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Claudia Maier-Höfer (Hrsg.): Kinderrechte und Kinderpolitik

Cover Claudia Maier-Höfer (Hrsg.): Kinderrechte und Kinderpolitik. Fragestellungen der Angewandten Kindheitswissenschaften. Springer VS (Wiesbaden) 2017. 262 Seiten. ISBN 978-3-658-13800-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Das Thema des Buches widmet sich den Kinderrechten und der Kinderpolitik. Damit geht der Herausgeberband der Frage nach, wie „Zugänge zur Orientierung an den Kinderrechten und an einer entsprechend zu erarbeitenden Kinderpolitik eröffnet“ werden können (Maier-Höfer 2017, S. 1). Dabei werden Bezugspunkte für „das kinderrechtlich orientierte Denken und Handeln als Format der angewandten Kindheitswissenschaften“ erschlossen (ebd., S. 2). Tatsächlich greift der schon im Jahre 2017 erschienene Band ein hoch aktuelles Thema auf, das sich im Jahre 2019 im Rahmen des 30-jährigen Geburtstages der Kinderrechte und der Debatte um die Verankerung der Kinderrechte ins Grundgesetz als äußerst relevant erweist. Kinder werden dabei als aktive Akteure in der Gestaltung ihrer Lebenswelt verstanden. Die angewandten Kindheitswissenschaften verstehen sich dabei als Bezugspunkt und als verbindendes Element innerhalb der Sozialwissenschaften. Der Herausgeberband will die Verbindung einer theoretischen wissenschaftlichen Stellungnahme mit einer konkreten Analyse der sozialen Praktiken in den Handlungsfeldern der Kindheit und Jugend herstellen. Eine wissenschaftliche Denkweise wird mit der Praxis verknüpft, die als gestaltend hinsichtlich der kinderrechtlichen und kinderpolitischen Entwicklung in der Gesellschaft verstanden wird. (vgl. ebd., S. 3)

Herausgeberin

Die Herausgeberin Prof. Dr. Claudia Maier-Höfer ist Professorin an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt, berufen für Kindheitswissenschaften. Ihre Schwerpunkte sind Childhood Studies, Kinderrechte und Kinderpolitik, Bildung in der frühen Kindheit, strukturalistische Psychoanalyse und Inklusion. Besondere Bezugspunkte ihres Arbeitens sind die UN-Kinderrechtskonvention und die UN-Behindertenrechtskonvention. Aktuell im Jahre 2019 ist im Springer Verlag der Band „Die Vielfalt der Kindheit(en) und die Rechte der Kinder in der Gegenwart“ unter ihrer Herausgeberschaft erschienen.

Aufbau

Der Herausgeberband ist nach einer Einleitung der Herausgeberin in vier Übersichtskapitel eingeteilt, die die wesentlichen Aspekte des Themas Kinderrechte und Kinderpolitik, nämlich die Historie der Kinderrechte und Kinderrechtsbewegungen, die Bildung, die wirtschaftspolitische Rahmung sowie die Partizipation aufgreifen.

Dem Übersichtskapitel „Geschichte der Kinderrechte und der Kinderrechtsbewegungen“ sind die Beiträge „Janusz Korczak und die Rechte der Kinder“ sowie „Kinderrechtsbewegungen und die Zukunft der Kinderrechte“ zugeteilt. Dann folgen dem Übersichtskapitel „Bildung in inklusiven und mulitkulturellen Kontexten“ die drei Beiträge „UN-Behindertenrechtskonvention, Bildung und Teilhabe“, „Methodische Strategien für die Arbeit mit bilingualen Kindern im Vorschulalter, insbesondere aus Roma Familien in Bulgarien“ sowie der Beitrag „Mifneh (Hebr. Wendepunkt)“. „Politik und Ökonomik“ sind die Beiträge „Kinderarmut in Deutschland“ und „Bildung im Lichte der Meritorikdebatte“ zugeteilt. Das letzte Übersichtskapitel „Partizipation im Kontext von elterlicher Verantwortung, Kinderschutz und Hilfen zur Erziehung“ befasst sich mit den vier Beiträgen „Kinderrechte und elterliche Verantwortung“, „Überlegungen zu einer kindgerechten Regelung der Eltern-Kind-Kontakte nach einer Trennung aufgrund von Partnergewalt“, „Sachwalterproblematik und Partizipation in der Heimerziehung vor dem Hintergrund der Debatte über Kinderrechte und Kinderpolitik“ sowie „Echte Partizipation in Settings der Fremdunterbringung“. Ein rahmendes Abschlusskapitel fehlt.

Inhalt

Der Aufbaulogik des Bandes folgend, gehen die Beiträge der Autor*innen vier Fragestellungen nach:

  1. Wie sind die Kinderrechte, ihre Geschichte und Bewegungen mit einer nicht abschließbaren Dynamik der Rechtssituation von Kindern und einer pädagogisch-politischen Praxis verbunden? Diese Fragestellung beantworten Urszula Markowska-Manista, Avi Tsur und Batia Gilad mit einem Zugang zu Janusz Korczak und seinem Werk. Herausgearbeitet wird die für seine Zeit visionäre Idee, Kinder Mitspracherechte zu geben und im Dialog zu ihrem Recht kommen zu lassen. Verknüpft wird dieser historische Bezug mit der Historie der aktuellen UN-Kinderrechte. Manfred Liebl gibt einen Einblick in die Kinderrechte und wirbt um ein Verständnis dieser als Kinderrechtsbewegung. Er verweist darauf, dass die Kinderrechte immer auf den konkreten Lebenskontext der Kinder bezogen werden müssen.
  2. Wie sind die Rechte der Kinder mit ihren Erfahrungen von Diversität in Schule, Gemeinwesen und Gesellschaften verbunden? Die drei Beiträge „UN-Behindertenrechtskonvention, Bildung und Teilhabe“ von Ruth Markert, „Methodische Strategien für die Arbeit mit bilingualen Kindern im Vorschulalter insbesondere aus Roma Familien in Bulgarien“ von Margarita Terzieva, sowie der Beitrag „Mifneh (Hebr. Wendepunkt)“ von Gesa Biffio stellen einmal die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention als Bezugspunkt von Bildung und Teilhabe für alle Kinder heraus. Die Behindertenrechtskonvention mit ihren Paradigmenwechseln wird in ihrer Komplexität diskutiert. Der Übertrag auf methodische Strategien, die Zugänge im Rahmen des Sprachunterrichts für Romakinder in Bulgarien schaffen, wird von Margarita Terzieva hergestellt. Die Ausgangsfrage wird mit der Darstellung eines Forschungsprojektes von Gesa Biffio, das ein multikulturelles Bildungsprogramm für Musikerziehung mit arabischen und jüdischen Kindern (Mifneh) erforscht, abgeschlossen.
  3. Wie sind die Rechte der Kinder mit dem Regieren, den Institutionen und der Gesetzgebung verbunden? Der Beitrag „Kinderarmut in Deutschland“ von Angelika Koch gibt einen Überblick über die familienpolitischen Leistungen in der Bundesrepublik und ihre Bedeutung für die Armutsvermeidung. Deutlich werden Versäumnisse der Familienpolitik und nötige Reformoptionen. Der Beitrag „Bildung im Lichte der Meritorikdebatte“ von Gisela Kubon-Gilke beschreibt den Zusammenhang zwischen der staatlichen Finanzierung von Bildung und der Möglichkeit der damit involvierten Menschen, freie Entscheidungen in ihrem Leben treffen zu können. Die Autorin stellt außerdem klar, dass Bezüge zu den Kinderrechten in dieser Debatte noch spärlich und Forschungsanstrengungen notwendig sind.
  4. Wie sind Rechte der Kinder mit Organisationen, Institutionen und einem professionellen Selbstverständnis verbunden? Der Beitrag „Kinderrechte und elterliche Verantwortung“ von Iris Engelhard konturiert ein kinderrechtliches Konzept der elterlichen Verantwortung und stellt damit das Kindeswohl und die sich entwickelnden Fähigkeiten des Kindes sowie seine Partizipationsrechte in den Mittelpunkt. Darüber hinaus wird auf die Eltern-Kind-Beziehung und die Rolle des Staates eigegangen. Auf der Basis einer qualitativen Studie wird die Mehrdimensionalität der Elternverantwortung skizziert. Der nächste Beitrag stellt die qualitative Studie „Überlegungen zu einer kindgerechten Regelung der Eltern-Kind-Kontakte nach einer Trennung aufgrund von Partnergewalt“ aus der Perspektive von Frauenhausmitarbeiterinnen von Patricia Bell vor und geht der Frage nach, wie die Rechte des Kindes mit beiden Elternteilen in Kontakt zu bleiben, gewahrt werden können. Im Zentrum des Beitrags steht die Auseinandersetzung mit der Frage, wie der Kontakt zum gewaltvollen Elternteil im Rahmen des einzelfallorientierten Kindeswohls hergestellt werden kann. Der Artikel beschreibt zudem die vielfältigen Problematiken, die sich in Hochkonfliktfamilien ergeben. Der dritte Beitrag zur „Sachwalterproblematik und Partizipation in der Heimerziehung vor dem Hintergrund der Debatte über Kinderrechte und Kinderpolitik“ von Markus Emanuel bearbeitet das Paradigma der Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe aus der sozialpolitischen, rechtlichen und sozialpädagogischen Perspektive. Er arbeitet im Rahmen der Sachwalterproblematik heraus, dass Partizipation sowohl Mittel als auch Ziel von Erziehung ist und daher in einem spannungsvollen Verhältnis steht. Der letzte Beitrag des Übersichtskapitels „Echte Partizipation in Settings der Fremdunterbringung“ von Daniela Reimer stellt gleichzeitig das Endkapitel des gesamten Herausgeberbandes dar. In einem Problemaufriss am Beispiel der Pflegekinderhilfe wird Partizipation von Kindern im Rahmen der Pflegekinderhilfe kritisch diskutiert und Voraussetzungen für die Partizipation beschrieben. Skizziert wird, welche fachlichen und kinderpolitischen Schritte unternommen werden müssen, um das Recht der Kinder auf Partizipation umzusetzen. Der Artikel fokussiert sowohl die Kinder- als auch die Erwachsenenperspektive.

Diskussion

Alle Beiträge des Bandes sind hoch interessant, informativ, lehrreich und Gewinn bringend. Das Thema Kinderrechte und Kinderpolitik wird umfassend – auch durch die hohe Expertise der Autor*innenschaft – in Tiefe und Breite beleuchtet. Allerdings fehlt der Rezensentin eine lineare Rahmung des Herausgeberbandes. Es wird nicht verständlich, warum gerade diese Themen unter den Übersichtskapiteln angeordnet werden. Die Artikel lesen sich als alleinstehende Fachartikel hervorragend und sind von hoher Relevanz. Leider wurde versäumt darzustellen, in welchem Verhältnis die einzelnen Autor*innen mit ihren brillanten Artikeln stehen und was zu ihrer Auswahl geführt hat. Die Lektüre der einzelnen Beiträge ist äußerst lohnenswert und sinnvoll für alle, die sich mit Kinderrechten und Kinderpolitik beschäftigen (wollen) und die Notwendigkeit der Verbreitung des Themas in Forschung, Lehre und Gesellschaft als relevant erachten. Dem Herausgeberband im Ganzen fehlt eine kurze Einführung in die Entstehungsgeschichte des Bandes sowie ein rahmendes Abschlusskapitel mit allgemeinen, in die Zukunft gerichteten Überlegungen und Forderungen.

Fazit

Die tragenden Themenfelder der Kinderrechte und Kinderpolitik (Historie, Bildung, Politik und Ökonomik sowie Partizipation) werden im Herausgeberband in vielfältigen Kontexten bearbeitet. Das breite Handlungsfeld der angewandten Kindheitswissenschaften wird dadurch sehr gut abgebildet. Die Dynamik der Kinderrechte und der Kinderpolitik in der Spannung zwischen dem Kind als Subjekt und den gesellschaftlichen Anforderungen wird überzeugend in den einzelnen Beiträgen als politischer Auftrag herausgearbeitet. Interessant sind darüber hinaus die methodischen Beiträge, die den Theorie-Praxis-Transfer gewährleisten und durch die Beiträge aus Polen, Bulgarien und Israel ergänzt werden.

The main subjects of children's rights and child policy (history, education, politics and economics as well as participation) are worked out with the editorial issue in a wide variety of contexts. The broad field of applied childhood studies is very well represented. The dynamics of children's rights and child policy in the tension between the child as subject and the demands of the society are convincingly elaborated in the individual contributions as a political mandate. The methodological contributions guarantee the transfer of theory and practice. They are supplemented by interesting contributions from Poland, Bulgaria and Israel.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrike Zöller
Studiendekanin, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes - University of Applied Sciences, Fakultät für Sozialwissenschaften - School of Social Sciences https://www.htwsaar.de/sowi/fakultaet/personen/professoren/prof-dr-ulrike-zoeller
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Zitiervorschlag
Ulrike Zöller. Rezension vom 16.12.2019 zu: Claudia Maier-Höfer (Hrsg.): Kinderrechte und Kinderpolitik. Fragestellungen der Angewandten Kindheitswissenschaften. Springer VS (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-13800-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25757.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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