socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns

Cover Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. transcript (Bielefeld) 2019. 288 Seiten. ISBN 978-3-8376-4838-6. D: 19,99 EUR, A: 19,99 EUR, CH: 25,30 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ beschäftigt sich Cornelia Koppetsch aus einer soziologischen Perspektive mit dem gesellschaftlichen Aufstieg des Rechtspopulismus. Dabei sind weniger konkrete „populistische Beispiele“ von Bedeutung als vielmehr ein Versuch des Aufspürens tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationsprozesse, welche diesen Aufstieg überhaupt erst ermöglicht haben. Dabei wird sowohl eine singuläre Erklärung abgelehnt, welche bspw. die Fluchtmigration als entscheidendes Element des Aufstiegs des Rechtspopulismus ansieht als auch Erklärungen, welche den Wählern populistischer Parteien simplifizierend Irrationalität vorwerfen. Vielmehr müsse der Rechtspopulismus verstanden werden als eine Reaktion und ein Protest gegen einen (unbewältigten) epochalen Umbruch von einer (nationalen) Industriemoderne, hin zu einer globalen Moderne unter der Hegemonie eines progressiven Neoliberalismus.

Autorin

Cornelia Koppetsch ist Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen einerseits in der Ungleichheits- sowie Familien- und Geschlechterforschung, andererseits in der politischen Soziologie, mit einem Schwerpunkt auf dem Aufstieg neuer rechter Parteien.

Aufbau

Das Buch ist – neben Einleitung und Schluss – in acht Hauptkapitel unterteilt:

  1. Eine andere soziale Frage. Rechtspopulismus als gesellschaftliche Protestbewegung
  2. Die Neuordnung des politischen Raums
  3. Die neuen Trennlinien. Zur Transnationalisierung des Sozialraums
  4. Herrschaftskonflikte: Eine Koalition der Deklassierten
  5. Emotionen und Identitäten. Der Aufstieg der (Neo-)Gemeinschaften
  6. Dialektik der Globalisierung: Ein neues Imaginarium sozialer Zugehörigkeit?
  7. Neue Bürgerlichkeit und die illiberale Gesellschaft: Eine historische Perspektive auf (De-)Zivilisierungsprozesse
  8. In Deutschland daheim – in der Welt zu Hause. Alte Privilegien und neue Spaltungen

Inhalt

In der Einleitung widmet sich Koppetsch zunächst in Kürze diverser Aspekte einer gesellschaftlichen Transformation von einer Industrie- hin zu einer, als neuartig beschriebenen, globalen Moderne (bspw. Souveränitätsverlust der Nationalstaaten, global cities, transnationale Klassenlagen) und stellt anschließend die zentrale These des Buches vor: der Aufstieg des Rechtspopulismus müsse maßgeblich als eine gesamtgesellschaftliche Gegenbewegung im Zusammenhang mit (unverarbeiteten) Erfahrungen in der Folge von Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozessen verstanden werden. Der Rechtspopulismus sei daher auch als „kollektiver emotionaler Reflex“ auf diesen epochalen Umbruch zu verstehen, welcher sich in den drei Kernvorhaben der Re-Nationalisierung, der Re-Souveränisierung und der Re-Vergemeinschaftung ausdrücke (S. 24). Interessant erscheinen hier auch die „Methodologischen Randbemerkungen“, in welchen Koppetsch eine Methodologie der „theoriegeleiteten Empathie“ vorschlägt und dabei Ansätze kritisiert, welche Forschung zum Populismus lediglich als Selbstvergewisserung führten (d.h. die Selbstvergewisserung auf der „richtigen“ politischen Seite zu stehen) und rechte Akteure letztendlich nicht ernst nehmen würden (S. 31). Im Gegenteil hierzu müsse vielmehr danach gestrebt werden, ein Fremdverstehen wirklich zu ermöglichen und das Untersuchungsfeld müsse daher erweitert werden. Dies bedeutet für Koppetsch maßgeblich, dass gerade auch die Gegner des Populismus in das Blickfeld gerückt werden müssen, denn diese würden ebenfalls – wenngleich andere – Methoden der Ausschließung anwenden.

Das erste Kapitel „Eine andere soziale Frage. Rechtspopulismus als gesellschaftliche Protestbewegung“ beschreibt – ausgehend von den Darlegungen der Einleitung – den Rechtspopulismus als eine soziale Gegenbewegung, welche gegen die heutige globale Moderne gerichtet sei und dabei (mit Fokus auf Europa) zwei Gesichter zeige; einerseits ein Anti-Euro-Gesicht, andererseits ein Gesicht gegen die Migration. Die rechtspopulistische Bewegung sei dabei in der Lage eine sehr heterogene und breite Masse von Menschen zu vereinen und zu mobilisieren, d.h. sowohl ein gemäßigtes „bürgerliches“ Lager als auch gleichermaßen radikalere Kräfte. Dabei fungieren Ereignisse wie die Finanz- oder „Flüchtlingskrise“ zwar als Verstärker der Mobilisierung, jedoch sei es zu kurz gedacht diese Kernereignisse als alleinige Gründe anzusehen, vielmehr seien es tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche (bspw. im Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges oder dem Fall der Mauer) auf dem Weg zu einer transnationalisierten Moderne, welche zentral betrachtet werden müssen. Koppetsch vergleicht des Weiteren die neue rechte soziale Bewegung mit linken Bewegungen, bspw. jener von 1968. Der entscheidende Unterschied zu linken Bewegungen sei, dass die heutige rechte Bewegung aus relativ privilegierten Gruppen entspringe und das verbindende Element dieser heterogenen rechten Bewegung eine (als solche wahrgenommene oder auch tatsächliche) gesellschaftliche Abwärtsbewegung sei, wobei der Versuch zu erkennen sei, einen Status quo sowie etablierte Vorrechte zu verteidigen.

Das zweite Kapitel „Die Neuordnung des politischen Raums“ betrachtet diverse geschichtliche Entwicklungen hin zu einer globalen Moderne. Kernereignis für das Ende einer nationalstaatlich organisierten Industriemoderne sei hier der Fall der Berliner Mauer sowie das Wegfallen der bipolaren Weltordnung, welche die Welt klar ordnete. Heute fallen diese alten Ordnungen weg, stattdessen entwickeln sich neue Konfliktlinien, welche – so Koppetsch – heute zwischen „national“ und „postnational“ bzw. zwischen „Nativisten“ und „Globalisten“ verlaufen. Das Kapitel betrachtet des Weiteren das Phänomen der Migration, welches das sichtbarste Merkmal einer neuen globalisierten Moderne sei und welches den weiterhin national-organisierten Staaten gegenüber stehe. Das (erneute) vermehrte Bauen von (Grenz-) Mauern sei dann zu verstehen als der (hoffnungslose) Versuch das Imaginarium einer tatsächlichen nationalen homogenen Einheit zu wahren. Auch widmet sich das Kapitel dem Wandel der Parteienlandschaft, wobei sich in Deutschland eine Meta-Polarität zwischen allen bürgerlich-liberalen Parteien und der AfD herausgebildet habe. Die rechten Narrative griffen dabei den doppelten Liberalismus (Wirtschaftsliberalismus & Kulturliberalismus) der globalen Moderne an und geben dabei vor, die einzige Alternative zu dieser Verschmelzung verschiedener Liberalismen zu sein. Dabei spart die Autorin auch nicht mit Selbstkritik an dem Sozialmilieu des Akademikers oder auch „der Kosmopoliten“ insgesamt, welche heute oftmals als Wegbereiter des Liberalismus in beiden Varianten anzusehen seien und somit die Möglichkeit, selbst eine Alternative zu bieten, verloren ginge (S. 85).

Das dritte Kapitel „Die neuen Trennlinien. Zur Transnationalisierung des Sozialraums“ widmet sich einer Analyse der Wählerschaft der (neuen) rechten Parteien und verbindet eine solche mit dem Modell des Sozialraums von Pierre Bourdieu. Zunächst blickt Koppetsch auf die These, dass es sich bei den Wählern rechtspopulistischer Parteien um ökonomische Globalisierungsverlierer handele, wobei diese mit dem Verweis auf Wähler aus allen sozioökonomischen Lagern abgelehnt wird. Die kulturelle Backlash-These stellt eine weitere verbreitete Erklärung dar, welche den Fokus im Gegensatz auf eine kulturelle Ebene legt und beispielsweise die Ablehnung kosmopolitischer Werte als zentrales Element der Wählerschaft vorstellt (letzteres bspw. prominent auch von Reckwitz vertreten). Koppetsch plädiert in der Folge dafür, dass vielmehr beide Ansätze verbunden werden müssten und führt diese Argumentation für ein mehrdimensionales Modell anhand einer Hinwendung zu Bourdieus Werk „Die feinen Unterschiede“ aus. Zentrales Argument ist in der Folge, dass kosmopolitische Lebensstile hegemonial werden konnten und die populistischen Bewegungen dann zu verstehen seien als eine Bewegung „gegen die kulturelle Vorherrschaft einer relativ breiten akademisch-kosmopolitischen Ober- und Mittelschicht“ (S. 121).

Das vierte Kapitel „Herrschaftskonflikte: Eine Koalition der Deklassierten“ beginnt mit einer Kritik an „den Liberalen“, welche sich selbst wiederum maßgeblich durch Ausgrenzungsbewegungen gegenüber „den Populisten“ auszeichnen würden, vor allem indem erstere ihre Form des Kosmopolitismus und das Narrativ eines „guten“ (Kultur-) Liberalismus gegen jene radikal abschließen würden, welche diesem nicht folgen. Mit Bourdieu argumentiert Koppetsch, dass der Rechtspopulismus dann als eine Gegenbewegung zu der Hegemonie des (Kultur-) Liberalismus anzusehen sei und sich zwischen beiden Lagern ein Kampf um die Vorherrschaft der eigenen Wahrheit herausgebildet habe. Der Rechtspopulismus müsse dann als eine heterogene Bewegung verstanden werden, welche zwar unterschiedlichste Akteure umfasse, jedoch in ihrer Ablehnung der kosmopolitischen Weltsicht vereint werde, wobei die Kritik an „dem Islam“ sowie an Migration insgesamt die verbindende symbolische Klammer darstelle. Das Milieu, aus welchem diese Gegenbewegung entspringe, zeichne sich außerdem durch die Selbstwahrnehmung aus, sich auf einer abwärtsmobilen sozialen Flugbahn zu befinden und alte Privilegien als gefährdet anzusehen. Der Rechtspopulismus biete in der Folge ein Angebot diesem Empfinden entgegenzuwirken.

Das fünfte Kapitel „Emotionen und Identitäten. Der Aufstieg der (Neo-)Gemeinschaften“ widmet sich der Mobilisierung von Gefühlen und Emotionen durch den Rechtspopulismus, welches darauf aufbaue, dass innerhalb und durch die rechten Bewegungen neue Formen von Gemeinschaft hervorgebracht werden. Diese Gemeinschaften werden in der Folge nach Außen abgeschirmt (bspw. durch Ressentiments, welche nach Innen Identität stiften). Es werden somit – Koppetsch folgend – Emotionen politisch mobilisiert, d.h. Emotionen, welche klar zwischen einem „Wir“ und einem „Sie“ trennen und damit insgesamt auch eng mit identitätspolitischen Fragen verbunden sind. Während in der globalen Moderne maßgeblich Bewegungen der Individualisierung zu beobachten seien, biete der Rechtspopulismus das genaue Gegenteil, d.h. das Angebot einer Solidaritätsgemeinschaft anzugehören, welche durch ein klares Zusammengehörigkeitsgefühl gekennzeichnet ist, sich dabei aber gleichzeitig deutlich nach Außen abgrenzt. Diese „Neogemeinschaften“ sind dann nach Innen von verschiedenen Formen der (vorgestellten) Homogenität (d.h. soziale Homogenität oder kulturelle Homogenität) gekennzeichnet, welche einerseits vertikal gegenüber „dem Establishment“, andererseits horizontal gegenüber „den Migranten“ oder „dem Islam“ abgegrenzt werden. Koppetsch zeichnet solche Bewegungen u.a. durch eine Hinwendung zu der klassischen soziologischen Studie von Elias und Scotson nach, welche das Phänomen des Stigmas innerhalb von Etablierten/Außenseiter-Figurationen in das Zentrum ihrer Arbeit stellen und welche Koppetsch nun auf das Heute überträgt.

Das sechste Kapitel „Dialektik der Globalisierung: Ein neues Imaginarium sozialer Zugehörigkeit?“ fragt erneut nach der Rolle der Globalisierung im Aufstieg der rechten Parteien in Europa. Abgelehnt wird dabei eine Sichtweise auf die Globalisierung, welche diese lediglich mit einer zunehmenden Öffnung sowie Erweiterungen von traditionellen Bindungen in Beziehung setzt, vielmehr müssten auch die Kosten und Rückschläge dieser Entwicklung in den Blick genommen werden. Zunächst rückt dabei die Dimension der „Solidarität“ in den Mittelpunkt. Diese wird als eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren von Gesellschaften gekennzeichnet, wobei nun das Problem entstehe, dass einerseits das Bedürfnis nach Identität auch in der globalisierten Moderne allgegenwärtig sei, während andererseits eine tendenziell „globale Solidarität“ nur schwerlich aufzubauen sei. Vielmehr bleibe – trotz der umgreifenden Globalisierung – die Nation als elementarer Bezugsrahmen von Solidarität erhalten und der Rechtspopulismus könne daher relativ einfach an bekannte und etablierte Formen von exklusiver Solidarität anschließen. Im weiteren Verlauf des Kapitels widmet sich Koppetsch außerdem der Frage der sozialen Klassen. Diese seien ebenfalls von einer Globalisierung betroffen und der Aufstieg von „postnationalen Klassen“ sei heute zu erkennen, d.h. auf der einen Seite ein globale Klasse der Niedriglohnarbeiter und auf der anderen Seite eine globale Klasse von Hochqualifizierten. Wichtig sei nun, dass gerade auch letztere mit Ausschließungsmechanismen arbeiteten („Schließungstendenzen der Gutsituierten“ (S. 194)), was bspw. an zunehmenden Abspaltungstendenzen beider Klassen in den Großstädten dieser Welt (bspw. Slums neben exklusiven und attraktiven Wohnvierteln) zu erkennen sei. Neu sei nun, dass Verteilungskämpfe im Rechtspopulismus jedoch nicht anhand der ökonomischen Dimension geführt werden, sondern vielmehr der Konflikt auf eine ethnonationale Ebene übertragen werde.

Das siebte Kapitel „Neue Bürgerlichkeit und die illiberale Gesellschaft: Eine historische Perspektive auf (De-) Zivilisierungsprozesse“ versucht die Zivilisationstheorie von Norbert Elias mit der gegenwärtigen Situation in Verbindung zu bringen, wobei erneut darauf hingewiesen wird, „dass sich das neue Bürgertum durch die Anhebung der Verhaltensstandards nach unten abgrenzt“ (S. 214), d.h. die heutigen Etablierten des neuen, postindustriellen Bürgertums seien – trotz ihrer Behauptung „offen“ oder „inklusiv“ zu sein – vielmehr damit beschäftigt ihre gewonnene Machtposition gegenüber anderen (aufstrebenden) Schichten abzugrenzen. Vielmehr noch, ihre Strategien hätten „ein historisch nahezu unübertroffenes Niveau an Exklusivität erlangt“ (S. 225). Unterstützer rechtspopulistischer Parteien reagierten hierauf mit einer Form der De-Zivilisierung (Elias): sie seien in der Lage, den Zorn über die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu mobilisieren, wobei die individuellen Kränkungen des Selbstwertgefühls bspw. durch eine Hinwendung zu (Neo-)Gemeinschaften, welche Sicherheiten suggerieren, kompensiert werden.

Das abschließende achte Kapitel „In Deutschland daheim – in der Welt zu Hause. Alte Privilegien und neue Spaltungen“ widmet sich dem Begriff der „Heimat“, welcher in den letzten Jahren (erneut) in das Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt sei. In dieser Debatte stehen sich – so Koppetsch – erneut zwei Seiten diametral gegenüber: einerseits jene transnationale Klasse, für welche Heimat immer wieder neu verhandelt werden könne und die daher auch Migranten das Recht zugestehen, die („eigene“) Heimat für sich zu beanspruchen. Andererseits stehe diesem eine Ansicht gegenüber, welche die Heimat als Schicksal begreift, wobei Heimat als unveränderliche Größe die „eigene Heimat“ ist und bleibt (und daher bspw. Migranten nicht offensteht). Am Heimatbegriff ließen sich somit erneut die konkurrierenden Auffassungen von Gesellschaft zeigen, welche durch den neuen Cleavage Kosmopolitismus/Kommunitarismus hervorgebracht worden seien. Während sich beide Seiten zwar unvereinbar gegenüberstehen, macht Koppetsch erneut stark, dass nicht nur jene, welche ein Heimat-als-Schicksal-Modell propagieren, mit Ausschlussverfahren arbeiten, sondern vielmehr dies ebenfalls unter den Kulturkosmopoliten weit verbreitet sei, wobei erneut die moderne Großstadt als Beispiel herangezogen wird: „Wer sich die teuren Mieten der attraktiven Stadtquartiere nicht leisten kann und in den Restaurants auf den öffentlichen Plätzen nicht konsumiert, findet in den historischen Kulissen der europäischen Großstädte keine akzeptierten Verweilmöglichkeiten mehr“ (S. 243). Während kulturelle Offenheit propagiert werde, sei gleichzeitig eine Tendenz zum Ausschluss auf einer ökonomischen Ebene unter Kosmopoliten weit verbreitet (bspw. hohe Mietpreise in „attraktiven“ Wohnvierteln).

Der kurze „Schluss“ reflektiert die von Koppetsch aufgestellten Thesen und Argumente, wobei nochmals auf die emotionale Komponente der „Angst“ eingegangen wird. Diese Angst sei erneut (in unterschiedlichen Ausprägungen) auf beiden Seiten der neuen Cleavage zu beobachten: einerseits die Angst „vor einem schwachen Staat, der vor Fremden nicht mehr schützen kann“, andererseits, die „Ängste vor Demokratieverlust“ des liberalen Lagers (S. 250). Letztendlich sei jedoch zu konstatieren, dass die Reaktionen auf solche Ängste auf beiden Seiten sehr ähnlich ausfallen und geprägt seien von einer Hinwendung zu einem erneuten Freund-Feind-Denken. An ihre Methodologie einer „theoriegeleiteten Empathie“ (siehe Einleitung) anschließend, kritisiert Koppetsch die übermäßige Fixierung auf radikale, mitunter gewaltbereiten Unterstützer der neuen rechten Parteien und plädiert dafür, vielmehr die Ansichten und Motive der unauffälligen, „normalen“ Wähler populistischer Parteien ernst zu nehmen. Wer dies nicht tue und bspw. die Forderung nach einer Begrenzung von Zuwanderung von vorneherein kategorisch ablehne, entziehe sich selbst dem gesellschaftlichen Diskurs. Wähler rechtspopulistischer Parteien hätten durchaus „nachvollziehbare Gründe für die Zurückweisung liberaler Gesellschaftsbilder“ (S. 257) und mit diesen Gründen müsse sich auseinandergesetzt werden, denn auch linksliberale Weltbilder könnten nur eine spezifische Form der „Wahrheit“ für sich beanspruchen.

Diskussion und Fazit

Das Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ von Cornelia Koppetsch bietet den Versuch einer umfassenden Erklärung für den Aufstieg der neuen rechten Parteien in Europa. Im Mittelpunkt stehen dabei große gesellschaftliche Transformationsprozesse, welche in unterschiedlichen Formen zumeist mit Globalisierungsprozessen in Verbindung gesetzt werden. Koppetsch betrachtet dabei maßgeblich eine (in ähnlicher Weise beispielweise auch von dem Soziologen Reckwitz oder dem Politikwissenschaftler Merkel konstatierte) neue Form des gesellschaftlichen Cleavages, d.h. eine neue (globalisierte) Trennlinie, welche zwischen einer „Kultur der Öffnung“ und einer „Kultur der Schließung“ verlaufe (S. 77). Äußerst auffällig ist dabei die oftmals von Koppetsch wiederholte Kritik an jenen, welche sich auf Seiten einer „Kultur der Öffnung“ verorten (also dem postindustriellen, kosmopolitischen Bürgertum). Nicht nur die Anhänger von rechtspopulistischen Parteien würden Ausgrenzungslogiken folgen, sondern dies sei vielmehr in gleicher Weise für „die Liberalen“ zu konstatieren.

Während eine solche Kritik an „der kosmopolitischen Klasse“ – wie Koppetsch teilweise überzeugend zeigen kann – zwar durchaus als berechtigt angesehen werden muss, so scheint diese Kritik teilweise über das Ziel hinauszuschießen. Beispielhaft ist dies bereits in der Einleitung zu erkennen, in welcher Koppetsch kritisiert, dass den rechtspopulistischen Anhängern oftmals Irrationalität vorgeworfen und diesen bspw. pauschal Fremdenfeindlichkeit unterstellt werde. Dies stelle letztendlich eine Form des „otherings“ (Edward Said) dar (S. 13 f.). Innerhalb einer solchen Form der Argumentation wird beiden Seiten eine ebenbürtige und gleichförmige Form des Ausschlusses zugeschrieben. Dies provoziert jedoch die Frage, ob dies tatsächlich aufrecht erhalten werden kann, denn: wenn ein Ausschluss auf Grundlage einer Ablehnung fremdenfeindlicher Motive erfolgt, ist dies wirklich gleichzusetzen mit Formen des „otherings“, welche „den Fremden“ pauschal feindlich begegnen? Wie auch Floris Biskamp anmerkt (siehe seine ausführliche, sechsteilige Rezension auf „Sozblog“, dem Blog der Gesellschaft für Soziologie), bringt eine solche starke Fokussierung (evtl. auch Überzeichnung) auf die Ausgrenzungsmechanismen „der Kosmopoliten“ die Gefahr mit sich, dass die Thesen „der Rechten“ (welche in ähnlicher Weise argumentieren) dadurch wissenschaftlich legitimiert werden. Gleichzeitig bleibt es jedoch im Laufe des Buches auch unklar, ob eine von Koppetsch behauptete Hegemonie „der (Kultur-)Kosmopoliten“ überhaupt existiert. Fraglich bleibt bspw. auch, wer genau dieser neuen kosmopolitischen Klasse überhaupt zuzuordnen ist, gerade in Hinblick auf die von Koppetsch stark gemachten ökonomischen Ausgrenzungsmechanismen dieser Klasse. So erscheint es unwahrscheinlich, dass „die Kulturkosmopoliten“ tatsächlich immer die Mittel besitzen, um eine solche ökonomische Ausgrenzung überhaupt zu ermöglichen (Elitekindergärten bspw. werden wohl kaum von allen (oder auch nur den meisten) „Kulturkosmopoliten“ in Anspruch genommen werden können).

Als sehr gelungen und interessant erscheinen die Verknüpfungen, welche Koppetsch zu den „klassischen“ Theorien von Bourdieu oder Elias zieht. Während „der Populismus“ oftmals aus einer eher politikwissenschaftlichen Perspektive betrachtet wird, wird so der Weg geebnet für eine tatsächliche soziologische Perspektive. Leser von Andreas Reckwitz („Die Gesellschaft der Singularitäten“) werden außerdem oftmals an dessen Werk erinnert werden, teilweise scheinen sich die Argumentationslinien zu überscheiden, wobei bei Koppetsch jedoch in der Folge die Kritik an „den Kosmopoliten“ in den Mittelpunkt gerückt wird. In Bezug auf theoretische Verweise innerhalb des Buches ist außerdem die Hinwendung zu Peter Sloterdijk und dessen Ausführungen zum Thema „Zorn“ auffällig. Auffällig vor allem deswegen, weil es verwundert, dass dieser zwar für die eigene Beschreibung der rechtspopulistischen Bewegung in Anspruch genommen wird, ohne jedoch auf jene rechtspopulistischen Akteure (prominent bspw. Marc Jongen) einzugehen, welche genau eine solche Beschreibung der gesellschaftlichen Lage auch für sich selbst in Anspruch nehmen. Einerseits ist Koppetsch sehr weit davon entfernt, „den Populismus“ zu verharmlosen und warnt an verschiedenen Stellen des Buches vor einem weiteren Erstarken, andererseits wird den Narrativen von rechts somit erneut Legitimation verschafft. Des Weiteren bleibt es etwas unklar, wie die rechte Bewegung mit Koppetsch abschließend eigentlich einzuschätzen ist. Einerseits schreibt sie, dass diese nicht die „Systemfrage in den Vordergrund stellen“, sondern die Bewegung vielmehr einen kollektiven emotionalen Reflex (auf eine globalisierte Moderne) darstelle (S. 23). Andererseits stellt sie aber fest, dass die Rechtsparteien auf ein „grundsätzliches anderes“ Modell von Gesellschaft hinarbeiten (S. 26) und, dass diese „die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes hinterfragen“ (S. 39).

Insgesamt bietet das Buch von Koppetsch eine interessante Lektüre, welche jedoch gleichzeitig an verschiedenen Stellen durchaus Widerspruch provoziert. So bspw. auch, wenn die Verknüpfungen von extremer Rechte und der AfD in Deutschland eher als marginal gekennzeichnet werden und Koppetsch stark macht, dass vielmehr die „bürgerlichen Kreise“ der AfD-Wählerschaft wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt werden müssten, da diese (für Koppetsch sind dies die „meisten AfD-Anhänger“) sich angeblich „von dem in der Öffentlichkeit besonders sichtbaren rechtsextremen Rand“ distanzieren würden (S. 135). Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen innerhalb der AfD (bspw. das kontinuierliche Erstarken des „Flügels“) ist es jedoch zumindest fraglich, ob eine solche These aufrechterhalten werden kann und ob nicht gerade auch diese „bürgerlichen Kreise“ eine solche radikalere Ausrichtung zunehmend – wenn auch stillschweigend – legitimieren. 


Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
E-Mail Mailformular


Alle 12 Rezensionen von Marian Pradella anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 01.10.2019 zu: Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4838-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25732.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Mitglied der Geschäftsführung (w/m/d), Tübingen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung