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Gabriele Steinbach: Gelebtes Leben

Cover Gabriele Steinbach: Gelebtes Leben. Praxisbuch Biografiearbeit. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2019. 92 Seiten. ISBN 978-3-946527-24-4. D: 21,40 EUR, A: 22,00 EUR.
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Thema

„Gelebtes Leben“ ist ein Praxisbuch zum Thema Biografiearbeit. Als 2009 das grundlegende Lehrbuch von Hölzle und Jansen [1] erschienen war, schuf es Orientierung in einem damals eher neuen, seither jedoch boomenden Gebiet. Zwei Zahlen bei Google verdeutlichen die stürmische Entwicklung: Gab es damals 57.000 Nennungen, so liegt heute die entsprechende Zahl bei 381.000 (31.07.2020).

Gabriele Steinbach bietet mit ihrer auf reichhaltiger Erfahrung fußenden Zusammenstellung anregendes Material

  • zur Arbeit an der persönlichen Biografie für jedes Lebensalter,
  • für Gespräche in der Gruppe,
  • für Einzelgespräche am Krankenbett; hier besonders zur Rückschau und zur Frage: „wie weiter?“.

Autorin

Steinbach ist Verlagsleiterin, zweisprachige Autorin (D, NL), Beraterin und Dozentin. Biografiearbeit ist eines ihrer Hauptthemen.

Inhalt

Einleitung

Biografiearbeit ermöglicht durch strukturierende Anleitung einen Rückblick auf das bisherige Leben. Sie bietet die Möglichkeit, „vergangene Erfahrungen, Fakten und Ereignisse zu erinnern, zu reflektieren, zu bewältigen … und manchmal in einem anderen Licht zu sehen“. Als augenblickliche Effekte gelten Erleichterung und Entspannung, als dauerhafte Gesundheitsförderung und Vorbeugung gegen Depression (S. 5).

Biografie in Siebenjahresschritten

Obwohl auch allein durchführbar, fördere die Arbeit zu zweit oder in einer Gruppe die Intensität der Auseinandersetzung. Zugleich bereichere sie alle Beteiligten, weil dabei jeder die Sicht Außenstehender auf die eigene Biografie erfahre.

Als Türöffner für die Bearbeitung empfiehlt Steinbach anregende Fragen, einerlei ob es um Beratung, Weiterbildung oder einfach um die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit geht, wie man sie vielleicht daheim oder im Urlaub versucht. Sie schlägt eine Arbeitsweise in Siebenjahresschritten vor, um den Lebenslauf vom Beginn bis zum derzeitigen Alter oder auch darüber hinaus bis zum offenen Ende zu sichten.

Leben von Beginn bis … Ende offen oder nah

Anregende Fragen sollen das Gedächtnis aktivieren. Jeweils zwei beispielhafte Fragen zu jeder Altersstufe mögen die Arbeitsweise der Autorin verdeutlichen (Wörtliche Übernahme der Formulierungen).

Alter: 0 – 7 Jahre

  • Welche Spiele hast du als Kind gespielt?
  • Mit welcher Figur oder Rolle aus deinem Lieblingsmärchen hast du dich identifiziert?

Alter: 7 – 14 Jahre

  • Welche Gedichte aus deinem Poesiealbum weißt du noch?
  • Welchen Sport hast du gemacht?

Alter: 14 – 21 Jahre

  • Welches Kompliment hat dich besonders gefreut?
  • Warum spielt es eine Rolle, dass es dich gibt?

Alter 21 – 28 Jahre

  • Was wäre das Beste, was heute geschehen könnte?
  • Wenn du einen Tag lang ein anderer Mensch sein könntest, wer wärst du dann gerne?

Alter 28 – 35 Jahre

  • Wohnt jedem Anfang ein Zauber inne?
  • Woran erkennst du, dass es Zeit für dich ist, etwas zu ändern?

Alter 35 – 42 Jahre

  • Was isst du gerne im Urlaub?
  • Was hättest du gerne zehn Jahre früher gewusst?

Alter 42 – 49 Jahre

  • Wann sollte man eine Beziehung beenden?
  • Was ist das Exotischste, das du jemals gegessen hast?

Alter 49 – 56 Jahre

  • Wann hast du zum letzten Mal richtig laut gelacht?
  • Was vermisst du in deinem Leben?

Alter 56 – 63 Jahre

  • Welche Stadt sollte man im Leben besucht haben?
  • Wem könntest du heute eine Freude machen?

Alter 63 – 70 Jahre und +++++ unendlich

  • Was bereust du, was du NICHT getan hast?
  • Was war die schwierigste Entscheidung in deinem Leben?

Anregungen für Gespräche

Darüber hinaus bietet das Buch Vorschläge zur Aktivierung biografischer Erinnerung. Einige Beispiele seien hier kurz genannt:

Erinnerungen in Bildern

  • Lied des Lebens (Lieblingslieder, eigenes Instrument?)
  • Landschaften der Seele (Wie sähe das eigene Leben als Landschaft aus?)

Kreative Übungen

  • Brief an mich selbst (Aus der Perspektive eines Kindes an den späteren Erwachsenen; oder umgekehrt: Der Erwachsene blickt auf das Kind, das er einmal war)
  • Dankbarkeits-Tagebuch (Anregung, jeden Tag bewusst zu erleben)

Positive Affirmationen

  • Ich vertraue meinen Mitmenschen, und sie vertrauen mir
  • Ich weiß, dass ich von und mit anderen Menschen sehr viel lernen kann

Abschluss

  • Wenn ich mein Leben nochmals leben würde.

Zur Gesprächssituation in der Gruppe

Hier werden Anforderungen an den Moderator und an die Teilnehmer genannt. Der Moderator schafft einen „sicheren, respektvollen und wertschätzenden Rahmen“ und fordert, „dass nichts, was innerhalb der Gruppe besprochen wird, nach außen dringt“ (S. 15).

(S. 15). Beiträge in der Gruppe sind freiwillig, gültig und dürfen unkommentiert bleiben. Zeigt ein Teilnehmer starke Gefühle, sollen hilfreiche Gesten ihn unterstützen. Der Moderator könne einen vertrauensvollen Rahmen schaffen, indem er ein Thema mit eigenen Erlebnissen oder Überlegungen einleitet. Als eine der wichtigsten, doch oft unterschätzten Hilfen nennt Steinbach das Zuhören.

Biografiearbeit am Krankenbett

Gespräche mit Kranken erforderten zusätzlich zu den allgemeinen Regeln für Gespräche eine besondere Behutsamkeit, um die Grenzen der Belastbarkeit des Erzählenden nicht zu überschreiten. Auch sei darauf zu achten, ob therapeutisches Handeln angezeigt und eine kompetente Person hinzuzuziehen sei. Da die Situation keine großen Aktivitäten erlaube, böten sich als Alternative Impulse für die Sinne an: angenehme Düfte, ein Blumenstrauß, Fotos und Bilder, kleine Erinnerungsstücke – allesamt Türöffner für ein Gespräch.

Kommentar

Die Beispiele dürften gezeigt haben, wie Erinnerungsarbeit anschaulich gestaltet werden kann. Ein umfangreicher Arbeitsteil bietet zahlreiche Vorschläge für die Arbeit mit Papier und Stiften, mit Holzstäben, Wollfäden, Farben und Pinseln, alten Landkarten, Schnittmusterbogen, Schere, Draht, Zange, Leim und vielen weiteren Materialien und Werkzeugen.

Diskussion

Was beeindruckt den Leser, was nimmt er mit?

Zunächst die ästhetisch gelungene Gestaltung mit zahlreichen Meisterfotos in dezenten Farben aus dem Internet (picjumbo.com, pixabay.de, pixelio.de, fotolia.de, youtube.com). Allein das Durchblättern bereitet Vergnügen; das Buch lädt zum Lesen und Arbeiten ein. Dabei unterstützen rund 200 Fragen und konkrete Gestaltungsvorschläge die Erkundung der eigenen Biografie. Neueinsteiger können alle Anregungen, weil konkret formuliert, gewinnbringend nutzen (auch im Selbstversuch). Ein wirkliches Praxisbuch.

Was ist zu kritisieren?

Auf einen Anhang mit Literaturverzeichnis wird verzichtet. Quellen werden ungenau sowie in unüblicher Form zitiert und nicht nachprüfbar belegt („Prof. Dr. Ernst Bohlmeijer“, S. 5; „Professor Gerald Hüther“, S. 11; „Joseph Campbell“, S. 11).

Vom Lektorat übersehene (?) weitere Fehler ärgern den Leser: Es beginnt mit dem einleitenden Motto „VIVAT – CRESZAT – FLOREAT – Lebe – Wachse – Blühe“ (S. 5). „Creszat“ gibt es im Lateinischen nicht. Gemeint ist „crescat“, und der Spruch bedeutet bekanntlich: Er, (Sie – Es) möge leben, wachsen, blühen – ein Wunsch also und nicht eine Aufforderung.

Weiter stört die unerklärte Willkür bei der Schreibweise des titelgebenden Begriffs Biografie: „Biografie“ wechselt undurchschaubar mit „Biographie“. Schade für ein anspruchsvoll gemeintes Buch.

Fazit

Ein ästhetisch anspruchsvoll gestaltetes Handwerksbuch mit beinahe unerschöpflichen Vorschlägen zur Biografiearbeit, sei es für sich allein, zu mehreren, angeleitet oder selbstständig. Klar gegliedert nach Altersstufen, besonders berücksichtigt werden Krankheit und nahendes Lebensende. Wer sich allerdings mit den empirischen Grundlagen der Biografiearbeit befassen will, sollte zu entsprechenden Lehr- und Handbüchern greifen.


[1] Christina Hölzle, Irma Jansen (Hrsg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2009.


Rezension von
Prof. Dr. Gisbert Roloff
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Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 25.09.2020 zu: Gabriele Steinbach: Gelebtes Leben. Praxisbuch Biografiearbeit. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2019. ISBN 978-3-946527-24-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25760.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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