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Gideon Botsch, Jan Raabe u.a.: Rechtsrock

Cover Gideon Botsch, Jan Raabe, Christoph Schulze: Rechtsrock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs. be.bra Verlag (Berlin) 2019. 432 Seiten. ISBN 978-3-95410-229-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Die Ortschaften Ostritz (Sachsen) und Themar (Thüringen) beheimaten jeweils knapp 3.000 EinwohnerInnen, haben aber trotz ihrer überschaubaren Größe mittlerweile bundesweite Bekanntschaft erlangt. Bereits mehrfach wurden beide Ort zum Mekka des Rechtsrock und vereinten so die rechtsradikale Szene unter einem Konzertdach. Damit bilden sie den Höhepunkt einer 30-jährigen Tradition, in der rechte Musik als Klammer zwischen allen Strömungen des Rechtsradikalismus dient. Mit dem Sammelband von Botsch / Raabe / Schulze wird erstmals eine umfassende Analyse und Bestandsaufnahme der Szene, ihrer Verbreitung und der Funktion des Rechtsrocks in der rechten Szene vorgelegt.

Herausgeber und AutorInnen

Die Herausgeber Gideon Botsch und Christoph Schulze sind als Leiter bzw. Mitarbeiter der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle des Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam tätig. Jan Raabe arbeitet als Referent für den Verein Argumente & Kultur gegen rechts in Bielefeld. Die weiteren AutorInnen des Bandes entstammen unterschiedlichen Disziplinen und Zugängen zum Thema. Thorsten Hindrichs als Musikwissenschaftler, Gesa Köbberling als Psychologin, Nikolai Okunew als Historiker und Cynthia Miller-Idriss als Soziologin präsentieren so unterschiedliche Perspektiven auf das Thema Rechtsrock.

Entstehungshintergrund

Der Band bildet den Auftakt der „Potsdamer Beiträge zur Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung“, die an der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus entstehen. Vorausgegangen ist dem Band eine umfangreiche Sammlung rechtsextremer Musik und ihrer Performanz durch den Verein Argumente & Kultur gegen rechts sowie einer anschließenden Transkription einer Liedtextsammlung, die allen AutorInnen zur Verfügung gestellt wurde. Damit besitzt der Sammelband eine umfangreiche Quellenbasis, die durch die Arbeit der jeweiligen AutorInnen erweitert wurde.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband vereint unterschiedliche Zugänge zum Thema Rechtsrock und geht dabei an einigen Stellen weit über den im (Unter-)Titel angesprochenen Untersuchungsgegenstand hinaus. Christoph Schulze nimmt im ersten Beitrag am deutlichsten Bezug zum Untertitel des Bandes, da er sich explizit dem Land Brandenburg – beziehungsweise durch den Einbezug der Geschichte der DDR den Bezirken Cottbus, Frankfurt/Oder und Potsdam – widmet. Er stellt als zentrales Ereignis die Gründung der Band „Hammerschlag“, die erste Rechtsrockband in der DDR, dar. Nicht nur in dieser Hinsicht betritt der Beitrag damit Neuland. Davon ausgehend führt der Autor in die Szene des Rechtsrock der letzten 30 Jahre ein.

Der zweite Beitrag von Michael Weiss akzentuiert deutlicher die Jahrtausendwende, indem die institutionelle und strukturelle Einbindung des Rechtsrock in der rechtsmilitanten Szene ausgeleuchtet wird; wiederum unter dem Fokus auf das Land Brandenburg. Zentral wird dabei die Rolle von Blood & Honour untersucht. Gerade aufgrund der Tatsache, dass der NSU-Untersuchungsausschuss des Landes Brandenburg parallel zum Druck des Sammelbandes seinen Bericht vorgelegt hat, sind die dargelegten Verbindungen zwischen dem NSU und Blood & Honour erkenntnisreich.

Damit ist auch der Bogen zum folgenden Beitrag von Gideon Botsch geschlagen. Dieser befasst sich intensiv und detailliert mit dem Einsatz von V-Leuten durch den Verfassungsschutz in Brandenburg. Anhand des Falles „Piatto“ zeigt Botsch, welche Problematiken der Einsatz von V-Männern haben kann. Denn die Unterstützung durch die Sicherheitsbehörden habe „zur Stabilisierung der rechtsextremen Musikszene bei[getragen].“ (170). Selbst in Haft konnte der V-Mann Piatto weiter für die rechte Szene werben und Strukturen aufbauen. Trefflich ist da Botschs Fazit: „Die Ziele der Strafhaft im demokratischen Rechtsstaat, insbesondere die Resozialisierung von Straftätern, werden durch das Wirken-Lassen rechtsextremer Agitation konterkariert.“ (171). Parallelen zum NSU sind augenscheinlich und werden auch vom Autor dargelegt. Mit der Enttarnung Piattos im Jahr 2000 ist zwar ein stärkeres Misstrauen in der rechtsextremen Szene festzuhalten, im großen Umfang spielt die Frage nach Beobachtung und Infiltrierung durch Sicherheitsbehörden aber keine Rolle. Wichtiger scheint aber die Kritik am V-Mann Prinzip, für die das Land Brandenburg und sein Vorgehen in den 1990er- und 2000er-Jahren gehaltvolle Beispiele liefert, indem Straftaten geduldet statt verfolgt werden und Strukturen unterstützt werden, welche die Abschaffung der Demokratie zum Ziel haben. Wenn Verfassungsschutzbehörden Informationsgewinnung über Demokratieschutz stellen, scheint ihre Aufgabengewichtung zumindest hinterfragbar.

Mit einem weithin tradierten Bild räumt Thorsten Hindrichs auf. Spätestens seit der 2004 erschienenen „Schulhof-CD“ der NPD hält sich hartnäckig das Denkmuster von der „Einstiegsdroge Rechtsrock“. Dieses kann Hindrichs anhand einiger ausgewählter Beispiele widerlegen bevor er zu seinem (an dieser Stelle vorweggenommenen) Fazit kommt: „Nazis 'machen' Rechtsrock, weil sie Nazis sind“(193). Anhand einer musikwissenschaftlichen Untersuchung auf der bild-, sprach- und klangtextlichen Ebene zeigt der Autor die Facetten des Rechtsrock, und seine szenestabilisierende Funktion. Wie elementar das notwendige Wissen über den Kontext häufig ist, illustriert er an in einigen Fällen. Hindrichs Beispiel des Liedermachers Frank Rennicke ist hier maßgebend, wenn es sich um die „im Rechtsrock gängige Personalunion von Musiker und politischem Akteur“(191) handelt.

Wie Bilder aus Osmaritz oder Themar unverkennbar zeigen, gehört zum szenetypischen Auftritt die entsprechende Kleidung. Trotz zwischenzeitlichen Sitz in Dubai ist die mittlerweile wieder in Brandenburg beheimatete Marke Thor Steiner hier marktführend. Der Erfolg der Marke, obwohl bei Rechtsrock-Events weitverbreitet, beruht dabei aber auch der Tatsache, dass Jugendliche in Brandenburg diese nicht als szenetypisch wahrnehmen. Dies können die Autorinnen Annett Gräfe-Geusch und Cynthia Miller-Idriss anhand durchgeführter Einzelinterviews zeigen. Häufig offenbart sich dahinter aber nicht etwa Unwissen über die ideologische Verortung der Marke, sondern vielmehr bewusste oder unbewusste Rechtfertigung des Tragens.

Mit der Untersuchung des National Socialist Black Metal (NSBM) geht Nikolai Okunew einem eher als Randphänomen verortbaren Teil der Rechtsrockszene nach. Ausgehend vom Einfluss der norwegischen Black Metal Szene, die das „Spiel mit den verschiedenen Extremen – unter anderem Satanismus, Stalinismus und Faschismus“ (218) als Provokation einführte, entwickelte sich gerade in Ostdeutschland nach 1990 ein Black Metal Publikum, das alsbald eine (nicht unumstrittene) Annäherung an die Skinheadszene vollführte. Ideologische Kohärenzen in Neuheidentum und gewaltaffiner Ästhetik wurden Katalysator für eine Politisierung der Musik. Obwohl der NSBM zumeist unter sich bleibt, kann der Autor anhand des „Under The Black Sun Festival“ den Umgang der Szene mit teilweise offenen rassistischen und neonazistischen Fällen aufzeigen, bei der die Grenzen zwischen Schwarz und Braun immer mehr verschwinden. Nicht unerwähnt bleibt dabei, dass das Festival selbst versucht sich mittlerweile als weltoffenes Event zu inszenieren, was der Autor mehr als Wunsch denn als strikte Linie sieht, sich vom rechten Image wegzubewegen.

Maica Vierkant widmet sich in ihrem Beitrag der ikonographischen Komponente des Rechtsrock, in dem sie die Cover und Booklets der Rechtsrock-CDs untersucht und wiederkehrender Motive herausarbeitet. Eine Vielzahl der Booklets steht dabei in der Tradition des Nationalsozialismus. Gewaltaffinität, NS-Propaganda und Zweiter Weltkrieg sind aus dem Artwork nicht wegzudenken und werden ergänzt durch die Darstellung von Elementen aus der nordischen Mythologie und der Verwendung antisemitischer Stereotype. Mehr oder minder deutlich stellen sich die Bands so in die direkte ideologische Tradition des Nationalsozialismus. Ziel dieser Art der Bookletgestaltung bleibt aber immer, auf die Inhalte der Texte zu verweisen und so eher Interesse für diese zu wecken.

Die weiteren – hier nicht im einzelnen besprochenen – Beiträge des Bandes befassen sich mit der weltanschaulichen Verortung des Rechtsrock, wobei Antisemitismus, Frauen- und Männerbilder, Gewaltaffinität sowie die Kontinuitäten zum Nationalsozialismus betrachtet werden. All diese Elemente sind nahezu essentiell für den Rechtsrock. Antisemitismus ist im (Brandenburger) Rechtsrock dabei nicht nur allgegenwärtig sondern nahezu notwendiger Teil der „Selbstvergewisserung“ der Zugehörigkeit zur rechten Szene. Er äußert sich dabei in unterschiedlichen Facetten, wie Antijudaismus, Antizionismus, Rassismus und sekundärem Antisemitismus. So bildet dieser eine Klammer um nahezu alle rechten Bands und Liedermacher.

Geschlossen wird der Band durch einen Beitrag über die „Erfolgsbedingungen und Grenzen zivilgesellschaftlicher Intervention am Beispiel Finowfurt“ von Christin Jänicke. Die Autorin kristallisiert dabei sowohl Erfolgsbedingungen als auch Hindernisse für erfolgreiche Proteste gegen Rechtsrockkonzerte heraus. Eine der größten Herausforderungen – und dies mag auch aktuell für die Konzerte in Ostritz und Themar gelten – ist die Abhaltung der Rechtsrockkonzerte im ländlichen Raum. Mühsam aufgebaute zivilgesellschaftlich-staatliche Kooperationen können gerade in peripheren Regionen aufgrund wegbrechenden Engagements von Einzelpersonen schnell versiegen. „Kontinuierliches Engagement und ein unabhängiges zivilgesellschaftliches Wirken“ (352) sowie stete Vernetzung in überregionalen Initiativen sind zwar keine Garantien für den Erfolg demokratischer Gegenbewegungen; bleiben diese allerdings aus, hat die Rechtsrockszene leichtes Spiel.

Diskussion

Positiv anzumerken ist, dass der Band sich weder an starre Genre- noch an methodische Grenzen hält. Er begreift Rechtsrock längst nicht nur als Musikrichtung, sondern verortet ihn als Ausdruck einer antidemokratischen Szene, der es unter Zuhilfenahme der Musik gelingt das eigene Weltbild zu verbreiten, sich selbst der Szenezugehörigkeit zu vergewissern und daneben Einnahmen durch Konzerte, Plattenverkauf und Merchandise zu generieren.

Zudem zeigt insbesondere der Beitrag von Hindrichs, dass popkulturelle Anleihen im Rechtsrock die Grenzen zwischen beiden Genres auf den ersten Blick nicht erkennen lassen – gleiches gilt für den NSBM-Bereich. Erst eine fundierte Auseinandersetzung mit szeneinternen Codes, Bandnamen und Bandlogos zeigt, wo Musik und Ideologie Hand in Hand gehen. Umfassende Hinweise und Strategien zu eben dieser Auseinandersetzung liefert der Band.

Nahezu als Understatement ist daher der Titel des Bandes zu werten. Auch wenn Brandenburg als lokales Zentrum herausgestellt wird, greifen die Autorinnen und Autoren weit darüber hinaus, in dem sie die bundesweite und internationale Szene entsprechend einbeziehen. Dadurch gewinnt der Sammelband sowohl für die wissenschaftliche Forschung als auch für die demokratische Zivilgesellschaft an großer Relevanz.

Als umfassend erweist sich auch die im Anhang beigefügte Diskographie, die nicht nur Auskunft über die Vielzahl rechtsextremer Bands und Tonträger gibt, sondern zudem die Verbindungen und häufigen Doppelbesetzungen innerhalb der Bands anführt. Dass sich hier auch Interpreten wie der NS-Rapper „Rapvolution“ finden, zeigt, welchen Wandlungen die Rechtsrockszene mittlerweile unterliegt, da sie längst auch andere Subkulturen versucht zu integrieren und rechtem Gedankengut auf vielfältige Weise Ausdruck zu geben versucht.

Fazit

Der Sammelband verortet das Thema Rechtsrock in den ideologischen, historischen, regionalen sowie globalen und popkulturellen Linien, gibt Auskunft über die mitunter fragwürdigen Methoden der Sicherheitskräfte auf dem Gebiet und versammelt unterschiedliche Zugänge zum Thema. Gerade weil Rechtsrockevents und die Berichterstattung darüber aktuell einen größeren medialen Raum einnehmen, ist dieser Sammelband als tiefergehende Analyse des Phänomens sehr zu empfehlen. Ihm kann man nur wünschen, dass er umfassend zur Kenntnis genommen wird.


Rezensent
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 28.08.2019 zu: Gideon Botsch, Jan Raabe, Christoph Schulze: Rechtsrock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs. be.bra Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-95410-229-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25738.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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