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Alain Ehrenberg: Die Mechanik der Leidenschaften

Cover Alain Ehrenberg: Die Mechanik der Leidenschaften. Gehirn, Verhalten, Gesellschaft. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 428 Seiten. ISBN 978-3-518-58730-0. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Thema

Der Titel behandelt neue Forschungsergebnisse der kognitiven Neurowissenschaft, ihre Interpretation und soziale Bedeutung.

Autor

Alain Ehrenberg ist Soziologe. 2001 gründete er das Forschungszentrum für Pharmaka, psychische Gesundheit, Gesellschaft (CNRS-Inserm-Université Paris Descartes), dessen Direktor er bis zu seiner Emeritierung war. 2015 erschien ‚Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart‘ und 2012 ‚Das Unbehagen in der Gesellschaft‘.

Entstehungshintergrund

Das Ziel der kognitiven Neurowissenschaft ist, mittels der Erforschung des Gehirns Erkenntnisse über die Pathologie von Autismus, Depressionen und Psychosen zu gewinnen und mit diesen Erkenntnissen kognitive Behandlungsmethoden zu entwickeln, Emotionen besser zu kontrollieren, verborgene Kapazitäten zu fördern und eine soziale Eingliederung zu erleichtern. Die Frage ist, ob diese neue Wissenschaft die Psychotherapie ersetzen oder ergänzen kann, indem sie mit speziellen Trainingsmethoden dem Patienten hilft, sein ‚verborgene Potenzial‘ zu nutzen und selbstbewusst am sozialen Leben teilzunehmen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in nach der Einleitung in 7 Kapitel:

  1. Exemplarische Gehirne: Von den Leiden des praktischen Subjekts zum Heroismus des verborgenen Potenzials,
  2. Wissenschaftliche Methode und individualistisches Ideal. Die Umwandlung der Affekte von der schottischen Aufklärung zum neuen Individualismus.
  3. Das Gehirn als Individuum, eine Physiologie der Autonomie,
  4. Die soziale Neurowissenschaft oder Wie das Individuum mit anderen agiert,
  5. Die Autonomieübungen: individualistische Rituale zur Wiederherstellung des eigenen moralischen Wesens?,
  6. Sind meine Ideen krank oder ist es mein Gehirn? Neurowissenschaft und Selbsterkenntnis.
  7. Es schließt mit dem Kapitel: Der Ort des Gehirns. Vom neuronalen zum totalen Menschen.

Inhalt

Einleitung: Die neue Wissenschaft des menschlichen Verhaltens

Die Neurowissenschaft sei zu einer sozialen Wissenschaft geworden nicht nur in Bezug auf die Behandlung psychischer Erkrankungen, sondern auch in der Anwendung auf Politik und Pädagogik. Das Gehirn sei ein offenes, sich ständig wandelndes System mit den Funktionen der Antizipation oder Recognition (Wiedererkennen), ein Handlungssimulator und Hypothesenschöpfer und grundlegend für Entscheidungen. Die kognitive Neurowissenshaft verbinde Hirnforschung mit Behaviorismus, Experimental- und Kognitionspsychologie (Verhaltenswissenschaft); sie wecke Erwartungen und Befürchtungen und strebe ein möglichst vollständiges Wissen über den Menschen als denkendes, fühlendes und handelndes Wesen an.

Die Entwicklung gehe von der Psychoanalyse zur Neurowissenschaft. Aktuell seien narzisstische Störungen mit ausgeprägten Gefühlen von Angst und Scham und der Gefahr einer Auflösung der Einbindung in das Soziale. Die Mechanik der Leidenschaften befasse sich mit den biologischen, kognitiven und verhaltenswissenschaftlichen Aspekten der Autonomie und verbinde Natur und Kultur. Während die Psychoanalyse den Menschen an seine Grenzen erinnere, lade die Neurowissenschaft dazu ein, diese zu überwinden. Es gehe darum, trotz einer naturwissenschaftlichen Grundierung soziologische Kollektivvorstellungen, z.B. den zeitgenössischen Individualismus, in die Untersuchungen einzubeziehen. Die Neurowissenschaft habe inzwischen eine moralische Autorität erworben durch Verweis auf soziale Sensibilität, Ideale und Kollektivvorstellungen. 

Zur Untersuchung konstruiere sie ein von seinen Beziehungen abgeschnittenes Individuum, um die Beziehungen zwischen Hirnfunktion und Verhalten zu studieren. Dabei werde weniger nach dem Sinn des Lebens gefragt als vielmehr handlungsorientiert, wieviel Zeit auf die Lösung von Problemen verwendet wird. Dem Ideal unserer Gesellschaft entsprechend gehe es darum, das Individuum trotz Behinderung und Abweichung fähig zu machen, sich zu entfalten, indem ‚Handicaps in Trümpfe‘ verwandelt werden. Es handelt sich um eine auf praktische Aspekte ausgerichtete Anthropologie. Die Forschungswege würden in den folgenden sechs Kapiteln vorgestellt.

Kapitel 1: Exemplarische Gehirne. Von den Leiden des praktischen Subjekts zum Heroismus des verborgenen Potenzials

Es werden „exemplarische Gehirne“ (meist nach Verletzungen (z.B. der Fall Phineas Gage) vorgestellt als Beispiele für die Beziehung zwischen Gehirnfunktion und Verhalten. Dem unter seinen Defiziten leidendenden Subjekt wird das ‚verborgene Potenzial‘ entgegengesetzt. Ein psychiatrischer Patient mit Persönlichkeits- und Verhaltensstörung (ohne motorische und geistige Einschränkungen) ist in seiner Entfaltung behindert, solange er nicht sein verborgenes Potenzial entdeckt und nutzbringend angewandt hat (Hinweis auf Oliver Sacks, den ‚Chronisten des verborgenen Potenzials‘). Der Frontallappen des Gehirns spielt aufgrund der Entscheidungsfunktion eine zentrale Rolle im sozialen Verhalten. Aus der Sicht des Subjekts, dessen Sozialverhalten beschädigt ist i.S. einer Persönlichkeitsstörung (Narzisstische- und Borderline-Störungen), scheinen Emotionen, Entscheidungsfindung und Frontallappenstörung verknüpft zu sein. Häufig finden sich bei Verletzungen dieser Region auch Verantwortungslosigkeit und Mangel an Schuldgefühlen, was auf einen zerebralen Anteil am menschlichen Verhalten hinweist. 

Das Gehirn ist ein dynamisches und aktives Organ, auf Entwicklungen und Veränderungen eingerichtet, und auf ein kohärentes Weltbild und eine stabile Identität. Am Beispiel der Schlafkrankheit und der Parkinson'schen Krankheit wird gezeigt, dass dem Willen Gehirn und Körper nicht mehr als Mittler zur Verfügung stehen. Die Frage ist, wie sich die neurologischen Störungen auf die Selbstwahrnehmung und das schöpferisches Potenzial auswirken und wie Menschen sich trotz der Krankheit im Leben zurechtfinden (Beispiel eines an Tics leidenden virtuosen Schlagzeugers) und ihr verborgenes Potenzial aktivieren können.

Am Beispiel des Autismus, seiner soziale Defizite (Unfähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und eine zentrale Kohärenz zu entwickeln) und Kompetenzen (Konzentration auf Details, ein Vorteil für wissenschaftliches Denken) wird dargestellt, dass die Art der Intelligenz eine andere ist, eine Mischung aus ‚Trumpf und Handicap‘, mit einem verborgenen Kapital, das integriert werden kann.

Kapitel 2: Wissenschaftliche Methode und individualistisches Ideal. Die Umwandlung der Affekte von der schottischen Aufklärung bis zum neuen Individualismus

Die Neurowissenschaft wird in ihrer kulturellen Verankerung und Verwandtschaft zwischen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ideen – unter Hinweis auf Behaviorimus und Verhaltensforschung – dargestellt. Der Unterschied zwischen französischen und schottischen Strategien in der ‚Theorie der ethischen Gefühle‘ (Adam Smith, 1759) wird erörtert: Appell an den Willen oder Steuerung der Affekte. Wie wird ein Gemeinschaftsbewusstsein und Sozialverhalten entwickelt und die Polarität zwischen Altruismus und Egoismus affektiv vermittelt? Ehrenberg beschreibt eine Entwicklung von 1900 -1970 von ‚Social Engineering zur Selbstverwirklichung‘, außen- oder innengeleitet (David Riesman, 1950) nach entweder einem Reiz-Reaktions-Schema der Außensteuerung oder frei von überkommener Autorität, indem die eigene Welt rational und problemorientiert gestaltet wird.

Die Diskrepanz zwischen psychodynamischen therapeutischen Verfahren (Psychoanalyse und Psychotherapie) und psychologischen Techniken der Verhaltenskontrolle und Konditionierung wurde überbrückt, indem der Patient als Partner einbezogen wurde, eigene Präferenzen und Lösungen zu formulieren und entsprechende Kompetenzen zu entwickeln.

Kapitel 3: Das Gehirn als Individuum, eine Physiologie der Autonomie

Das Gehirn ist während des gesamten Lebensspanne fähig sich zu verändern (Konzept der synaptischen Plastizität nach Hebb, 1949). In der neurobiologischen Wissenschaft ist die Gesamtheit des menschliches Subjekts als denkendes, fühlendes und handelndes Wesen Gegenstand der Untersuchung, was Bewusstes, Unbewusstes und Metaphysisches (?) einschließt. Doch wie gründet der Geist in der Materie? Sind Durchbrüche zu erwarten in der Erforschung der Ursachen von Schizophrenie und affektiven Störungen? Ist die Trennung von Neuropathologie und Psychopathologie überwunden? Fragen, ob das Handeln eine motorische Reaktion auf einen Außenreiz oder nach einem inneren Aktivierungsprogramm zustande kommt, nach einem lokalen oder globalen Programm (Problem von Läsion und Funktion) beschäftigten die Wissenschaftler. Die Integration beider Ansätze verbindet Anatomie und Physiologie.

Geistige Fähigkeiten verteilen sich synergetisch und komplementär auf zwei miteinander verbundene funktionale Räume des Gehirns; Diskonnektion führt zu Fehlfunktionen (Pathologien).

Eine Handlung kann äußeren und inneren Ursprungs sein. Reflexhandlungen sind relativ geschlossene Systeme im Gegensatz zur endogenen Tätigkeit im Verfolgen einer Zielvorstellung nach einem inneren Modell.

Lernen schlägt sich in dauerhaften Spuren im Gehirn durch den Mechanismus der synaptischen Übertragung nieder. Aufgrund seiner Plastizität ist das Gehirn in der Lage, seine Organisation den Bedürfnissen des Individuum anzupassen. Aus einer dynamischen Speicherung kann eine dauerhafte Struktur werden, wenn Informationen solche Spuren hinterlassen. Synapsensprossungen können auch Schäden ausgleichen.

Die Neuroplastizität verursacht eine jeweils komplexe Individualisierung des Gehirns: Jedes Gehirn ist einzigartig. Bewußtsein, Emotionen, Urteilsvermögen, Gedächtnis wurden zu Forschungsgegenständen der Neurowissenschaft. Bildgebende Verfahren ermöglichten zu verfolgen, w i e etwas passiert (nicht nur wo). Es entstanden Gehirnatlanten, und es wurde versucht, eine Brücke zwischen zerebralen und mentalen Tätigkeiten zu schlagen. Neue Techniken (Computer-Tomographie, Positronen-Emissions-Tomographie) zeigen lebendige Tätigkeiten innerhalb einer Struktur an. 

Mit dem Scan kam es zu einer Datenschwemme; die Gehirnbanken wurden zu Datenbanken, die über den Computer sowohl die Region als auch die Aktivität des Gehirns darstellen konnten. Mithilfe der Neuroinformatik ließen sich heterogene Datenmengen (aus Psychologie, Neurophysiologie, Soziodemographie) verarbeiten. Die Suche nach dem Modell eines ‚Normalhirns‘ führte zur Beziehung zwischen dem Infra-Individuellen und der statistischen Normalverteilung in der Gesamtbevölkerung.

Bildgebende Verfahren zeigten, es gibt keine Hierarchie im menschlichen Gehirn. Sie zeigen das ‚Wie‘ der Tätigkeit, aber noch keine Kausalbeziehungen. Es geht nicht mehr um Krankheitsbilder und Syndrome (Depression, Schizophrenie), sondern um beobachtbare Dimensionen des Verhaltens und Möglichkeiten der Intervention und um eine Integration von Biologie, Psychologie, Molekulargenetik, Neuroanatomie und Neuropsychologie. Psychische Störungen werden als Gehirnstörungen verstanden, als Beeinträchtigungen von neuronalen Schaltkreisen (Diskonnektionssyndrome).

Die Entwicklung von der Neuropsychologie zur synaptischen Plastizität hat das Gehirn individualisiert und personifiziert, aber auch entindividualisiert durch die Schaffung eines bevölkerungsbezogenen, probabilistischen und digitalisierten Gehirns. Der Organismus, und auch das Gehirn, verfügt über Ressourcen, damit das Individuum eine Lösung für seine Probleme finden und krankheitsbedingte Einschränkungen kreativ überwinden kann.

Kapitel 4: Die soziale Neurowissenschaft oder wie das Individuum mit Anderen agiert

Es werden Fragen gestellt wie: Revidieren die Konzepte der Neurowissenshaft unsere Vorstellungen von Schuld und Verantwortung? Können sie – angewandt – bewirken, unser Verhalten verlässlicher zu machen? Es handelt sich dabei um verhaltenswissenschaftliche Anwendungen i.S. einer Verhaltensökonomie. Individuelle Autonomie wird angestrebt durch Selbstmotivierung und Selbstdisziplin, wobei die Arbeit an den Emotionen und Affekten im Mittelpunkt steht. Das Soziale, als etwa spezifisch Menschliches, hat neben der biologischen auch ein spezifische Formung durch die Umwelt. Die Möglichkeit, dass die Handlungen der anderen entschlüsselt und beeinflusst werden können, ist gegeben durch eine ‚Kultiviertheit‘ in den Umgangsformen i.S. einer emotionalen und kognitiven Empathie mit einen Bezug auf sich selbst und den Anderen; die erstere fehlt bei Frontallappenläsionen, die zweite eher bei autistischen Erkrankungen.

Durch entsprechende Versuchsanordnungen konnten bei Borderline-Patienten Defizite in der Regulation negativer Gefühlszustände in sozialen Kontakten beobachtet werden und ein Mangel an Empathie. Wenn der anatomische Kompaß im präfrontalen Kortex fehlt, treten soziale Behinderungen auf; es fehlt dann eine ‚theory of mind‘, die die subjektive Perspektive des Anderen – im Guten wie im Bösen – berücksichtigt. Die Unterscheidung zwischen Selbst und Nichtselbst/dem Anderen ist seit der Erforschung der motorischen und sensorischen Spiegelneuronen die Voraussetzung – auch unbewußt – wahrzunehmen, was in dem anderen vor sich geht. Zur Verhaltensökonomie gehört die Regelmässigkeit und das Vertrauen in Fairness und Kooperation. Kognitive Verzerrungen, wie sie in den Fehlleistungen stattfinden, sind nach Freud durch das Unbewusste bestimmt und insofern motiviert. Kognitionswissenschaftler betonen hingegen die kognitiven Verzerrungen der (inneren) Wahrnehmung und nicht so sehr die Ambivalenzen. ‚Kognitive Verzerrungen‘ (Kahnemann, 2002) beeinflussen die Entscheidungsfindung insbesondere bei schnellem und intuitivem Denken (System 1), das Ehrenberg vom System 2 ) unterscheidet, das Impulse kontrolliert, um parteiliche, emotionale Verzerrungen auszuschalten. Zu Verzerrungen führt auch der Trägheitsfaktor, an bestimmten Gewohnheiten festzuhalten; Standardoptionen erleichtern die Entscheidungsfindung, da sie sie so leicht wie möglich machen.

Kapitel 5: Die Autonomieübungen: individualistische Rituale zur Wiederherstellung des eigenen moralischen Wesens?

‚Kognitive Remedition‘ ist seit den 1980er Jahren eine neurowissenschaftliche Methode zur Behandlung von Geisteskranken. Sie beinhaltet ‚Rehabilitation‘ und ‚Wiedergesundung‘, bei denen es im Kern um Autonomieübungen geht. Sie fußt auf der Annahme des verborgenen Potenzials, versteht die Krankheit als Trumpf und Handicap gleichzeitig, macht den Kranken zu einem moralischen (verantwortlichen) Partner und weist dem Therapeuten die Rolle eines Coaches zu. Gesucht wird nach den geeigneten Mitteln, negative Affekte in positive umzuwandeln. Unvermögen wird als Andersbefähigung verstanden und durch Antrainieren positiver Gewohnheiten eine Ausdehnung des Handlungsfeldes in Richtung Verständnisfähigkeit angestrebt. Erhaltenes Potenzial und Selbstachtung sollen zur Geltung gebracht werden, indem der Patient Kontrolle über sein Leben gewinnt. Dazu helfen auch Medikamente, Therapie, Selbsthilfegruppen und Freunde.

Nach dem Exodus der Patienten aus den psychiatrischen Anstalten in den 70er Jahren ging es um das Funktionieren in der Gesellschaft, um soziale Interaktionen, bei denen manche, wie sich zeigte, über ein sehr kreatives Potenzial verfügten. Die Entwicklungsneurologie eröffnete therapeutische Perspektiven für neue neuronale Verknüpfungen, die sich bei der kindlichen Gehirnentwicklung nicht hergestellt hatten, für die Entwicklung kognitiver und emotionaler sozialer Kompetenzen. Die ‚Stimmen‘ wurden als Träger von Bedeutungen aufgefasst (nützlich für die Behandlung) und als eine Möglichkeit der problemorientierten Kommunikation. Der fähige Patient wird zum Urheber seiner eigenen Veränderung, indem die behindernde Situation verändert wird und sich der Patient als Individuum emanzipiert. Sozialkompetenztraining und veränderte Rollenzuschreibung machen den Patienten nicht nur zum Partner, sondern auch kognitions- und verhaltensbezogen zum Hauptagenten seiner eigenen ‚Genesung‘.

Die kognitive Psychologie unterscheidet zwischen bewussten, kontrollierten und unbewussten, automatischen Kognitionsprozessen. Erstere sind bei schizophrenen Patienten gestört. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lernen, Begriffsbildung, Planungsfähigkeit, Verhaltenskontrolle, gedankliche Flexibilität sind verzerrt und führen zu Fehleinschätzungen. Insbesondere ist die Wahrnehmung der Emotionen betroffen. Ein Kognitionstraining auf der biologischen Grundlage des Denkens und Fühlens vermittelt dem Patienten Erfahrungen, die zu einer Verbesserung der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Problemlösungsfähigkeit verhelfen. Steht die Kommunikationsstörung im Mittelpunkt mit der Schwierigkeit ‚Kontextsignale‘ und ‘soziale Codes‘ zu verstehen, – Beeinträchtigung von Kontextualisierungsprozessen, – geht es zunächst darum, die Reaktionsstrategie zu verstehen und, wenn diese mangelhaft ist, eine Verbesserung zu erreichen, z.B. durch ein virtuelles wiederholtes Spiel. Kompetenz und Motivation verstärken sich gegenseitig. Verbunden mit dem Neurofeedback (Mentaltraining und Coaching) werden individuell neue Strategien erlernt zur Verbesserung von Gesundheit und Leistungsvermögen.

Die kognitive Verhaltenstherapie ist inzwischen nicht mehr auf die Korrektur von Symptomen, sondern auf eine Neustrukturierung ausgerichtet.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Ehrenberg dem ‚digitalen Coach‘, mit dem über einen ‚Sozialroboter‘ und Trainingsprogramme, die Interaktionen simulieren, neue Perspektiven eröffnet werden. Die Vorstellung ist, dass dabei ‚Emotionen wie im wirklichen Leben‘ ausgelöst werden durch Aufgaben, die auf die Komplexität des sozialen Lebens – untergliedert nach Gefühlserkennung, Intentionszuschreibung z.B. – ausgerichtet sind. Ein eigens dafür hergestellter ‚affektiver‘ Roboter pflegt mit jeder Person einen anderen Stil; er ersetzt bei Kindern die Nische zwischen unbelebtem Spielzeug und lebendigen Sozialwesen-Umgang.

Die Utopie eines ‚World Wide Brain‘ – Psychologie für alle im Netz – enthält Verhaltensprognosen (Risikofaktoren für das Ausbrechen einer Psychose, frühe Hinweis auf eine Zerrüttung des Denkens) und Trainingspraktiken orientiert an einer kognitiven Verhaltenstherapie ohne menschliche Unterstützung. (Ausführlich dargestellt wird die bereits erprobte Apple-Anwendung Siri bei ein Kind mit Autismus, oder Avatare, – Techniken, die den Psychotherapeuten ersetzen.) Grenzen gibt es allerdings bei Aufgaben, die nicht digitalisiert werden können, wie die Empathie des Therapeuten bei ambivalenten Gefühlen und Übertragungen.

Das Verhalten eines Menschen verknüpft mit der Physiologie beschreibt eine funktionalistische Dynamik, die der Komplexität des Menschen Rechnung trägt und seiner Fähigkeit zu interner Modifikation. Das kognitive Training wird bilanziert, eine vergleichende Meta-Analyse der Interventionen findet statt und eine Untersuchung der Gehirnaktivitäten bei der gestellten Aufgabe. Das Fernziel des personalisierten KT(kognitives Training)-Programms ist, speziell individuell konzipierte Programme anzubieten, die auf die Beeinträchtigungen zielen und an Veränderungen arbeiten. Verglichen wird das Training mit dem eines Musikers, d.h. es ist nichts Minderwertiges bei der Annahme neuer Gewohnheiten oder Festigung eines bestimmten Verhaltens, das Symptome reduziert, um sozialen Ansprüchen gerecht zu werden. Das Individuum wird befähigt, seine Krankheit/Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen und das verborgene Potenzial zu aktivieren: Die Betroffene arbeiten später häufig in psychiatrischen Institutionen, wo ihre Qualitäten als Genesungsbegleiter von Nutzen sind. Aber auch künstlerische Tätigkeiten (Schreiben, Zeichnen, Malen, Bildhauern) und das Bilden von Neologismen sind Mittel, die subjektive Erfahrung mitzuteilen. Warum das Leid bei dem einen nach außen projiziert, bei dem anderen verinnerlicht wird, ist nicht das Problem, sondern wieweit man am sozialen, gemeinschaftlichen Leben teilnehmen kann und die kollektiven Erwartungen erfüllt. Das Trainieren ist allerdings nicht alles, sondern es muss auch verständlich gemacht werden durch Orientierungspunkte: dabei stehen kognitiv-verhaltensorientierte und psychodynamische Aspekte nicht zwangsläufig im Widerspruch.

Kapitel 6: Sind meine Ideen krank oder ist es mein Gehirn? Neurowissenshaft und Selbsterkenntnis

Neurowissenschaft versucht das Handelns zu erleichtern und Selbstvertrauen zu stärken. Die Spannung zwischen psychoanalytischer und neurowissenschaftlicher Sichtweise wird anhand von drei Fallstudien aufgezeigt. Selbstvertrauen setzt voraus, sich über seine Wünsche im Klaren sein. Das Subjekt erkennt sich in seiner Krankheit und dessen Ursachen nicht wieder, was zu Verwirrtheit und Verzweiflung führt. Schreiben ermöglicht seine Erfahrungen mitzuteilen. Der Patient wird damit zum Partner einer Behandlung, was an zwei ausführlichen Beispielen (die Schriftstellerin Siri Hustvedt und der Komponist Allen Shawn) gezeigt wird, die eine Stärkung des Selbstvertrauens und eine Bewältigung des Alltags nach einer Phase der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit beschreiben. Das Symptom wird als eine Kompromisslösung verstanden, die die Autonomie einschränkt und nach den neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen durch ein verhaltenstherapeutisches Training partiell behoben wird, indem der Patient z.B. im Fall Siri Hustvedt lernt, im Alltag mit einer Spaltung zu leben.

Ehrenberg beschäftig sich dann mit dem Phänomen, woher wir wissen können, wie es sich anfühlt, ein Anderer zu sein? Wie werden Informationen des Anderen aufgenommen und verarbeitet? Am Beispiel der Doppelgänger-Illusion geht er auf die Identitätsagnosie ein, eine Verkennung der anderen Person, wenn z.B. Gesichtsinformationen nicht mehr erkannt oder falsch gedeutet werden. Das kann durch eine Fehlwahrnehmung, aber auch durch eine falsche Interpretation ausgelöst sein. Anhand von literarischen Veröffentlichungen wird beispielhaft aufgezeigt, das diese sich an der Grenze zwischen Neurologie und Psychiatrie bewegen.

Ehrenberg beschreibt die zwei großen Strategien zur Wiederherstellung von sozialen Kontakten: Trainieren und Verständlichmachen, beide haben Grenzen ihrer Reichweite. Neuronale Plastizität ermöglicht durch Wiederholungen das Einüben neuer Rituale bei Verhaltenstherapien, psychoanalytische Therapien hingegen stellen Fragen nach der unbewussten Bedeutung (Absicht) der Symptome und eröffnen neue Konfliktlösungsmöglichkeiten. Handlungsmacht gewinnen durch Umwandlung von Symptomen oder Verständlichkeit durch Interpretation sind keine Gegensätze, sondern dienen dem Ziel der Gewinnung von Autonomie, die sowohl über Reflexions- als auch Handlungsfähigkeit verfügt.

Abchluss: Der Ort des Gehirns. Vom neuronalen Menschen zum totalen Menschen.

Neurowissenschaft und kognitive Verhaltenswissenschaft versuchen beide der Sozialkompetenz ein solides Fundament zu verschaffen. Der Wert der heute der Individualität und Autonomie gegeben wird, stellt Erwartungen an das Handeln des Subjekts, das dieses durch übertriebene, als auch durch unzureichende Selbstkontrolle nicht sozialkompetent erfüllen kann. Indem das Individuum Wert schöpft, erhöht es auch seinen eigenen Wert. Auf diese Weise können auch die verborgenen Potenziale eines auf den ersten Blick durch Handicaps eher behinderten Menschen zu einer Ressource werden, die konkret in eine Praxis umgesetzt soziale Anerkennung findet. Durch neurobiologische Methoden wird die Plastizität des Gehirn genutzt, um fehlende soziale Kompetenzen zu entwickeln. Das Ziel ist, auch Patienten mit Störungen wie Psychosen, Autismus und Tics ein weitgehend autonomes Leben zu ermöglichen, indem vorhandene Ressourcen aktiviert und genutzt werden. Dabei geht es nicht darum, den Geist auf das Gehirn zu reduzieren, sondern die Erkenntnisse der Hirnforschung im Geflecht von biologischen, psychologischen und sozialen Aspekten in der Psychotherapie zu berücksichtigen. Auch wenn zu Untersuchungszwecken Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie in der Untersuchungsmethodik als getrennte Modalitäten erscheinen, Im Menschen selbst sind sie vereint.

Diskussion

Der Autor vertritt mit diesem Buch drei Anliegen: einmal der Neurowissenschaft und ihren Ergebnissen Anerkennung zu verschaffen, zweitens ihre Erkenntnis zu verbinden mit denen der Psychologie, vorranging der Psychoanalyse, und dritten mit denen der Soziologie, und damit den Menschen in seiner Gesamtheit in die Untersuchung einzubeziehen. Das Anliegen ist, dem verborgene Potenzial gerade von Menschen, die als Kranke und Randständige behandelt und ausgegrenzt wurden, zu entdecken und an ihrer Einbindung in die Gesellschaft zu arbeiten, eine Einbindung, die nicht auf Unterstützungsleistungen beruht, sondern auf einer realistischen Anerkennung ihres – früher oft unentdeckten und verborgenen – Potenzials. Das Anliegen ist nicht Spaltung, auch wenn diese methodisch zu Untersuchungszwecken notwendig ist, sondern ein Zusammenführen der Ergebnisse aus den verschiedenen Einzeldisziplinen, um dem Wünschen und Forderungen eines Menschen, sich in einer auf Autonomie und Individualität ausgerichteten und sich globalisierenden Welt zu behaupten, gerecht zu werden.

Es gibt einzelne Formulierung, die man auch kritisch sehen kann, weil sie über das Ziel hinausschießen und zu viel versprechen. Das mindert nicht den Wert dieser, leider nicht leicht lesbaren Veröffentlichung, die in einer verständlicher geschriebenen Fassung für alle Berufe wichtig sind, die mit Menschen arbeiten, die unter ihren realen oder nur eingebildeten Handicaps leiden und ihre verborgenen Ressourcen noch nicht entdeckt haben. Das Buch, und die vielen Beispiele, können Hoffnungen wecken, nicht unbegrenzte, aber doch Hoffnungen auf Heilungs- oder Verbesserungschancen, u.a auch durch eine veränderte gesellschaftliche Einstellung gegenüber psychisch Kranken.

Dass, und dieser Aspekt ist nicht erwähnt, mit den kognitiven Methoden auch Unheil angerichtet werden kann ( i.S. von Missbrauch und Gehirnwäsche) und dass sie auch nicht das Allheilmittel für alle Störungen sein können, versteht sich von selbst. Auch diese Forschungsergebnisse werden in der praktischen Umsetzung an Grenzen stoßen, die wiederum neue Fragen aufwerfen.

Eine etwas kleinere Ausgabe mit nur wenigen Beispielen und praktischen Hinweisen könnte hilfreich sein für die zahlreichen Menschen, die im sozialmedizinischen Bereich engagiert tätig sind.

Fazit

Nicht leicht lesbar, aber lesenswert, weil Vorurteile ausgeräumt und neue Perspektiven zur Behandlung von spezifischen Krankheiten erörtert werden. Die angewandten Behandlungsmethoden stellen allerdings auch neue soziale und ethische Fragen stellen, z.B. was wir unter dem ‚sozialen Menschen‘ (ist das z.B. der Angepasste?) verstehen, Fragen die nicht die Wissenschaft beantworten kann, sondern die, weil nicht nur individuell sondern auch gesellschaftlich relevant, öffentlich diskutiert und beantwortet werden müssen.

 


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 02.08.2019 zu: Alain Ehrenberg: Die Mechanik der Leidenschaften. Gehirn, Verhalten, Gesellschaft. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-58730-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25733.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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