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Kerstin Kammerer, Katrin Falk: Wege in die Psychotherapie

Cover Kerstin Kammerer, Katrin Falk: Wege in die Psychotherapie. Barrieren und Zugänge für ältere Menschen mit Depression. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 210 Seiten. ISBN 978-3-8379-2742-9. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Reihe: Therapie & Beratung.
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Thema

Wege in die Psychotherapie gibt einen Überblick über die Bedingungen, mit denen speziell alte Menschen, die unter depressiven Erkrankungen leiden, auf dem Weg in eine psychotherapeutische Behandlung konfrontiert sind. Basierend auf Ergebnissen einer Studie beschreiben die Autorinnen die vielgestaltigen Hindernisse und erleichternden Faktoren, welche die altersassoziierte Chancenungleichheit im Zugang zu Psychotherapie bestimmen. Prozessorientiert beleuchten sie das diffizile Zusammenspiel der Sicht- und Handlungsweisen von Betroffenen, Hausärzt*innen und Psychotherapeut*innen in den unterschiedlichen Phasen des Therapiezugangs und leiten Handlungsempfehlungen sowie versorgungspolitische Überlegungen ab.

Zielgruppe: Die Autorinnen führen in den ersten drei Kapiteln bewusst Lesende mit sehr unterschiedlichem Kenntnisstand in das Themengebiet ein, um alle thematisch Interessierten zur Lektüre des Buches einzuladen. Doch sicherlich sind Versorgungsakteure und -forscher, die sich mit der Gesundheit älterer Menschen befassen, als wesentliche Adressaten des Buches zu nennen.

Autorinnen und Entstehungshintergrund

  • Dr. Kerstin Kammerer ist Diplom-Psychologin und Doktorin der Sozialwissenschaften.
  • Katrin Falk ist Sozialwissenschaftlerin (M. A., Politikwissenschaft und Soziologie).

Beide Autorinnen sind zum Erscheinungsdatum der Publikation als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Gerontologische Forschung e.V. (IGF) in Berlin tätig.

In ihrem Buch beziehen sich die beiden Autorinnen auf die Ergebnisse der von ihnen selbst am IGF bearbeiteten, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Studie Psychotherapie im Alter – Barrieren und Möglichkeiten des Zugangs (PSYTIA; Projektleitung: Prof. Dr. J. Heusinger). Diese untersuchte mittels Fragebogenerhebungen und Interviews sowohl förderliche als auch erschwerende Faktoren des Psychotherapiezugangs für Menschen höheren Alters.

Mehr Informationen zum Projekt im Buch selbst (Kapitel 4) sowie unter der Internetpräsenz der IGF Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, deren Inhalte vorab in der Einleitung umrissen werden.

In den ersten drei Kapiteln führen die Autorinnen aus soziologisch-gerontologischer und medizinischer Perspektive an das Thema heran. So wird im ersten Kapitel knapp umrissen, inwiefern gesellschaftliche Verhältnisse, Generationszugehörigkeit und Altersbilder bei (und mit) der Entstehung depressiver Erkrankungen sowie deren Behandlung ineinandergreifen. Hier werden auch die wesentlich den aktuellen Altersdiskurs prägenden Konstrukte des „aktiven Alter(n)s“ sowie des „vierten Alters“ eingeführt. Orientiert an empirischen Studien und Leitlinien wird im zweiten Kapitel über Depression im Alter aus medizinischer Perspektive informiert. Hier erhalten die Lesenden einen kurzen Überblick über Definition, Klassifikation, Häufigkeit, Risiken und Einflussfaktoren, Komorbiditäten, Verläufe und Behandlungsmöglichkeiten depressiver Erkrankungen. Das dritte Kapitel widmet sich der psychotherapeutischen Behandlung älterer Menschen mit depressiven Erkrankungen. So werden zunächst die formellen Rahmenbedingungen (leistungsrechtliche Regelungen, Psychotherapeut*innen als Leistungserbringer, Verfahrensanerkennung, Leistungsregelungen ambulanter Einzel- und Gruppentherapie, Behandlungsanspruch, Bedarfsplanung und Wartezeit) seit in Krafttreten der aktuellen Psychotherapierichtlinie erläutert. Es wird umrissen welche Verfahren zur Verfügung stehen sowie der gegenwärtigen Forschungsstand zu Wirksamkeit und Inanspruchnahme der Richtlinienpsychotherapie speziell bei älteren Menschen berichtet. Auch altersspezifische Herausforderungen und Ressourcen sowie Modifikationsbedarfe werden vor dem Hintergrund geronto(psycho)logischer Modelle diskutiert. Mit der Frage nach Zugangspfaden zu Psychotherapie bei älteren Menschen wird zur Darstellung der Studienergebnisse übergeleitet.

Im vierten Kapitel beschreiben die Autorinnen Fragestellung, Aufbau und Methode der PSYTIA-Studie, welche ihren Ausführungen zugrunde liegt und stellen zu Beginn des fünften Kapitels ein vier-phasiges Modell des Psychotherapiezugangs vor: Dieses umfasst den Prozess vom „Wunsch nach Klärung und (Ab-)Hilfe“ über „Psychotherapie als Möglichkeit“ und „Suche nach einem Therapieplatz“ bis zur „Entwicklung einer als hilfreich erlebten Beziehung“. Vor diesem Hintergrund werden folgend die zentralen Studienergebnisse dargelegt und entlang der vier Phasen eingeordnet. Dabei werden Sichtweisen auf die Frage nach Barrieren und Zugangsmöglichkeiten zu Psychotherapie für ältere Menschen mit Depression im deutschen Gesundheitssystem sondiert und anhand lebendiger Fallbeispiele verdeutlicht. So werden die Wahrnehmungen und Handlungsgründe von älteren Menschen selbst sowie die von Hausärzt*innen und Psychotherapeut*innen einbezogen und schließlich perspektivübergreifend zueinander in Beziehung gesetzt.

Im sechsten Kapitel folgt die Ableitung praktischer Handlungsanweisungen aus den berichteten Befunden zum Abbau von Zugangsbarrieren. Dabei werden ältere Menschen selbst, vor allem aber auch klinisch-praktisch und berufspolitisch tätige Versorgungsakteure adressiert. Abschließend sprechen sich die Autorinnen im Ausblick dafür aus Menschen mit ihren alters- und generationsspezifischen Bedarfen und Ängsten als Behandler*innen abzuholen wo sie sind, unrealistische Altersbilder zu überwinden und die notwendigen gesamtgesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Teilhabe im Alter zu schaffen.

Diskussion

Mit der notwendigen Fachlichkeit und sprachlichen Sensibilität führen die Autorinnen die Lesenden durch die komplex verzweigten Pfade des eingeschränkten Zugangs zu Psychotherapie für ältere Menschen, welche gemeinsam in einer klaffenden Versorgungslücke münden. In Anbetracht der Kürze des Buches ist es gut gelungen in die vielschichtigen Hintergründe dieses Themas einzuführen und Lesende mit unterschiedlichem Vorwissen abzuholen. Wunderbar verständlich und lebendig werden die Studienergebnisse anhand von Fallbeispielen geschildert. Diese Darstellungsform lässt einen zu keinem Zeitpunkt vergessen, dass es bei der (Unter)versorgung älterer Menschen mit ambulanter Psychotherapie stets um die Behandlung von Menschen durch Menschen geht. So wird die Verunsicherung seitens vieler Betroffener -aber auch Behandler- greifbar. Ebenfalls deutlich wird die hohe Bedeutsamkeit des Systems, in dem ältere Menschen mit Depression leben und behandelt werden. Bei der Exploration der Barrieren und Zugänge wurde dabei der Fokus auf die Behandelnden (Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen) gelegt. Hier könnte in einem weiteren Schritt auch der Einbezug der Sichtweisen Angehöriger und Pflegender bereichernd sein, da die Akzeptanz und Unterstützung einer Psychotherapie durch das nahe Umfeld für die Therapiebahnung, -gestaltung und -aufrechterhaltung (insbesondere bei Pflegebedarf im Alter) von hoher Bedeutsamkeit sein kann.

Fazit

Basierend auf den Ergebnissen des Forschungsprojektes Psychotherapie im Alter – Barrieren und Möglichkeiten des Zugangs (PSYTIA) verschafft das Buch einen guten Überblick über Bedingungen, mit denen speziell alte Menschen, die unter depressiven Erkrankungen leiden, auf dem Weg in eine psychotherapeutische Behandlung konfrontiert sind. Die Autorinnen beschreiben in ihrem Werk nicht nur eine zunehmend relevante und eklatante Versorgungslücke sondern verweisen deutlich auf die Notwendigkeit einer systemischen Betrachtungsweise sowie die Berücksichtigung gesellschaftlicher Verhältnisse. Durch Handlungsempfehlungen wagen sie den Blick nach Vorne und bieten den Lesenden die Chance auch die eigene Haltung und Handlungsweisen kritisch zu prüfen und gegebenenfalls neue Ideen aufzugreifen.


Rezensentin
Dr. Christina Tegeler
Dipl.-Psych., Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der MSB Medical School Berlin im Projekt PSY-CARE
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Zitiervorschlag
Christina Tegeler. Rezension vom 23.10.2019 zu: Kerstin Kammerer, Katrin Falk: Wege in die Psychotherapie. Barrieren und Zugänge für ältere Menschen mit Depression. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2742-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25751.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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