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Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns

Cover Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 187 Seiten. ISBN 978-3-406-72747-4. 18,00 EUR.
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Gibt es im Rahmen der Lebenskunst eine Kunst des Alterns?

Altwerden ist eine Gabe, ein Glück, ein Verdienst oder ein Zufall! Diese indifferente Aussage braucht Korrektur. Weil darin allzu viel Unbestimmtes, Unlogisches und Unglaubwürdiges steckt; gleichzeitig aber auch Wahres, Nachweisbares und Gelingendes. Damit wird verwiesen auf die anthropologische Tatsache, dass der anthrôpos, wie alles Leben, endlich ist. Das Leben beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Die Phasen dazwischen klassifiziert der Mensch in verschiedene Lebenszeiten. Das Alt werden stellt somit, wenn nicht bereits vorher aufgrund einer Krankheit, eines Unfalls oder einer Gewalttat das Leben beendet wird, einen Prozess dar, den der Mensch sinnvoll oder sinnentleert leben kann. Gehen wir davon aus, dass der Mensch kraft seiner Vernunft und seiner Fähigkeit danach strebt, ein gutes, gelingendes und menschenwürdiges Leben zu führen, dann können wir mit der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum sagen: Älter werden heißt Erfahrung sammeln! (Martha Nussbaum / Saul Levmore, Älter werden. Gespräche über die Liebe, das Leben und das Loslassen, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25394.php). Wenn Menschen alt werden, schreiben sie ihr Leben auf. So entstehen Autobiographien, Erzählungen, Geschichten mit dem Ziel, das eigene Erlebte den Nachkommen zu hinterlassen, oder in den kulturellen und gesellschaftlichen Prozess einzubringen (vgl. auch: Jos Schnurer, Das Ende des Lebens, 11.11.2013, www.socialnet.de/materialien/163.php). Es sind individuelle und kollektive Erlebnisse, die öffentlich werden, Aufmerksamkeit finden oder gar beispielhaft wirken. Eine besondere Art der Altersreflexion stellt dabei das philosophische Nachdenken über das Altern dar, nicht selten verbunden zum einen mit Ratschlägen und Hinweisen, wie es gelingen kann, dass der Mensch möglichst lange körperlich und geistig aktiv bleibt und als Gerontologie bezeichnet wird; zum anderen als „gerontologische Ethik“ eine Philosophie des Alters darstellt.

Letzteren Versuch unternimmt der Tübinger Philosoph Ottfried Höffe, indem er mit der Frage – „Gibt es im Rahmen der Lebenskunst eine Kunst des Alters und Alterns?“ – über eine „Philosophie der Lebenskunst“ nachdenkt. Dabei weist er von vornherein darauf hin, dass seine Studie keine sensationellen Neuentdeckungen über den Lebensprozess des Alters vermittelt, sondern „eine phänomenale Erkundungsreise“ darstellt, mit der das philosophische und lebensweltliche Nachdenken über das Altwerden gewissermaßen als Perspektivwechsel des Lebens verstanden werden kann.

Aufbau und Inhalt der Studie

In zehn Kapiteln reflektiert der Autor, neben dem Vorwort, sein philosophisches Nachdenken über das Alter von Menschen.

  1. Im ersten Kapitel unternimmt er eine „erste Annäherung“, indem er auf einige historische Entwicklungen beim Generationendenken hinweist, positive und negative philosophische Altersdiskurse thematisiert, ethische und biographische Exempel zeigt.
  2. Im zweiten Kapitel setzt er sich mit dem Entstehen und der Macht von negativen Altersbildern auseinander.
  3. Im dritten geht es um die Diskrepanz der begrifflichen und realen Auseinandersetzungen: „Alternde Gesellschaft“ oder „gewonnene Jahre“?
  4. Im vierten werden die gesellschaftspolitischen Aufgaben thematisiert;
  5. werden „Vorbilder für die Alterskunst“ aufgeführt;
  6. wird der Vorschlag unterbreitet: „In Würde glücklich altern“;
  7. im siebten Kapitel wird mit dem Begriff „Hochbetagt“ über die Alterskunst in der Geriatrie nachgedacht;
  8. wird zum einen nach den Notwendigkeiten und Möglichkeiten gefragt, wie es möglich ist, das Lebensende zu planen: „Wenn es zum Sterben kommt“ und
  9. zum anderen darüber nachgedacht, wie eine „Kultur des Abschiednehmens“ gestaltet werden kann.
  10. Schließlich werden im zehnten Kapitel „Demokratische Aspekte der Lebens- und Alterskunst“ zusammengefasst.

Wie in einem gelingenden, intellektuellen, philosophischen Diskurs selbstverständlich, kommt es auch in der „Alterskunst“ darauf an, die Möglichkeiten zum Selbstdenken und -handeln zu nutzen und die individuelle und gesellschaftliche Menschenwürde voran zu stellen. Höffe ermittelt dafür vier Prämissen, die er zu beachten rät:

  • „Ethik des glücklich-gelungenen Lebens“
  • „Ethik moralischer Anforderungen“
  • „Ethik des kollektiven Wohls“
  • „Moralkritik“

Auch wenn klar ist, dass diese hehren Werte im alltäglichen Lebensvollzug und bei den realen Abhängigkeiten und Imponderabilien immer nur ansatzweise verwirklicht werden können, ist es wichtig, sich deren Anforderungen und Grundsätzen bewusst zu sein. Besonders beim Altern zunehmendem „Erfahrungsleben“ kommt es darauf an, traditionalistischen Versuchungen zu widerstehen – „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – und sich möglichst lang die Tugenden „Veränderungsfähigkeit“ und „Perspektivenwechsel“ zu erhalten. Die Menschheitsgeschichte bietet dafür immer wieder motivierende und nachahmenswerte Beispiele.

In diesem Zusammenhang und mit der Verwendung des Sprichworts – „Es kommt nicht darauf an, wie alt man ist, sondern wie man alt ist!“ – sei dem Rezensenten ein Einschub erlaubt: Im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 13.6.19 wird „ein genialer Typ“ zu seinem 90. Geburtstag geehrt: Jürgen Habermas. Dem bedeutsamen, lebenden Philosophen wird die lebenslange Fähigkeit zugeschrieben, dass es ihm in seinem Denken zeitlebens gelingt, die Lebenswerte „Vernunft und Verantwortung“ zusammen zu bringen. Soviel zur „Kunst des Alterns“.

Der traditionelle, allzu oft missbräuchlich benutzte Appell: „Ehre das Alter!“, hat trotzdem bei der zunehmenden Entwicklung hin zu einer längeren Lebenserwartung der Menschen (vor allem derzeit besonders in den ökologisch prosperierenden Staaten) eine Bedeutung; nicht als Statusforderung, sondern als gesellschaftlicher Stabilisator. Dabei kommt es nicht in erster Linie auf die Festlegung von kalendarischen Altersgrenzen an, schon gar nicht auf Anti-Aging-Aktivitäten und „Ever-Young“ – Phantasien, sondern auf sozialethisches, individual- und gesellschaftsveränderndes Bewusstsein. Zusammen kommen kann dann: Altersgerechtes Leben = menschenwürdig! Erhellend wie gleichzeitig mahnend sind die Bezüge, die Höffe dabei mit Lebensbeispielen von Altvordern herstellt. Die Betonung, dass dieses Wissen und diese Auseinandersetzungen nicht erst im Alter beginnen sollen, sondern sich mit dem Anfang und dem Verlauf des Lebens als „Goldene Regel einer Sozialethik“ etablieren: „Was du als Kind nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem Älteren zu!“. Damit wird, wie im Leben überhaupt, auf die lebenslange Bedeutung von Bildung rekurriert.

Wenn mit steigendem Alter die Zipperlein und körperlichen Einschränkungen zunehmen, sind moralisch und gesellschaftspolitisch die geriatrischen und sozialen Prinzipien der Menschenwürde, Selbstachtung und Selbstbestimmung gefordert, bis hin zu den Prozessen, die ein menschenwürdiges Sterben garantieren. Höffe ist überzeugt, dass die Philosophie beim parallelen Prozess – „Wie wollen wir leben? – Wie wollen wir sterben?“ – hilfreich sein kann. Er benennt dabei sieben Strategien, die er zum einen beim antiken Philosophen Epikur findet: Das Bemühen um ein gutes Leben und einem guten Tod ist dasselbe! Zum anderen findet er bei Cicero die bemerkenswerte Erkenntnis: Der Mensch ist nur mit eigener Leistung zu einer Art Unsterblichkeit fähig! Mit Michel de Montaigne identifiziert er drittens den Rat: „Allzeit bereit!“. Viertens erinnert er an die Tugend, sich nicht allzu wichtig zu nehmen! Fünftens die aus der Stoa überkommene Kompetenz, „böse Widerfahrnisse in ein insgesamt gelingendes, gutes Leben zu integrieren“. Sechstens, den Tod nicht zu fürchten; und schließlich siebtens: Einen guten, sanften Tod zu erhoffen und sich mit den vorhandenen Möglichkeiten darauf vorzubereiten. So binden sich die erstrebenswerten Kulturen eines guten Lebens mit denen eines guten Sterbens zusammen, und damit auch die Ratschläge fürs Leben: Innehalten gegen Rastlosigkeit; Persönlichkeit gegen (Selbst-)Ausbeugung; Empathie; Egalisierung entgegen treten.

Fazit

Der philosophische Ritt durch den gerontologischen Diskurs und der Aufbau einer Philosophie des Alters münden in die lesens- und nachdenkenswerten Ratschläge für eine „Alterskunst“, die individuell selbst gewünscht und lokal- und globalgesellschaftlich durch Werte- und Normenregeln ermöglicht und gefördert werden muss. Der Philosoph benennt vier L’s, die Interpretationen und Indikationen für Alterskunst anbieten: Laufen – Lernen – Lieben – Lachen. Den Leserinnen und Lesern werden vielfältige Informationen und Anregungen vermittelt, wie Alters- als Lebenskunst gedacht und gelebt werden kann. Es sind keine Zeigefinger, sondern offene Hände, die nicht als Ordre du Mufti, sondern als Gabe wohltuend dargereicht werden!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.06.2019 zu: Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-72747-4.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25765.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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