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Thomas Auchter: Trauer

Cover Thomas Auchter: Trauer. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 150 Seiten. ISBN 978-3-8379-2662-0. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.

Reihe: Analyse der Psyche und Psychotherapie.
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Thema

Gravierende Störungen der Trauerarbeit können zu verschiedenen Erkrankungen führen, von denen eine der markantesten die Depression ist. Auslöser der Trauer können auch unerfüllte Träume und Wünsche, enttäuschte Hoffnungen, zerstörtes Vertrauen sowie unstillbare Sehnsüchte sein. Anhand zahlreicher anschaulicher Fallvignetten stellt der Autor immer wieder den Bezug zwischen Theorie und psychotherapeutischer Praxis her.

Herausgeber

Herausgeber ist Thomas Auchter, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker in freier Praxis in Aachen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einer Einleitung in sieben Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert. In der „Einleitung“ wird zunächst betont, dass kein menschliches Leben von Veränderungen, Trennungen und Verlusten verschont bleibe. Das Buch solle aus einer psychoanalytischen – anthropologischen Perspektive etwas mehr vom Rätsel der Trauer lösen.

Im Kapitel eins „Trauer und Verlust – Historische und theoretische Grundlagen“ wird thematisiert, dass auf der einen Seite versucht werde, der Angst vor dem Tod durch Unsterblichkeitsphantasien zu begegnen, auf der anderen Seite könne der Tod auch als Befreiung betrachtet werden. Trauer werde definiert als eine psychophysiologische Reaktion auf einen bedeutsamen Verlust oder eine Trennung. Trauer beziehe sich auf viel mehr als nur auf den Verlust einer geliebten Person. Wir trauerten um gebrochenes Vertrauen, gescheiterte Liebesbeziehungen oder geplatzte Träume. Es scheine grundsätzlich sinnvoll zu sein, zwischen normaler, gesunder und pathologischer Trauer zu unterscheiden (S. 30).

Kapitel zwei ist mit dem Titel „Normale Trauer – Aspekte natürlichen Trauerns“ überschrieben. Ein Leben ohne Trauer sei nicht möglich, es sei immer von Abschiednehmen und von Verlusterfahrungen geprägt. Es gehe bei der Trauerarbeit einerseits um die Anerkennung der Gegenwart des Verlusts und andererseits um die Vergangenheit der realen Beziehung zum Objekt. Die Erfahrung des Verlusts resultiere aus der Differenz, dass etwas existiert hat, das dann nicht mehr da ist. Der Heimatverlust gehöre zu den traurigsten Erfahrungen des Menschen. Trauer könne aber auch erleichtert werden, wenn man sie mit anderen teile. Wenn das gelingen soll, müsse es Beziehungserfahrungen geben, die es erlauben, Trennungserfahrungen aufzufangen oder einzuordnen. Beim Trauerprozess sollten die gemeinsamen früheren Erfahrungen mit dem Verstorbenen in kleinen Schritten noch einmal nacherlebt und durchgearbeitet werden (S. 55).

„Gestörte Trauer – Trauerkrankheiten“ ist das Thema des folgenden Kapitels. Pathologische Trauer resultiere aus einem Scheitern normaler Trauerarbeit und bedeutet ein Fixiertbleiben an das Verlorene. Ein entscheidendes Kriterium für eine notwendige psychoanalytische Behandlungsbedürftigkeit sei der Leidensdruck des Patienten. Am besten untersucht in der Trauerarbeit seien die Melancholie und Depression. Das (scheinbare) Fehlen von Trauer könne so viel Ohnmacht und Angst im Patienten auslösen, dass diese verdrängt oder verleugnet würde (S. 72).

Das vierte Kapitel ist dem Problem „Tod und Trauer – Spezifische Anlässe“ gewidmet. Hier werden Anlässe der Trauer geschildert, die aus verschiedenen Verlusten von geliebten Menschen resultieren. Das betrifft beispielsweise die Trauer, wenn Kinder vor den Eltern versterben, das der naturgegeben Ordnung und der natürlichen Generationsfolge widerspreche. Des Weiteren wird der Tod der Eltern, der des Lebenspartners oder eines Geschwisterkindes oder auch das Trauern über das Altern behandelt.

Die „Psychotherapeutische Behandlung krankhafter Trauerreaktionen“ wird im Kapitel fünf aufgegriffen. Je komplexer und tiefer die Trauerstörung in der Persönlichkeit verwurzelt sei, desto eher seien psychodynamische Behandlungsansätze angemessen, die auch als Entwicklungstherapie zu begreifen sind.

Das vorletzte Kapitel setzt sich mit dem Aspekt „Vom Gelingen des Trauerns – Therapeutische Begleitung“ auseinander. Trauer ist keine Krankheit, die allerdings der Zeit und des Raumes bedürfe und gegebenenfalls der Begleitung, um sich ungestört entfalten zu können und beendet werden kann.

Im siebenten und damit letzten Kapitel steht das Thema „Trauer muss sein – Trauer im Beendigungsprozess einer Psychotherapie“ im Vordergrund der Ausführungen. Hier geht der Autor selbst davon aus, dass jede Analyse immer nur Stückwerk auch nach deren Beendigung bleibe und niemals vollendet werden könne, auch wenn nur die reale Beziehung, nicht aber der psychologische Prozess beendet werde.

Fazit

Es ist eine Publikation, in der ein spezifisches, bisher relativ seltenes wissenschaftliches Thema aufgegriffen und bearbeitet wird – das der Trauer und deren psychoanalytische Behandlungsansätze. Es ist äußerst interessant, wissenschaftlich und theoretisch komplex abgefasst und doch für viele Betroffene gut les- und verstehbar. Vielleicht vermag das Buch auch, die Scheu vor der Psychoanalyse in schwierigen und lang andauernden Trauerprozessen abzubauen und hier Hilfe zu erfahren.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 13.11.2019 zu: Thomas Auchter: Trauer. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2662-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25749.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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