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Frank Biess: Republik der Angst

Cover Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2019. 613 Seiten. ISBN 978-3-498-00678-5. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Der Autor stellt die 70-jährige Geschichte der Bundesrepublik Deutschland anhand zahlreicher Fallstudien als eine Geschichte von Ängsten dar. Dabei geht es ihm weniger darum, die Berechtigung dieser höchst unterschiedlichen Ängste zu bewerten. Er will vielmehr die Wirkungen auf die hiesige politische Kultur nachzeichnen. Die meisten Ängste nach 1945 beruhten auf spezifisch deutschen Konstellationen.

Autor

Prof. Dr. Frank Biess, Jahrgang 1966, lehrt Europäische Geschichte an der University of California. Nach dem Studium der Geschichtswissenschaft in Marburg, Tübingen und St. Louis (San Diego) wurde er an der amerikanischen Brown University (Providence) im Jahre 2000 promoviert. Der Hauptschwerpunkt seiner Arbeiten liegt auf der deutschen Geschichte nach 1945. Das bekannteste Buch: Homecomings. Returning POWs and the Legacies of Defeat in Post-war Germany (2006).

Aufbau und Inhalt

Das Werk umfasst neben einem Vorwort, das die autobiographischen Impulse für das Schreiben eines solchen Buches erhellt, der Einleitung („Angst und Demokratie“) und dem Epilog („German Angst“) acht etwa gleichlange Kapitel, die wiederum untergliedert sind. Der Anmerkungsapparat besteht aus fast 100 engbedruckten Seiten. Ein Quellen- und Literaturverzeichnis schließen den Band ab.

Die Einleitung („Angst und Demokratie“) erörtert drei leitenden Perspektiven.

  1. Erstens will das Werk die normativen Rahmenbedingungen erhellen. Es trat mit Blick auf Angst ein kultureller Wandel von einem repressiven zu einem expressiven emotionalen Regime ein. Angst galt anfangs als gefährlich, später jedoch eher als Zeichen der Sensibilisierung, um Gefahren zu erkennen.
  2. Zweitens haben sich die Objekte der Angst mit der Verschiebung von der äußeren (Kommunismus) zur inneren Bedrohung (z.B. Umweltzerstörung) stark verändert.
  3. Drittens wandelten sich ebenso die Funktionen von Angst. „Die politische Funktion der Angst verschob sich somit von einer Eindämmung von oben zu einer populären Mobilisierung von unten“ (S. 39). Die empirischen Fallstudien beziehen sich auf die Zeit von Ende der 1940er bis Ende der 1980er Jahre, also auf die Bundesrepublik Deutschland bis zur Einheit.

Kapitel 1 („Vergeltungsangst“) behandelt vielfältige Ängste direkt nach dem Krieg (vor den Besatzern, vor „Displaced Persons“, vor der Entnazifierung). Im Kapitel 2 („Moralische Angst“) ist vor allem von der heute vergessenen Angst vor der Fremdenlegion die Rede. Das dritte Kapitel („Kriegsangst“) rückt die Angst vor dem Kommunismus und vor einem Atomkrieg in den Vordergrund. Im Kapitel 4 („Moderne Angst) stellt Biess insbesondere wirtschaftliche Ängste in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren heraus, so die Ängste vor der zunehmenden Automatisierung, die in Massenarbeitslosigkeit münden könne. Das Kapitel 5 („Demokratische Angst“) analysiert intellektuelle Debatten über die als pessimistisch wahrgenommene Zukunft der deutschen Demokratie, das Kapitel 6 („Revolutionäre Angst“) einerseits die Ängste der studentischen Protestbewegung und andererseits die „Ängste vor der Revolution“ (S. 246). Im Kapitel 7 („Allgegenwärtige Angst“) versucht der Autor den verbreiteten Ängsten der 1970er Jahre auf die Spur zu kommen, indem er die kulturelle Aufwertung von Ängsten beschreibt, die Ängste im linkalternativen Milieu, die Rolle der Erinnnerungskultur mit Blick auf den Nationalsozialismus, die Ängste vor dem Linksterrorismus sowie die Ängste auf dessen zuweilen als überzogen angesehene Reaktion. Das Kapitel 8 („Apokalyptische Angst“) behandelt Untergangsszenarien in den 1980er Jahren (z.B. „atomarer Holocaust“, „Waldsterben“), wie sie in der Friedens- und Umweltbewegung verbreitet waren.

Der Epilog („German Angst“) betrifft die Zeit seit der deutschen Vereinigung und dabei vor allem zwei Aspekte:

  • zum einen „Deutschland in der Welt“ (Angst vor einer militärischen Intervention außerhalb Deutschlands) und „die Welt in Deutschland“ (Angst vor Migranten),
  • zum anderen „rechte Ängste“, wie sie sich verstärkt seit der Masseneinwanderung 2015 bemerkbar gemacht haben.

Während frühere konservative Ängste sich auf gesellschaftliche Entwicklungen bezogen, sehen die heutigen rechten Ängste einen Gefahrenherd im Staat. Um des Rechtspopulismus Herr zu werden, bedarf es einer „demokratischen Gefühlspolitik“ (S. 452). Da der Rechtspopulismus auf Gefühlen basiere, könne ihm erfolgreich nur mit Gefühlen begegnet werden, und zwar mit der „Kultivierung demokratischer Ängste“ (S. 43).

Diskussion

Der Ansatz des Buches, das auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse stand, ist originell. Der Autor kann überzeugend die starke Prägung der bundesdeutschen Gesellschaft vor Ängsten nachweisen. Er nimmt sie ernst, wiewohl sie sich so nicht bewahrheitet haben, vielleicht auch wegen ihrer Präsenz. Das glänzend geschriebene Werk aus einer links-liberalen Perspektive wendet sich damit gegen die These, Ängste seien schlichtweg irrational. Allerdings lässt sich die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht generell als eine reine Angstgeschichte interpretieren. Dessen ist sich der Verfasser auch bewusst, wenngleich er des Guten wohl etwas zu viel tut und das Angst-Syndrom überstrapaziert. Weithin ausgeklammert wird die verbreitete und unterschiedlich motivierte Angst vor Deutschland (jetzt Rödder, 2018). Die Zeit seit der deutschen Einheit kommt zu knapp weg, die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus bleibt etwas vage.

Fazit

Bei der Studie handelt sich um eine unkonventionelle Sicht auf die Nachkriegsgeschichte Deutschlands, die mit ihrer Perspektive auf Ängste die vielen anderen einschlägigen Darstellungen sinnvoll ergänzt.

Literatur

Rödder, A. (2018). Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems. Frankfurt a.M.: S. Fischer.


Rezensent
Prof. Dr. Eckhard Jesse
Em. Prof. für Politische Systeme, politische Institutionen im Fach Politikwissenschaft an der TU Chemnitz (1993-2014) für die Schwerpunkte Demokratie- und Extremismusforschung.
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Zitiervorschlag
Eckhard Jesse. Rezension vom 05.08.2019 zu: Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2019. ISBN 978-3-498-00678-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25711.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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