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Ulrich Lilie, Wolfgang Beer u.a. (Hrsg.): Auf dem Weg zur Sorgekultur

Cover Ulrich Lilie, Wolfgang Beer, Edith Droste, Astrid Giebel (Hrsg.): Auf dem Weg zur Sorgekultur. Blinde Flecken in der alternden Gesellschaft. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-946527-26-8. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Die großen Versorgungsträger im Altenbereich und die in der Sozialpolitik Verantwortlichen wissen seit Jahrzehnten, dass die Geburtenzahl sinkt und die Älteren, Alten und Hochbetagten immer länger leben. Auch weiß man schon lange, dass viele der Älteren an mehreren Erkrankungen leiden, Formen der Demenz entwickeln und daher besonderer Zuwendung in der Pflege und der Versorgung bedürfen. Auch das Sterben im Altenheim oder vergleichbaren Einrichtungen ist noch nie so gewesen, dass man von einem zufriedenstellenden Zustand hätte sprechen können.

Bekannt ist auch, dass der Schutz und der Rückhalt in der Familie den Betroffenen oft fehlen, sei es, dass Kinder nicht gewollt waren oder einfach nicht geboren werden konnten, sei es, dass die Kinder selbst in der Versorgung und Betreuung der Eltern keine Priorität sehen bzw. zu dieser Zuwendung zum Beispiel aus beruflichen Gründen keine Möglichkeiten haben. Bei dem zunehmenden Ungleichgewicht zwischen dem Nachwuchs und den Alten und bei gleichzeitiger Vernachlässigung einer Familienpolitik, die diesen Namen auch verdient, und dem Fehlen einer auf diese Situation antwortenden vorausschauenden Strukturpolitik in den Städten, Kreisen und Gemeinden etc. ist ein großer Problemstau entstanden. Zu diesen Herausforderungen zählt zweifellos die Frage, wie man sich in unseren Institutionen der Altenversorgung auf die Sterblichkeit des Menschen so einstellen sollte, damit die Würde des Sterbenden bewahrt werden kann.

Wir hören und sehen täglich, dass Finanzmittel für viele soziale Groß-Experimente in Milliardenhöhe zur Verfügung stehen, doch bleibt für eine angemessene und auf Höhe der Zeit befindliche Versorgung der hilfsbedürftigen Älteren, Alten und Hochbetagten offensichtlich wenig übrig. Auf dieses Paradoxon hat kaum ein Wohlfahrtsverband hingewiesen.

Entstehungshintergrund

Die Idee zu dieser Publikation- so steht es im Vorwort- entstand im Dezember 2016 auf einem Colloquium zur Palliativen Praxis in der stationären Altenpflege. Die Diakonie Deutschland hatte gemeinsam mit dem GKV- Spitzenverband in Berlin diese Veranstaltung mit Führungs-und Leitungskräften aus Einrichtungen der Altenpflege und mit Wissenschaftlern durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Abschnitt 1: Sorgende Gemeinschaften entwickeln

Die Zeiten der Globalisierung, der Digitalisierung, der radikalisierten Individualisierung bis hin zum Umbau des Sozialstaates führen nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung der Lebenssituation im Alter. Die fehlenden Berufsbiographien, die Pluralität der Lebensläufe und die Heterogenität der Lebenssituationen führen sicherlich zu mehr Vielfalt im Alter, aber doch auch zu mehr Unsicherheit und sozialer Ungleichheit. Wenn nicht gehandelt wird und keine sozialen Innovationen in der Sorge-Praxis der Heime umgesetzt werden, haben zukünftig diejenigen Pech, die im Heim leben und dort sterben müssen, Glück diejenigen, die einen der raren Plätze im stationären Hospiz finden.

Um für vulnerable, leidende und sterbende Menschen sorgende Gemeinschaften entstehen zu lassen, bedarf es des Zusammenspiels vieler Faktoren: der Unterstützung des sozialen Umfeldes des Betroffenen, der Gewährleistung der gebotenen fachlichen Unterstützung in medizinischer, pflegerischer, therapeutischer und sozialer Hinsicht und der Einbettung in die örtliche Gemeinschaft mit der Hilfe des Ehrenamtes und des bürgerschaftlichen Engagements. Es sind alte Forderungen, die aber wohl nie ihre Aktualität verlieren.

Auch die „Initiative Sorgekultur-solidarisch und gerecht sorgen“ in Düren hat die Sektor übergreifende Verknüpfung der geriatrischen Dienste im Visier und beabsichtigt, das bürgerschaftliche Engagement zu erhöhen- unabdingbare Voraussetzungen für effektive und bedarfsgerechte Sorge-Praxis.

Angesichts der weiter zunehmenden Migration nach Deutschland wird es auch immer wichtiger, das Zusammenleben kultur-, milieu- und religionssensibler auszurichten. Die neuen Gemeinschaften werden ein Gemengelage verschiedener- zumeist islamischer- Kulturen und Religionen sein. Im Bedarfsfall sollte die Sorge-Kultur auch hier ihre Dienste anbieten können- jedenfalls für die Zukunft. Über allem schwebt das sozialpolitische Ziel von Kirche und Diakonie, für die Abschaffung der Ungleichheiten in der letzten Lebensphase bis zum Tod einzutreten.

Abschnitt 2: Sorgekultur gestalten

Die Vorstellung des Begriffs der Vorsorge bei Heidegger und Ricoeur ist kein rhetorischer Zierrat, sondern für die Gestaltung und das Verständnis der Sorge zentral. Der Mensch bleibt existentiell angewiesen auf Hilfe und Beistand aus einer ihm zugewandten Beziehung und in einer heilsamen Atmosphäre.

Es schließt sich ein Überblick über die Wandlungen in der altersmedizinischen Versorgung bei Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit an. Ganzheitliche Versorgungskonzepte sind bei den geriatrischen Hochrisikopatienten, die vielfach komplexe multidimensionale Probleme haben.

Eine aus der Arbeit gewonnene und gut begründete Forderungsliste sei kurz vorgestellt: ausreichendes Personal für Pflege und Betreuung, ausgebildete Palliativkräfte, Basisqualifizierung aller Mitarbeiter, Hospiz-und Palliativbeauftragte, Supervision und Implementierungsprojekte für die Hospiz-Kultur und Palliativversorgung.

In den folgenden Beiträgen stehen folgende Themen im Mittelpunkt:

  • Zusammenwirken von ambulanten Hospizdiensten und stationären Pflegeheimen,
  • die gelebte Hospiz-und Palliativkultur,
  • die Begleitung alter Menschen in ihrer letzten Lebensphase und die Frage nach der Qualifizierung der Auszubildenden in der Altenpflege.

Abschnitt 3: Ausblick-Zukunft einer sorgenden Gesellschaft

Mit dem Begriff der End-of-Life- Care sollen zukünftig alle Konzepte und Bemühungen aus der christlichen und nachbarschaftlichen Sterbebegleitung, aus der Hospizarbeit der weltweiten Hospizbewegung, aus der Palliativmedizin und der Palliativversorgung zusammengefasst werden. Der Begriff macht deutlich, dass es sich beim Sterbeprozess durchaus um einen längeren Zeitraum handeln kann. Der Sterbende, die Angehörigen und Freunde und die Sorge-Helfer gehören zu dem engeren Kreis, der den Sterbenden begleitet. Transdisziplinäre Zusammenarbeit, Netzwerkbildung und Kooperation sind weitere Stichworte, die Ansatz und Arbeitsweise charakterisieren.

Das bürgerschaftliche Engagement bleibt auch zukünftig ein unverzichtbares Element der Hospizarbeit. Allerdings sollten die engagierten Bürger mit viel mehr Selbstbewusstsein den Professionellen gegenübertreten und für ihre Gleichberechtigung im Versorgungsnetz selbstbewusst eintreten.

Ein Gespräch mit dem Bremer Altbürgermeister Henning Scherf ist interessant zu lesen. Er warnt davor, die am Lebensende angekommenen Menschen aus finanziellen Gründen am Lebensende zu quälen, und weist auf die Zunahme der vielen Wachkomapatienten hin.

Man wäre nicht auf dem Colloquium eines Wohlfahrtsverbandes, wenn nicht das Finanzielle thematisiert würde. Das System der Palliativ-Care-Versorgung in den Einrichtungen der stationären Pflege braucht eine leistungsrechtliche Entsprechung. Pro Belegungstag wäre eine ergänzende Finanzierung für Bewohner mit palliativem Versorgungsbedarf denkbar.

Diskussion

Als ich neulich eine ältere Dame im Altenheim besucht habe, war ich ein wenig über die auf mehrere Stockwerke verteilte Größe und über die geringe Höhe der Decken und die Mickerigkeit der Zimmer verwundert. Auch gefielen mir nicht die vielen Bewohner, die am frühen Morgen apathisch in ihren Stühlen saßen, als hätten sie zu viele Tabletten bekommen. Was ich damit sagen will: Sollte man nicht das Gesamtkonzept der Altenversorgung- von der Gebäude-Architektur bis hin zur Sterbe-Begleitung – einmal wirklich neu überdenken. Dazu zählt sicherlich auch die Frage nach den Finanzierungsquellen, die doch eine besondere Rolle spielen. Sie steuern die Prozesse in der Altenversorgung doch stärker, als es vernünftig wäre. Man läuft den Einnahmen hinterher. Auch wenn das Ziel der Verbesserung der Sterbebegleitung nicht zu beanstanden ist, so darf man doch fragen, ob es hier nicht auch um Erschließung neuer Finanzmittel durch einen den anderen Organisationen vorreitenden Verband geht. Aber das additive Hinzufügen neu-alter Aufgaben wie die Intensivierung der Sterbebegleitung hilft doch nicht bei der Bearbeitung der Gesamtsituation, die einer konzeptionellen Neuausrichtung bedarf.

Netzwerke, Bürger-Engagement, Tür-an-Tür-Lebensweise und minimierte Räume etc. lassen vermuten, dass eine optimierte Sterbebegleitung auch bei einer Bereitstellung der Finanzierung ins Leere läuft. Das Sterben kann nicht von dem vorhergehenden Leben im Altenheim getrennt werden.

Grundsätzlich bleibt die Frage, wie der Sozialstaat alle ihm angetragenen und aufgebürdeten Aufgaben auf die Dauer tragen kann. Sozialpolitik hat immer gute Zeiten gehabt, wenn die Wirtschaft prosperierte und die Produktivität für die Vergrößerung des Kuchens gesorgt hat. Es ist abzusehen, dass diese Zeiten zu einem hausgemachten Ende kommen. Wir alle wissen warum. Wenn die Sorge-Einrichtung des Sozialstaates überfordert wird, dann wird – so fürchte ich- das humane Sterben in den hergebrachten Formen weitergehen müssen.

Wem noch die Diskussionen über die Palliativmedizin, die Hospizbewegung und die Altenversorgung im alten Jahrtausend vertraut sind, wundert sich einzig und allein über die neue um den Begriff der Sorge gruppierte Terminologie. Das Denken in Netzwerken, in Kooperationen, in Quartieren und Sozialräumen, in fachübergreifenden Zusammenhängen etc. hat Tradition und wird bei der Zersplitterung der Zuständigkeiten, bei den Versäulungen und Grenzziehungen aller Art noch länger Konjunktur haben.

Fazit

Das vorliegende Buch ist lesenswert, da es einen Überblick über die Lage der Sterbebegleitung in den Einrichtungen der Altenversorgung gibt und viele Hinweise auf weiterführende Überlegungen enthält. Die Autoren kennen das Arbeitsfeld und argumentieren praxisnah. Unbestritten gehört das Thema des Sterbens und der Sorge für den Sterbenden zum Kernfeld der sozialen Altenarbeit und sollte endlich seine Randständigkeit verlieren.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 04.03.2020 zu: Ulrich Lilie, Wolfgang Beer, Edith Droste, Astrid Giebel (Hrsg.): Auf dem Weg zur Sorgekultur. Blinde Flecken in der alternden Gesellschaft. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2018. ISBN 978-3-946527-26-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25761.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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