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Tanja Kuhnert: Leben in Hartz IV – Armut und Menschenwürde

Cover Tanja Kuhnert: Leben in Hartz IV – Armut und Menschenwürde. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 90 Seiten. ISBN 978-3-525-40508-6. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.

Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten - systemisch beraten.
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Thema

Tanja Kuhnert erzählt in dieser Publikation, welche Wirkungen und Nebenwirkungen das System Hartz IV für die betroffenen Menschen und deren Familien mit sich bringt.

Autorin

Die Autorin Tanja Kuhnert ist Diplom-Sozialarbeiterin, Systemische Beraterin, Familientherapeutin, Coach und Supervisorin. Sie arbeitet in Köln in einer eigenen Praxis und ist auch in der aufsuchenden Familienhilfe und -therapie in sozialen Brennpunkten unterwegs.

Aufbau und Inhalt

Aufbau des Bandes:

1. Der Kontext

  • Hartz IV, Arbeitslosigkeit und Armut
  • Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB II)
  • Rechtlicher und organisatorischer Rahmen des Leistungsbezugs
  • Fallbeispiel

2. Die systemische Beratung

  • Herausforderung der systemischen Beratungsarbeit im Hartz-IV-Kontext
  • Hilfreiche Haltungen und Praktiken

3. Am Ende

Inhalt

In seinem Vorwort merkt der Reihenherausgeber Jochen Schweitzer an, dass der Arbeitsgesellschaft scheinbar die Erwerbsarbeit ausgeht.

Mit dem vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt oder dem Hartz IV-Gesetz, wurde offiziell das Arbeitslosengeld II in das zweite Sozialgesetzbuch oder SGB II aufgenommen. Die Autorin verwendet Hartz IV als Synonym für Armut in unserer Gesellschaft. Sie stellt fest das sich hieran ablesen lässt, „wie wir als eines der reichsten Länder der Welt […] mit denjenigen umgehen, die unter schlechten Wohnbedingungen leben, finanziell eingeschränkte Möglichkeiten haben, deren Lernbiografien nicht optimal verlaufen sind und ihnen später nur geringe Arbeitsmöglichkeiten eröffnen“ (S16f).

Unterschieden wird zwischen:

  • absoluter Armut – und diese Armut ist durch ein Einkommen von wenig mehr als einem Dollar charakterisiert;
  • relativer Armut, bei der das Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt;
  • gefühlte oder sozio-kulturelle Armut: sie kennzeichnet die Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Ausgrenzung als arm betrachtet werden oder in ständiger Angst vor Armut leben.

Wer erhält nun Leistungen nach dem ALG II oder Hartz IV? Hartz IV erhalten arbeitslos gewordene, aber erwerbsfähige Menschen und Menschen, die noch arbeiten, aber von ihrem Einkommen nicht leben können.

Im Rahmen der Darstellung des Kontextes führt die Autorin das Beispiel einer neunköpfigen Familie aus dem syrischen Kurdengebiet. Der Vater war körperlich und seelisch kriegsversehrt und die Mutter mit dem siebten Kind schwanger, als es zur Kontaktaufnahme kam. Ein grundsätzliches Thema im Kontakt zwischen der Familie und der Verfasserin war die Wohnsituation. Die Familie lebte in einem Hochhaus aus den 1970er Jahren. Es lag Schimmelbefall vor und ein Fenster fiel aus dem morschen Rahmen 16 Stockwerke tief. Die Wohnsituation stellt ein bedeutsames Vermittlungshemmnis dar: „Die Kinder hatten nicht genügend Platz zum Lernen und Spielen und alle Familienangehörigen waren gefährdet gesundheitliche Beeinträchtigungen davonzutragen“ (S. 32). Eine neue Wohnung wurde durch das zuständige Jobcenter der Familie verwehrt. Bei dieser Familie sollte Tanja Kuhnert mit ihrem Team Vermittlungshemmnisse beseitigen. Jedoch irritierte sie das dieser Auftrag kaum zu erfüllen war. So erhielt die Familie nicht all die Leistungen, welche die Vermittlungshemmnisse beseitigt hätten. In der Folge waren die Kinder besonders gefährdet, gesundheitliche Risiken zu erfahren, ebenso die schwangere Mutter. Dies ist aber nur ein Kontext, in dem Menschen, die Hartz IV beziehen, aufzufinden sind.

Andere Kontexte, in denen uns Menschen mit Hartz IV begegnen, sind beispielsweise:

  • Beratungsstellen
  • frühkindliche Förder- und Betreuungsangebote
  • berufliche Förder- und Ausbildungsangebote
  • das Gesundheitssystem.

Systemische Beratung in der Arbeit mit Menschen, die Hartz IV beziehen, wird im Alltag oft von Krisen begleitet. Sehr wichtige Säulen sind die systemische Haltung der Ergebnisoffenheit und die Bedeutung der Auftragsaufklärung.

Als Herausforderungen der systemischen Beratungsarbeit im Kontext von Hartz IV benennt Kuhnert den Verlust der eigenen Handlungsräume, der durch die Gesetzgebung verursacht ist. Es kommt zu Traumatisierungen, Süchte, Depressionen, sozialen Ängsten, Minderwertigkeitsgefühlen, sozialer Isolation etc.

Beratende benötigen unterstützende Strukturen, die ihnen eine Hilfe bei der Beratung von Hartz-IV-Beziehenden ist, wie Supervision, kollegiale Beratung, Fort- und Weiterbildung o.ä.

Am Ende gibt die Autorin unter der Überschrift Hinweise und Kontakte wertvolle Internetadressen, z.B. von ARMUT.de, Armut und Gesundheit e.V., vom jährlich stattfindenden Armutskongress o.ä.

Fazit

In der besprochenen Publikation gibt die Diplom-Sozialarbeiterin Tanja Kuhnert einen Überblick über die rechtlichen, gesellschaftlichen und psycho-sozialen Herausforderungen im Kontext von Hartz IV. Abgebildet wird in dieser Schrift die Lebensrealität von Hartz-IV-Beziehenden. Betrachtet werden verschiedene Themenschwerpunkte. Deren Bedeutsamkeit für die systemische Begleitung und Beratung wird herausgestellt.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 23.08.2019 zu: Tanja Kuhnert: Leben in Hartz IV – Armut und Menschenwürde. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-40508-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25727.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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