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Stephan Schlenker, Christian Reutlinger: Du musst sie akzeptieren

Cover Stephan Schlenker, Christian Reutlinger: Du musst sie akzeptieren. Aufsuchende und Akzeptierende Jugendarbeit aus der Perspektive Franz Josef Krafelds. Frank & Timme (Berlin) 2019. 214 Seiten. ISBN 978-3-7329-0560-7. D: 26,80 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 40,20 sFr.
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Thema

Die aufsuchende und akzeptierende Jugendarbeit geht in Deutschland auf Franz Josef Krafeld zurück und ist ein sozialräumlicher und lebensweltorientierter Ansatz, der gegen Ausgrenzungsgefährdung und Teilhabebeschränkung junger Menschen wirkt. Gerade vor dem Hintergrund von Radikalisierung und fremdenfeindlichen Einstellungen junger Menschen sind die aufsuchenden und akzeptierenden Ansätze aktuell. Dabei ist die Wahrnehmung ihrer konzeptionellen Genese eng verwoben mit ihrer Gründergestalt.

Herausgeber

  • Stephan Schlenker ist Dozent für Soziale Arbeit an der FHS St. Gallen (Schweiz).
  • Christian Reutlinger leitet das dortige Institut für Soziale Arbeit IFSA-FHS und ist Professor für Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit im Bereich Forschung.

Aufbau

Die Veröffentlichung strukturiert sich in zwei Abschnitte.

  1. Interviewausschnitte zu Biografie und Motivation Franz Josef Krafelds.
  2. Die Diskussion seiner wesentlichen Werke anhand aktueller sozialräumlicher Theorien.

Inhalt

Der Interviewteil gliedert sich thematisch in die sieben Abschnitte

  • Heranbilden und Aufwachsen;
  • Akzeptieren;
  • Männlichkeit und Weiblichkeit;
  • Studium, Diplom und Dissertation;
  • Professionsentwicklung und Übertragbarkeit;
  • Haltung und Umgang mit Entwicklungen;
  • Vater sein und tanzen, tanzen, tanzen.

Ergänzt werden diese narrativ-biografischen Splitter durch Explikationen und Kontextualisierungen, unterlegt mit klassische Krafelds Gedankenwelt prägende Textpassagen aus Erziehungswissenschaft und politischer Bildung.

Die Diskussion der Hauptwerke kreist um die Begriffe Aufsuchen, Akzeptieren, Raum geben und Grenzen setzen.

Beim ersten kommentierten Text handelt es sich um die Veröffentlichung Cliquenorientierte Jugendarbeit. Abgedruckt sind Textstellen zum allgemeinen Grundverständnis akzeptierender Arbeit, die auf den gleichsam dargestellten Reflektionen und Erfahrungen der beteiligten Studierenden aus der Kooperation zwischen Hochschule und Praxis zum Aufbau eines Jugendclubs mit rechtsorientierten Jugendlichen und zwei vergleichbaren Projekten basieren.

Die kommentierenden Erläuterungen Reutlingers stellen den sozialräumlichen Bezug über das Setting akzeptierender Arbeit, wie Krafeld es beschreibt, in den Mittelpunkt und kommt damit zum Thema des „Raum Gebens“. Seine Kommentare schließt er mit kritischen Fragen, denen sich Krafeld selbst stellt, indem er auf Definition und Abgrenzung von Akzeptanz eingeht. Seine Position verteidigt er anhand der vorgestellten Projekterfahrungen.

Einleitend zu den Textausschnitten aus „Die Praxis akzeptierender Jugendarbeit“ führt Reutlinger eine biografische Kontextualisierung der Entstehung des Werkes an. Die Textausschnitte fokussieren die Abgrenzung zu aufklärungsorientierten Ansätzen, das Akzeptieren, Grenzen Ziehen und den Umgang mit aggressionsbereiten jungen Menschen. Im Kommentar wird die von Krafeld thematisierte Grenze der Akzeptanz raumtheoretisch aufgegriffen und Soziale Arbeit als „grenzbearbeitende Wissenschaft“ (S. 162) charakterisiert und damit die Notwendigkeit des Nicht-Akzeptierens gegenständlich gemacht. Krafeld antwortet mit einem dynamischen Verständnis von Grenzen als „Lernprovokationenen“ (S. 164).

„Grundlagen und Methoden aufsuchender Jugendarbeit“ wird als Standardwerk der mobilen und aufsuchenden Jugendarbeit verstanden, das in die durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork und Mobile Jugendarbeit sowie die entsprechenden Landesgremien formulierten Fachstandards Eingang gefunden hat. Der Kommentar schlägt anhand des Begriffs „Aufsuchen“ eine raumtheoretische Brücke zwischen körperlicher Bewegung und geistiger Flexibilität bzw. gedanklicher Öffnung. Krafeld reagiert darauf mit zehn thesenhaften „Denkanstubser[n]“ (S. 192).

Zusammenfassend bezieht Reutlinger die sozialräumliche Idee Krafelds auf Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier (1990) als sozialräumlich strukturierte Jugendarbeit. Krafeld selbst verortet seine Gedanken dagegen im Anschluss an die „emanzipatorische Jugendarbeit“ in ihrer Konkretisierung als „Bedürfnisorientierte Jugendarbeit“ (Damm 1975).

Diskussion

Gerade der zweite Abschnitt der Veröffentlichung bringt die spezifischen Bezüge sozialräumlicher Ansätze in einen Zusammenhang mit dem praktischen Handeln. Von Krafelds Seite her zentriert sich alles auf das Schlagwort „Akzeptanz“. Die Herausgeber versuchen den Begriff „Raum“ gegenüber zu stellen. Es wird deutlich, dass Akzeptanz und räumliche Bewegung raumtheoretisch eng zusammen hängen. Trotzdem würde es fruchtbar sein, den sozialräumlich-theoretischen Bezug provokanter herzustellen. Der – im Diskussionsteil nur angedeutete – Rückgriff auf das Konzept der Raumaneignung (Deinet 2014) ermöglicht eine funktionale Deutung anstößigen Verhaltens junger Menschen und damit Ansatzpunkte für ein reflektiertes akzeptierendes Handeln.

Die in der Schilderung der Arbeit mit Cliquen auftretenden Kämpfe können dementsprechend als Aneignungskämpfe zwischen den Studierenden und den Jugendlichen verstanden werden: Indem gegenständlichen Aneignung – beispielsweise über Räumlichkeiten und Musik – ermöglicht wird, wird sowohl auf der pädagogischen Seite als auch auf der Seite der Jugendlichen das Ändern von Situationen (Deinet 2018, 156) als Aneignungsdimension aktiviert. Dadurch, dass die Jugendlichen die Haltungen der Studierenden reflektieren, gelingt Ihnen eine durch Raumaneignung provozierte Weiterentwicklung, die zu Verhaltensänderungen führen kann.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass sozialräumliche Theorien es erleichtern können, sowohl die Spezifik als auch die speziellen Anforderungen des Arbeitsfeldes an die involvierten Fachkräfte zu erklären. Gleichermaßen verweist es auf eine, durch entsprechend ausgefüllte professionelle Standards, hohe Innovationsfähigkeit des Arbeitsfeldes. Es wird klar, dass räumliche Inszenierung eng verknüpft mit sozialräumlicher Aneignung sein muss, wenn Soziale Arbeit wirksam werden will.

Die Veröffentlichung darf im Zusammenhang mit dem ersten Teil des Projekts über Walter Specht (Wolf 2019, https://www.socialnet.de/rezensionen/25440.php) gesehen werden. Der Vergleich der biografischen Betrachtungen zu den beiden Gründergestalten zeigt den Stellenwert des gleichzeitigen Involviert-seins in den Feldern Wissenschaft und Praxis. Bei der Etablierung des Arbeitsfelds Streetwork/Mobile Jugendarbeit hat diese doppelte Basis wesentlich zum Erfolg der Projekte und des darin fruchtbar werdenden Wissenstransfers (Oestreicher 2014, 119) beigetragen. Es gelingt Specht als Praktiker die Verbindung zur Theorie und Krafeld, dem Theoretiker, die Verortung in der Praxis so zu gestalten, dass eine praktische Weiterführung und Weiterentwicklung auf hohem professionellem Reflexionsniveau möglich ist. Hier liegt auch der Schlüssel zu der Frage „Muss ich sie lieben?“ (in Anlehnung an den Titel des ersten Bandes) oder „Muss ich sie akzeptieren?“ Die Antwort hängt davon ab, ob man eher Wissenschaftler oder Praktiker ist.

Fazit

Das Format der Veröffentlichung besticht durch die Verbindung biografischer Aspekte und theoretischer Kontextualisierung. Lebensnah und kritisch hinterfragend, tragen Christian Reutlinger, Stefan Schlenker und Franz Josef Krafeld dazu bei, die Grundhaltung der Akzeptanz als zentralen Bezugspunkt sozialarbeiterischen Handelns zu festigen.

Literatur

Böhnisch, Lothar/Münchmeier, Richard (Hrsg.) (1990): Pädagogik des Jugendraums. Weinheim.

Damm, Diethelm (1975): Politische Jugendarbeit. München.

Deinet, Ulrich (2018): Das Aneignungskonzept in der empirischen Praxis von Kindheits- und Jugendstudien. In: Deinet, Ulrich/Reis, Claus/Reutlinger, Christian/Winkler, Michael (Hrsg.): Potenziale des Aneignungskonzepts. Weinheim, S. 142 – 161.

Deinet, Ulrich (2014): Vom Aneignungskonzept zur Activity Theory. In: socialnet Materialien, http://www.socialnet.de/materialien/197.php, Zugriff: 23.03.2019.

Oestreicher, Elke (2014): Die PaarProbleme – Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Praxis am Beispiel des Transfers professionellen Wissens. In: Unterkofler, Ursula/Oestreicher, Elke (Hrsg.):Theorie-Praxis-Bezüge in Professionellen Feldern. Opladen, S. 113 – 131.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. / Dipl. Soz.-Päd. Maria Wolf
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Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 20.09.2019 zu: Stephan Schlenker, Christian Reutlinger: Du musst sie akzeptieren. Aufsuchende und Akzeptierende Jugendarbeit aus der Perspektive Franz Josef Krafelds. Frank & Timme (Berlin) 2019. ISBN 978-3-7329-0560-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25742.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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