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Johannes B. Heßler, Peter Fiedler: Transdiagnostische Interventionen in der Psychotherapie

Cover Johannes B. Heßler, Peter Fiedler: Transdiagnostische Interventionen in der Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2019. 176 Seiten. ISBN 978-3-608-40007-6. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Die Autoren wenden sich mit ihrem Buch an eine breite Zielgruppe von Psychotherapeuten, Ärzte, Berater und Coaches mit dem Ziel Brücken zwischen den verschiedenen psychotherapeutischen Schulen mit einem transdiagnostischen Ansatz zu bauen. Im Mittelpunkt des Buches stehen Interventionen, die nach verschiedenen Bereichen geordnet sind.

Autoren

Dr. phil., M.Sc. Psych. Johannes Baltasar Heßler absolviert zurzeit eine Ausbildung als Psychologischer Psychotherapeut und befindet sich in einer Weiterbildung zum Schematherapeuten. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Klinik Roseneck.

Prof. Dr. Peter Fiedler lehrt seit 1980 als Universitätsprofessor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Er ist Autor zahlreicher Standardwerke, mit den Schwerpunkten klinische Psychologie und Verhaltenstherapie.

Inhalt

Mit diesem Taschenbuch sollen auf einem knappen Raum viele Interventionen beschrieben werden, die schnell und sicher durchführbar sind. Es richtet sich an Psychotherapeutinnen in Ausbildung, Psychotherapeuten und in Ausbildung befindliche Psychiaterinnen, die psychotherapeutisch arbeiten wollen. Das Buch soll ermutigen spontan neue Dinge auszuprobieren.

Nach der knappen Einleitung thematisieren die Autoren im zweiten Kapitel den Hintergrund ihres Konzeptes. Sie gehen auf den Behandlungsrahmen, dass Behandlungssetting, die therapeutische Beziehung und die therapeutische Haltung in einer transdiagnostischen Perspektive ein. Im umfangreichen dritten Kapitel werden Interventionen vorgestellt, die den Bereichen Motivation und Therapiegefährdung, Biografie, Emotion, Kognition, Verhalten, Imagination, Körper, zwischenmenschliche Beziehungen und Ressourcen zugeordnet sind. Für jeden Bereich werden die Interventionen bestimmten Indikationen zugeordnet und ihre Durchführung beschrieben. Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis.

Im einführenden ersten Kapitel geben die Autoren einen sehr knappen Überblick über die Ziele des Buches. Sie sehen in diesem Buch eine wertvolle Ergänzung verschiedener Manuale, um in der Psychotherapie flexibel reagieren zu können.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Hintergrund“ wird zunächst im Kapitel 2.1 auf die „Komorbidität und transdiagnostische psychopathogene Prozesse“ eingegangen. Die Bedeutung der häufig auftretenden Komorbidität, zum Beispiel bei Angststörungen, unipolaren Depressionen und Alkoholstörungen wird betont. Vor dem Hintergrund dieser hohen Komorbiditätsraten und der manchmal unklaren therapeutischen Implikationen von Diagnosen habe sich eine alternative Form der Nosologie psychischer Störungen entwickelt, die nach der Meinung der Autoren möglicherweise näher am klinischen Alltag liegen würde. Der transdiagnostische Ansatz versuche daher psychopathogene Prozesse zu identifizieren, die über verschiedene Störungsbänder hinweg auftreten. Diese Prozesse könnten den üblichen (in einer Verhaltensanalyse) Dimensionen zugeordnet werden. Hierzu würden Störungen der Emotion, der Kognition, des Verhaltens und der körperlichen Empfindungen gehören. Allerdings solle dieser Ansatz nicht der diagnosefokussierten Betrachtung des DSM und ICD ablösen. Anstatt beispielsweise erst die Angststörung und dann die Depression mit störungsspezifischen Manualen zu behandeln, erlaube der transdiagnostische Ansatz eine effiziente und symptomorientierte Fallkonzeption und Behandlung.

Im folgenden Unterkapitel wird diese transdiagnostische Psychotherapie näher beschrieben. Patientinnen bekämen eine passende manualbasierte Therapie, die sich im Idealfall in randomisierten Studien als wirksam erwiesen haben. Ausgeführt wird zudem kurz ein Hintergrund dieses Ansatzes, die Schematherapie, die aus der dritten Welle der Verhaltenstherapie entstand. Im Anschluss wird beschrieben, dass transdiagnostische Interventionen in den vergangenen Jahren vorrangig in der Verhaltenstherapie ausgearbeitet wurden, wobei diagnoseübergreifende Perspektiven auch anderer Therapieschulen wichtig seien. Hierzu würden die Gesprächspsychotherapie, psychodynamische Therapieansätze und die kognitiv orientierte Verhaltenstherapie gehören. (Leider wird auf weitere bedeutsame Ansätze und andere integrative Verfahren, die in die Interventionen aufgenommen werden, nicht verwiesen.)

Die Autoren beschäftigen sich im Anschluss mit der Frage, ob Psychotherapie angemessen und hinreichend sei und führen allgemeine Anmerkungen zur Indikationsstellung und zum Behandlungssetting aus. Sie weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass immer zu überlegen sei, ob weitere Behandlungen bzw. Unterstützungen notwendig seien. Unter der Überschrift „Therapeutische Beziehung“ im Kapitel 2.5 finden sich weniger Aussagen zur therapeutischen Beziehung, sondern eher allgemeine Hinweise, hier zum Beispiel, dass das Ziel jedweder Psychotherapie keine Anpassung per se sei. Zudem werden Hinweise zum Umgang mit therapeutischen Krisen und Konflikten gegeben.

Das umfangreiche dritte Kapitel „Interventionen“ beginnt mit Vorbemerkungen über den Einsatz und die Gliederung der Interventionsvorschläge.

Im Folgenden wird nur auf einzelne Interventionen beispielhaft eingegangen. Beispielsweise wird im ersten Bereich (Motivation und Therapiegefährdung) in einem Interventionsvorschlag mit dem Titel „Akzeptanz und Bereitschaft: keinen Fuß mehr auf dem Boden“ vorgeschlagen dem Patienten einen kurzen Fallbericht zu erzählen (Karl ist 13 Jahre alt, als seine Eltern bei einem Autounfall sterben, Seite 47.) Anschließend wird der Patient gebeten, eine ähnliche Geschichte über sich zu erzählen. Notiert wird auf einer Flipchart, inwieweit der Patient eine geringe oder hohe Bereitschaft zum Erzählen von eigenen Lebensgeschichten hat. Anschließend wird in einer weiteren Intervention vorgeschlagen auf einer Flipchart das Für und Wider einer Therapie abzuwägen. In einer weiteren Intervention werden gemeinsam mit dem Patienten Metaphern über den Therapieprozess besprochen. Hierzu gehört beispielhaft die Metapher des Bergwanderns, in der die Therapeutin die Bergführerin sei und die Patientin die Wanderin, die auf dem Weg zum Gipfel sei.

In den weiteren Kapiteln werden Interventionsvorschläge zu den Bereichen Biografie (z.B. eine Lebenslinie legen oder ein Familienmotto entwickeln), Emotion (beispielhaft eine klassische gestalttherapeutische Stuhlarbeit anleiten, oder einen Notfallkoffer entwickeln), Kognition (Glaubenssätze identifizieren, für eine radikale Akzeptanz von Unveränderbarem jeweils Notizen auf einer Flipchart schreiben), Verhalten (Selbstverstärkungen identifizieren), Imagination (meine Skulptur im Lebensmuseum, Begegnungen mit Verstorbenen: was ich noch sagen wollte), Beziehungen (Grenzen ziehen und einen sicheren Raum geben, mithilfe von Seilen gestalten, in Rollenspielen Alltagssituationen üben), Körper (Schlafhygiene besprechen, Muskelentspannung und Atemübungen durchführen, Dissoziationen verhindern und unterbrechen), Ressourcen (Zeichnen einer Wertekarte aufzeichnen des Selbstwertes, Eigenlob ausdrücken und annehmen).

Diskussion

Das Buch soll ermutigen neue Ansätze von Interventionen in der Psychotherapie spontan anzuwenden und hierbei vor allem Begegnung und Bewegung mit Patientinnen und Klienten zu erleben, und zwar überall dort, wo therapiert, beraten und gecoacht wird. Allerdings wird in diesem Buch lediglich von Patientinnen gesprochen und nicht näher differenziert auf Unterschiede zwischen Therapie, Coaching Beratung und Psychotherapie eingegangen. Offen bleibt somit, inwieweit sich dieses Buch nicht nur an Psychotherapeuten richtet.

Der transdiagnostische Ansatz wird lediglich mit allgemeinen Anmerkungen über die Psychotherapie im Ansatz entwickelt. Wenn von Transdiagnostik gesprochen wird, beziehen sich die Autoren im Wesentlichen auf verhaltenstherapeutische Ansätze. Erwähnt wird allerdings (Seite 27), dass viele Störungen und Probleme der Patientinnen Teil systemischer und kollektiver Prozesse seien. Hier sei es notwendig die Behandlungsperspektive auf die Bezugswelt der Patientin auszudehnen. Allerdings wird dies nicht umgesetzt und zudem konzeptionell von einem sehr eingeschränkten systemischen Ansatz ausgegangen.

Bei der Vorstellung der Interventionen wird hingegen deutlich, dass diese auf verschiedensten psychotherapeutischen Konzepten beruhen. Einbezogen werden verschiedenste Methoden, wie zum Beispiel Rollenspiele, Metaphern und andere Methoden. Leider werden die hier zugrunde liegenden Ansätze nicht beschrieben und gewürdigt.

So wird insgesamt das spezifische einer transdiagnostischen Perspektive nicht deutlich; zusammengefasst werden im kurzen theoretischen Kapitel allgemeine psychotherapeutische Verstehensweisen und etablierte Ansätze.

Fazit

Ein systematischer Überblick über transdiagnostische Ansätze wird nicht gegeben, der Fokus liegt im Bereich der vorgestellten Interventionen. Den Leser*innen bietet dieses Buch praktische kompakte Anregungen für standardisierte Interventionen und Übungen.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 04.06.2019 zu: Johannes B. Heßler, Peter Fiedler: Transdiagnostische Interventionen in der Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-608-40007-6.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25746.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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