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Marcus Täuber, Pamela Obermaier: Das Prinzip der Mühelosigkeit

Cover Marcus Täuber, Pamela Obermaier: Das Prinzip der Mühelosigkeit. Warum manchen alles gelingt und andere immer kämpfen müssen. Goldegg Verlag (Wien) 2019. 220 Seiten. ISBN 978-3-99060-128-0. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Tausendundeine Nacht?

In der Untertitelung der Überschrift des Buches steckt die (neidvolle) Annahme, dass bestimmte Menschen Glückspilze und andere Pechvögel sind. Dabei drängen sich Vermutungen auf wie: „Alles, was der/die anfasst, gelingt!“ – und: „Ich kann machen, was ich will, mir gelingt nichts!“. Es ist die grundlegende Frage – „Ist das Glas halb voll oder halb leer?“ – und es ist die durchaus problematische Einschätzung: „Leben ist eines der schwersten!“. Wenn es nicht darum geht, einfach in den Tag hinein zu leben, gewissermaßen zu faulenzen, als Couchpotato oder als Schmarotzer zu vegetieren, oder zu oblomowerieren (siehe dazu: Frank Henning, Oblomowerei – eine Vorstufe der Sucht? Oder: Die Metamorphose des Stolz, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/​18191.php), sondern das Leben als Herausforderung zu verstehen, es ethisch, moralisch und menschenwürdig zu führen, braucht es das Nachdenken darüber und den Hau-Ruck, wie die individuelle und gesellschaftliche Conditio humana aussehen sollte.

Wir sind beim Philosophieren und der Frage: „Wer bin ich?“. Bereits beim antiken philosophischen Denken kommt zum Ausdruck, dass der Mensch kraft seiner Vernunftbegabung und seiner Fähigkeit, Allgemeinurteile zu bilden, in der Lage und willens ist, ein gutes, gelingendes Leben zu führen. „Eu zên“, gut leben, wird eben nicht nur als individuell veranlagtes Dasein verstanden, sondern als ein allumfassendes Gut und Ziel für ein sittliches Zusammenleben als Menschheit verstanden (vgl. dazu: E. Ricken, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 224 f.). Die anthropologische Vorstellung vom guten Leben umfasst somit Geist und Körper des Menschen. Damit sind wir bei den Fragen, wie ein gutes, gelingendes, individuelles und kollektives Leben des anthrôpos aussehen könnte. Wir betrachten das Organ, das Menschen zu Menschen macht: das Gehirn. Die Neurowissenschaften bringen immer wieder neue Erkenntnisse zutage, die uns überraschen und zum Nachdenken auffordern: „Nur wenn wir mit unserem Geist, unserem Gehirn richtig umzugehen wissen, können wir unsere Vorstellungen erfolgreich umsetzen und unsere Ziele erreichen“. Und hier kommt die Versuchung, die vermutlich nicht wenige Leserinnen und Leser zum Buch „Das Prinzip der Mühelosigkeit“ greifen lässt, nämlich mit der Verlockung, dass die gewünschten Lebensziele ganz leicht, mühelos zu erreichen seien. Der Konsument freilich gerät in die Falle, ähnlich der, wenn ein unseriöser Ratgeber einen Alkoholiker empfiehlt, er solle sich auf die Couch legen und nicht an Alkohol denken, dann werde er von seiner Sucht geheilt.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

„Mühelosigkeit“ heißt nicht „Laissez faire – laissez aller“, sondern erfordert Anstrengung, Aufmerksamkeit, Disziplin, Achtsamkeit und Willenskraft. Es sind die Werte und Geisteszustände, wie sie in Religionen und Weltanschauungen propagiert werden; etwa im Buddhismus und Daoismus. Hier nun kommt die durchaus nicht mit Leichtigkeit zu vollziehende Herausforderung ins Spiel, nämlich sich darum zu bemühen, auf welchen neurotypischen Grundlagen das eigene Gehirn beruht und welche neurobiologischen Parameter wirken und wirksam sind. Hier kann zwar Trial and Error hilfreich sein, jedoch zuvorderst ist das Denken gefordert.

Der österreichische Neurobiologe Marcus Täuber und die Wiener Journalistin und Kommunikationsexpertin Pamela Obermaier legen ein Buch vor, das Ratgeber und gleichzeitig (populär)wissenschaftliches Werk über neuere Erkenntnisse zur neuronalen Plastizität sein will. Sie fokussieren ihre Informationen auf ihren fachlichen und interdisziplinären Erfahrungsschatz und vermitteln es mit verständlichen Begriffen und Skizzen. Die beiden Verfasser verfügen über durchaus unterschiedliche Zugangsweisen zu ihrem beruflichen Handeln. Während Täuber davon überzeugt ist: „Erst wenn wir uns selbst oder Dinge so annehmen, wie sie sind, kann echte Veränderung passieren“, setzt Obermaier darauf: „Es gibt immer einen Plan B“, denn: „Vielleicht passiert stattdessen etwas anderes, womöglich sogar etwas Besseres!“. Zusammen genommen ergeben diese Auffassungen ein Grundwerk, das sie das „Prinzip der Mühelosigkeit“ nennen.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren greifen in die Fundgrube des Lebens, um ihre mentalen Erfolgsversprechungen darzulegen. Es sind Erzählungen aus dem Nähkästchen der Geschichte und persönliche Reflexionen aus dem Alltag und Beruf. Die Überschriften der einzelnen Kapitel kennzeichnen die Themen:

  • Gewinner denken kreativ wie Einstein. Wie Sieger lernen und ihre Ziele erreichen. Glückskinder bringen ihr Gehirn in Hochform. Siegertypen kommunizieren präzise und mit Leichtigkeit. Glück oder Cleverness? Ihre Außenwirkung bestimmt ihren Erfolg. Wie der Fisch im Wasser: Gewinner schwimmen im Flow. Persönlichkeit aus Sicht der Hirnforschung. Die Trilogie des mühelosen Erfolgs. Werden Sie zum Glückskind! Mühelosigkeit als Lebensprinzip. Erfolgsgeheimnisse für angehende Gewinner.

Dass die Informationen über die neueren neurowissenschaftlichen Erkenntnisse mit eher standardisierten und sprichwörtlichen Statements daher kommen, irritiert erst einmal; etwa: „Unsere Probleme entstehen in unseren Köpfen“. Doch die Aufhänger gewinnen Boden mit den Auseinandersetzungen über unser Denken. Es sind die bekannten Ratschläge: Selbst denken und nicht andere für sich denken zu lassen (Karl Heinz Bohrer, 2011), bis hin zu den Entdeckungen des „dynamisch Unbewussten“ (Timo Storck, 2019), die den Reichtum des Gehirnschatzes verdeutlichen und unser Denken und Tun beeinflussen. Es ist die Kreativität, die ein sinnvolles, wirkungsvolles und bewusstes Handeln ermöglicht. Das Autorenteam verwendet dabei das anschauliche Bild vom Biegen, Brechen und Verbinden, um die verschiedenen, kreativen und erfindungsreichen Denk- und Verhaltensweisen aufzuzeigen (siehe z.B. dazu auch: Clemens Schwender, u.a., Hrsg., Zeigen – Andeuten – Verstecken, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25684.php). Es sind die vielfältigen Formen von Bewegung und Ruhe, Kommunikation und Stille, Nähe und Distanz, Konzentration und Ablenkung, die zur Nutzung der reichen Potenziale des Gehirns führen. Es sind Planungen und Zufälligkeiten, die neues Denken ermöglichen (vgl. dazu auch: Christian Bachhiesl, u.a., Hg., Zufall und Wissenschaft, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26177.php), und es ist „Human Touch“ (Rebecca Böhme, Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus Medizin und Hirnforschung, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25261.php).

Es gibt abenteuerliche, absurde, alberne, alternative und anleitende Ratschläge, wie Menschen besser lernen können: Im Schlaf, im Trance, mental, Speed Reading und Slow Learning. Wenn sie verbunden werden mit dem Versprechen, sich Wissen und Können ohne Anstrengung aneignen zu können, ist Vorsicht geboten. Dabei soll nicht der missverständliche (falsche) Spruch nachgeplappert werden: „Was nichts kostet, ist nichts wert“; vielmehr ist daran zu erinnern, dass Lernen, Wissens- und Erfahrenserwerb aktive Herausforderungen sind: „Das Erlernen von Wissen und genauso von Erfahrungen ist ein aktiver Prozess!“.

Immer noch viel zu wenig beachtet und praktiziert werden die neurophysiologischen und -biologischen Erkenntnisse, dass Lernen nicht „Nürnberger Trichter“ sein kann. Vielmehr ist das Bewusstsein erforderlich, dass rationale und emotionale Bildung die zwei Seiten der gleichen Medaille sind, dass die Aufmerksamkeit auf so genannte „Inselbegabungen“ Anker und Fundament für einen selbstbestimmten Wissens- und Erfahrenserwerb sein können: Das emotionale Erfahrungsgedächtnis ist der Kompass für Entscheidungen; denn: Unser Verstand benötigt die emotionale Erfahrung, um etwas abwägen und entscheiden zu können. Es braucht die Aufmerksamkeit für Sprache und Ausdruck. Und es erfordert eine verantwortungsbewusste Beachtung und Kontrolle der Erfolgs- uns Glücksempfindungen. Die Bewertung, was ein „Gewinner“ und was ein „Verlierer“ ist, darf nicht allein auf ökonomischen und monetären Grundlagen beruhen; denn: „Erfolg ist ein bestimmter Hirnzustand“. Das Autorenteam nennt diesen Zustand „Flow“, bei dem wir uns konzentriert auf unser Denken und Handeln einlassen, vollständig in unserem Handeln vertieft sind, wir das Gefühl haben, dass das aktive Tun ganz leicht abläuft, wir in der Lage sind, Bestleistungen zu vollbringen, Versagensängste, Zweifel oder Druck ablegen zu können, unsere Leistungsgrenze zu erreichen, Lust spüren und selbstsicher aufzutreten.

Die Versprechungen werden jeweils mit eingängigen, verständlichen Beispielen und Situationsschilderungen belegt und spielerisch angeregt. Und es werden Informationen vermittelt, wie die eigene Identität erkannt und weiterentwickelt werden kann. Mit einem Test lassen sich die verschiedenen, neurobiologischen Persönlichkeitstypen erkennen und dem eigenen Typus zuordnen: C (Cortisol), O (Oxytocin), T (Testosteron), gleichzeitig aber auch differenzieren, dass die jeweiligen Anteile nur selten als Rein-, sondern meist als Mischform auftreten. Die „Trilogie des mühelosen Erfolgs“ – Leistung, Leichtigkeit, Lebensfreude – wird so zum „Grow + Flow“, denn „Wir laden unser Gehirn auf, füllen es mit Wissen und Können. Während wir konzentriert sind, wachsen wir an unseren Aufgaben („grow“), begeben uns danach in eine Erholungsphase und rufen das Wissen und Können später entspannt und mit Leichtigkeit ab, wenn es darauf ankommt“.

Fazit

Das was oft mit Leichtigkeit daher kommt, beruht eben nicht auf dem rezeptologischen Ratschlag: „Tu dies, dann bekommst du das!“; vielmehr baut das „Prinzip der Mühelosigkeit“ auf dem auf, was aktives, menschenwürdiges Dasein ausmacht: Verantwortlich und selbstbewusst Denken und Handeln. Die Anregungen, die Marcus Täuber und Pamela Obermaier darlegen, hinken an einer m.E. entscheidenden Stelle: Wenn sie im Zusammenhang von „Achtsamkeit, Trance und Flow“ raten: „Verlernen Sie alles, was Sie früher gelernt haben!“, vermitteln sie den Eindruck, dass Verhaltensänderungen und Perspektivenwechsel nur dann möglich sind, wenn sich eine „Tabula rasa“ ergibt. Der Mensch aber, der sich in seinem Denken und Tun ändern will, existiert in dem, was er in der Vergangenheit erlebt und erfahren hat, ist konfrontiert mit dem, was sich in seinem Leben und in seiner Umwelt vollzieht, und er verspürt in einigen Regionen seines Gehirns die Ahnung, dass er ohne Zukunftsbewusstsein nicht leben kann. So könnte es sein, dass der Begriff „Mühelosigkeit“ auf eine falsche Fährte führt.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.03.2020 zu: Marcus Täuber, Pamela Obermaier: Das Prinzip der Mühelosigkeit. Warum manchen alles gelingt und andere immer kämpfen müssen. Goldegg Verlag (Wien) 2019. ISBN 978-3-99060-128-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25762.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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