nachher: Arbeit ist das ganze Leben, und wir leben, um zu arbeiten. Wir sitzen schon längst auf einem stabilen Ast im Baum der Erkenntnis" (S. 15).

In der anschließenden Begründung für das "Nachher" brandmarken die Autoren zunächst die Gewerkschaften dafür, dass sie die Menschen vom Arbeiten abhalten. Arbeitszeitverkürzung und tarifliche Vorgaben verhindern, dass die Menschen sich einsetzen und Höchstleistung abrufen. Dabei ist Arbeit genug vorhanden und wird auch getan, wenn man auch die außerberuflichen Bereiche mit einbezieht (Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe). "Arbeit ist, wenn man sie trotzdem macht" (S. 16). Die heutzutage typische Arbeitsform ist nach wie vor dadurch gekennzeichnet, dass man einen Boss hat, der vorgibt, was zu tun ist und dass man als bezahlter Angestellter ausführt, was einem angeschafft wird. Nachdem den Chefs in unserem Land nicht mehr viel einfällt, sehen die Autoren die Lösung darin, selbst Boss zu werden, was sie anhand der Entwicklung der Menschheit vom Jäger und Sammler zum Wissensarbeiter nachzeichnen. Im Zeitalter der Wissensgesellschaft muss der arbeitende Mensch an der Entwicklung seiner Fähigkeiten weiterarbeiten und sich aus der Abhängigkeit seiner Vorgesetzten und aus gewerkschaftlichen  Vorgaben befreien - "so viel unterschiedliche Arbeit,  aber immer weniger Fron" (S. 23). In der Wissensökonomie stehen dem kreativen, geschickten und gut ausgebildeten Menschen alle Wege offen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen zunehmend bzw. lösen sich auf in einer Tätigkeit, die selbstverantwortet und frei gewählt übernommen wird. Damit wandelt sich Arbeit von einer fremdbestimmten Last zu einem wesentlichen und befriedigenden Bestandteil der eigenen Existenz, der Beruf wird zur Berufung.

Diskussion und Bewertung

Der Grundtenor der Beiträge ist getragen von den Ideen der Freiheit und Selbstverantwortung des Individuums. Damit wird ein individualistischer Ansatz verfolgt, der im Prinzip richtig ist, weil jeder Mensch zunächst für sich selbst Verantwortung übernehmen kann und soll. Die von den Autoren immer wieder eingeflochten historischen Beispiele machen jedoch deutlich, dass auch strukturelle Rahmenbedingungen die Handlungsfähigkeit der Akteure beeinflussen (lies nach bei den klassischen Soziologen, nicht nur bei Marx). Man muss nur an den machtpolitischen Protektionismus der Industriestaaten, allen voran den der USA (dem Fackelträgern von Freiheit, Selbstverantwortung und freiem Welthandel) denken, um zu erkennen, dass individuelle Anstrengungen in zementierten ungleichen Machtverhältnissen verpuffen können. Die Baumwollbauern in Afrika haben keine Chance gegen hoch subventionierte Erzeugnisse der amerikanischen Farmer. Ähnliches lässt sich sicherlich auch für einige Bereiche in unserer Gesellschaft beschreiben. Damit will ich nicht dafür plädieren, keinen Einsatz mehr zu zeigen für die Verbesserung der individuellen und der gesellschaftlichen Bedingungen. Aber sein Schicksal in die Hand zu nehmen, und die vorhandenen strukturellen Gegebenheiten nicht zu berücksichtigen entmutigt und führt schließlich in die falsche Richtung. 

Gibt es einfache, semikomplexe Lösungen für multikomplexe Probleme? Wohl kaum. Die Reichweite der von den Autoren vorgeschlagenen Lösungsansätze fehlt häufig. So stellen sich die Autoren, wie oben für den Bereich Arbeit beschrieben, die Arbeit der Zukunft als unternehmerische, selbstständige, freiberufliche Tätigkeit vor. Diese Chance können mit Sicherheit gut ausgebildete Menschen ergreifen (allen voran Journalisten). Ein Großteil der heutigen Beschäftigten wird aber auch in Zukunft darauf angewiesen sein, seine Arbeitskraft in abhängiger Tätigkeit zu verkaufen. Nicht jeder ist ein Unternehmer, sonst hätten wir schon längst 40 Millionen davon! Auch für diese Menschen muss ein Platz bleiben in den zukünftigen Systemen der Arbeit.

Aufgrund der Übernahme von einzelnen Themenkomplexen durch die verschiedenen Autoren ergeben sich leider vermeidbare Redundanzen, z. B. in den Kapiteln Komplexität und Netzwerke.

Schließlich fehlen gänzlich eine Historie des Sozialstaates und eine Idee, welches Verständnis die Autoren vom Wohlfahrtsstaat haben. Das größte Gerechtigkeitsproblem hier ist ja die Kündigung des so genannten Generationenvertrages und den damit verbundenen doppelten Belastungen, die sich gerade für die mittlere Generation ergeben. Diese Generation trägt die Kosten für ein System, das ihnen im Bedarfsfall nicht mehr diese Absicherung liefert, die die heutigen Rentner genießen. Dazu verlieren die Autoren kein einziges Wort.

Fazit

Ohne Frage gibt es viel zu tun in unserem Land, um ihm mehr Flexibilität und damit mehr Leistungsfähigkeit einzuhauchen. Alte Eliten, wie von den Autoren zu Recht kritisiert, verhindern notwendige Anstrengungen. Ob aber mit ihren Vorschlägen ein "Ruck" durch Deutschland geht bleibt abzuwarten. Zu unausgewogen und zu undifferenziert stellen sich ihre Ideen bisweilen dar. Neben durchaus starken Analysen und Schlussfolgerungen (z.B. Netze) stehen auch sehr polemische und z.T. tendenziös dargestellte Bereiche (Gesundheit, Natur). Zusammen mit den oben angeführten Kritikpunkten ergeben sich nach der Lektüre des Buches doch mehr Fragen als Antworten.

Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Es gibt 42 Rezensionen von Winfried Leisgang.

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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 20.09.2005 zu: Dagmar Deckstein, Peter Felixberger, Michael Gleich, Wolf Lotter: Wir kündigen! Und definieren das Land neu. Hanser Verlag (München) 2005. ISBN 978-3-446-40048-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2571.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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