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Birte Klingler: Arbeit am Subjekt?

Cover Birte Klingler: Arbeit am Subjekt? Kinder und Jugendliche in der Hilfe-Planung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 294 Seiten. ISBN 978-3-7799-3997-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die Hilfeplangespräche der deutschen staatlichen Jugendhilfe sind in die Kritik geraten. Damit sie nicht in Verruf kommen, brauchen sie konstruktive Kritik. Birte Klingler (Erziehungswissenschaftliche Fakultät Bielefeld) stellt in ihrem Buch „Arbeit am Subjekt?“ diese zentralen Dreh- und Angelpunkte der Jugendhilfeplanung massiv in Frage. Sie argumentiert dabei in der Tradition des französischen Vordenkers Michel Foucaults machtanalytisch. Ihre Untersuchungen wertet sie bis zur Erkenntnis der Chancenlosigkeit für die Adressat*innen der Jugendhilfe aus. Die Gestaltung der Rettungsmaßnahmen überlässt sie allerdings der Zukunft.

Aufbau

Die Kapitel des Buches sind anschaulich formuliert und geben den Gedankenweg schon wieder – von einer gründlichen Einführung aus dem bisherigen Fachdiskurs hinaus führt sie über den steinigen Weg der subjekttheoretischen Denkweise. Sie begründet die Mühen mit dem Erkenntnisgewinn ihrer Methode und ihrer Beweisführung. Im Hauptteil der Analyse verschiedener Hilfegespräche verdeutlicht sie den Gewinn.

Hier zeigt sich aber auch, dass denkendes Erfassen ohne Interpretationen des Geschehens nicht auskommt und immer gesamtseelisch geleitet ist. Doch die Niederschriften machen den Erkenntnisweg auch unterhaltsamer. Das Ziel ist erreicht in der messerscharfen Auswertung ihrer Untersuchungen, die im Kern die Beendigung der Hilfeplangespräche in der heutigen Ausgestaltung zwingend nahelegt. – Dann legt sie die Machete weg und vertröstet auf Lösungen in der Zukunft. 

  1. Hilfeplan im Kontext des KJHG
  2. Kontextualisierung des Forschungsvorhabens
  3. Subjektkonstitution als Perspektive
  4. Kinder und Jugendliche in Hilfeplangesprächen – Ansprachen und Selbstdarstellungen 4.1 Die Fremdthematisierung durch Fachkräfte als Tatsachenbericht und Strategie zur Subjekttransformation 4.2 Die Aufforderung als Subjekt zu sprechen: Ermöglichung von Stellungnahme, Fixierung von Identität, Verpflichtung 4.3 Selbstsubjektivierung als paradoxe Aufgabe
  5. Subjektstatus als praktisch hervorzubringende Ermöglichung von Selbstdarstellung und Selbstrevision
  6. Der prekäre Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen in der Hilfe-Planung
  7. Zur Möglichkeit einer veränderten (Hilfeplan)Praxis.

Inhalt

Als „Subjekt“ definiert die Erkenntnistheorie das erkennende, denkende und handelnde Individuum. Das nicht autonom gegeben ist, sondern abhängig von Denk- und Redeweisen erst wird. Zum Subjekt wird der Mensch produziert in Machtverhältnissen. Welchen Beitrag er wirkungsvoll dazu leisten kann, bestimmt die Macht, die er oder sie im Diskurs hat. Machtverhältnisse verändern sich und innerhalb dieser Veränderungen kann der Mensch sich transformieren oder transformiert werden.

Hilfeplangespräche leben auch im Diskurs. Ein allgemein anerkannter Beitrag ist aktuell die Vorgabe, dass Adressant*innen zu beteiligen sind, sie sollen partizipieren. Aber mit welcher Macht ausgestattet? Reicht ihre Anwesenheit oder müssen sie erst bestimmte Eigenschaften erfüllen oder müssen sie erst zurechttransformiert werden? Die Machtanalysen, die Birte Klingler anhand verschiedener Hilfeplangespräche durchführt zeigen:

Es liegt ein unauflöslicher Widerspruch in dem Anspruch an Kinder und Jugendliche, „Subjekt“, Objekt und Subjektivierende gleichzeitig sein zu sollen. Im Prozess der Subjektivierung sollen die Kinder und Jugendlichen sich freiwillig an das gutmeinende Jugendamt anpassen.

Gut-achtende Gutachter*innen richten ihre Begutachtungen an eine Adressat*in. Die oder der hat dann die Macht, die Beschlüsse des Gremiums in sein Leben zu integrieren oder nicht. Wenn nicht, ist er oder sie eben uneinsichtig.

Lob ist eine pädagogische Maßnahme, die eine Norm setzt, um Subjektivierung zu steuern. Ermahnung bis hin zur Beschämung sind weitere. Zu klären wäre, ob die Adressant*innen die Norm überhaupt teilen.

Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Hilfeplangespräch kann durch geschickte Gesprächsführung inszeniert werden ohne tatsächlich Mitsprache entstehen zu lassen.

Geäußerte Wünsche sind ein geeignetes Mittel für Kinder und Jugendliche sich als Subjekt im Hilfeplan einzubringen, die die Macht des Jugendamtes anerkennen und dennoch beschränken, weil die Ablehnung begründet werden muss.

Sich sprachlich zu äußern kann durchaus gefährlich sein für das so partizipierende Subjekt. Das Gesagte ist dann fix und wird vom Fachpublikum als Ausdruck einer inneren Entsprechung gewertet – als „empfunden“. Falls das nicht der Fall ist und die Jugendhilfe nur vorankommen will, komme das einem „Zugriff“ auf das Subjekt gleich.

In Hilfeplangesprächen werden Angesprochene mitunter aufgefordert, sich mitzuteilen. Eine Verweigerung, aus welchen Gründen auch immer, kann als Wunschlosigkeit gewertet werden. Dann ist die Partizipation zur Mitteilungspflicht geworden. Verfügbarkeit und Bearbeitbarkeit sollen oft so erreicht werden.

Das Hilfeplangespräch ist von seiner Anlage auf die Mitarbeit des oder der Adressat*in angewiesen, um erfolgreich zu sein. So ist eines der Ziele der Jugendhilfe die Transformation des Subjektes zu einem angeblich eigenverantwortlichen. Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung. Das überschreibt Klingler als „Verpflichtung zur Selbstverantwortung als Paradox“ (Seite 207). Ein Paradox, das der Pädagogik eigen sei.

Das Hilfeplangespräch, konstitutiv ein Kreis von Fachkräften als Expert*innen, erschwert Kindern und Jugendlichen „systematisch“, sich selbst darzustellen bzw. Fremddarstellungen zu revidieren. Ihr Status als Subjekt sei unsicher, „indem ihre Wortbeiträge als Hinweis von Defiziten interpretiert werden“. Die Anerkennung als Partizipationssubjekt ist für die Adressat*innen erst erreicht mit deren Selbstauskunft, die fix und Ambivalenz frei sein muss. Dann werden Wünsche erfüllt – oder das Subjekt leichter kontrolliert.

Diskussion

Die erkenntnistheoretische Analyse des Gegenstandes muss vom Rezipienten des Buches anerkannt werden, sonst ist die Autorin nicht zu verstehen, ihre Analysen sprechen nicht an. Die Beweisführung ist nicht zu genießen.

Aber spätestens bei der Beobachtung, dass eine Jugendhilfeadressat*in durchaus mitarbeitet, wenn sie nicht redet, fehlt etwas, die nonverbale Kommunikation. Birte Klingler anerkennt in der Transkription der Hilfegespräche nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch seine Unterbrechungen, Abbrüche, Abwandlungen, Betonungen, seine Ähs und Ohs, in denen sich das Unbewusste äußert, die sich ausdrückenden Seele insgesamt. Dass es die Seele insgesamt ist, die unsere Konkretisierung vor unserem Denken motiviert, kann verstanden werden. Im Diskurs der Bedeutungen macht die Seele die Probleme und das individuelle Problem gibt den Adressat*innen die unvorstellbare Macht. Das Problem gehört dem Jugendlichen oder dem Kind. Dessen Transformationen entscheiden über Erfolg und Misserfolg des Hilfeplans. Sehr schön sind in den Transkriptionen die Bemühungen zu isolieren, die die Deutungshoheiten auf Seiten der Jugendhilfevertretungen zu halten versuchen. „Wir wären erfolgreich, wenn die Jugendlichen und Kinder nicht so uneinsichtig wären“.

Bestätigt ist, nun auch durch Birte Klinglers Untersuchung und Analyse, die uralte Vermutung, dass Jugendhilfe im unauflöslichen Spannungsfeld zwischen Förderung und Anpassung steht. Das Instrument der Hilfeplangespräche rückt mit Klinglers Analyse ganz dicht an den Pol „Anpassung“. Die Adressat*innen haben kaum eine Chance.

Wer nimmt dann allerdings die Hilfeplangespräche als vorbildliche Methode wahr. So sehr, dass im neuen Bundesteilhaberecht die Adressat*innen beteiligt werden an den Entscheidungskonferenzen der Leistungsträger. Vielleicht wird beim Vorbild gerade die Wirkungslosigkeit der Partizipation geschätzt.

Ausblick

Was nun? Hilfeplangespräche mit ihren Zielplanungen werden sicher nicht abgeschafft. Sie sind dafür zu etabliert und anerkannt. Jugendhilfe hat Macht und Geld, ihre Urteile und Fehlurteile zu realisieren. Die Kinder und Jugendlichen kommen irgendwie damit zurecht ( manchmal leider auch nicht). Sie allein haben die Macht, die Jugendhilfe erfolgreich sein zu lassen oder nicht.

Aus der internationalen „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ behinderter Menschen kommt die Einsicht des Slogans: „Wir sind die Expert*innen in eigener Sache“. Partizipation ist darüber zum Lösungsvorschlag des Zeitgeistes geworden. Das ist grundsätzlich der richtige Ansatz. Partizipation muss nun auch mit Machtmitteln ausgestattet werden. Hilfeplangespräche brauchen bei der Zielfindung eine unabhängige und – falls gewünscht – unterstützte eigene Zielplanung der Adressat*innen. Sie, die Adressat*innen brauchen ein Vetorecht, u.a. um die Jugendhilfe vor Fehlentscheidungen zu schützen, die heute noch allen teuer zu stehen kommen.

Fazit

Birte Klingler legt hier ihre Dissertation vor, eine erkenntnistheoretische Analyse von Hilfeplangesprächen in der Jugendhilfe. Nach ihren Analysen müssten Hilfeplangespräche in ihrer aktuellen Gestaltung eigentlich abgeschafft werden. Soweit geht die Autorin aber nicht. Ihre Kritik lässt sich im Titel zusammenfassen: Hilfeplangespräche sind „Arbeit am Subjekt“. Das Fragezeichen ist Ausdruck einer Zaghaftigkeit gegenüber dem System: Die Analyse aber ist messerscharf: Hilfeplangespräche arbeiten fremdbestimmend im Sinne einer selbstbestimmten Transformation der Subjekte, bis die Kinder und Jugendlichen passen oder die Jugendhilfe mit 18 verlassen.


Rezension von
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 30.12.2019 zu: Birte Klingler: Arbeit am Subjekt? Kinder und Jugendliche in der Hilfe-Planung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3997-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25756.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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