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Ulrich Dolata, Jan-Felix Schrape u.a. (Hrsg.): Kollektivität und Macht im Internet

Cover Ulrich Dolata, Jan-Felix Schrape, Bettina Lösch (Hrsg.): Kollektivität und Macht im Internet. Soziale Bewegungen - Open Source Communities - Internetkonzerne. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 131 Seiten. ISBN 978-3-658-17909-0. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema und Hintergrund

Mit der Publikation „Kollektivität und Macht im Internet“ bündeln die beiden Autoren Ulrich Dolata und Jan-Felix Schrape vier bereits zuvor in Fachzeitschriften publizierten Beiträge und machen sie somit einem darüber hinausgehenden, breiteren Publikum zugänglich. Als Zielgruppen sollen Sozial-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler*innen sowie Studierende und Praktiker*innen angesprochen werden. Die Autoren selbst sind Soziologen an der Universität Stuttgart.

Autoren

Ulrich Dolata ist Professor und Leiter der Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart. Jan-Felix Schrape ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart.

Inhalt

Kollektivität und Macht im Internet. Eine Einführung

In der Einleitung ordnen die Autoren das Thema zunächst in gesellschaftliche Relevanzen ein und geben dazu anschauliche Beispiele. Anschließend wir der Entstehungshintergrund des Buches dargelegt und abschließend mittels ausführlicher Kapitelzusammenfassungen ein Überblick über das Werk gegeben.

Kollektives Handeln im Internet. Eine akteurstheoretische Fundierung

Die Autoren beginnen mit Beispielen, die die Aus-/„Rückwirkungen“ technologischer Entwicklungen auf gesellschaftliche Prozesse veranschaulichen. Sie bemängeln 1) ein Fehlen soziologisch definierter Kategorien für das Phänomen sozialer Formationen sowie 2) die fehlende Berücksichtigung technologischer Rahmenbedingungen auf die Formierungen und die Strukturen sozialer Formationen.

Dies zu klären ist Ziel des ersten Beitrags. Dazu ordnen sie die Akteure auf einem Strahl ein, auf deren einer Seite sich die Individuen befinden (individuelle Akteure). Auf der anderen Seite befinden sich die Organisationen, die „korporativen Akteure“. Letztere sind auch die regelsetzenden Akteure, die Träger der technologischen Neuerungen, die die Infrastrukturen bereitstellen. Zwischen diesen beiden Polen befinden sich die kollektiven Akteure oder Formationen. Dies können mehr (Bewegungen, Gemeinschaften) oder weniger (Schwarm, Masse, Menge) organisierte Kollektive sein.

Nicht-organisierte Kollektive: Die Autoren übertragen beispielhaft Kategorien von Blumer auf Internetformierungen. So ist der Erfolg von Facebook, Google und Wikipedia auf das Verhalten der „Masse“ zurückzuführen. Die Kraft der „Menge“ findet sich in Crowsourcing-Kampagnen ebenso wie in Shitstorms, und in Twitter oder der Blogosphäre findet sich das kollektive Verhalten der „Public“ wider. Gemeinsam ist diesen drei kollektiven Verhaltensweisen laut Dolata und Schrape, dass es spontan, flüchtig und ohne Koordinations- oder Identitätsstrukturen stattfindet. Sie bezeichnen es als „situative Formierung des Kollektiven“ (S. 18).

In einem nächsten Schritt kontextualisieren sie das Verhalten und betrachten die Infrastrukturen. Als drei Eigenschaften – und damit verhaltenssteuernde Elemente – der Infrastrukturen identifizieren sie Ermöglichung, Koordination und Kontrolle.

Kollektive Akteure: Im Fokus stehen Interessengemeinschaften und soziale Bewegungen sowie deren Merkmale. Kennzeichen von Interessengemeinschaften definieren sie angelehnt an Mayntz mit einer „thematischen Fokussierung sowie der sukzessiven Institutionalisierung einer Gruppenidentität mit gemeinsamen Grundsätzen, Konventionen und Regeln unter den aktiven Gemeinschaftsteilnehmern, die ohne den Unterbau ausgeprägter formal-hierarchischer Organisationsstrukturen Projekte verschiedenster Art betreiben“ (S. 22). Die Kennzeichen sozialer Bewegungen definieren sie angelehnt an Eder mit „interner Ausdifferenzierung […] mit meinungsbildenden Aktivisten und koordinierenden Kernstrukturen auf der einen und einem weiten Umfeld aus mobilisierungsfähigen Sympathisanten auf der anderen Seite“ (S. 23). Soziale Bewegungen im Internet werden von Dolata und Schrape in drei Kategorien eingeteilt: e-mobilization, e-movements und e-tactics.

In einem nächsten Schritt wird das Handeln kontextualisiert und die Infrastrukturen in den Blick genommen. Eine Erkenntnis ist, dass die sozialen Merkmale substanziell um Merkmale der technologischen Infrastrukturen erweitert werden. Weshalb von „soziotechnischen Prozessen“ zu sprechen sei (S. 25), was an einem Überblick „soziotechnischer Insitutionalisierungsvarianten kollektiver Akteure im Web“ verdeutlicht wird (S. 25 ff.). Abschließend zeigen die Autoren auf, dass trotz geänderter technologischer Rahmenbedingungen nach wie vor die gleichen Prozesse der sozialen Institutionalisierung ablaufen und es „keineswegs zu einer Disintermediation genuin sozialer Organisierungs- und Strukturierungsleistungen“ führt (S. 30).

Soziale Bewegungen: Die soziotechnische Konstitution sozialen Handelns

In dem Beitrag von Ulrich Dolata geht der Autor der Frage nach welche Rolle die technischen Infrastrukturen der digitalen Welt bei der Konstitution sozialer Bewegungen einnehmen. Ist das Netz wirklich neutral, wie Carty behauptet oder gibt es handlungsstrukturierende Nutzungs- und Verhaltensregeln?

Um diese Frage zu beantworten werden zunächst die „klassischen“ Kennzeichen sozialer Bewegungen erörtert 1) kollektiver Protest, 2) Prozesse situationsübergreifender Stabilisierung, 3) spezifische Formen sozialer Organisierung der Aktivitäten, 4) interne Ausdifferenzierungen (Hierarchien und Kernstrukturen) sowie 5) die Ausbildung einer kollektiven Identität.

Bennetts und Segerbergs „einflussreiches“ Konzept der „connective action“ bei dem Technik eine zentrale Rolle als „organizing agents“ wird dem vorherigen klassischen als moderner Ansatz gegenübergestellt. Dem Konzept zu Folge fungieren die technischen Infrastrukturen als „stitching mechanisms“ während die o.g. klassischen Merkmale an Bedeutung verlieren. „Die Menge muss sich nicht mehr organisieren und in eine Bewegung mit all den genannten sozialen Eigenheiten transformieren, um ihre Protestaktionen zu verstetigen – das Netz tut das für sie“ (S. 45). Dolata kritisiert an dem Konzept, dass das Netz wohl eher „konnektivitätserweiternd“ denn als „organizing agent“ zu sehen sei. Auch würde das Konzept nicht alle Formen sozialer Bewegungen abdecken.

Dolata zeigt im nächsten Teil zunächst auf, dass die Infrastrukturen mehr sind als nur konnektivitätserweiternd. Zwar ermöglichen oder fördern sie Mobilisierung, Niedrigschwelligkeit und die Etablierung von Gegenöffentlichkeiten, zugleich sind sie aber auch handlungsstrukturierend, meinungsprägend und regelsetzend. „Protokolle, Interface-Gestaltungen, Standardeinstellungen, Features und Algorithmen strukturieren und prägen die Onlineaktivitäten ihrer Nutzer zugleich auf vielfältige Weise“ (S. 51). Es kommt somit zu einem Verlust an Handlungsautonomie und zu neuen Formen der Beobachtung und Überwachung durch die Träger der Infrastrukturen. Im nächsten Teil zeigt Dolata auf, auf welche Weisen die Akteuere Social Media für die Organisierung von Protesten nutzen. Auf einem Spektrum unterscheidet er am einen Ende die „flüchtigen, onlinevermittelten Proteste“ und am anderen Ende „die strategisch ausgerichteten und gut organisierten sozialen Bewegungen“. Von diesen zu unterscheiden sind die „offener strukturierten und onlineaffinen neuen sozialen Bewegungen“ von denen Dolata einige beispielhaft anführt.

Zusammenfassend benennt Dolata sieben Punkte, die das Zusammenspiel von technischen und sozialen Faktoren zeigen. Er kommt aber letztlich zu dem Fazit, dass soziale Institutionalisierungsprozesse entscheidender sind als Technik, wenn sich aus zunächst spontanem kollektivem Protestverhalten eine strategiefähige soziale Bewegung entwickeln soll.

Open-Source-Communitys: Die soziotechnische Verstetigung kollektiver Invention

Ziel des Beitrags von Schrape ist es, einen systematischen Überblick über die Open-Source-Communitys und ihre sozioökonomischen Kontexte zu erstellen. Zunächst macht er dazu einen historischen Rückblick, um im Heute zu enden, wo, wie der Autor aufzeigt, Open-Source-Projekte als „Innovationsstrategien“ der Unternehmen dienen. Im Folgenden entwickelt Schrape eine Typologie entlang der Koordinationshierarchie und des Unternehmenseinflusses. Abschließend betrachtet der Autor die Elemente sozialer Institutionalisierungen (Regel, Ziele, Entscheidungsstrukturen) und arbeitet drei Faktoren heraus, die dazu führten, dass Open-Source-Projekte auch nach ihrer kommerziellen Verwertung überleben konnten.

Internetkonzerne: Konzentration, Konkurrenz und Macht

In dem letzten Beitrag überprüft der Autor Dolata die folgende These: „Nicht Dezentralisierung, Demokratisierung und Kooperation, sondern Konzentration, Kontrolle und Macht sind […] die Schlüsselprozesse und -kategorien, mit denen sich die wesentlichen Entwicklungstendenzen des (kommerziellen) Internets angemessen erfassen lassen“ (S. 101). Dazu richtet er zunächst den Blick unter ökonomischen Gesichtspunkten auf die derzeit führenden Internetkonzerne (AFAMA) und deren Domänen und Machtstrategie, sich Netzwerkeffekte zu nutze zu machen. Anschließend analysiert er weitere Strategien (eigene Forschung und Entwicklung, Expansion, Dienstleistungsangebote). Zusammenfassend erörtert Dolata „drei wesentliche Konturierungen“ (S. 122) Zentralisierung, Kontrolle und Volatilität als Garant für Marktmacht sowie die Macht, das Nutzerverhalten durch handlungsstrukturierende und regelsetzende Infrastrukturen lenken zu können.

Diskussion und Fazit

Das Buch ist, wie bereits erwähnt, ein Sammelband von vier Beiträgen, insofern wiederholen sich insbesondere die Inhalte der ersten beiden Beiträge.

Da sich die ersten beiden Beiträge mit sozialen Phänomenen (Vergemeinschaftungen) beschäftigen, die auch direkte Berührungspunkte zu sozialen Feldern haben, wurden diese ausführlicher rezensiert. Die beiden letzten Beiträge haben einen starken ökonomischen Fokus und nur marginale Berührungspunkte mit sozialen Feldern weshalb diese beiden Rezensionen stark gekürzt wurden.

Das Buch ist insofern auch nur bedingt für rein soziale Felder geeignet. Die von den Autoren empfohlenen Zielgruppen der Sozial-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler*innen sowie entsprechende Praktiker*innen können jedoch bestätigt werden.

Die Beiträge ermöglichen eine neue Perspektive auf das Thema Vergemeinschaftungen im Internet und geben eine umfassende Übersicht über das komplexe Thema. Spezifische Vorkenntnisse sind nicht notwendig, jedoch ist es sicherlich dem Verständnis zuträglich, bereits ein soziologisches und ökonomisches Basiswissen zu haben, da nicht alle Fachbegriffe explizit erörtert werden.

Summary

The book is an anthology of four papers that have been pulished in different journals already; in so far the contents repeat, in particular the content of the first two papers/chapters.
Since the first two papers deal with social phenomena (communitization), which also have direct points of contact with social fields, these were reviewed in more detail. The last two papers have a strong economic focus and only marginal points of contact with social fields, which is why these two reviews have been cut significantly.
The book is therefore only partially suitable for social fields. However, the target groups recommended by the authors of social, media and communication scientists as well as corresponding practitioners can be confirmed.
The papers provide a new perspective on the topic of communitization on the internet and give a comprehensive overview of the complex topic. Specific knowledge is not necessary, but having a basic sociological and economic knowledge it will promote the understanding, since not all terms are explicitly defined.


Rezensentin
Dipl.-Soz.päd./arb. (FH) Daniela Cornelia Stix
Daniela Cornelia Stix, Diplom-Sozialpäd./-arb. (FH), Medienwissenschaftlerin (Master of Arts) ist Lehrkraft für besondere Aufgaben für Medienpädagogik und Mediendidaktik im Studiengang Intermedia. Sie promoviert zum pädagogischen Einsatz von Social-Media-Plattformen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit
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Zitiervorschlag
Daniela Cornelia Stix. Rezension vom 09.09.2019 zu: Ulrich Dolata, Jan-Felix Schrape, Bettina Lösch (Hrsg.): Kollektivität und Macht im Internet. Soziale Bewegungen - Open Source Communities - Internetkonzerne. Springer VS (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-17909-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25722.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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